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Was das Sonntagskind erlauscht

Else Ury: Was das Sonntagskind erlauscht - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
author>Else Ury
titleWas das Sonntagskind erlauscht
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
printrun53. bis 55. Tausend
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140916
projectidee61230b
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Fifi

Eine Hundegeschichte.

Fifi war das reizendste Hundebaby, das jemals das rosenrote Näschen schnuppernd in die große Welt gesteckt hatte!

Ein richtiger, kleiner Hundedäumling war er, nicht viel länger bei seiner Geburt als der Daumen eines Menschen.

»O,« rief die glückliche Hundemama, als sie ihr sechstes Söhnchen – das war Fifi – in Augenschein nahm und mit leisem Freudengebell beleckte, »das ist das allerhübscheste meiner Kinder! Seht nur das zarte, weiße Samtfell, den schwarzen, ausdrucksvollen Fleck über dem rechten Auge, das kurze Schwänzchen und das süße Schnäuzchen! Aus dem wird mal 'was Besonderes!«

Und alle die älteren Hundebrüderchen und Schwesterchen kamen bellend herbeigesprungen, begrüßten Fifi schwanzwedelnd und bewunderten ihn.

Fifi war das vorläufig aber noch ganz gleich, eitel wurde er erst später; er lag behaglich auf dem Hofe im Sonnenschein, dehnte und reckte sich in seiner ganzen stattlichen Größe und dachte bei sich: »Es ist ganz hübsch mollig auf der Welt!«

An dem Tage, an dem er diese Welt – sie bestand in einem großen Hofe, der zu einem schönen Gute gehörte – zum erstenmal besichtigte, Hundebabies nämlich sind die ersten Tage ihres Lebens blind, mußte er seiner Heimat schon Ade sagen; er kam in so jugendlichem Alter schon in die Fremde. Der Bruder des Gutsherrn war mit seinen Kindern zu Besuch herübergekommen, und Lena, das achtjährige Mädelchen, hatte eine solche Freude mit unserem Fifi, daß der gute Onkel ihn ihr schenkte. Fifi, der noch recht wenig Gemüt besaß, sagte seiner Mutter und den Geschwistern freudestrahlend Lebewohl und fuhr stolz, in Lenas Pelerinenmäntelchen warm eingepackt, auf dem Bock neben dem Kutscher Christian in die weite Welt hinein.

Wieder kam er auf ein großes Gut, das gehörte Lenas Vater; hier aber logierte er nicht draußen auf dem Hofe, nein – eine prächtige Hundewohnung hatte die kleine Lena für den von Tag zu Tag hübscher werdenden Fifi errichtet. Ganz solch himmelblau gefüttertes Körbchen, wie es Lenas erst einige Wochen altes Schwesterchen Lotti hatte, bekam auch Fifi. Lena pflegte das kleine Hundebaby ganz wie die Mutter das Schwesterchen; sie gab ihm süße Milch zu trinken, hei – wie schleckte und leckte Fifi da!

Manchmal zog sie ihm auch ein winziges Jäckchen von Lotti an, band ihm einen Pichel vor und legte ihn in ein Steckkissen. Das aber mochte Fifi gar nicht leiden, wenn er so eingebündelt herumgetragen wurde; dann faßte er mit einem Male einen kühnen Entschluß, machte einen großen Satz aus dem Steckkissen heraus und lief zum Gaudium der Dienerschaft mit Jäckchen und Pichel in Hof und Garten umher. –

So wuchs Fifi mit der kleinen Lotti um die Wette heran, das heißt, er wurde zwar älter, aber nur um ein weniges größer. Als Fifi und Lotti ein Jahr alt waren, war das Hundekind dem Menschenkind bei weitem voraus.

Fifi hatte schon alle Zähnchen, Lotti erst acht; Fifi konnte selbständig essen, Lotti mußte noch gefüttert werden; Fifi lief so schnell wie ein Wiesel auf allen seinen vier Beinen, Lotti konnte noch nicht einmal auf ihren zwei Beinchen einhertappeln; Fifi sprach vollständig seine Hundesprache, und Lotti konnte nur »Papa« und »Mama« sagen!

Fifi war denn auch nicht wenig stolz auf seine Klugheit, und als ihm Lena eines Tages ein rosenrotes Schleifchen schenkte, da wurde er so eitel und hochmütig, daß er Sultan, den Hofhund, der sich immer freundschaftlich gegen ihn gezeigt hatte, nicht einmal mehr anblaffte.

