Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ernst Ludwig Taschenberg >

Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 85
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
Schließen

Navigation:

Die gemeine Florfliege, der Blattlauslöwe.

( Chrysopa vulgaris)
siehe Bildunterschrift

a. Eier, b. die Larve, c. Puppe, d. wahre Puppe im Innern der Hülse, vergrößert und in natürlicher Größe, e. geöffnetes Puppengespinst. f. vollkommenes Insekt, (b und f stark vergrößert).

Das ganze Jahr hindurch, so lange die Büsche beblättert sind, treiben sich auf denselben äußerst zartflügelige, meist grüngefärbte, schlanke Thierchen umher, die im Herbste besonders auffallen, wenn das rege Leben der Insekten schon seinem Ende nahe ist; im Jahre 1865, welches sich durch besondere Wärme auszeichnete, traf ich noch am 7. November ein eben der Puppe entschlüpftes. Während des Winters brauchen wir sie nicht weit zu suchen, denn gern wählen sie unsere Behausungen als Zufluchtsstätten, und an den Decken, in den Fensterwinkeln und feinen Ritzen, wenn sie in Gartenstuben vorkommen, finden wir sie oft in gedrängten Schaaren bei einander. Sollte Dir das schlanke zarte Thierchen durch seine Goldaugen und die florartigen Flügel, welche wie ein Dach weit über den Hinterleib hinausreichen, nicht schon aufgefallen sein? Ihm thut die Stubenwärme wohl und behaglich klettert es am Fenster in die Höhe, braucht wohl auch einmal seine Schwingen und läßt sich von ihnen in unsicherem Fluge dahintragen. Hat es in Deiner Nachbarschaft unangefochten den Winter überstanden, und milde Frühlingslüfte wehen durch das offene Fenster: so ist ihm nicht mehr heimisch in der Stube, es benutzt die erste beste Gelegenheit, um hinauszuhuschen und in seiner wahren Heimath, in dem Garten oder auf Buschwerk, für Nachkommen zu sorgen und dadurch seinen Frühling zu feiern.

Ehe wir uns aber dieses kleine Goldauge entschlüpfen lassen, müssen wir ihm noch einige Aufmerksamkeit schenken, zumal neuere Forschungen gelehrt haben, daß es ihrer viele, zum Theil schwer zu unterscheidende Arten gibt, welche man früher unter obigem Namen und dem wissenschaftlichen » Hemerobius Der Gattungsname Hemerobius bezieht sich bei den Neueren auf diejenigen Verwandten, welche gefärbte oder gefleckte Flügel und zwar bei der Ruhe in einem viel steileren Dache tragen und im Aderverlaufe derselben weitere Abweichungen von Chrysopa zeigen. In der Lebensweise unterscheiden sich die Arten wenig von jenen. Die Larven einiger umhüllen sich mit den ausgesogenen Bälgen weißbestäubter Blattläuse auf Nadelholz. perla« zusammengefaßt hat. Figur f kommt dem Gedächtnisse dessen zu Hilfe, welcher ein und die andere dieser Fliegen schon gesehen hat, und vergegenwärtigt die gemeine Art, zu deren Charakteristik noch folgendes gemerkt werden mag. Die langen, borstigen Fühlhörner fallen sogleich in die Augen, kommen aber auch bei einer bedeutenden Anzahl verwandter Insekten vor, das zarte Gewebe der feinmaschigen Flügel dagegen, welche alle vier im Aderverlaufe sehr übereinstimmen, die gleiche Bildung sämmtlicher Beine und der Mangel der Nebenaugen bedingen die Gattung ( Chrysopa). Die in Rede stehende Art endlich zeichnen aus: die durchaus glashellen Flügel mit einfarbig grünen, grüngelben oder fleischrothen Adern, der grasgrüne Körper mit weißer oder gelblicher Längslinie über Bruststück und Hinterleib hinweg – bisweilen ist der ganze Körper röthlich oder gelblich gefärbt und die Rückenlinie heller, oder an ihr zeigen sich beiderseits auf dem Hinterleibe rothe Fleckchen –, ferner ihre beiden Grundglieder ausgenommen, die blaßgelben Fühler die ebenso gefärbten Taster und Fußglieder; die Wurzel der Klauen ist hakig erweitert, die Oberlippe nicht ausgeschnitten und zwischen den Fühlern steht kein schwarzer Punkt. Die Körperlänge beträgt 8,75 mm., die jedes Vorderflügels deren 13, einzelne Stücke bleiben etwas unter den angegebenen Maßen zurück.

