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Was das Sonntagskind erlauscht

Else Ury: Was das Sonntagskind erlauscht - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
author>Else Ury
titleWas das Sonntagskind erlauscht
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
printrun53. bis 55. Tausend
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140916
projectidee61230b
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Der erste Schultag

»Mama – jetzt dauert es nur noch eine Nacht, nicht wahr – Mütterchen – nun ist es bald Dienstag?«

»Ja, mein Kind, aber jetzt schlafe ganz geschwind, daß du morgen zur Zeit aufstehen kannst,« sagte die Mutter, der kleinen Leni den Gutenachtkuß gebend.

Doch Leni konnte noch nicht einschlafen, sie war zu aufgeregt.

Morgen sollte sie ja das erste Mal in die Schule gehen; ach, wie pochte ihr das kleine Herz vor freudiger Erwartung. Wochenlang schon hatte sie sich auf die Schule gefreut, auf all' die kleinen Mädchen, auf die neue Schulmappe und die herrliche, rote Stullenbüchse. Und während Leni noch überlegte, ob wohl die Stullenbüchsen der anderen auch solch schönes Bild hätten wie die ihrige, war sie schon ganz fest eingeschlafen.

Früh – sehr früh – stand die Mama am nächsten Morgen an Lenis Bettchen, um sie zu wecken, ganz verschlafen rieb sich Leni die braunen Augen.

Aber als Mama lächelnd sagte: »Es ist ja Dienstag heute, Leni,« da war sie wie der Wind aus den Federn – heut' war ja ihr erster Schultag!

Ganz artig ließ sie sich die Ohren rubbeln, denn ein Schulmädel schreit doch nicht mehr beim Waschen, und was würden die Kinder in der Schule dazu sagen, wenn sie nicht sauber wäre!

Ein richtiges, schwarzes Schulschürzchen bekam die Leni über ihr grün-schottisches Kleidchen; ihre wilden Locken wurden zu einem winzigen Zöpfchen geflochten und nun noch die neue Schulmappe aufgeschnallt, die rote Stullenbüchse, in der außer dem Brötchen noch ein prächtiger Apfel lag, umgehängt, und das Schulmädel war fertig!

Ach, wie stolz war die kleine Leni, als sie an der Mutter Hand aus dem Hause trat; ihr guter Freund Karo, der Hund aus dem Delikatessengeschäft drüben, kannte sie gar nicht wieder. Bald standen sie an dem stattlichen, roten Gebäude; da gingen viele, viele kleine Mädchen hinein. Blonde, braune und schwarze Haare hatten sie; rote, grüne und blaue Kleidchen trugen sie, aber stolz sahen sie alle aus, die kleinen Mädelchen, die heut' zum ersten Male in die Schule wanderten.

Manche verkrochen sich zwar noch etwas ängstlich hinter die Mama, und als nun all' die Mütter draußen zurückbleiben mußten und die Kleinen allein in die Klasse mit den vielen Bänken und Tischen geführt wurden, da begannen sogar auch einige jämmerlich zu weinen; aber Leni hatte kein bißchen Furcht, verächtlich schaute sie aus die Banghasen, die Angst vor der Schule hatten.

Es war doch so schön hier!

Sie setzte sich gleich auf eine Bank, gab dem kleinen Mädchen, das neben ihr saß, die Hand und sagte: »Du, – willst du meine Freundin sein?« denn eine Schulfreundin mußte sie doch auch gleich haben.

Heute war noch gar keine richtige Schule.

Die freundliche Lehrerin ließ sich nur die Namen der Kleinen sagen, und dann durfte ihr jedes Kind etwas erzählen.

»Du, Tante,« rief das Gretchen, »wir haben fünf junge Kätzchen, aber süß sind die!«

»Und wie ich zur Tante gereist bin,« berichtete Klärchen, »da hatte ich eine ganz lebendige Ziege zum Spielen,« und »ich habe sechs Puppen,« schrie Röschen dazwischen.

»Nun, du,« sagte die Lehrerin zu Leni.

»Ja – ich – ich und Fred – das ist nämlich mein kleiner Bruder – wir haben mal Nachbars Peter – das ist nämlich sein Kater – mit himmelblauer Ölfarbe angestrichen, und nachher – nachher hat Mama uns tüchtig verhauen.«

»Das habt ihr auch redlich verdient,« sagte das Fräulein.

»Morgen beginnt nun der Ernst,« sprach die Lehrerin weiter, und Leni drehte sich nach allen Seiten herum, um den kleinen Jungen, der Ernst hieß, zu sehen, aber sie konnte ihn nirgends entdecken.

»Wir werden schön zusammen in der Fibel lesen und werden rechnen und schreiben,« fuhr das Fräulein fort; »welches Wort möchtest du wohl am liebsten schreiben lernen, Lieschen?«

»Kuchen,« sagte das kleine Lieschen, ohne sich zu besinnen.

»Kuchen,« lachte Leni los, »den kann man doch nicht schreiben, den kann man doch bloß essen!«

»Doch,« sagte das Fräulein lächelnd, »bis jetzt hast du nur Kuchen essen können, Leni; aber nun bist du ein Schulmädchen, nun sollst du auch lernen, wie man ihn schreibt. Und nun wollen wir zum Schluß beten, steht auf und faltet die Händchen.«

Das Fräulein sprach ein kurzes Gebet, und »Klinglingling« machte die große Schulglocke, und da war die Schule für heute aus. »Auguste – jetzt bin ich ein Schulmädel,« sagte Leni stolz, als sie heimkam, zur Köchin.

»Ach, Lenichen,« meinte Auguste, »da bist du nun wohl auch schon zu groß, um die Kuchenschüssel auszulecken; ich hatte sie dir stehen lassen.«

»Ja, Auguste, das werde ich jetzt nicht mehr können,« – recht kleinlaut war Leni mit einem Male, »aber,« jubelte sie plötzlich, »heut' war ja noch gar keine richtige Schule, heut' kann ich es ganz bestimmt noch!«

Auch die Großmutter empfing Leni mit der erstaunlichen Mitteilung, daß sie jetzt ein Schulmädel sei, und die gute Großmama holte auch gleich eine süße Tüte aus der Tasche – denn die gehört zum ersten Schultage.

Am Nachmittage packte Leni ihre Mappe. Die neue Fibel mit den netten Bildern, die Schreib- und Rechenhefte, der bunte Federkasten, in dem ein kleiner, schwarzer Pudel als Tintenwischer saß, alles wanderte in die neue Schulmappe.

Ganz müde von all' der Arbeit lag Leni abends in ihrem Bettchen, und kaum hatte sie fertig gebetet, da schlief sie auch schon ein. und – der erste Schultag war vorüber!

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