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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 88
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Die gemeine Skorpionfliege.

( Panorpa communis)
siehe Bildunterschrift

a. Larve. b. Puppe. c. Männliche Fliege (a und b vergrößert).

Niemand wird zugeben wollen, daß der Skorpion zu den anmuthigen und wohlgestalteten Thieren gehöre, und doch ist er es in Vergleich zu einer Fliege, welche wegen einer gewissen Aehnlichkeit mit ihm den Namen Skorpionfliege erhalten hat. In allen drei Ständen der Entwickelung kann es nicht leicht etwas Häßlicheres geben als dieses Thier, welches sich vom Mai an bis zum Spätsommer auf Grase und jeglichem Gebüsche im Walde und außerhalb desselben meist in ungezählten Mengen umhertreibt.

Man denke sich ein schlankes, langbeiniges, reichlich halbzölliges Wesen, schmutzig gelb und verblichen schwarz von Farbe, mit kleinem, in einen langen Schnabel auslaufendem Kopfe, ungemein beweglichem Hinterleibe, dessen letztes Glied ein mit einer Zange bewaffneter Knoten ist, welcher der größern Beweglichkeit wegen an zwei kegelförmigen schwächeren Gliedern sitzt; man denke sich diese drohende Zange fortwährend nach oben gerichtet und die vier schwarzfleckigen Flügel wagerecht auseinander klaffend, um ja nicht den häßlichen Hinterleib in seinen wurmartigen Krümmungen zu hindern und etwa Anstands halber zu bedecken; man denke sich dieses Ungethüm von allen Seiten aus dem Weißdorngebüsche, welches durch seine lieblichen Blüten zum Herantreten und Bewundern einladet, herausfahren und sich breit vor uns mit seinem ekelhaften Leibe hinsetzend oder eine sich sonnende, unschuldige Fliege anfallend, um sie gierig auszusaugen; man denke sich das alles, wenn man es nicht schon mit eignen Augen besser sah, als es sich schildern läßt, und man wird das Unangenehme in der Erscheinung dieser Fliege inne werden. Trotzdem wollen wir uns überwinden und sie noch etwas genauer betrachten. An dem nach hinten gerundeten und wenig gewölbten Kopfe quellen die ovalen Augen ziemlich stark hervor; zwischen ihnen bemerkt man noch drei einfache, die bekannten Nebenaugen, und gleich vor denselben, aus gelber Wurzel entspringend, die fadenförmigen, ringsum durch feine Härchen rauhen, schwarzen Fühler beinahe von der Länge des ganzen Körpers. Gleich unter den zusammengesetzten Augen beginnt der gelbbraune, nach unten schwach gekrümmte, nach vorn verschmälerte Schnabel und erreicht eine dreimal größere Länge als jene. Die beißenden Mundtheile sind an ihrem Grunde verwachsen und sehr undeutlich, am Ende mit zwei zweigliedrigen, etwas höher oben an den Seiten mit dreigliedrigen Tastern versehen. Die vier Flügel mit ihren vielen braunen Längs- und sehr wenigen Queradern sind vollkommen gleich gebildet, gleich an Größe und Zeichnung; ein schwarzer Fleck an der Spitze, eine schwarze, nach innen verschmälerte Querbinde hinter ihrer Mitte und einige kleinere Fleckchen vor dieser charakterisiren sie vollständig. Die in allen ihren Theilen vollkommen cylindrischen Beine haben fünf Fußglieder, deren erstes beinahe allen folgenden an Länge gleich kommt. Zwischen den kleinen, gespreizten und gezähnten Krallen sitzt eine feine Borste. Jene verdächtige Endzange, nebst ihren beiden Trägern roth gefärbt, welche wegen der Skorpionähnlichkeit Anlaß zu dem Namen gegeben hat, ist nicht so gefährlich, als man nach ihrem Umherkneifen meinen sollte, kein Giftstachel, wie bei jenen Thieren; sie kommt nur den Männchen zu und bildet bei der Paarung ein Haftwerkzeug. Der Hinterleib der Weibchen endigt in eine einfache Spitze, aus welcher jedoch noch eine zweigliedrige, in zwei Spitzchen auslaufende Legröhre geschoben werden kann.

