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Was das Sonntagskind erlauscht

Else Ury: Was das Sonntagskind erlauscht - Kapitel 16
Quellenangabe
typenarrative
author>Else Ury
titleWas das Sonntagskind erlauscht
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
printrun53. bis 55. Tausend
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140916
projectidee61230b
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Der kleine Schornsteinfeger

»Peter, mein lieber Sohn,« sprach die Mutter, und strich ihrem hübschen Jungen seufzend über den blonden Krauskopf, »heute bist du nun eingesegnet, jetzt mußt du dich entscheiden, was du werden willst. Vater ist tot, und ich bin zu arm, um dich noch weiter in die Schule zu schicken – du mußt in die Lehre. Also, was möchtest du werden, mein Junge – Schlosser, Schneider, Schuster oder Tischler?«

Der kleine Peter, der sich in dem langen, schwarzen Einsegnungsanzug gar drollig ausnahm, senkte betrübt das frische Gesichtchen.

»Ein Musiker möchte ich am liebsten werden, liebe Mutter. Die Flöte möchte ich erlernen, und dann den ganzen Tag so nach Herzenslust blasen können, das denke ich mir herrlich!«

»Nein, mein Junge, daraus kann nichts werden,« sprach die Mutter entschieden, »das schlage dir nur aus dem Kopf; zum Musiker gehört Geld, dazu mußt du eine gute Ausbildung bekommen, und ich weiß oft nicht, woher ich das Brot zum nächsten Tage hernehmen soll. Nein – das ist nichts für solchen armen Jungen wie du!«

Die Tränen traten dem Peter in die Augen, aber er wandte sich zum Fenster, die gute Mutter, die schon so viel sorgen mußte, sollte nicht sehen, wie schwer es ihrem Jungen wurde, von seinem Lieblingswunsche Abstand zu nehmen.

Tapfer kämpfte er die aufsteigenden Tränen nieder.

»Nun, Mutterchen,« sagte er und konnte dabei schon wieder ein ganz klein wenig lächeln, »dann will ich am liebsten ein Schornsteinfeger werden!«

»Peter!« rief die Mutter entsetzt, »Peter – Junge – dein frisches Gesichtchen soll stets schwarz und rußig aussehen, und dein hübsches, blondes Haar immer in der schmutzigen, schwarzen Kappe stecken, ach, wie kommst du denn bloß auf solchen häßlichen Beruf?«

»Ich denke es mir gar lustig, ein Schornsteinfeger zu sein,« meinte der kleine Peter, »in einer Schuster- oder Tischlerwerkstatt halte ich es nicht aus, da ist es eng und dunstig; aber so hoch oben auf den Dächern, über allen Menschen und Häusern hinweg, in der blauen Luft umherzuklettern – ja – das ist etwas anderes!«

»Kind,« gab die Mutter nochmal zu bedenken, »in dem schwarzen Schornstein, den du fegen mußt, ist es noch viel enger und stickiger als in einer Werkstatt, und ein gar gefährliches Ding ist es dazu;« aber Peter war nun entschieden – er wollte ein Schornsteinfeger werden!

So trat der kleine Peter bei dem alten Schornsteinfegermeister Hildebrand als kleinster Lehrling ein. Ach – wie fröhlich pfiff der kleine Schornsteinfeger, als er das erste Mal mit seiner Leiter, dem schwarzen Seil und dem langen Besen auf das Dach hinaufspazierte.

Wie ein König kam er sich vor, als er so lustig auf seinem Schornstein einherritt; drunten – ganz tief unten in den Straßen kribbelten die Menschen wie lauter kleine, schwarze Ameisen durcheinander; aber hier oben auf dem Dache war es frei und luftig. Der Wind blies dem Peter gar frisch um das Näschen, und bis zu den leuchtenden Wolken am blauen Himmel war es von dem hohen Dach aus gar nicht mehr weit.

Dreist und keck flogen die grauen Spatzen, denen das Dach gehörte, an unseren Peter heran, als er sein Frühstücksbrot aus der Tasche zog, und »viel Glück – viel Glück« zwitscherten die blauen Schwälbchen, die am Dachfirst nisteten, als der kleine Peter in dem großen Schornstein verschwand.

Aber ach – wie wunderten sich die Spatzen und die Schwalben, als der Peter nach geraumer Zeit wieder aus dem Schornstein auftauchte. Die furchtsamen Schwälbchen schossen in großen Bogen auf schnellen Schwingen davon; die Spatzen aber, die dreisten Gesellen, schauten sich den Peter genauer an.

Ein richtiger, schwarzer Schornsteinfeger war der kleine Peter jetzt geworden, sein hübsches, rosiges Gesichtchen war kohlrabenschwarz und die Hände ganz schmutzig und rußig. Ja – sogar der Wind war erstaunt, daß Peters weißes Näschen, um das er eben noch so lustig geweht, mit einem Male ganz schwarz geworden war! –

So kletterte nun Peter als Schornsteinfeger über die Dächer; er lief durch die Gassen und klingelte an den Türen:

»Morgen wird gefegt!« so erschallte seine helle Stimme.

Und die Kinder, die ihn sahen, hatten gar keine Angst vor dem »schwarzen Mann«; sie liefen herbei und riefen: »Ach – der niedliche, kleine Schornsteinfeger!« –

Die lustigsten Weisen pfiff der Peter in seinem Schornstein; fegte er die Öfen einer Kinderstube, dann pfiff er die schönsten Kinderlieder, und kehrte er den Küchenschornstein vom Herd, dann pfiff er »Anna, zu dir ist mein liebster Gang.«

»Hör' nur, wie seltsam es heute wieder durch den Schornstein pfeift,« sprach dann die Anna zur Guste, und kein Mensch hatte eine Ahnung, daß dies der kleine Peter war. –

So kehrte der Peter auch eines Tages im Frühling, als die Leute aufhörten zu heizen, wieder einmal die Schornsteine im Hause des Herrn Kapellmeisters.

Die Kinder des Kapellmeisters spielten artig in ihrem Zimmer, in dem ein großer, offener Kamin stand.

»Hellmut, was wollen wir jetzt spielen?« fragte die kleine Annemarie und legte das Puppenbaby in den Wagen.

»Ich weiß – ich weiß,« rief Hellmut, »wir wollen Großvater und Großmutter spielen!«

Die Kleinen waren vor kurzem erst bei den Großeltern zu Besuch gewesen, und der alte Großvater mit Schlafrock und langer Pfeife und die Großmutter mit der großen Haube und dem Strickzeug waren ihnen noch frisch im Gedächtnis.

Annemarie war einverstanden.

Hellmut nahm sein Wintermäntelchen, das innen mit rotem Flanell gefüttert war, und zog es verkehrt an – da hatte er den prächtigsten Schlafrock! – Auch Vaters Pelzmütze wurde umgekehrt, und die lange Pfeife holte er heimlich aus Vaters Studierzimmer. Vater saß ja an seinem Klavier, da merkte er es nicht!

Und Annemarie zog Mutters altes, geblümtes Kleid über; das hatte für die Kleine eine feine, lange Schleppe, und aus dem Handtuch machte sie sich eine große Haube; dieselbe sah zwar mehr wie ein Turban aus, aber das schadete gar nichts. Als Annemarie sich die alte Brille ohne Gläser aufgesetzt hatte und ihr Strickzeug in die Hand genommen, entschied Hellmut: »Du siehst ganz wie die Großmutter aus!«

Nun konnte das Spiel losgehen.

Doch da – was war das? –

Ein helles Pfeifen ertönte aus dem Kamin, ganz deutlich hörten es die Kinder.

»Winter, ade. Scheiden tut weh« – laut und voll klangen die Töne aus dem Ofen.

»Vater!« riefen die Kleinen, aber ehe noch der Vater hereingekommen war, hörte man einen lauten Krach im Kamin – bums – lag der Peter unten; er war fehlgetreten und durch den Schornstein in den Kamin hineingerutscht.

Huh – wie schrien die Kinder, als der kleine Schornsteinfeger plötzlich auf allen Vieren aus dem Kamin herauskletterte, aber auch der Peter war nicht weniger erschreckt über die verkleideten Kinder.

Er rieb sich seine schmerzende Knien und blickte entsetzt auf den wie am Spieß schreienden Großvater und die laut brüllende, kleine Großmutter.

Der Vater eilte herzu – ja, was war denn hier los? Wie schauten denn seine Lieblinge aus, und wie kam der kleine Schornsteinfeger in die Kinderstube?

Der kleine Großvater und die weinende Großmutter berichteten abwechselnd, wie es so schön im Schornstein gepfiffen habe, und wie plötzlich der schwarze Schornsteinfeger durch den Kamin gerutscht sei.

Da lachte der Vater aus vollem Halse und sagte: »Ihr seid mir zwei rechte Hasenfüße!«

Dann fragte er den kleinen Peter, ob er sich auch nichts getan habe.

»Nein,« antwortete Peter, der vor Schreck ganz blaß geworden war, aber das konnte man unter dem schwarzen Ruß nicht sehen, »nur die Kniee habe ich mir aufgeschlagen.«

»Und du kannst also so schön pfeifen?« examinierte der Kapellmeister weiter.

»Na ob!« antwortete der kleine Schornsteinfeger stolz, spitzte die Lippen und pfiff dem Herrn Kapellmeister die schönsten Weisen vor. Der machte große Augen, als er die glockenreinen Töne hörte!

»Junge,« rief er, »du bist ja der geborene Musiker, morgen ist Sonntag, da komme mal vormittags zu mir, aber durch die Tür – verstanden – nicht wieder durch den Kamin!«

Rein gewaschen und sauber gekleidet trat der Peter am nächsten Tage beim Herrn Kapellmeister an.

Der prüfte ihn nochmals, dann ging er mit ihm zum alten Schornsteinfegermeister Hildebrand.

»Der Junge ist zu schade zum Schornsteinfeger, lieber Meister.« sagte er zu ihm, »der soll ein tüchtiger Musiker werden; ich selbst werde ihn ausbilden,« und er nahm den Peter aus der Lehre.

Heiße Freudentränen weinte die arme Mutter, als sie von der glücklichen Schicksalswendung ihres Peters erfuhr; der Peter aber strahlte, er pfiff noch heller und fröhlicher als sonst, und aus dem kleinen Schornsteinfeger wurde ein tüchtiger Musiker.

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