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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 93
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Die Termiten oder weißen Ameisen.

siehe Bildunterschrift

a. Arbeiter, b. Soldat, c. Männchen des schrecklichen Termiten ( Termes dirus), darüber das eiererfüllte Weibchen irgend einer Art. (Alle Figuren in natürlicher Größe.)

Wenn wir bisher unsere heimathlichen Gefilde nicht verließen und einige wenige aus den Bildern herausgriffen, die uns hier in reicher Auswahl zu Gebote stehen: so wird mir der geneigte Leser verzeihen, wenn ich ihn für diesmal in Gegenden des heißen Erdgürtels führe. Es geschieht dies nicht der Abwechslung wegen; denn diese brauchen wir nicht so weit zu suchen, sondern um des hohen Interesses willen, welches uns die dort lebenden, in Rede stehenden Thiere nach alle dem einflößen müssen, was uns Reisende von ihnen berichten. H. Hagen Dr., hat mit der ihm eigenen Sorgfalt in der Linnaea entomolologia X (1855) und XII (1858) alles zusammengetragen, was ihm über die Literatur bekannt geworden und die ihm zugänglich gewesenen Arten beschrieben. Einige Beobachtungen nach seiner Zeit sind im Texte selbst erwähnt.

Die Termiten (Holzläuse) bewohnen ursprünglich die heißen oder wenigstens warmen Gegenden beider Erdhälften, einzelne Arten von ihnen sind aber in Europa eingeschleppt, so aus Nordafrika die gelbhalsige ( Termes flavicollis Fab) in die Umgebung von Marseille und nach Portugal, die lichtscheue ( T. lucifugus Rossi) in Italien, Portugal, bei Bordeaux, die gelbbeinige ( T. flavipes Kollar) aus Nordamerika in Portugal heimisch geworden und auch bei Wien in den Gärten von Schönbrunn zu finden. Da sie gesellig in großen unterirdischen Ansiedelungen nach Art der Ameisen leben, heißen sie überall weiße Ameisen, obgleich sie ihrem Baue und ihrer Entwicklung nach nicht zu den Hautflüglern, sondern zu den Kaukerfen bei einer wissenschaftlichen Anordnung zu stellen sind.

Von jeher haben die eigenthümlichen Bauten der Termiten die Aufmerksamkeit der Reisenden in erster Linie in Anspruch genommen, und je mehr wir mit der Zeit über dieselben erfahren haben, desto größere Unterschiede haben sich unter denselben herausgestellt.

