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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 90
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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VI. Geradflügler.

( Orthoptera)

Die Eintagsfliegen, Ephemeriden. Insonderheit die gemeine Eintagsfliege und das Uferaas, Aust.

( Ephemera vulgata, Palingenia horaria)
siehe Bildunterschrift

Gemeine Eintagsfliege aus dem Zustande des Subimago in den des Imago übergehend. Uferaas, darunter eine Ephemeridenlarve (Alle Figuren in natürlicher Größe.)

»Ephemer«, ein aus dem Griechischen stammendes Wort, bedeutet in unserer Sprache »auf einen Tag« und wird darum von Erscheinungen gebraucht, welche von nur sehr kurzer Dauer sind. Gewisse Insekten gehören zu diesen Erscheinungen und sind deshalb von den Kundigen ganz passend mit dem Namen » Ephemera«, zu deutsch also »Eintagsfliegen« belegt worden. Wir alle haben schon ein und die andere Art dieser sonderbaren Geschöpfe zu Gesicht bekommen, die bisweilen in unglaublichen Mengen vorhanden und in den früheren, finsteren Zeiten natürlich mit Mißtrauen betrachtet, als Vorboten schlimmer Dinge angesehen worden sind.

Während der Sommermonate sieht man von diesen Thierchen ein und die andere, größere oder kleinere Art, die man verschiedenen Gattungen zuertheilt hat, in der Nähe eines fließenden Gewässers an einem Baumstamme, einer Brückeneinfassung, auf einem Blatte etc. sitzen, immer aber mit emporgerichteten Flügeln, oder an warmen Abenden sich in kleineren Gesellschaften in der Luft wiegen. Die Stille des Abends mit seinen heiligen Schauern trägt nicht wenig dazu bei, der Phantasie einen mächtigen Schwung nach oben zu verleihen und mit poetischen Gefühlen zu schauen jene ephemeren Erscheinungen in dem Genusse ihres geflügelten Daseins. Sie scheinen in ihrem Florgewande, bestrahlt vom Golde der sinkenden Sonne, wenn sie sich senkrecht erhoben und ohne Flügelbewegung in derselben Richtung wieder herabfallen, kaum etwas Körperliches an sich zu tragen, sie mahnen an verklärte Geister, welche Leben und Wonne trinken in dem Strahlenglanze göttlicher Gnade. Du empfandest vielleicht mit dem Dichter, wenn er das Treiben der Sylphiden, jener leicht beschwingten Luftgeister schildert: »Sie entfalten der (scheidenden) Sonne ihre Flügel, schwimmen auf den Lüftchen und fallen nieder in goldenem Gewölk, durchsichtige Formen, allzu zart für des Sterblichen Auge. Locker flog ihr luftiges Gewand, zartes flimmerndes Gewebe des (Morgen)thaues, in die schönsten Himmelsfarben getaucht, wo das mannigfaltigste Farbengemisch, vom Lichte verklärt, schillert«.