Ach – und auf seine Stimme war der Fifi eingebildet, es war schon nicht mehr schön; er war ja ein besonders musikalischer Hund und hatte eine recht hübsche, melodische Stimme, aber schließlich konnte er doch auch nichts weiter blaffen als »Wau – wau«, wie jeder ganz gewöhnliche Hund. Das aber bellte er bei jeder Gelegenheit; kam ein Fremder auf das Gut, so blaffte ihn Fifi erbost an, denn er war wenig gastfreundlich veranlagt; klingelte es, dann ließ Fifi sofort neugierig seine Stimme erschallen, und wenn ihm etwas nicht gefiel, dann knurrte er ärgerlich.

Ja – unser Fifi war ein recht verzogenes Hündchen geworden!

Lotti aber liebte er abgöttisch; er kegelte sich mit ihr auf dem Fußboden umher, und bald konnte Lotti ebenso schön »Wau, wau« machen wie Fifi.

So wuchsen die beiden Spielgefährten heran; sie spielten zusammen und tobten miteinander durch Haus und Hof, sie schliefen zusammen auf dem Teppich, und wenn es klingelte, machte auch Lotti »Wau, wau« und sagte zu ihrem Freunde: »Sei ruhig, Fifi, ich hab' schon debellt!«

Lottis große Lockenpuppe Rosaura verehrte Fifi; ja, eines Tages leckte er ihr so zärtlich das Wachsgesicht, daß die ganzen, schön gemalten, roten Bäckchen verschwunden waren; da fing Lotti bitterlich an zu weinen, und Fifi zog ganz beschämt das Schwänzchen ein.

Für Märchenbücher hatte der jetzt sechsjährige Fifi gar kein Verständnis; dann mochte er schon lieber den großen Ball, mit dem er um die Wette springen konnte.

Jetzt war Lotti bei weitem klüger als Fifi; sie konnte schon in der Fibel lesen, das Einmaleins bis zur Sechs wußte sie ganz sicher, und sogar mit Tinte konnten ihre kleinen Fingerchen schon schreiben, ohne auf jede Seite mehr als fünf Kleckse zu machen.

Aber nun kam sie fort in die große Stadt zu den Großeltern, um was Ordentliches zu lernen, und Fifi wanderte natürlich mit. Er bekam zur Reise ein zierliches, blaues Wintermäntelchen, auf dem Lena mit roter Seide »Fifi« gestickt hatte, einen neuen Maulkorb und vier reizende, kleine Hundegummischuhe.

Als er das erste Mal in seinem neuen Staat in den Straßen der Hauptstadt spazierte, schauten ihm alle Hunde bewundernd nach; hochmütig sah Fifi auf die anderen herab, er war so benommen von all' dem Neuen, was er zu sehen bekam, daß er gar nicht auf seine kleine Herrin achtete.

Vor einem großen Schaufenster mit duftenden Würsten, deren Anblick sein Hundeherz höher schlagen ließ, blieb er stehen und beschaute sich eitel in den Fensterscheiben von oben bis unten.

Da – verlor er Lotti.

Jämmerlich heulend irrte der kleine Fifi in der großen, fremden Stadt umher, kreuz und quer lief er die langen Straßen hierhin und dorthin – aber der arme Fifi fand nicht wieder nach Haus. Halb ohnmächtig vor Angst, Müdigkeit und Kälte war er; nirgends ein warmer Unterschlupf, wo er sein müdes Haupt betten konnte. Schon wollte er sich auf die kalten Steine legen, da sah er ein Hoftor halbgeöffnet. Er sprang hinein und klopfte an Karos Hundehütte.

»Wer ist da?« knurrte Karo, im besten Schlaf gestört und blinzelte hinaus. Da bat der sonst so dreiste Fifi mit seinem höflichsten Diener Karo ganz bescheiden, ihm doch ein kleines Plätzchen in seiner Hütte zu überlassen. Und der gute Karo ließ ihn ein und setzte ihm noch ein paar Splitterchen von dem Abendknochen vor.

Am anderen Tage fand ihn der Herr des Hauses, und da Fifi keinen Besitzer zu haben schien, behielt er das hübsche Hündchen. Doch mit Fifis guten Tagen war es jetzt vorüber; Wurst und Milch, wie bei Lotti, bekam er jetzt nicht mehr, höchstens mal einen alten, abgeknabberten Knochen; aber Prügel bekam er und zwar tüchtig, weil er so verwöhnt und ungehorsam war. Ach – wie sehnte sich Fifi jetzt nach seiner kleinen Freundin Lotti zurück; aber das war nun vorbei.

Und auf die anderen, weniger hübschen Hunde blickte Fifi jetzt nicht mehr herab; er war für seine Eitelkeit gründlich bestraft worden, ja – Hochmut kommt vor dem Fall!

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