Am Senegal und anderwärts in Afrika, besonders an solchen Stellen des ebenen Landes, welche zum Anbau gelichtet und reich mit gefällten Hölzern versehen sind, die dem Verderben Preis gegeben werden, finden sich zahlreiche Hügelbauten. Zuckerhutförmige Thürmchen von etwa 30 cm Höhe wachsen nahe bei einander aus der Erde heraus. Der mittelste von ihnen wird dann erhöht, die Zwischenräume zwischen ihnen werden ausgefüllt, bis das ganze die Form eines Domes annimmt. Nach der Vereinigung der Thürmchen, deren Spitzen hie und da hervorragen, brechen die Termiten die innern Scheidewände aus und benutzen den Baustoff zum Ausbauen der inneren Theile oder zur Anlage neuer Thürme. In jedem der Thürmchen ist eine Höhle, welche entweder als Weg in das Innere des Gesammtbaues führt, oder in anderen das Ende eines Weges bildet, der eine freie Verbindung im Baue unterhält. Hat der Hügel die Form eines Heuschobers, mit welchem die Aehnlichkeit noch größer wird, wenn auf der Oberfläche sich ein reicher Pflanzenwuchs entwickelt hat, so ist er vollkommen ausgebildet und mißt in der Lothrichtung 3,76 bis reichlich 5 Meter bei einem Umfange am Grunde von 15,7 bis 18,83 Meter. In lockerem Sandboden verbieten sich dergleichen Bauten, vielmehr muß das Erdreich thonhaltig sein, und die Farbe des Thones ändert nach den Oertlichkeiten ab. Trotz der Hohlräume im Innern besitzen diese Hügel nach dem übereinstimmenden Urtheile zahlreicher Beobachter eine solche Festigkeit, daß sie mehr Menschen oder Vieh tragen könnten, als auf ihnen Platz haben. Drei Männer brauchten 2 ½ Stunde Zeit, bis sie mit Hacken einen solchen Hügel vollständig öffnen konnten. Durch ihre Härte werden sie vor den Zerstörungen der dort häufigen Regengüsse und Umstürzen der Bäume gesichert. Entfernt man Gras und Gestrüpp rings um den Fuß, so sieht man verschiedene bedeckte Wege oder Thonröhren zu benachbarten Baumstämmen oder Baumstumpfen führen. Das Innere der Hügel ist ein Labyrinth von Gängen, Hohlräumen in mehreren Stockwerken. Möglichst in der Mitte des Hügels und in der Höhe des Erdbodens liegt die königliche Zelle von halber Eiform, anfänglich kaum 26 mm lang, später je nach dem Wachsthume der eierlegenden Königin verbreitert und 157 bis 209 mm lang. Ihr Boden ist wagerecht und bis 26 mm. dick, das gewölbte Dach von gleicher Stärke, wird aber allmählich schwächer, so daß die Seitenwände an den Verbindungsstellen mit dem Boden nur den vierten Theil dieser Stärke haben. Hier sind in gleichmäßigen Abständen kleine Oeffnungen für den Durchgang eines Arbeiters oder Soldaten angebracht. Rings um diese königliche Zelle liegen zahllose gewölbte Zellen von verschiedener Größe und Form; alle hängen unter sich und mit den übrigen Räumen und Vorrathskammern zusammen und dienen den ungeflügelten Bewohnern zum Aufenthalte, oder enthalten Eier und Brut, wenn sie in viele sehr kleine und unregelmäßige Zellen getheilt und besonders dickwandig sind. Diese eben in groben Umrissen gezeichneten Bauten werden von den kriegerischen Termiten ( Termes bellicosus) angelegt, einer über Afrika weit verbreiteten Art.

Aehnliche Gebilde, spitze Kegel von 94 bis 157 cm. Höhe und ungefähr 31 cm. Breitedurchmesser am Fuße, einzeln stehend oder in Reihen, wie Gebäude von wunderbarem Aussehen dicht bei einander, beobachtete Leichardt in Australien und wurde an Grabdenkmäler erinnert, als er auf der Insel Banka den Termitenwohnungen begegnete. Golberry erwähnt eigentümliche Nester, die er mit T. modax in Zusammenhang bringt: auf einer 94 bis 125 cm hohen walzigen Unterlage ruht ein kegelförmiges, allseitig über 5 cm. überstehendes Dach, vielleicht dieselben Bauten, welche Lichtenstein als »pilzförmige« bezeichnet hat.

Bates (in seinem »der Naturforscher am Amazonenstrome«) wählte zu seinen Beobachtungen besonders die Sandtermite ( T. arenarius) weil sie in jenen Gegenden Amazoniens die zahlreichsten Hügel baut, die weich genug sind, um mit einem Messer zerschnitten werden zu können. »Der ganze große Districkt hinter Santarem«, so erzählt er, »ist dicht mit ihren Hügeln bedeckt und alle sind mit einander durch ein System von Straßen verbunden, die mit demselben Material überwölbt sind, aus welchem die Hügel bestehen. So kann man die ganze Masse von dieser Art als eine einzige große Familie betrachten, und das erklärt das System ihres Nestbaues. Es giebt Nester von jeder Größe, von kleinen Klümpchen um den Grund eines Grasbüschels an bis zu den größten Hügeln und in allen Zwischenstufen ihres Wachsthumes.«

Viele Termiten leben unter Steinen, begeben sich auf unterirdischen Gängen nach dem Holzwerke und nach andern ihrem Zahne zugänglichen Gegenständen und bauen nie aus der Erde heraus, wie solche Verhältnisse auch bei unsern Ameisen vorkommen.