Kehren wir von den Geistern zurück und betrachten den Körper eines dieser Thiere, der gemeinen Eintagsfliege, etwas genauer. Vor allem fallen am Ende des dünnen, cylindrischen Leibes die drei mächtig langen Schwanzborsten in die Augen, beim Männchen wenigstens fast von doppelter Körperlänge 32 mm., beim Weibchen kürzer. An jenem ragen auch nach vorn zwei lange Fäden neben einander vor, welche man für Fühlhörner halten möchte. Ein prüfender Blick läßt jedoch sogleich die beiden Vorderbeine in ihnen erkennen, deren Schienen und Fußglieder so bedeutend in die Länge gezogen sind; dies gilt besonders vom zweiten Fußgliede, während das erste kaum den achten Theil von jenem mißt. Die weiblichen Vorderbeine bleiben weit hinter dieser Länge zurück. Die Fühler bemerkt man ihrer Kleinheit wegen kaum; sie sind pfriemförmig, ihr erstes Glied kürzer und dicker als das zweite. Die ungetheilten Netzaugen sind durch den breiten Scheitel getrennt, auf welchem noch zwei Nebenaugen stehen. Die Mundtheile, weil verkümmert, sind zum Fressen unbrauchbar und wegen des ephemeren Lebens unnöthig. Von den vier Flügeln, welche aufrecht getragen werden, haben die etwa viermal größern vorderen im Vergleiche zu den hintersten, eine beinahe dreieckige Gestalt; ihr Geäder, besonders reich an querlaufenden Rippen, fällt wegen der dunkeln Färbung vorzugsweise in die Augen. Eine ebenso rauchbraune, abgekürzte Mittelbinde zeigt sich außerdem noch auf den Vorderflügeln. Das ganze Thier sieht braun aus, nur auf dem Hinterleibe wird die düstere Färbung durch gereihete, zum Theil zusammenfließende, pomeranzengelbe Flecke unterbrochen. Ende Mai, Anfangs Juli fällt die Flugzeit.

Bei den meisten, vielleicht allen Ephemeren findet sich eine Eigenartigkeit, die sonst nicht wieder vorkommt. Nachdem sie der Larvenhülle entschlüpft und vollkommen erhärtet sind, sofern diese zarten Wesen überhaupt hart werden können, und bereits von ihren Flügeln Gebrauch gemacht haben, häuten sie sich noch einmal und zwar mit Einschluß ihrer Flügel. Der Unterschied im Ansehen des Thieres zwischen der letzten und vorletzten Häutung ist nicht unbedeutend. Vor derselben erscheinen alle Glieder plumper, kürzer und dicker, und die Haut hängt schlotternd an allen Stellen: die Farbe erscheint matter, unrein, besonders an den Flügeln. In diesem Zustande hat man es Subimago genannt, weil man jedes vollkommene Insekt im Gegensatze zu seinem Larven- und Puppenzustande auch » Imago« heißt. Nach der letzten Häutung, also am Imago treten alle Theile schärfer, reiner, tiefer gefärbt hervor, alles ist glänzender, frischer, die äußern Werkzeuge, besonders die Vorderbeine der Männer, sind länger, aber weniger kräftig. Mithin kann man nach einiger Uebung einem Hafte bald ansehen, ob es Subimago oder Imago ist. Bisweilen sieht man die Haut genau in Form des Thieres an Planken, Baumstämmen etc. in der Nähe des Wassers sitzen, aber hohl und mit einer Längsspalte auf dem Rücken. Nicht blos im Sitzen häuten sich die Eintagsfliegen das letzte Mal, selbst im Fluge glaube ich diese Verjüngung bemerkt zu haben.

Wo kommen sie her, jene zarten Wesen, bei denen meist Erscheinen und Verschwinden, Leben und Sterben fast zusammenfallen? Der aufmerksame Leser wird es errathen können, wenn er es nicht schon wüßte. Das Wasser (besonders fließendes), so reich an wunderbaren Gebilden aller Art, birgt auch die Eintagsfliegen bis zum Augenblicke ihres ephemeren Erscheinens, hat aber mehr Ansprüche an sie, als der abendliche Lufthauch; denn es ernährte dieselben unter Umständen ein (oder zwei) Jahre.

