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Was das Sonntagskind erlauscht

Else Ury: Was das Sonntagskind erlauscht - Kapitel 12
Quellenangabe
typenarrative
author>Else Ury
titleWas das Sonntagskind erlauscht
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
printrun53. bis 55. Tausend
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140916
projectidee61230b
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Flick und Flock

In die alte, geräumige Bauernstube guckte neugierig der Mond hinein. Er lugte in das große Himmelbett mit den geblümten Kattunvorhängen, in dem die kleine Annelise friedlich neben dem Brüderchen, dem Peterle, schlummerte. Liebkosend streifte der alte Geselle mit seinen silbernen Strahlenfingern die rosige Wange des Mägdleins, strich sanft über des Peterles Flachskopf und glitt geräuschlos weiter bis in die dunkle Ecke, in der die große, ehrwürdige Truhe, die noch vom Urgroßvater der Kinder stammte, stand. Der Mond machte ein bedenkliches Gesicht – es knackte und knisterte heute so geheimnisvoll in dem alten Holze, und als nun auch noch die Schwarzwälder Uhr ihr einförmiges Tick tack, Tick tack unterbrach, und der Kuckuck zwölfmal den Kopf herausstreckend Mitternacht meldete, da verkroch sich der Mond ängstlich hinter einer Wolke.

In der alten Truhe aber wurde es plötzlich lebendig, leise hob sich der Deckel, und ein winzig kleines Wichtelmännchen in dunkler, brauner Kutte mit langem grauen Barte, ein ganz kleines Öllaternchen in der Hand haltend, kletterte daraus hervor. Ein zweiter, ganz gleich aussehender, kleiner Wicht folgte ihm, und auf leisen Sohlen tanzten die Gnomen wie zwei Irrlichter in der Stube auf und nieder. Husch – husch – ging's über die Ofenbank, über das Sims mit den zinnernen Krügen; hopp – jetzt saßen sie auf den beiden großen Gewichten der Schwarzwälder Uhr und machten es sich dort bequem.

»Siehst du, Flock,« begann Flick, der ältere der beiden, »mir will es jetzt gar nicht mehr im Hause gefallen; über hundert Jahre walte ich nun schon als Hausgeist auf dem Gehöft, sorge für Ordnung, Reinlichkeit, Sparsamkeit und Fleiß, aber seitdem man die junge, blühende Bäuerin, Frau Anne, in das dunkle Kämmerlein unter dem Syringenbusch gebettet hat, habe ich doch auch gar zu viel zu tun! Wer flicht Annelise morgens die blonden Zöpfchen, wer knöpft dem Peterle die Höschen an, wer schaut, daß die Mägde frühzeitig mit blankgescheuerten Eimern zum Melken gehen, daß der Knecht nicht mit der brennenden Pfeife abends in die Ställe und auf den Heuboden läuft? Alles ich, der Geist der Ordnung; bald muß ich in der Küche scheuern, bald in der Tenne dreschen, bald aus den Stuben den Staub hinausblasen, bald die faulen Mägde und Knechte auf dem Felde zum Heuen antreiben. Wie soll ein kleiner Geist solche Schinderei und Plackerei aushalten? Ja, wie Frau Anne noch lebte, da ging alles wie am Schnürchen, da hatte ich gute Tage, aber jetzt« – der kleine Wicht seufzte tief – »die Frau liegt unter dem Rasen, und der Bauer sitzt in der Schenke; weiß Gott, wenn die Kinder nicht wären, ich wanderte aus.«

Mißbilligend schüttelte die alte Schwarzwälder Uhr, die eifrig gelauscht hatte, ihr Haupt. »Tick tack, Tick tack,« sagte sie ärgerlich, das hieß: »Wie kannst du nur so etwas sagen!«

»Das geht doch nicht,« sagte nun auch Flock, der zweite Kleine, »wer sollte wohl mit den beiden verwaisten Kindern spielen und lachen, wer sollte sie neue Liedchen lehren, wer ihnen Märchen erzählen und mit ihnen abends im Bettchen beten, wie es ihr liebes Mütterlein getan, wenn ich es nicht tue, der Geist der Liebe und Eintracht? Ich sorge dafür, daß Annelise und Peterle brav sind und sich nicht zanken, ich blitze fröhlich aus ihren Blauaugen, ich pflanze Blümlein mit ihnen auf das Grab ihres toten Mütterchens. Ich schließe dem Bauer Michele, wenn er spät aus dem Wirtshause polternd nach Hause kommt, den scheltenden Mund; ich jage den Geist der Zwietracht, der sich immer an seine Rockschöße hängt, zum Hoftor hinaus. Wir können nicht fort von hier, Flick,« fuhr er traurig fort, »was würde wohl Frau Anne dazu sagen, wenn wir ihre Lieblinge verlassen würden!« –