In Guinea und der Berberei trifft man eine Art, die von ihrer Lebensweise die wandernde genannt wird. Sie kommen aus einem Erdloche heraus, ziehen unter einem eigenthümlichen Zischen, welches sie bisweilen vernehmen lassen wie die Schlangen, bewacht von einzelnen bedeutend größeren, dickköpfigen »Soldaten«, welche sich unter den Uebrigen so ausnehmen sollen, wie der Ochse unter einer Schafheerde, eine Strecke auf offener Straße und verschwinden zuletzt wieder unter der Erde.

Vogel begegnete auf seiner Reise in das Innere Afrika's zwischen Mursuk und Kuka Röhren von 26 bis 78 mm. Durchmesser, welche meist senkrecht bis 47 cm. tief in den Sand hineinreichen und von ihm für die Erzeugnisse einer Termitenart gehalten wurden, die in Bornu sehr gemein ist und die mit vielen andern Arten die Gewohnheit hat, Holz, Baumzweige, Grashalme und dergl. zuerst mit einer Erdrinde einzumauern und sie dann unter dem Schutze dieser Ummauerung zu verzehren. In den Wäldern fanden sich Röhren von sehr bedeutendem Umfange, die vor Zeiten stärkere Baumstämme umschlossen hatten. Wie tief manche Termiten eindringen, zeigte sich in Louisiana bei Anlage eines Brunnens, wo man über acht Meter tief dergleichen Röhren aufgefunden hat.

Neuerdings hat Fritz Müller in der »Jenaischen Zeitschrift für Medizin und Zoologie« (VII. 3. 1872) über die Wohnungen der südamerikanischen Termiten interessante Mittheilungen veröffentlicht und bei dieser Gelegenheit das unterirdische Nest einer kleinen Art abgebildet, die er T. Lespesi nennt. Dasselbe hat die Gestalt einer spannenlangen Wurst oder Walze, um welche sich flache, durch seichte Furchen geschiedene Wülste gürtelartig herumziehen. Auf diesen Ringwülsten verlaufen schmale (2 mm. breite Längswülste, jede von einer Längsfurche in ihrer Mitte durchzogen. Dieselben sind nicht immer gleichlaufend und in ihren Entfernungen wesentlichen Schwankungen unterworfen. Diese Quer- und Längswülste im Aeußern entsprechen Zellenetagen im Innern, welche alle durch wendeltreppenartige Gänge unter sich verbunden sind und oben einen einzigen Ausgang in das Freie haben. Dieser führt zu alten Baumstumpfen und ohne Zweifel auch zu anderen Nestern. Bricht man ein kleines Loch in eine Wand des Hauses, so untersuchen die Soldaten bedächtig den Schaden, und die Arbeiter erscheinen sofort, um denselben mit ihrem Kothe wieder auszubessern. Reißt man dagegen von einem Stockwerke ein größeres Wandstück los, so ziehen sich die Einwohner in die zunächst gelegenen Stockwerke zurück und schließen mit ihrem Kothe die engen Zugänge zu diesen in kürzester Zeit. Auf solche Weise läßt sich leicht das Haus von Stockwerk zu Stockwerk gegen eindringende Feinde vertheidigen.