Wer an Blättern und benachbarten Stengeln schon kleine gestielte Knöpfchen, wie sie Fig. a zeigt, gesehen haben sollte, und wüßte noch nichts von dem, was eben erzählt werden soll, würde den kleinen silbernen Wald entweder gar nicht, oder auf Schimmel deuten, der ja als ähnliche, geknöpfte, in der Regel etwas dichter stehende Fäden auf allerlei Gegenständen, welche wir eben darum als schimmelnde bezeichnen, zu sehen ist. Sind die eiförmigen Knöpfchen geplatzt, so bekommt das Gebilde das Ansehen eines sonderbaren Blümchens, ist früher auch dafür gehalten und genauer beschrieben worden. Jetzt weiß man längst, welche Bewandtniß es damit hat, und daß die Knöpfchen Eier der Florfliege sind, die bald hängend, bald aufrecht an bald gekrümmten, bald schnurgeraden, feinen Fädchen sitzen.

Ueber die Art, wie das Thier seine Eier legt, entstanden neuerdings dadurch Zweifel, daß einige an Nadeln gespießte Weibchen bei diesem Geschäfte beobachtet worden sind, welches sie in umgekehrter Ordnung verrichteten, als man bisher anzunehmen Grund hatte. Der Hergang dabei ist ganz einfach folgender. Mit seiner Hinterleibsspitze drückt die eierlegende Florfliege auf die Stelle, welche das Ei tragen soll, klebt dadurch die zähe Masse fest, welche durch Heben des Hinterleibes sich in einen Faden auszieht. Ist ein weiteres Emporrichten des Leibes nicht mehr möglich, so schneidet mit dem Eie der Faden ab, er ist das Erste und gewiß in dem Falle länger, wenn die Mutter weiter reichen konnte als eine andere, weniger schlanke. Man wird diese gestielten Eier nur in der nächsten Nachbarschaft von Blattläusen antreffen, die zärtliche Fürsorge der Mutter läßt dies nicht anders zu, weil dieses Geziefer die einzige Kost für deren Nachkommen bildet.

Aus den Eierchen arbeiten sich durch Löcher oder Spalten, indem sie ihre erste umkleidende Haut zurücklassen, sich mithin zum ersten Male häuten, kleine » Blattlauslöwen«, Thierchen, welche in ihrem Baue viel Aehnlichkeit mit dem Ameisenlöwen haben, wenn sie auch schlanker und gewandter sind und sich anders aufführen als dieser. Wir lernen in dem Blattlauslöwen die dritte Larve kennen, welche den Schaaren der Blattläuse nachstellt, und können ihn im Juni in Gesellschaft der beiden andern, der Larven der Marienkäferchen (S. 109) und der Maden der Schwebfliege (S. 415) überall da gierig fressen oder unruhig herumlaufen und suchen sehen, wo jene überaus lästigen Pflanzensauger anzutreffen sind. Wäre die Vermehrung der letzteren nicht so außerordentlich stark, so sollte man meinen, sie müßten bald von der Erde vertilgt sein, wenn jene Wölfe über sie herfallen und mit ihrer natürlichen Gefräßigkeit unter den Wehrlosen so unbarmherzig hausen. Aber nicht zum Ausrotten hat die Vorsehung sie bestimmt, sondern nur als Ordner und Schutzmänner, damit sich jene nicht über die Gebühr ausbreiten und gewaltiger werden, als im Plane des allweisen Weltregierers liegt.

Der Blattlauslöwe (Fig. b) als Larve unserer Florfliege – andre sind in untergeordneten Theilen wieder etwas anders beschaffen – hat zwei scharfe, lange Freßzangen, an deren Grunde je zwei deutliche Augen und über diesen zwei borstige, nach vorn gerichtete und die Zangen etwas überragende Fühler. Seine sonstige Körpergestalt erhellt aus der Figur. Die Färbung ist im allgemeinen ein lichtes Grün mit helleren und dunkleren Zeichnungen, deren erstere besonders an den Seiten und über den Rücken Längslinien bilden.

Ich habe eben einen in einer Schachtel vor mir, wo er mit einigen verlausten Pflaumen- und Espenblättern eingeschlossen ist. So oft ich die Schachtel, öffne, finde ich ihn an einer ihrer Wände ruhig sitzend, eine Blattlaus in seinen Zangen, mit denen er sie aussaugt. Der Boden jener ist mit leeren Bälgen besäet. Wenn er fertig ist, läuft er mit großer Gewandtheit fort, tastet dabei mit seinem beweglichen Schwanze umher, welcher ihm als siebenter Fuß zu dienen scheint, holt sich aus der weidenden Heerde ein neues Schlachtopfer, läuft über die übrigen fort und sucht sich ein Plätzchen, wo er seinen Fang ungestört bearbeitet, ungeachtet des nutzlosen Zappelns und Strampelns von dessen Seite. