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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 92
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Die blauflügelige Wasserjungfer.

( Calopteryx virgo)
siehe Bildunterschrift

Männchen der genannten Art, Larve mit ausgestreckter Maske unter ihr. a. Kopf mit geschlossener Maske in der Unteransicht, b. Maske allein und geöffnet (a und b vergrößert).

Die Wellen eines sanft dahin gleitenden Baches spielen mit den Stengeln der ihn umzäunenden Wassergräser und schlanker, über alle andern hervorragender Schilfhalme, daß sie leise flüstern, auch ohne den geringsten Windhauch. Ein steinernes Thor läßt jenem den Weg unter dem Eisenbahndamme offen, welcher wie eine Mauer die Gefilde durchschneidet. Kühlung verbreitend tritt er daraus hervor und verfolgt geräuschlos seine Bahn, abwechselnd zwischen bunten Wiesenstreifen und gesegneten Fluren. Ein vereinzeltes Weidengebüsch, kräftigerer Graswuchs, hie und da ein rother Teppich der gedrängt blühenden Wasserminze oder ein Strauß des schlanken Blutkrautes bezeichnen die Schlangenwindungen seines schmalen Pfades. Lustiges Insektenvolk geht ihm nach und umschwirrt seine blumenreichen Ufer.

Das Schilf, der Weidenbusch, das Gemäuer des Brückenbogens, das sind die traulichen Plätzchen, wo sich eine schlanke, tief blau oder grün metallisch glänzende Wasserjungfer, durch ihre stahlblauen oder dunkelbraunen Flügel weithin sichtbar, im Monat Juli oder August gern aufhält. Sie geht ebenso wie ihre Schwestern dem Räuberhandwerke nach, aber in weniger auffälliger Weise, in scheinbar milderer Form. Schwankenden Fluges, mehr flatternd, schwebt sie von Stengel zu Stengel, wiegt sich auf diesem Blatte, oder klammert sich an jenem fest, wenn ihr das erste nicht mehr gefiel, immer die Flügel, gleich den Tagschmetterlingen, hoch haltend, mit den Oberflächen an einander gelegt. Sie scheint nur zur Kurzweil ihre trägen Umflüge zu halten, ohne Nebenzwecke, verfehlt indeß nicht, verstohlner Weise hier ein Mückchen, dort eine Fliege wegzuschnappen und ungesäumt zu verspeisen.

Ihre von der Wurzel an allmählich breiter werdenden (nicht gestielten), an den Spitzen gerundeten Flügel mit dichtem und feinem Geäder machen sie an der dunklen Farbe der ganzen Fläche hinreichend kenntlich, so daß zur Unterscheidung von andern Libellen kaum noch etwas hinzuzufügen wäre, als etwa, daß das Weibchen nicht mit dem einer andern womöglich noch mehr verbreiteten Art verwechselt werden darf: » Calopteryx parthenias«, welche sich aber durch die entschieden schmaleren Flügel auszeichnet. Da unsere Art, oder vielmehr ihre ganze Gattung doch noch einige Eigenthümlichkeiten darbietet, wollen wir dieselben nicht mit Stillschweigen übergehen. Zunächst unterscheiden sich die Geschlechter in der Färbung. Das Weibchen hat braune Flügel mit weißen Tüpfchen (Flügelmal) am Vorderrande in der Spitzennähe und einen prächtig grün erglänzenden Körper, das Männchen dagegen ist durchaus dunkelblau, in Stahl gekleidet. Genau genommen sehen seine Flügel auch braun aus, schillern aber in der Regel in jener Farbe mit Ausnahme der etwas lichteren, äußersten Spitze, doch finden sich Stücke, man hat sie »unreife« genannt Ich finde ein Exemplar dieser Art in hiesiger königl. Sammlung mit dem Namen Calopteryx vesta Charp. bezeichnet., bei denen der Schiller vollständig wegblieb und nur die braune Grundfarbe vorhanden ist. Dergleichen Flügel unterscheiden sich von den weiblichen stets durch den Mangel des weißen Males. Ferner stoßen bei unserer Libelle die Netzaugen nicht zusammen, sondern ein breiter Scheitel mit drei Nebenaugen und den kleinen, borstigen, senkrecht nach oben gerichteten Fühlern vor diesen, trennt sie, so daß der Kopf breitgezogen und wie ein kleiner Hammer vorn am Rumpfe, seinem Stiele erscheint. Der lange Mittelrücken mit seiner erhabenen Längsleiste erstreckt sich, ziemlich steil abfallend, weit nach vorn, unter ihn schiebt sich das Vorderende der Hinterbrust so weit vor, daß die Anheftungsstellen der sechs Beine, selbst der hintersten, noch vor die Einlenkung der Vorderflügel zu liegen kommen, eine Bildung, welche schon bei der vierfleckigen Wasserjungfer gewürdigt worden ist. Die schlanken, schwarzen Beine zieren regelmäßig gereihete, lange Stachelborsten. Der zehngliedrige Hinterleib, dessen erstes und letztes Glied am kürzesten, ist drehrund, d. h. ein Querschnitt stellt die Kreisform dar.