In der Gefangenschaft läßt sich die Skorpionfliege mit Aepfeln, Kartoffeln, rohem Fleische u. dgl. füttern, zeigt sich also entschieden als keine Kostverächterin; in der freien Natur entwickelt sie ihre ganze Frechheit und Unerschrockenheit. Es kommt ihr nicht darauf an, eine zehnmal größere Wasserjungfer anzufallen, zur Erde zu werfen und mit ihrem Schnabel zu durchbohren; Lyonet ist Zeuge solcher Kühnheit gewesen.

Glücklicherweise werden wir mit dem Anblicke der Larve und der Puppe verschont. Beide leben so versteckt, daß es den Forschern erst nach langen Bemühungen gelungen ist, dieselben zu entdecken.

Vier Tage nach der Paarung legt das Weibchen die Eier reichlich 2 mm. tief unter feuchte Erde, und nach Verlauf von etwa ebenso viel Zeit sterben beide Geschlechter. Die anfangs weißen, nachher grünlichbraunen mir erhabenen, dunkelbraunen Linien netzartig gezeichneten Eier sind größer als man erwarten sollte, und halten etwa 1,12 mm im Längen-, deren 0,56 im Querdurchmesser. Acht Tage nach dem Legen bekommen die Eier Leben. Die Larve färbt sich erst mit der Zeit aus und zeigt sehr bald die hornige Beschaffenheit von Kopf und vorderem Bruststücke. Indem sie sich von verwesenden Organismen nährt – in der Gefangenschaft ward sie mit faulem Fleische und Brot gefüttert – ist sie jedenfalls nach mehrmaligen Häutungen innerhalb eines Monates ausgewachsen. Der rothbraune Kopf ist dann groß, wie herzförmig, mit hervorquellenden Augen, dreigliedrigen Fühlern und kräftigen Freßwerkzeugen ausgerüstet, deren Kiefertaster lang hervorragen. Von den übrigen dreizehn, hornig bewarzten Leibesringen, deren Gestalt unsere Fig. a am besten vergegenwärtigt, tragen die drei vordersten chitinharte Brust-, die acht folgenden fleischige, kegelförmige Bauchfüße, und alle, mit Ausschluß des zweiten und dritten, je ein seitliches Luftloch. Der erste ist graubraun, die übrigen, fleischigen sind oben graulichroth, unten weißgelb gefärbt. Auf dem Rücken der drei letzten Glieder stehen außerdem an walzigen Stielen lange Borsten, und aus dem letzten dieser lassen sich vier Röhren hervorstrecken, die eine weiße Flüssigkeit absondern. Die Larve ist im allgemeinen träge, zeigt aber auch, wenn sie verfolgt wird, daß sie flink sein kann.

Um sich zu verpuppen geht sie etwas tiefer in die Erde, höhlt diese oval aus und verweilt hier bis zum Uebergange in den Puppenstand noch 10-21 Tage, dann streift sie ihre Haut ab und erscheint, wenn sie männlichen Geschlechts war, in der liebenswürdigen Gestalt von Fig. b, zu deren Erläuterung nur noch hinzugefügt sein mag, daß sie im allgemeinen die Farbenzeichnung der ausgebildeten Skorpionfliege trägt, mit dem Unterschiede, daß das Gelb hier noch reiner, mehr schwefelgelb ist, besonders am Bauche und an der Vorderbrust. Nach etwa 14 Tagen arbeitet sie sich aus der Dunkelheit an das Licht und – die Fliege kommt zum Vorscheine.

Wenn wir aus den obigen Angaben Die Mittheilungen sind entlehnt von Fr. Brauer »Entwickelungsgeschichte der Panorpa communis«; aus den Sitzungsberichten der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften zu Wien. VII b p. 408 (1851). die Zeiten zusammenzählen, welche sich bei künstlicher Zucht ergaben, so bedarf der Kerf zu seiner vollen Entwickelung neun Wochen. Daraus folgt, daß vom Anfange Mai an, wo er zuerst erscheint, mindestens zwei Bruten möglich sind. Die Larven der letzten überwintern ohne Zweifel nach Analogie mit andern Insekten und beschenken uns im genannten Monate des nächsten Jahres mit dem liebenswürdigen Geschmeiß, welches nicht ermangelt, nach Kräften sein Geschlecht von neuem zu erzeugen, damit es nicht aussterbe. Dem schärferen Beobachter kann es nicht entgehen, daß es mehrere sehr ähnliche Arten giebt.

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