Von dem leisen Geflüster und Gewisper war das Peterle aufgewacht, mit verschlafenen Augen blinzelte er müde zu der alten Schwarzwälder Uhr herüber. Ja, träumte er denn noch? Da saßen doch wahr und wahrhaftig zwei kleine Wichtelmännchen auf den Uhrgewichten; so war es also doch wahr, was die alte Magd, die Kathrin, abends in der Spinnstube den Mägden erzählte, daß zwei kleine Hausgeister schon über hundert Jahre ihr Wesen hier auf dem Hofe trieben! Das schlaue Peterle hatte nie daran glauben mögen, aber jetzt schaute er sie doch mit seinen eigenen Augen! Mäuschenstill verhielt sich das Peterle; er hielt den Atem an und rührte sich nicht, denn jede Bewegung, jeder Laut, so erzählte die Kathrin, verscheucht die kleinen Geister für alle Zeiten aus dem Hause.

»Ich muß noch einmal Umschau halten, Flock,« hörte Peterle den einen kleinen Wicht mit hoher, dünner Stimme da plötzlich sagen, »ob auch das Hoftor verriegelt und die Ställe abgeschlossen sind. Nicht einmal nachts hat so ein vielgeplagter, kleiner Geist seine Ruhe!«

»Und ich will noch einmal in den Garten, Flick, und die durstigen Blümlein auf dem Beete der Kinder mit Nachttau netzen, daß sie morgen früh duftig und frisch sind.«

Und mit einem Satze sprangen die beiden kleinen Geister von den Gewichten herab und durchs Schlüsselloch hinaus.

Als nach einer Weile der Mond vorsichtig aus seiner Wolke heraus in die Stube spähte, schien alles ganz wie zuvor; nur das Peterle lag munter mit großen, offenen Augen im Bett, und das schien dem Mond sehr verwunderlich. –

Am anderen Morgen erzählte Peterle seinem Schwesterlein, was er in der Nacht erlauscht hatte, und die Annelise wollte nun natürlich auch Flick und Flock, die kleinen Hausgeister, sehen.

»Ja, Annelise,« sprach das Peterle, »wenn du versprichst, dich muckstill zu verhalten, und keinen Laut von dir zu geben, will ich dich das nächste Mal wecken, denn so wie man sich rührt, sagt die Kathrin, sind die kleinen Geister für immer davon.«

Und die Annelise versprach es dem Peterle, ganz still zu sein, und Nacht für Nacht wachten die Kinder in der Mitternachtsstunde, aber die beiden Wichtelmännchen blieben unsichtbar.

Erst in der nächsten Vollmondsnacht, da raschelte es und knisterte es wieder in der alten Truhe; ganz leise weckte das Peterle die Annelise, und beide Kinder lauschten mit verhaltenem Atem.

Da wisperte es und flüsterte es wieder in der dunklen Ecke; da kamen sie wieder hervor, die kleinen Gesellen, schwirrten durch das Zimmer, bliesen den Staub aus den Ecken, schürten die Glut in dem braunen Kachelofen, rieben die Zinnkrüge auf dem Gesims blitzblank, und jetzt ging es in den Spielwinkel der Kinder, um dort Ordnung zu schaffen. Das war der Annelise aber doch zu viel, vergessen war die Mahnung, sich mäuschenstill zu verhalten, mit heller Stimme rief sie: »Du, laß meine neue Puppe in Ruh'!« und – husch – husch – waren die kleinen Geister zum Fenster und zum Hoftor hinaus. –

Kein Mensch weckte am anderen Morgen den Knecht und die Mägde; sie schliefen bis in den hellen Tag hinein. Als der Bauer seine Morgensuppe essen wollte, war sie noch gar nicht gekocht, und als sie endlich fertig war, schmeckte sie ganz angebrannt. Der Bauer schrie und tobte schon am frühen Morgen, daß es durchs Haus dröhnte; die Kinder kamen zu spät in die Schule; der Knecht lümmelte sich auf der Ofenbank, anstatt das Korn einzufahren; die Mägde auf dem Felde, welche Garben binden sollten, legten sich ins frische Heu und schliefen. Annelise und Peterle aber waren den ganzen Tag eigensinnig und zankten sich, und der Vater prügelte sie. Zwietracht und Unordnung, die bösen Geister, waren ins Haus gezogen und herrschten darin.

