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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 98
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Die grüne Laubheuschrecke, das große Heupferdchen, der Kohlspringer.

( Locusta viridissima)
siehe Bildunterschrift

Weibchen.

Noch nicht wetzt der Schnitter im Felde mit weithin schrillendem Schalle seine stumpf gewordene Sense, da wetzen schon nach allen Seiten hin kleine Sensenmänner an den herrlichen Juliabenden in den Getreidefeldern. Jener hat die saure Arbeit bereits vollbracht, die goldenen Garben sind in die Scheuren eingeheimst oder, wenn sie da nicht alle Platz fanden, an Ort und Stelle in ungeschickten Fehmen (Diemen) aufgethürmt, und die Stoppelfelder mahnen an die reißende Flüchtigkeit der Zeit: immer noch wetzen die Kleinen im Grase, zwischen den Stoppeln oder im Gebüsche, auf dem sich manche am liebsten aushalten; sie zirpen so lange die Sonne scheint oder die Abende noch warm sind. Ein geübtes Ohr unterscheidet Töne verschiedener Art: manche unterbrechen sich häufig, andere klingen wieder anders und dauern länger. Jene kommen von den kleinen, bunten Grashüpfern, welche oft so dicht bei einander sitzen, daß es rasselt bei ihrem Fortspringen, wenn menschliche Tritte nahen, und werden durch Reibung der Hinterschenkel an den Seiten der Flügeldecken hervorgebracht.

Gehen wir den länger anhaltenden Tönen nach, so finden wir die bekannten grünen Heuschrecken Unsere gemeine grüne Heuschrecke darf nicht verwechselt werden mit der beinahe ebenso großen Zwitscherheuschrecke ( Locusta cantans); diese zeichnet sich durch die am Grunde mehr aufgetriebenen, den Hinterleib wenig überragenden Flügeldecken aus, welche an der dem Rücken platt aufliegenden Stelle außerdem gebräunt sind. Sie ersetzt in der Schweiz und Holstein unsere gemeine, ist aber auch bei Dresden und anderwärts in Deutschland zwischen der gemeinen beobachtet worden. Eine dritte große Art lebt noch bei uns auf den Wiesen und ihnen benachbarten Stoppelfeldern, welche eine säbelförmig nach oben gebogene Legröhre und keinen Höcker auf der Stirn trägt, wie die grüne, und sich durch die braune Farbe und die dunkleren Flecken des Körpers und der Flügeldecken schon aus der Ferne von ihr leicht unterscheiden läßt. Sie heißt der braune oder warzenfressende Grashüpfer, auch der Warzenbeißer, ( Deticus verrucivorus). mit ihrer Sense, der Legröhre am Leibesende, wie sie die obige Figur darstellt. Doch würden wir uns gewaltig irren, wenn wir meinten, diese hätten den Lärm verursacht. Sie gingen demselben nur nach, wie wir. Suchen wir weiter, so finden wir ein gleiches Thier, aber ohne Legröhre. Es ist das Männchen zu dem zuerst gefundenen Weibchen. Denn wie bei den Heimchen und den dickköpfigen, schwarzen Feldgrillen locken auch hier die Männchen ihre stummen Weibchen durch den lauten Gesang herbei. Wollen wir zufassen, in der Meinung, daß nichts weiter nöthig sei, um uns das Thier genauer betrachten zu können, so thut es einen plumpen Sprung, um uns auszuweichen, oder – und das ist bei warmem Sonnenscheine seine Lieblingsbewegung auf der Flucht – es entfaltet seine langen Flügel und schwirrt mit hörbarem Schlage derselben in schwerfälligem Fluge davon, um bald wieder einzufallen.

Die Jugend kennt sie recht wohl, diese schmucken Thiere, und besonders auch die Kraft, mit welcher sie sich in weiche, ihnen vorgehaltene Gegenstände einzubeißen pflegen. Läßt man z. B. eins, indem man es an den Flügelenden festhält, in den Saum des Rockärmels beißen, so hält es so fest, daß man durch einen mäßigen Ruck seinen Rumpf von dem am Aermel hängenbleibenden Kopfe trennen kann. Die Kauwerkzeuge sind, wie bei allen Gradflüglern, außerordentlich entwickelt und bestehen aus einem Paar kräftiger, horniger, stumpfgezähnter Oberkiefer, die wir unter dem Namen der Freßzangen schon bei den Käfern, Hautflüglern und den meisten Netzflüglern kennen gelernt haben, und aus einem ebenfalls hornigen, an der Spitze mit je drei scharfen, spitzen Zähnen versehenen Unterkieferpaare. Hier, wie bei den meisten Kaukerfen, ist die äußere Lade besonders entwickelt und kann wie ein schützender Helm, mit welchem Namen man sie deshalb auch bezeichnet hat, über die innere Lade geschoben werden. Nahe seiner Wurzel trägt der Helm nach außen den langen fünfgliedrigen Kiefertaster. Von unten her wird der Mund geschlossen von der Unterlippe, welche aus zwei gespaltenen Lappen besteht, die in der Mitte auseinanderklaffen, so daß man die inwendig auf der Lippe liegende Zunge durchscheinen sieht; beiderseits sitzen an ihr noch die dreigliedrigen Lippentaster.