Als Wasserbewohner athmen sie durch Kiemen, in deren Form und Haltung mancherlei Unterschiede wahrgenommen werden. Die Einen der Larven tragen sie wagerecht als flossenförmige Ruder an den Seiten ihres Leibes, wie in unserer Abbildung, andere ziemlich senkrecht nach oben, wie gefiederte Flügelchen, noch andere legen sie dicht auf den Leib, so daß sich ihre nach hinten gerichteten Spitzen mitten auf dem Rücken berühren. Zwischen sechs und sieben Paaren wechselt die Zahl der Kiemen. Nach der Verschiedenheit ihres Baues scheint auch die Lebensweise der einzelnen Larvenarten unter sich etwas abzuweichen. Jene schwärmen, bald schwimmend, bald laufend, umher, diese verstecken sich unter Steinen und Holz, oder bauen sich am Ufer Gänge, welche sie so gut wie nicht verlassen. Zu letzterem gehört auch die Larve unserer Eintagsfliege. Es versteht sich wohl von selbst, daß ihre Wohnungen, weil sie aus wagerecht, höchstens 52 mm. nach hinten führenden Röhren bestehen, nur in weichem, nie in kiesigem Boden angelegt werden können. An günstigen Stellen findet man denselben siebartig durchlöchert, öfter 62 bis 299 cm. über und ebenso tief unter dem Wasserspiegel. Erstere Wohnungen sind stets leer und verlassen, weil das Lebenselement ihrer frühern Insassen, das Wasser, zurückgewichen ist. In der Regel besteht eine Wohnung aus zwei nebeneinander liegenden, durch schmale Scheidewand getrennten Gängen. Die Wand ist am Ende durchbrochen, so daß das vorkriechende Thier sich nicht umzuwenden braucht, sondern um die Scheidewand herum in der Nachbarröhre wieder nach vorn gelangt. Daß häufig diese Wände vom Wasser oder durch das viele Vorbeikriechen zerstört werden, läßt sich leicht denken.

Betrachtet man die Larve etwas genauer, so erkennt man, daß ihr die Anlage ihrer einfachen Wohnung eben keine besondern Schwierigkeiten verursachen kann. Vorn am Kopfe sitzen ihr zwei starke, zangenartige Oberkiefer, darunter ein Paar spitzer Unterkiefer nebst starker Unterlippe. Die Vorderbeine sind kurz und kräftig, nach vorn gerichtet und mit einer Klaue versehen, beinahe wie die Freßzangen gestaltet, ebenso das mittlere Paar; das hinterste ist länger und nach hinten gerichtet.

Das Graben geht ihr leicht von statten, wie man sehen kann, wenn man sie auf Schlamm setzt; denn sofort arbeitet sie sich mit Kiefer und Vorderbeinen in denselben hinein. Dieser ist ihr eigentliches Element, ihn findet man auch viel in ihrem Darme. Verwesende organische Stoffe aus demselben dienen ihr also zur Nahrung. Die Körperfarbe der Larve ist gelblichweiß, nur die Oberkiefer, Augen und Kiemengefäße sind braun. Man könnte darum die Kiemen für fadenförmig halten, weil die an ihren braunen Röhren sitzenden feinen Blättchen farblos und durchsichtig sind und beim Anliegen am Körper nicht auffallen. Drei gleich lange Schwanzborsten trägt die Larve, wie das geschlechtsreife Kerf, nur daß sie bei ihr bedeutend kürzer und stark behaart sind.

Obgleich man keine bestimmte Beobachtungen darüber angestellt hat, so unterliegt es wohl keinem Zweifel, daß sich die Larven mehrere Male häuten und daß sich mit diesen Häutungen die Flügelstumpfe einstellen. Wir begegnen hier zum ersten Male dein Falle, wo bei der Entwicklung der Ruhestand der Puppe wegfällt und die Larve im Wesentlichen bis auf den Mangel der Flügel mit dem Geschlechtsthiere übereinstimmt, also in kurzer Ausdrucksweise: eine unvollkommene Verwandlung stattfindet. In welchen Zeitabschnitten diese Umwandelungen vorgehen und wie lange überhaupt vom Ei an bis zur fertigen Eintagsfliege nöthig, darüber habe ich keine Gewißheit, möchte aber gegen meine frühere Annahme eine kürzere Frist, vielleicht doch nur die eines Jahres annehmen.

Fühlt die Larve, daß ihre Zeit gekommen, so verläßt sie ihre Schlammwohnung, rudert nach der Oberfläche des Wassers, und da sie einmal von jetzt an Eile hat, so sind im Nu alle ihre Glieder aus den umschließenden Scheiden heraus und das geflügelte Insekt erhebt sich in die Luft, so daß man bei nicht recht scharfer Beobachtung meinen sollte, es käme aus dem Wasser herausgeflogen. Es setzt sich an einen Gegenstand in der Nachbarschaft fest, streift, wie wir gesehen haben, noch einmal seine Haut ab, um das Festgewand anzulegen. Der Abend ist mittlerweile herangekommen, und nun beginnen die hochzeitlichen Tänze als kurzer, aber gewiß schöner Lebenstraum. Höher oder tiefer auf dem Wasser schwebend, lassen die Weibchen ihre gelben Eier in dasselbe herabfallen und kurze Zeit nachher sich selbst als – Leichen.

Die gemeine Eintagsfliege und verschiedene, durchschnittlich kleinere Arten kann man während des Sommers in der Nähe von Wasser einzeln immer an den verschiedensten Gegenständen bei Tage sitzen sehen. Gewisse Arten dagegen zeigen sich nur des Abends und dann zeitweise in ungeheuren Mengen und bieten dann Schauspiele wunderbarer Art, welche nur denjenigen zu Theil werden, die, wie die Fischer aus das Wasserleben angewiesen sind, oder eben vom Glücke begünstigt, Zuschauer sein dürfen. Zwischen dem zehnten und fünfzehnten August wird von den Fischern der Seine und Marne diejenige Art erwartet, welche Réaumur beschreibt. Sie nennen dieselbe »Manna« und wenn ihre Zeit gekommen, so pflegen sie zu sagen: »das Manna fängt an sich zu zeigen, das Manna ist diese Nacht häufig, im Ueberflusse gefallen«, wodurch sie entweder auf die erstaunliche Menge von Nahrung, welche die Eintagsfliegen den Fischen darreichen, oder auf die reiche Fülle ihrer Netze beim Fischfange anspielen wollen.

Réaumur lernte diese Eintagsfliegen im Jahre 1738 zum ersten Male kennen, wo sie sich nicht eher als den 18. August in Menge zeigten. Als er am 19. August von seinem Fischer das Erscheinen des »Manna« vernommen hatte, bestieg er drei Stunden vor Sonnenuntergang einen Kahn, löste vom Ufer des Flusses mehrere Erdmassen, welche mit reifen Larven erfüllt waren, los und setzte sie in einen großen Kübel mit Wasser. Nachdem dieser bis gegen acht Uhr in dem Kahne gestanden ohne daß er eine beträchtliche Menge von Haften gebracht hatte, und ein Gewitter im Anzuge war, so ließ der berühmte Forscher denselben in seinen Garten bringen, an welchem die Marne vorbeifloß.

Noch ehe die Leute den Kübel an das Land brachten, kroch eine ungeheure Menge von Ephemeren aus demselben hervor. Jedes Stückchen Erde, welches über das Wasser hervorragte, ward von denselben bedeckt, indem einige ihren Schlammsitz zu verlassen begannen, einige zum Fliegen bereit und andere bereits im Fluge begriffen waren; überall unter dem Wasser konnte man sie in einem höheren oder niederen Grade der Entwickelung beobachten.

Als das Gewitter sich näherte, war Réaumur gezwungen, sich zurückzuziehen, kehrte aber sogleich wieder zurück, nachdem der Regen aufgehört hatte. Als der Deckel, den er auf den Kübel hatte legen lassen, abgenommen worden war, zeigte sich die Anzahl der Fliegen bedeutend vermehrt und wuchs noch immer. Viele flogen hinweg, noch mehr ertranken im Wasser. Die schon verwandelten und noch in der Verwandelung begriffenen würden allein hingereicht haben, den Kübel anzufüllen; doch wurde ihre Anzahl bald von anderen, welche das Licht anzog, vergrößert. Um zu verhindern, daß sie sich nicht ersäuften, ließ er den Kübel wieder bedecken und das Licht darüber halten, welches gar bald vom Schwarme der Anstürmenden verlöscht wurde, die man händeweise von dem Leuchter wegnehmen konnte.

