Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ernst Ludwig Taschenberg >

Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 89
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
Schließen

Navigation:

Die Netz- oder Gitterflügler.

( Neuroptera)

Unsern Insektenbildern liegt die »Systematik« d. h. die Darlegung einer wissenschaftlichen Anordnung der Kerfe darum fern, weil sie sich Naturschilderungen auf dem betreffenden, engeren Gebiete zu ihrer Aufgabe gestellt haben. Bei der Aufeinanderfolge der einzelnen Bilder konnten verschiedene Gesichtspunkte zur Geltung kommen. Man konnte beispielsweise die Wasserinsekten, die Landinsekten, die vorherrschenden Luftbewohner, die lästigen Hausgenossen, die nützlichen Kerfe etc. zusammenfassen. Die Insektenbilder sind einem andern Plane gefolgt: sie haben, wenigstens nebenbei, auch der Systematik einigermaßen Rechnung tragen wollen, indem sie, wie der »Inhalt« vorn ergiebt, nach den allgemein angenommenen Insektenordnungen gruppirt, somit die Käfer, die Hautflügler, die Schmetterlinge, die Fliegen, die Netzflügler, die Gradflügler und die Schnabelkerfe zusammengefaßt und von jeder Ordnung einige wenige Arten vorgeführt haben. Einer Abänderung bei den Netzflüglern und Gradflüglern vorliegender gegen die erste Auflage gilt diese Einschaltung, welche Rechenschaft über jene Abänderung geben soll.

Die bisher betrachteten Kerfe, so verschieden sie auch ihrer äußern Erscheinung nach sein mögen, stimmen mit überaus wenigen Ausnahmen, welche an den betreffenden Stellen auch gewürdigt worden sind, in ihrer Entwicklung in sofern überein, als aus dem vom Weibchen abgelegten Eie eine Larve, zu Deutsch ein »verschleiertes Bild« entsteht, die infolge ihrer wurmförmigen Gestalt nicht die entfernteste Aehnlichkeit mit dem zukünftigen Kerfe hat, und nicht selten auch eine wesentlich andere Lebensweise führt. Aus der Larve wird, nachdem sie reichliche Nahrung zu sich genommen, in der Regel mehrmals ihre Haut, mit derselben auch manchmal ihr Ansehen gewechselt hat, eine ruhende, der Nahrung nicht bedürftige Puppe, welche in ihrer Form und Gliederung dem künftigen Insekt sehr nahe steht. Wenn endlich dieser die Hülle geborsten, so ist der geschlechtsreife Kerf, das wahre Bild » Imago« geboren. Man hat diesen Entwicklungsgang vom Eie bis zu dem Geschlechtsthiere, welcher sich durch die zwei wesentlich verschiedenen Zwischenformen der Larve und der Puppe charakterisirt und allerdings nur äußerlich sprungweise vor sich zu gehen scheint, kurzweg die vollkommene Verwandlung (Metamorphose) genannt.

Im entgegengesetzten Falle, bei der unvollkommenen Verwandlung, entsteht aus dem Eie gleichfalls eine Larve, dieselbe ist aber in der Lebensweise und in der Körpertracht vom reifen Geschlechtsthiere nicht wesentlich verschieden, nur fehlen ihr stets zuerst die Flügel, wenn letzteres mit dergleichen ausgestattet ist. Mag der schärfere Blick des Forschers in Farbe, in Bildung einzelner Gliedmaßen, in der Gliederzahl von Fühlern und Füßen u. dgl. auch einige Unterschiede zwischen Larve und Geschlechtsthier erspähen, eine wesentliche Verschiedenheit zwischen beiden findet außer in den Größenverhältnissen nicht statt. Die Larve ist gleichfalls ein gewaltiger Fresser, häutet sich mehrmals und bekommt allmählich Flügelstumpfe, die mit jeder folgenden Häutung an Länge zunehmen, bis sie nach der letzten am Geschlechtsthiere ausgewachsen sind. In den Fällen, wo sie diesem überhaupt fehlen, und solche gehören nicht eben zu den Seltenheiten, schwindet der wesentlichste Unterschied zwischen Larve und Imago und es kann dann, genau genommen, von Verwandlung überhaupt nicht die Rede sein.

Nach Analogie mit der vollkommenen Verwandlung und wahrscheinlich unter der Annahme, daß die Flügelstumpfe bei den Larven erst mit der vorletzten Häutung einträten, hat man diese Larvenform gleichfalls als Puppe bezeichnet. Mag jene Voraussetzung manchmal zutreffen, in vielen, von mir beobachteten Fällen ist sie irrig, indem nach dem Eintritte der Flügelstummel noch mehrmalige Häutungen erfolgen, und darum erscheint es im Interesse der Klarheit und Deutlichkeit geboten, den Begriff der Puppe bei allen Kerfen mit unvollkommener Verwandlung fallen zu lassen.

Die Ordnung der Netzflügler, um nach den einleitenden Bemerkungen nun zu unserem Gegenstande überzugehen, hat diese ihre Benennung, wie auch die vorhergehenden Ordnungen ihrerseits, von der Beschaffenheit der Flügel entlehnt. Dieselben sind bei vielen, wenn auch nicht bei allen Ordnungsgenossen von einem netz- oder gitterartigen Geflechte zahlreicher Adern gestützt. Wollte man bei der Anordnung dieses Kennzeichen als das allein maßgebende gelten lassen, so würde man in den Fehler der Einseitigkeit verfallen, nur auf einen einzelnen Körpertheil Gewicht zu legen und überdies noch auf einen wie die Flügel, die in so manchen Fällen gänzlich fehlen. Weiter läßt sich bei ausschließlicher Berücksichtigung der Flügelbildung kein durchgreifender Unterschied zwischen den Netzflüglern und Gradflüglern aufstellen und man thäte dann besser, jene gar nicht anzuerkennen, sondern mit Burmeister beide unter dem Namen der Kaukerfe ( Gymnognatha) zu vereinigen.

Sollen aber die Netzflügler als Ordnung beibehalten werden, wie es hier in der ersten und zweiten Auflage geschehen ist, so muß die Art der Verwandlung zugezogen werden, so daß nach Burmeisters Fassung der Kaukerfe alle diejenigen unter denselben, deren Verwandlung vollkommen ist, als Netzflügler abgeschieden werden. Hiernach würden zu denselben die zuletzt besprochenen fünf Arten sammt ihren nächsten Verwandten, so wie überhaupt alle diejenigen, verhältnißmäßig nicht zahlreichen Kerfe gehören, welche in folgenden Merkmalen übereinstimmen:

Der Körper ist lang gestreckt, eher weich als hart in seiner Bedeckung. Der Kopf steht senkrecht, so daß also die beißenden, in ihren einzelnen Theilen nicht gleichmäßig ausgebildeten und vorherrschend weichhäutigen Mundtheile nach unten liegen. Die vier Flügel sind gleichartig, ziemlich gleich groß und entweder netzaderig oder vorherrschend von Längsadern durchzogen und behaart, in diesem Falle aber die Hinterflügel breiter als die Vorderflügel und in der Ruhe längsfaltig (Frühlingsfliegen). Die Verwandlung ist vollkommen.

Durch dieses letzte Merkmal unterscheiden sich, wie bereits erwähnt, die Netzflügler ausnahmslos von der folgenden Ordnung der Gradflügler ( Orthoptera) oder Kaukerfe ( Gymnognatha), wo gleichfalls beißende Mundtheile, gleichartige oder ungleichartige Flügel mit oder ohne netzförmige Aderung und so mannigfache Formenverhältnisse vorkommen, daß eine allgemeine Schilderung nicht der Ordnung, sondern nur ihrer einzelnen Zünfte und Familien möglich wird, deren Ausführung uns jedoch hier fern liegt. Wir begnügen uns mit der Bemerkung, daß alle Insekten mit unvollkommener Verwandlung und beißenden Mundtheilen die Ordnung der Kaukerfe bilden, während eine gleiche unvollkommene Verwandlungsweise und schnabelartige, zum Saugen eingerichtete Mundtheile unsere letzte Ordnung, die Halbdecker ( Hemiptera) oder besser bezeichnet: die Schnabelkerfe ( Rhynchota) charakterisiren.

 << Kapitel 88  Kapitel 90 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.