Die Füße bestehen hier nicht, wie bei den Grillen, aus nur drei, sondern aus vier Gliedern, deren vorletztes herzförmig erweitert ist. Die Flügel sind ebenfalls anders gebildet als dort. Die vordern, mehr pergamentartigen haben die Länge der viel breitern, dünnhäutigen Hinterflügler, bedecken sie aber vollständig, indem letztere, von feinen Adern netzförmig durchzogen, sich wie ein Fächer ungemein zierlich der Länge nach falten. Beide, die eigentlichen Flügel wie ihre Decken, ragen weit über den Hinterleib hinaus. Diese letztern, im allgemeinen wie ein Dach den Körper überdeckend, indem sich ihr Haupttheil schräg an dessen Seiten hinabzieht, bilden oben mitten auf dem Rücken eine schmale, wagerecht liegende Fläche, und hier befindet sich bei den Männchen das Stimmwerkzeug. In der rechten Flügeldecke nämlich sitzt, und zwar nahe der Wurzel, eine runde Zelle, wie ein kleiner Spiegel, eingefaßt von einer starken, erhabenen Rippe. Man sieht dieses kleine Trommelfell nicht, indem es von einer Falte der stets übergreifenden linken Flügeldecke verborgen wird. Auch diese hat einige vorspringende Rippen, welche der Einfassung jener Zelle entsprechen. Durch Reiben beider aneinander, welches mit Blitzesschnelligkeit geschieht, zu welchem Zwecke die Decken etwas gehoben werden müssen, also durch dieselben Bewegungen, welche wir schon beim Heimchen kennen gelernt haben, entsteht der wetzende, schrillende Ton. Jener Ton, welcher an den schönen Sommerabenden die feierliche Stille so angenehm unterbricht, und untermischt mit dem Zirpen der Feldgrillen und mit dem abgesetzten Wetzen der kleinern Grashüpfer, welche ihre Hinterbeine abwechselnd wie einen Fiedelbogen an dem Geäder der Flügeldecken in großer Hast auf- und niederstreichen, jene vielstimmigen Concerte hervorbringt, die wir alle kennen und schon oft mit Vergnügen vernommen haben.

Das Weibchen sucht im Grase eine Stelle mit lockerer Erde, schiebt seine Legröhre in dieselbe und läßt sechs bis acht blasse Eier durch letztere gleiten; an andern Stellen wiederholt es dasselbe Geschäft noch einige Male und legt auf diese Weise mehrere Nester an, je nach der Witterung in längerer oder kürzerer Zeit. Nässe verzögert, Trockniß beschleunigt die Arbeit und, was damit zusammenhängt den Tod der Mutter. Im warmen und regenarmen Sommer des Jahres 1860 kamen sie schnell mit der Fürsorge für ihre Nachkommen zu Stande, deshalb konnte man sie schon Mitte September hie und da todt an Baumstämmen hängend finden, als wenn sie emporklettern wollten, oder in Gräben, an sandigen Hängen u. dergl. umherliegen sehen. Sie hatten bis dahin ihren Lebenszweck erfüllt und sollen auch jetzt noch als Glieder des unendlichen Naturganzen noch andern als selbstischen Zwecken dienen. Schaaren von Ameisen weiden sie aus, nagen und zerren an ihnen herum und tragen sie stückweise in ihre Vorrathskammern; die gefräßigen Raub- und Laufkäfer, welche unter Steinen schon ihre Winterquartiere bezogen haben, kommen während der sonnigen Tageszeit wieder hervor und leisten den kleinen Anatomen kräftigen Beistand.

Die dem Schooße der Mutter Erde anvertrauten Eier genießen deren Schutz bis zum nächsten Frühlinge. Die schon vorhandenes Leben anfrischenden und neues Leben gebenden Strahlen der Sonne brüten sie jetzt aus, die jungen Keime bieten den kleinen Ankömmlingen reiche Kost. Nach vier Wochen schon haben sie ihr Kleid verwachsen und müssen dasselbe mit einem neuen vertauschen. Nach ungefähr derselben Zeit erfolgt die zweite Häutung, und mit ihr eine kleine Umwandlung, die Flügelscheiden zeigen sich, bei den Weibchen eine kurze Legröhre. Anfangs Juli, also durchschnittlich nach abermaliger Zwischenzeit eines Monats, bei ungünstigen Witterungsverhältnissen jedoch auch einen Monat später, kriechen sie an einem Halme in die Höhe, um zum letzten Male ihr Gewand und mit ihm die Maske abzuwerfen. Der stattliche Grashüpfer sitzt nun fix und fertig da und wartet nur darauf, daß Luft und Licht seine zarten Gliedmaßen, besonders die überaus weichen Flügel erhärten, um dann in lustigen Sprüngen oder luftigen Fahrten auf den breiten Schwingen sein Glück zu versuchen und – ist es ein Männchen, – durch Gezwitscher in den Zweigen mit den befiederten Sängern zu wetteifern.

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