Das Schauspiel um den Kübel blieb hinter der wunderbaren Erscheinung längs des Flußufers weit zurück. Die Verwunderungsäußerungen des Gärtners zogen unsern Forscher dorthin. Welch ein Anblick! Er war ihm vollkommen neu und so überraschend, daß er – der Franzose – kaum Worte finden kann, denselben zu schildern.

»Die Myriaden Hafte,« erzählt er, »welche die Luft anfüllten, über dem Strome des Flusses und auf dem Ufer, wo ich stand, können weder ausgesprochen, noch gedacht werden. Wenn der Schnee fällt mit den größten Flocken und in dem geringsten Zwischenraume, so ist die Luft nicht so voll von demselben, als sie hier von Haften war. Kaum stand ich einige Minuten auf einer Stufe, als die Stelle mit einer Schicht derselben von zwei bis vier Zoll in der Dicke bedeckt wurde. Neben der untersten Stufe war eine Wasserfläche von fünf bis sechs Fuß nach allen Seiten gänzlich und dicht von ihnen zugedeckt und was der Strom wegtrieb, wurde unaufhörlich ersetzt. Mehrere Male war ich gezwungen, meine Stelle zu verlassen, weil ich den Schauer von Haften nicht ertragen konnte, der, nicht so beständig in schiefer Richtung wie ein Regenschauer einfallend, immer und auf eine sehr unangenehme Weise von allen Seiten mir in das Gesicht schlug; Augen, Mund und Nase waren voll davon. Bei dieser Gelegenheit die Fackel zu halten, war eben kein angenehmes Geschäft. Die Kleider des Mannes, der sie trug, waren in wenig Augenblicken von diesen Fliegen bedeckt, gleichsam überschneiet. Gegen 10 Uhr war dieses interessante Schauspiel zu Ende. Einige Nächte darauf erneuerte es sich, allein die Fliegen zeigten sich nicht mehr in der Menge. Die Fischer nehmen nur drei auf einander folgende Tage für den großen Fall des sogenannten Manna an; doch erscheinen einzelne Fliegen sowohl vor als nach denselben, deren Anzahl sich in dem einen Falle vermehrt, in dem andern vermindert. Wie immer auch die Temperatur der Atmosphäre beschaffen sein möge, kalt oder heiß, erschienen diese Thiere unveränderlich um dieselbe Stunde des Abends, d. h. zwischen acht einviertel und einhalb; gegen neun Uhr beginnen sie die Luft zu erfüllen, in der folgenden halben Stunde ist ihre Anzahl am größten, und um zehn sind kaum einige zu sehen, so daß in weniger als zwei Stunden dieses unendliche Fliegenheer aus dem Flusse, der sie zur Welt bringt, hervorgeht, die Luft erfüllt, sein bestimmtes Werk verrichtet und – verschwindet. Eine große Anzahl fällt in das Wasser, den Fischen zum reichlichen Mahle, den Fischern zum glücklichen Fang.« So weit Réaumur (VI. S. 479 ff.).

Das von Réaumur beschriebene »Manna« der französischen Fischer ist keine andere Art als das auch im mittleren Deutschland verbreitet vorkommende Uferaas, Aust ( Palingenia honoria), eine durchaus trüb milchweiße Eintagsfliege, deren Stirn, Augen und Vorderbeine theilweise schwarz, auch der Vorderrand der Vorderflügel dunkler (grau) gefärbt sind. In beiden Geschlechtern kommen zwei Nebenaugen und an der Spitze des gelblich weißen Hinterleibes drei Schwanzborsten vor, die länger beim Männchen als beim Weibchen sind, deren mittelste jedoch hinter den beiden äußern an Länge merklich zurückbleibt.