Höchst eigenthümlich gestalten sich die Liebkosungen der Libellen und ihre Weise, sich zu paaren. Bei den kleinern, breitköpfigen Arten, wozu unsere gehört, kann infolge ihres gleichmäßigeren, ruhigeren und weniger fahrigen Fluges das Gebahren leichter beobachtet werden. Wer den Libellen einige Aufmerksamkeit schenkte, sah gewiß auch schon ihrer zwei in Form einer Schlinge, eines Reifen sitzen oder umherfliegen. Wie zwei Fische manchmal immer in gerader Linie dicht hinter einander herschwimmen, so bemerkt man zunächst eine Libelle der andern auf der Ferse nachfolgen; ihr Flug ist dabei vom gewöhnlichen verschieden, mehr zögernd und ziehend. Voran fliegt das Männchen. Neckisch faßt es jetzt mit seinen beiden Haltzangen am Ende das Weibchen im Genick. Dieses biegt nun auf diese ihm schmeichelnde Gunstbezeugung den schlanken Hinterleib nach unten vor und läßt ihn an seiner Spitze von einem doppelten, hakenförmigen Apparate, der beim Männchen am Bauche des scheinbar halbirten zweiten Leibesringels sitzt, festhalten. Die Umschlingung ist so fest und innig, daß sie zunächst so leicht nicht gelöst werden kann. Man ist grausam genug gewesen, die armen Thiere in dieser Stellung zu fangen und ihnen die Köpfe einzudrücken, und vereint sind sie gestorben. Wer sich für die Geschlechtsorgane der Libellen näher interessiert, den verweisen wir auf eine Arbeit von Rathke: de Libellularum partibus genitalibus Regiom. 1832, 4º c. tab. 3, und auf eine Beobachtung von v. Siebold, welche in Wiegmanns Archiv 1831. I. S. 375 zu finden. Außerdem machen wir auf eine schätzenswerthe Arbeit von Hagen über die Libellen-Larven aufmerksam. Sie steht unter dem Titel: »Leon Dufour über die Larven der Libellen mit Berücksichtigung der frühern Arbeiten von H. Hagen« in der Stett. Entomolog. Zeitung XIV. (1853) p. 93, 237, 260, 311, 334.

Wie im vollkommenen, so zeigt diese Gattung auch im noch unentwickelten Zustande, während ihres Wasserlebens, einige Formenverschiedenheiten von den größern Wasserjungfern, und zwar vor allem in den beiden Hauptpunkten, der Maske und den Athmungswerkzeugen. Jene ist hier lang und flach, vorn gespalten, ihre Haltzangen sind lang und zart und bedecken die Mundtheile nicht von oben, sondern nur von unten, können daher von oben nicht gesehen werden wie dort. Man vergleiche Fig. a und b in unserer Abbildung. Die langen Fühler stehen vor den Augen, ihr dickes, kantiges Grundglied übertrifft die sechs noch übrigen an Länge. So überragen auch die Beine, wenn sie angezogen werden, den Hinterleib. Dieser zeigt sich im Vergleich zu dem der vorigen Art lang und schlank, fast ganz rund und trägt die Kiemen wie Schwanzflossen äußerlich. Die untern derselben sind schmal, fast dreikantig, die mittlere oder obere kürzer, breiter, mehr blattförmig. Uebrigens scheint hier der Darm noch außerdem an der Athmung Theil zu nehmen, was bei zwei andern Gattungen ( Lestes und Agrion) nicht mehr der Fall, wo die Flossenkiemen des Schwanzes diese Verrichtung ausschließlich ausüben. Die Kiemen, sowie die Maske verschwinden natürlich mit der letzten Häutung, mit dem Uebergange in den vollkommenen Zustand.

Alle Libellen, welcher Form sie auch sein mögen, athmen durch seitliche Luftlöcher, welche an der Brust und in Mehrzahl an dem Hinterleibe sitzen, wo sie in den Hautfalten zwischen den einzelnen Gliedern verborgen liegen. Sie fangen ihren Fraß mit den kräftig entwickelten, bei der vorigen Art genauer beschriebenen Kauwerkzeugen selbst; das vermittelnde Glied, die Maske, ist nicht mehr nöthig, weil die vier langen Flügel ihnen zehnfach ersetzen, was ihnen vorher während ihres schwerfälligeren Wasserlebens an Gewandtheit abging.

Neben der näher besprochenen blauflügeligen Wasserjungfer treiben den Sommer über zahlreiche kleinere, weit zartere Arten ihr Spiel in ähnlicher Weise wie jene. Sie gehören verschiedenen Gattungen an, von denen Agrion die bei weitem reichste an zierlichen, in beiden Geschlechtern nicht selten verschieden gefärbten Arten ist.

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