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Was das Sonntagskind erlauscht

Else Ury: Was das Sonntagskind erlauscht - Kapitel 18
Quellenangabe
typenarrative
author>Else Ury
titleWas das Sonntagskind erlauscht
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
printrun53. bis 55. Tausend
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140916
projectidee61230b
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Der Siebenschläfer

»Max – Junge – liegst du denn immer noch in den Federn, geschwind 'raus aus dem Bett – es ist schon nach sieben – du kommst heute schon wieder zu spät in die Schule!« ärgerlich machte die Mutter die Tür wieder hinter sich zu.

Mäxchen blinzelte mit verschlafenen Augen.

»Aufstehen – jetzt schon« – der faule Junge räkelte sich auf seinem Lager – »huuh!« riß er den Mund weit beim Gähnen auf, und ehe er nur daran gedacht hatte, was wohl der Herr Lehrer dazu sagen würde, lag er schon wieder in tiefem Schlaf und schnarchte wie ein Sägebock.

Eine Fliege summte lustig im Zimmer umher – schwapp – setzte sie sich dem Faulpelz gerade aufs Ohr.

»Sum – sum – sum,« sang die kleine Fliege, »ich bin schon lange munter, nimm dir ein Beispiel daran, du fauler Max!«

Mäxchen regte und rührte sich nicht.

Husch – tanzte ein flimmernder Sonnenstrahl zum Fenster herein, die allerschönsten Kringel und Sterne malte er dem Mäxchen an die graue Wand – aber der machte die Augen nicht auf.

Da wurde der Sonnenstrahl ärgerlich, ungeduldig sprang er in seinen glänzend goldenen Schuhen von einem Füßchen auf das andere.

»Junge,« rief er mit zartem Stimmchen, »ich habe heute schon eine Reise durch die ganze Welt gemacht; in aller Frühe habe ich schon das Kreuz auf dem Kirchturm vergoldet, ich habe die Vöglein im Walde geweckt, und die Blümlein auf der Au habe ich wach geküßt. All' die fleißigen Buben und Mädchen sind mir begegnet, das Schulränzel auf dem Rücken. Nur du allein bist träge und faul – geschwind heraus!« Damit sprang er auf Mäxchens Gesicht und kitzelte ihn mit einem feinen, goldenen Strahlenfaden unter die Nase.

»Hatschi« machte Mäxchen und nochmals »hatschi« – aber er wachte nicht auf. Da huschte der Sonnenstrahl traurig wieder zum Fenster hinaus zu den fleißigen Menschen.

Jetzt begann Mäxchens Deckbett sich langsam zu bewegen; ärgerlich brummte es vor sich hin: »Was – ich soll den faulen Jungen auch noch warm zudecken – nein – das fällt mir nicht ein!« und alle Federn in dem Deckbett schüttelten ihren Federschopf und wiederholten im Chor: »Nein – das fällt uns nicht ein!« Plums – sprang das Deckbett zur Erde hinunter – aber der faule Max schlief ruhig weiter.

Doch nun wurde es auch dem Bettstell zu arg – neun Uhr war es gleich – langsam begann es auf seinen vier hölzernen Füßen hin und her zu schaukeln – jetzt schneller – immer schneller, ganz schwindelig wurde es Mäxchen im Traume und – bauz – da lag er der Länge nach auf der Erde. Immer tiefer und tiefer fiel er durch die Erde hindurch, ohne Aufhören immer weiter bis in ein großes Schloß, das gehörte dem König Schlaf.

Ein schöner Greis mit silbern wehendem, langem Barte fing das schlafende Mäxchen auf; fort ging's durch einen Riesensaal, da war es hell und licht; der flimmernde, dunkelblaue Sternenhimmel wölbte sich als Decke über denselben; leuchtende Rosen dufteten zu den hohen Kristallfenstern hinein. Kleine, lachende Traumgötter malten mit einem goldenen Stift die herrlichsten Traumgebilde in die Luft.

»Siehst du, mein Sohn,« sprach der greise König Schlaf, denn er war es selber, ernst zu Mäxchen, »hier in diesem Saale schlafen die fleißigen Menschen, die den ganzen Tag über gearbeitet haben. All' die goldenen Träume, welche die blondlockigen Englein in die Luft malen, schauen sie im Schlummer und freuen sich daran.

Und Mäxchen sah, wie die kleinen Traumgötter des Nachts den fleißigen Buben, die pünktlich um sieben morgens in der Schule waren, wunderschöne Bleisoldaten mit dem goldenen Stift malten, ganze Regimenter mit Pferden und Kanonen, da – ein Riesenschaukelpferd und lustig brummende Kreisel. Und den kleinen, fleißigen Mädchen, die brav am Tage ihren Strickstrumpf gestrickt hatten, malten die guten Traumgötter wunderschöne Lockenpuppen in die Luft, Puppenküchen und Puppenstuben, herrliche, bunte Märchenbilder – es war eine wahre Pracht!

An dem Kopfende der Betten aber schwebte eine holde Frauengestalt und fächelte die Schläfer, das war die Fee Erquickung; an dem Fußende aber hockten freundliche, kleine Geister, Arbeit, Fleiß, Eifer und Pflicht, die lächelten den fleißigen Menschen im Schlummer zu.