Es mochte im Jahre 1838 gewesen sein, in welchem mir das Aust – wahrscheinlich eine Verstümmelung von August, des Monats der gewöhnlichen Erscheinungszeit – zuerst in meinem Leben zu Gesicht kam und zwar als unförmliche Klumpen von halber Größe der Straßenlaternen, an denen man es todt da hängen sah, wo eines der zahlreichen Flüßchen die äußere »Pleißenstadt« vor Wassermangel schützt. Die Erscheinung fiel mir auf, ohne daß ich dem Insekt selbst weitere Aufmerksamkeit damals geschenkt hätte, und nur durch die mehrmalige Wiederholung ähnlicher Vorkommnisse hier in Halle wurden alte Erinnerungen wach gerufen. Das interessanteste Bild, ganz demjenigen entsprechend, welches Réaumur beschreibt und um die Flamme einer Kerze abbildet, bot sich mir am 26. Juli 1865 dar.

Es war Abends nach zehn Uhr, als mich mein Weg an einer mehrarmigen Laterne auf dem hiesigen Marktplatze vorbeiführte. Die wunderbare Erscheinung bannte mich lange fest an jene Stelle. Tausend und abertausend der in Rede stehenden Hafte umkreisten in größeren und kleineren Zirkeln, die sich vielfach durchschnitten, aber keineswegs in einen Wirrwarr auflösten, die Licht und Wärme ausstrahlenden Gasflammen. Was zu nahe der Wärmequelle kam, fiel mit versengten Flügeln sofort zu Boden, andere mochten der Ermattung unterliegen, kurz, der fortschreitende Fuß hatte in der nächsten Umgebung jener Laterne das Gefühl, als wandle er auf frisch gefallenem Schnee. Das Auffällige bei dieser Erscheinung war mir, daß jene Stelle bedeutend weiter von Armen der Saale entfernt war, als viele andere Laternen, an denen mich mein Heimweg vorbeiführte, und die auch nicht die mindeste Anziehungskraft auf jene Nachtgespenster ausgeübt hatten.

Am 14. und 15. August 1876 gelangte ich zufällig wieder zu der Kenntniß von dem massenhaften Auftreten des Uferaases. Der Andrang zu gewissen, nicht allen, Straßenlaternen und zwar in nächster Nachbarschaft der Saale, war ein überwältigender, der Flug im Vergleiche zu dem eben geschilderten aber darum kein so geregelter, weil die Häuserwände den Raum beschränkten und keine Kreise, oder wenigstens nur in sehr beschränkter Richtung zuließen.

Eine Anzahl von Kindern lagen auf ihren Knieen, rafften die Massen, sie in Ballen zusammenknetend, auf und füllten ihre Schürzen damit. Warum, war mir klar und bewiesen die nächstfolgenden Tage, an denen man weit zahlreichere Angler an der Saale und deren Armen umherstehen sah, als zu gewöhnlichen Zeiten. Man war nicht verlegen um einen vortrefflichen Köder. Eine Laterne in einer Hausecke übte besondere Anziehungskraft für die Hafte aus und zu Hunderten hingen dieselben noch viele Tage nachher in den Spinneweben, mit welchen jene Ecke in reichem Maße ausgekleidet war.

Die in Ungarn unter dem Namen der »Theisblüte« bekannte Erscheinung ist nichts anderes als das massenhafte Auftreten einer nahe verwandten, ungefähr noch einmal so großen Art, der Palingenia longicauda, an den Ufern des genannten Flusses. Sollte sie es sein, welche auch in Kram lebt, so würde ich es für keine Uebertreibung halten, wenn Scopoli berichtet, daß im Juni aus dem Flusse Laz Hafte emporstiegen, die nach ihrem Tode einen Dünger lieferten, dessen sich die Landwirthe bedienen und von dem einer nur wenig gesammelt zu haben meine, wenn er nicht wenigstens zwanzig Ladungen eingeheimst hat.

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