Weinend saßen die Kinder unter dem Syringenbusch auf dem Grabe der Mutter; da sprach Annelise zum Peterle: »Weißt du, Peterle, so wie es jetzt bei uns zugeht, bleib' ich nimmermehr im Haus, wir wollen uns aufmachen und die guten, kleinen Geister, Flick und Flock, suchen und sie bitten, wieder zu uns zurückzukehren.

Peterle war einverstanden; er steckte sich Äpfel in die Taschen seiner Höschen, Annelise nahm ein Stück Schwarzbrot mit, und sie gingen davon.

Ein schöner, bunter Schmetterling aber, der auf dem Syringenbusch, unter dem ihr Mütterlein schlief, gesessen hatte, flog vor ihnen her und zeigte ihnen den Weg.

Durch einen dichten, dunklen Wald ging es; Annelise und Peterle wurden müde und hungrig, sie setzten sich auf den grünen Moosteppich und verzehrten ihr Schwarzbrot.

»Habt ihr nicht Flick und Flock, unsere lieben Hausgeister, gesehen?« fragten sie die Waldblumen. Aber Anemone, Waldveilchen und Glockenblume schüttelten das Köpfchen; sie hatten niemand gesehen.

Weiter ging es in den Wald hinein; lustig gaukelte der bunte Schmetterling vor ihnen her, und die Kinder folgten ihm. An einer leise dahinplätschernden Waldquelle machten sie wieder Rast und verschmausten ihre Äpfel.

»Habt ihr nicht Flick und Flock gesehen?« fragten sie das silberne Bächlein.

»Hier ist keiner vorbeigekommen,« murmelte die Quelle, und tiefer, immer tiefer gingen die Kinder in den Wald. Jetzt flog der Schmetterling in eine Felsenspalte, und furchtsam gingen die Kinder hinterher. Die Spalte erweiterte sich zu einer großen Felsenhöhle; da standen Hunderte von kleinen Gnomen, die ganz so wie Flick und Flock aussahen; in der Mitte aber, auf einem weißen Samtpilz, thronte ein winziger, kleiner Geist mit einer goldenen Krone, das war der König der Gnomen. Der Schmetterling flog auf ihn zu, und die Kinder knieten zu seinen Füßen nieder. Mit leiser Stimme erzählte das Peterle, wie sie Flick und Flock aus dem Hause gescheucht hätten, und die Annelise setzte hinzu, wie häßlich, unordentlich und zänkisch es jetzt im Hause zugehe, und sie baten den Herrn König gar sehr, ihren lieben Flick und Flock doch wieder zu ihnen zu senden.

»Da müßt ihr sie schon selbst bitten,« sprach der winzige Geisterkönig freundlich, und aus den Reihen traten zwei kleine Gesellen, Flick und Flock. Als die guten, kleinen Wichte hörten, wie bös es im Hause zuging, willigten sie gleich ein, wieder mitzukommen, denn auch sie hatten sich schon nach den beiden Kindern und nach ihren guten Freunden, der Schwarzwälder Uhr und der alten Truhe, gebangt.

Da bedankten sich die Kinder gar schön, und das Peterle breitete sein Schnupftüchel aus, und die Annelise ihre Schürze, und mit einem Satze sprangen Flick und Flock hinein. Ganz vorsichtig trugen die Kinder ihre lieben Hausgeister heim; der Schmetterling aber flog wieder vor ihnen her und wies ihnen den Weg.

Tiefe Nacht war's, der Mond stand schon hoch am Himmel, als die Kinder daheim anlangten; aber als sie ganz behutsam das Schürzlein und das Schnupftuch auseinander breiteten, war beides leer, keine Spur von Flick und Flock, und spöttisch lächelte der Mond, der arge Wicht, auf die betrübten Kindergesichter hernieder.

Doch als Annelise und Peterle am Morgen erwachten, da hatten die kleinen Geister über Nacht schon emsig im Hause geschafft; es blinkte und blitzte in jedem Eckchen, Ordnung und Eintracht waren wieder ins Haus gezogen, aber niemals mehr haben das Peterle und die Annelise ihre kleinen Freunde, Flick und Flock, in der Vollmondsnacht belauscht.

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