»Hier gehörst du nicht her, du Faulpelz du,« sprach König Schlaf streng zu Mäxchen, »du kommst in den dunklen Raum nebenan, wo die Faulheit wohnt. Da sollst du sieben Tage lang hintereinander schlafen, und böse Träume sollen dich quälen, dies sei deine Strafe!« damit ließ er Mäxchen in einer dunklen Ecke auf ein hartes Lager fallen.

Huh! – stockfinster war es hier in diesem Saale; häßliche Teufel malten den schlafenden Faulpelzen scheußliche Fratzen in die Luft, daß sie im Traum laut aufstöhnten, gräßliche, schwarze Schlangen, Faulheit, Trägheit und Lässigkeit, umwanden das schlummernde Mäxchen, daß es sich nicht rühren konnte.

Als die sieben Tage um waren, erschien König Schlaf wieder an Mäxchens Lager und rüttelte ihn am Arm.

Aber der faule Max blinzelte noch immer müde und gähnte »huuuh« den König Schlaf siebenmal laut an.

Da wurde der greise König noch ärgerlicher: »Bist du immer noch nicht von deiner Faulheit geheilt,« so rief er, »nun wohl, so schlafe jetzt sieben Wochen hintereinander!«

Und Mäxchens Augen schlossen sich wieder, und alle die bösen Geister kamen und kniffen und zwickten ihn mit glühenden Zangen und spielten mit ihm Fangeball. Heil – wie hoch warfen sie das schlafende Mäxchen in die Luft, und auf spitzen Nadeln fingen sie ihn wieder auf – es war gräßlich!

Aber der böseste Traumgott, der Alp, setzte sich auf Mäxchens Brust; ach – wie er ihn quälte und drückte, laut aus stöhnte Mäxchen; doch als er schreien wollte, da preßte ihm der Alp sogar die Kehle zu.

Und damit waren die sieben Wochen um, und König Schlaf stand wieder an seinem Lager.

Jetzt machte Mäxchen wenigstens schon ein Auge auf, aber noch immer konnte er sich nicht ermuntern; er räkelte sich und streckte sich, so lang er war, und da – da gähnte er doch den König Schlaf schon wieder an. »Huuuh« – zwar nur dreimal, aber der König Schlaf wurde doch bitterböse!

»Sieben Jahre sollst du jetzt hintereinander schlafen,« so klang es von seinen Lippen, »dann wirst du wohl ausgeschlafen haben, du Faulpelz!«

Und Mäxchens Lider schlossen sich von neuem, er fing wieder laut an zu schnarchen.

Aber Mattigkeit und Schlaffheit, die beiden scheußlichen Hexen, flogen an sein Lager und banden ihm schwere, eiserne Gewichte an Arm und Beine, daß er sich gar nicht bewegen konnte, und die Oberhexe, die Faulheit, und der Hexenmeister Müßiggang, schickten ihr Kind, die Langweile, an sein Bett, da fing Mäxchen sich ganz gräßlich an zu langweilen.

Und als nun die sieben Jahre um waren, da schlug Mäxchen geschwind beide Augen auf.

Aber was sah er?

Nicht mehr der König Schlaf stand vor ihm; statt des schönen Greisengesichtes erblickte er ein häßliches, altes Gerippe.

»So, jetzt will ich wieder zur Erde hinauf,« rief Mäxchen ganz munter, »nun habe ich ausgeschlafen!«

Aber da öffnete der alte Knochenmann seinen Mund: »Nein – jetzt gehörst du mir, mein Sohn; mit mir wirst du jetzt gehen, ich bin der Bruder des Königs Schlaf, König Tod nennt man mich.«

»Nein,« schrie Mäxchen, »ich will nicht mit dir gehen, du häßlicher Mann, ich will wieder auf die Erde hinauf zu meinem lieben Mütterlein.«

»Nur fleißige Kinder, Menschen, die arbeiten, gehören auf die Erde,« sprach der Tod ernst, »du gehst mit mir!« und er nahm Mäxchen an die Hand.

An einem schmalen Wege blieb er stehen.

»Dieses ist der Weg zum Himmel,« sprach der Tod zu Mäxchen, »nun sieh zu, ob man dich dort aufnimmt!«

Da wanderte Mäxchen bis an das goldene Himmelstor, aber geschwind warf Petrus, der Pförtner, die Himmelstür zu.

»Solch einen faulen Jungen können wir im Himmel nicht gebrauchen,« so rief er durch sein Schiebefensterchen Mäxchen zu, »Aber weil du sieben Jahre geschlafen hast, sollst du als Siebenschläfer in den Kalender kommen, zur Warnung für alle faulen Kinder!« Und er nahm Mäxchen und setzte ihn in den Kalender, gerade am 27. Juni!

Da weinte Mäxchen bitterlich, sieben Wochen lang jeden Tag, und seine Tränen flossen als Regen zur Erde hinunter.

So steht das Mäxchen nun als Siebenschläfer im Kalender, und wenn er auf Erden faule Kinder sieht, die nicht zur Zeit in der Schule sind, dann fängt er wieder an zu weinen, und dann regnet es vom 27. Juni an sieben lange Wochen auf der Erde, und die Kinder können dann nicht hinaus ins Freie.

Drum zeitig aus den Federn heraus, ihr Kinder – merkt's euch – daß es euch nicht ergeht wie dem Siebenschläfer!

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