Außer den einfachen Erdbewohnern und solchen Termiten, welche aus der Erde herausbauen, giebt es nun auch Baumtermiten, die nur in alten Baumstämmen ihren Aufenthalt nehmen und nicht selten wie die Erdtermiten aus denselben nesterartig herausbauen. Nach F. Müller sind diese Nester ursprünglich die Abtritte der Termiten, die aber auch, wenn der Raum im Innern nicht mehr ausreicht, zu Brutstätten benutzt werden können. Schneidet man ein Stück eines so aus dem Baume heraus, nicht an ihn herangebauten Nestes ab, so ziehen sich die Arbeiter zurück, und es erscheinen spitzköpfige Soldaten in großen Mengen und laufen, mit den Fühlern tastend, eifrig hin und her. Nach einiger Zeit kehren die Arbeiter zurück. Jeder betastet zuerst den Rand der zu schließenden Oeffnung, dreht sich dann um und legt ein braunes Würstchen an den Rand ab. Dann eilt er sofort in das Innere des Nestes, um den andern, die in dicht gedrängten Scharen nachfolgen, Platz zu machen, oder er dreht sich nochmals um, damit er sein Werk betaste und nötigenfalls zurechtrücke. Einzelne Arbeiter bringen auch wohl zwischen den Kinnbacken kleine Bruchstücke der alten Wand, die beim Oeffnen des Nestes in dasselbe gefallen sind, und fügen sie in die im Baue begriffenen noch weichen Wände ein. An dicken Stämmen nimmt ein solches Nest nur eine Seite ein, an dünneren geht es ringsherum, an den Spitzen alter Stubben bildet es eine Kuppel. Je älter es ist, desto härter wird es. Seine äußersten Räume enthalten nur Arbeiter und Soldaten, so wie kurz vor der Schwärmzeit im Dezember geflügelte Termiten, dann folgen Larven, die nach innen zu immer kleiner werden, im Herzen endlich, in durch nichts ausgezeichneten Räumen ungeheure Massen von Eiern; schließlich König und Königin. Durch Zwischenwände sind diese Räume von einander getrennt und durch zahlreiche Löcher unter sich verbunden. Eine dem Termes Rippertii nahe stehende Art, welche jedoch der Gattung Eutermes zuertheilt worden, lebt in der angegebenen Weise.

Nicht minder wie durch ihren Nesterbau haben die Termiten durch ihre Verheerungen an menschlichem Eigenthume die Aufmerksamkeit der Reisenden auf sich gezogen und hierdurch Furcht und Schrecken eingeflößt.

Kämpfer erzählt in seinem Werke über Japan, wie sie in einer Nacht unten in einem Fuße in einen Tisch hinein, durch die Platte hindurch und am entgegengesetztem Beine unten wieder herausgegangen sind. Gelangen sie unter einen Koffer, einen Schrank, so fressen sie sich durch den Boden hindurch und zerstören in einer Nacht den ganzen Inhalt. So hatten die »Ardas«, wie sie im Sudan genannt werden, beispielsweise in einer Nacht einen kartonnirten Atlas und die Hälfte von dem Futterale eines Fernrohres zerstört, jenen derartig, daß äußerlich nichts zu sehen war, sondern erst beim Aufnehmen desselben zum Gebrauche der Schaden entdeckt wurde. Ein Araber schlief bei Burnu, ohne es zu ahnen, auf einem Termitenneste ein und wachte am andern Morgen – nackt auf; denn alle seine Kleider, deren nicht viel gewesen sein mochten, waren mittlerweile aufgezehrt worden.

Forbes fand bei Besichtigung seines Zimmers, welches während einer Abwesenheit von wenigen Wochen verschlossen gewesen war, einige Möbels zerstört und an der Wand eine Anzahl von Gängen, die nach gewissen Bildern hinführten; die Gläser erschienen sehr dunkel und die Rahmen stark bestäubt. Bei näherer Untersuchung fanden sich die hölzernen Rahmen, die Hinterbretter und ein Theil der Kupferstiche mehr weniger aufgezehrt und die Glasscheiben durch Kitt von den Termiten an der Wand befestigt.

Die stolze Residenz des Generalgouverneurs in Kalkutta, welche der Ostindischen Gesellschaft ungeheure Summen gekostet hat, soll nach einer Nachricht aus dem Jahre 1814 dem Einsturze nahe gewesen sein, und ein britisches Linienschiff, der »Albion« mußte vor Zeiten auseinandergeschlagen werden, weil sich Termiten in demselben eingenistet hatten. Die Stadt Valencia in Neu-Granada ist durch ihre unterirdischen Gänge unterminirt und hängt gegenwärtig über gefährlichen Katakomben. Réaumurs Geburtsort, das alte Larochelle am atlantischen Ocean, zeigt Spuren der verheerenden Arbeiten dieser Thiere am Holzwerke eines Stadttheils. Ganze Gebäude sind von ihnen zernagt, ohne daß man äußerlich etwas. bemerkt, und mit banger Besorgniß sehen die Bewohner der weiteren Zukunft entgegen.

Das Gefährliche dieses Treibens besteht in der Heimlichkeit, so daß erst nach langer Zeit und zu spät ein Zerstörungswerk entdeckt wird, dem kein Einhalt mehr geboten werden kann. Man fährt fort, Stützpunkten zu vertrauen, die eines Morgens plötzlich zusammenbrechen, schläft ruhig unter den Dächern, die vielleicht am nächsten Tage nicht mehr sind!

Handelt es sich nicht um menschlichen Besitz, so bietet eine derartige Lebensweise für den Haushalt der Natur große Vortheile. Der Stoffwechsel wird außerordentlich beschleunigt und abgestorbenes, der Verwesung anheimfallendes Holz wird in kürzester Zeit in einen Boden verwandelt, der in kräftigster Weise neuen Pflanzenwuchs erzeugt. Ueberdies dienen die Termiten zahlreichen Thieren zur Nahrung, die Gürtelthiere und Ameisenfresser sättigen sich fast ausschließlich an ihnen, zahlreiche Insektenfresser unter den Vögeln stellen ihnen eifrig nach, Frösche, Eidechsen, Ameisen u. a. Raubinsekten gehören zu ihren Verfolgern, und hierin mag ein Grund für ihre so versteckte Lebensweise liegen. Selbst die menschliche Zunge verschmäht sie nicht. So gilt den Indianern im Gebiete des Amazonenstromes Kopf und Bruststück der Arbeiter, welche sie »Cupim« nennen, als Leckerbissen, genau in dem Zustande, wie sie diese Theile vom Körper des lebenden Thieres lostrennen. In verschiedenen Gegenden Javas verkauft man Termiten auf den Märkten unter dem Namen »Laron« als gesuchte Nahrungsmittel. In Afrika trägt man sie in großen Kesseln heim, röstet sie in eisernen Töpfen wie Kaffeebohnen und verspeist sie Händeweise, wie anderwärts Zuckergebackenes. Nach Sparrmann werden die Hottentotten fett vom Genüsse derselben und König erzählt, daß man in Ostindien die Termitenweibchen alten Männern zu essen gebe, um ihnen dadurch das Rückgrat zu stärken.

Wir haben von den Bauten, von dem Nutzen und dem Schaden der Termiten gehört, ihre Persönlichkeit und ihre Lebensweise ist uns aber bisher noch fremd geblieben. Darum in allerdings nur sehr allgemeinen Umrissen noch einige Worte auch hierüber.

Die Termiten leben, wie unsere Ameisen, Hummeln, gewisse Wespen und Bienen in Staaten, aber in solchen, wo das Kastenwesen noch weiter entwickelt ist als bei den eben genannten geselligen Immen. Während die Wespenmutter ihre Art nicht nur fortpflanzt, sondern auch für die Erziehung der Brut sorgt, bis eine kleine Gesellschaft von Arbeitern herangewachsen ist, denen sie das letztere Geschäft ausschließlich überträgt und sich nun das Eierlegen als einzige Arbeit vorbehält, sind im Bienenstaate beide Verrichtungen von allem Anfange an streng geschieden. Die Königin legt nur Eier und überläßt die Pflege der daraus entsprossenen Nachkommen den geschlechtlich unentwickelten Arbeiterinnen, welche sich jene als ihre Herrin erkoren hatten. Diese sind im Staate alles: die Ernährer, Vertheidiger und Bauleute. Noch gegliederter gestalten sich die Verhältnisse bei den Termiten. Hier giebt es außer den Männchen und eierlegenden Weibchen geschlechtlich unentwickelte Wesen von mindestens zweierlei Art. Die einen verwalten die Aemter der Architekten und Ernährer, bilden also den Lehr- und Nährstand, die andern immer größern, besonders ungeheuer großköpfigen hat man Soldaten genannt, weil sie nichts weiter zu thun haben, als die fertige Wohnung zu vertheidigen. Die arbeitenden Bienen, Wespen, Ameisen können dies selbst, hilflos gegen sie erscheinen die arbeitenden Termiten mir ihrer weichen Körperbedeckung und den zwar zum Zerstören geschickten, aber nicht zur Abwehr von Feinden gekräftigten Mundtheilen; darum wurden ihnen die blinden Dickköpfe zugesellt mit den großen Zangen, welche sie, ohne zu sehen wohin, überall in die Gegenstände einbohren, die ihnen zu nahe kommen.

Was uns in dieser Hinsicht von Spence mitgetheilt wird, ist zu interessant, um es mit Stillschweigen übergehen zu können. Wenn jemand kühn genug ist, erzählt er, ihr Haus anzugreifen und in dessen Wände einen Bruch zu machen, so ziehen sich die Arbeiter zunächst ins Innere zurück und räumen den Soldaten den Platz ein. Traf die Beschädigung nur einen äußern Theil des Gebäudes, so kommt einer heraus und recognoszirt, geht wieder hinein und schlägt Lärm. Alsbald erscheinen zwei, drei andere, schnell und dicht hinter einander hertrabend. Dann kommt eine ganze Schaar, welche sich so behend vorwärts stürzt, als die schadhafte Stelle es nur erlauben will. Ihre Menge ist während des Kampfes in beständigem Zuwachs begriffen. Kaum läßt sich beschreiben, mit welcher Wuth und Hartnäckigkeit diese kleinen Gesellen fechten. In ihrer allzu großen Hast verlieren sie zuweilen das Gleichgewicht und taumeln an den Wänden des Gebäudes hinab. Bald aber raffen sie sich wieder auf und beißen ob ihrer Blindheit alles, woran sie rennen. Mit der Dauer des Kampfes steigt ihre Wuth auf das Aeußerste. Wehe dem, dessen Händen oder Beinen sie beikommen können! Mit ihren säbelförmigen Kinnbacken hauen sie so tief ein, daß sogleich Blut fließt, und eher lassen sie sich in Stücke reißen als los vom Feinde. Die nackten Füße der Neger sind dieser Qual sehr häufig ausgesetzt, und Strümpfe bieten keinen hinreichenden Schutz gegen ihren Biß.

Geht man dagegen nach dem ersten Angriffe aus dem Wege und wiederholt ihn nicht, so ziehen sie sich in weniger als einer halben Stunde in das Innere zurück. Noch ehe alle ihren Rückmarsch angetreten haben, sieht man die Werkleute schon emsig an der Wiederherstellung des Eingerissenen arbeiten, jeder bringt in seinem Maule einen Klumpen Mörtel, welcher halb so groß als das ganze Thier und schon zubereitet ist. Jedenfalls liegt das Baumaterial in einem der Gemächer vorräthig da. Es wurde oben eines anderen Baumaterials gedacht, dessen sich wieder andere Arten außer der thonigen Erde bedienen. Sowie sie damit anlangen, legen sie ihren Ballen auf die Bruchstelle, wo er ohne weiteres anklebt. Dieses geschieht mit großer Regelmäßigkeit und solcher Geschwindigkeit, daß, obgleich Tausende, ja Millionen in Thätigkeit sind, keiner dem andern in den Weg kommt. Durch die vereinigte Arbeit eines solchen Heeres erhebt sich die eingerissene Mauer unglaublich schnell.

Während sich die Bauleute auf diese Weise anstrengen, schlendert hie und da ein Soldat unter ihnen umher, ohne den mindesten thätigen Antheil an ihrer Arbeit zu nehmen. Besonders stellt einer sich dicht an die Mauer, an welcher gebaut wird, und sich nachlässig nach allen Seiten hin drehend, als ob er die Arbeiten prüfe, scheint er die Rolle eines Aufsehers zu spielen. Nach einem Zwischenräume von etwa einer oder zwei Minuten erhebt er sein Haupt, welches er seiner Schwere wegen für gewöhnlich gesenkt trägt, stößt mit seiner Kneipzange an die Wand und veranlaßt hierdurch ein vernehmbares Geräusch, dem jedesmal durch ein lautes Gezisch von sämmtlichen Arbeitern geantwortet wird. Jenes Klopfen scheint ein Zeichen zu sein, welches zur Eile antreiben soll; denn gleich darauf verdoppeln die Arbeiter ihre Schritte und steigern ihren Eifer.

Man erneuere den Angriff und sogleich wird man das unterhaltende Schauspiel von vorn beginnen sehen. Die Arbeiter verschwinden in einigen Sekunden wieder und das Militär rückt aus, ebenso zahlreich, ebenso ergrimmt wie das erste Mal. Wenn man sich weiter entfernt, arbeiten jene gleich weiter und die Soldaten verschwinden. Man wiederhole den Versuch hundertmal, immer wird man dieselben Erfahrungen machen. Nie, sei auch die Gefahr beim Angriffe noch so groß und die Arbeit beim Bau noch so dringend, wird man finden, daß die Kaste der Bauleute sich mit zum Kampfe und umgekehrt die der Krieger mit zur Arbeit bequemt.

Außer den Arbeitern und Soldaten, deren abwechselnde Thätigkeit uns soeben unterhielt, und die niemals Flügel bekommen, so daß ihre Larven durch den vollkommenen Mangel derselben von denen der geschlechtlichen, zum Theil aber schwer von einander zu unterscheiden sein würden, finden sich nun noch zu gewissen Zeiten in einer Termitenkolonie ein geflügeltes Männchen, ein größeres ungeflügeltes Weibchen und in Mehrzahl die kleinern, zu Anfang mit sehr kurzen, später aber deutlicheren Flügelansätzen versehenen Larven beider Geschlechter. Als den Zwecken dieser Mittheilungen nicht entsprechend, übergehe ich die verschiedenen andern Ansichten über den Termitenstaat, besonders auch die sehr in das Einzelne eingehenden, noch nicht zu vollkommener Klarheit gelangten Ansichten eines Lespés u. a. Der Gegenstand gehört entschieden zu den schwierigsten aus dem Gebiete der Insekten.

Ursprünglich sind die Weibchen auch geflügelt, verlieren aber diese Werkzeuge sehr leicht infolge einer Quernaht an der Wurzel, wenn sie ihrer nicht mehr bedürfen, wenn sie geschwärmt haben.

Bald nach dem ersten Sturme, welcher am Schlusse der heißen Jahreszeit die Annäherung des Winters, bekanntlich durch die Regengüsse ausgezeichnet, verkündet, haben die geschlechtlichen Larven ihre volle Ausbildung und mit ihr die vier langen, zarten, den Hinterleib weit überragenden Flügel erhalten. Wollen Sie Gebrauch von ihnen machen, so haben sie keine Zeit zu verlieren; denn, wie schon erwähnt, sitzen sie lose, wenigstens den Weibchen.

Eines Abends brechen die Insekten in ungezählten Schaaren aus ihrer Citadelle hervor, um im Genusse der noch ungewohnten Freiheit ihr Glück zu versuchen. Ihr Schwarm, theilweise vom Winde getrieben, erfüllt die Luft; sie dringen in die Häuser, löschen die Lichter aus, kommen bisweilen auf die Schiffe, welche nicht zu weit von der Küste entfernt sind. Am andern Morgen bedecken die Unglücklichen hilflos und jedem Feinde preisgegeben, da sie ihrer Flügel beraubt sind, den Erdboden, nach Umständen das Wasser und erwarten – ihren Tod, denn was wird ihnen weiter übrig bleiben?

Unbekümmert um die Außenwelt, nur darauf bedacht, ihre Bestimmung zu erfüllen, laufen die Geschlechter durcheinander, sich aufsuchend. Ein und das andre Pärchen wird von überall umherstreifenden Arbeitern aufgefunden und in Sicherheit gebracht, so nämlich erzählt man, indeß hat diese Ansicht ihre Bedenken und viel Geheimnißvolles: alle andern, deren sich keine Arbeiter ihrer Art erbarmten, gehen zu Grunde. Jenen aber huldigt man als dem königlichen Paare, schließt sie in eine Thonzelle ein, sie zu einer lebenslänglichen Gefangenschaft verurtheilend, und erwartet von ihnen eine reiche Nachkommenschaft, die Begründung einer neuen Kolonie.

Bald nach der Gefangennahme beginnt das Weibchen mit dem Eierlegen und fährt bis zu seinem Tode mit dieser Beschäftigung fort. Nach und nach wird ihm die ursprüngliche Zelle zu klein, man erweitert sie und läßt Oeffnungen, die nur zum Ein- und Ausgehen der bedienenden Arbeiter und etwa Wacht haltenden Soldaten geeignet sind. Man hat Weibchen aufgefunden – es ist auch ein solches oben abgebildet worden – welche zu wahrhaft unnatürlicher Größe und in fast eckelerregender Weise angeschwollen sind; ob alle Arten derartig auseinander gehen, weiß ich nicht, möchte es aber glauben. Wir kennen die kleinen Schafzecken, welche zur Plage dieser Thiergattung oder der Hunde am liebsten in der Nähe des Kopfes sich einbeißen und vollsaugen. Der Hinterleib, den man dann nur noch bemerkt, hängt nun gleich einer bleigrauen erbsengroßen Beule an dem gequälten Thiere, welches nichts thun kann, um seine Schmerzen zu lindern. Diese Zecken sind aber noch gar nichts gegen jene ungestalteten Termitenweibchen. Es wird erzählt, seine Eier quellen ununterbrochen hervor, so daß es deren in Tagesfrist etwa 80,000 lege. Man nehme seine Lebensdauer von zwei Jahren dazu, um sich eine ungefähre Vorstellung von der Fruchtbarkeit der Termiten zu verschaffen.

Das Männchen (Fig. c) verdeckt den länglich eiförmigen, mäßig gewölbten, neungliedrigen Hinterleib mit den zarten, von verhältnißmäßig wenigen, ungemein feinen Queradern durchzogenen Flügeln in der vorgeführten Weise. Sein Kopf ist klein wie die seitlichen Netzaugen; neben jedem nach der Stirn zu steht noch ein einfaches Auge und in dieser befindet sich eine Grube, welche man leicht für ein drittes halten könnte. Die Fühler erreichen nie die Länge des Körpers und bestehen aus 18-30 Gliedern.

Wie sich die Eier legenden Weibchen durch die vorherrschende Entwickelung des Hinterleibes, die Männchen durch die Länge der Flügel auszeichnen, so thun sich die Soldaten (Fig. b) durch die ungeheure Größe ihres Kopfes hervor, bedingt durch die Muskeln, welche die kräftigen, etwas nach oben gebogenen Zangen, die Waffen der ganzen Kolonie, in Bewegung zu setzen haben. Von der Seite gesehen, steht er nach unten, von vorn erscheint er fast viereckig, so daß der oben erwähnte Vergleich mit einem Ochsen nicht nur auf die bedeutendere Größe, sondern auch auf die Gestalt zu passen scheint. Die Fühler bestehen hier aus zwanzig sehr deutlich abgesetzten, borstenhaarigen Gliedern, deren erstes an Dicke und Länge alle folgenden weit übertrifft. Keinerlei Art von Augen sind zu entdecken, wenigstens bei der abgebildeten Art. Der mit feinen Härchen sparsam besetzte Hinterleib ist zehngliedrig.

Die Arbeiter zeigen ungefähr dieselbe Gestalt, nur sind sie bedeutend kleiner, ihr Kopf nicht in dem Verhältnisse entwickelt, trotzdem aber bilden ihre gezähnten Oberkiefer die furchtbaren Nagezangen, denen außer Stein und Metall nichts zu widerstehen vermag. Das sind die Thiere, welche schon Linné die Geißel beider Indien genannt hat, die aber, wie wir schon sahen, ihre Herrschaft bedeutend weiter ausbreiten und es sich in südlicheren Theilen von Europa ganz wohl gefallen lassen zum Schrecken der ihre Wohnungen mit ihnen unfreiwillig theilenden Menschheit.

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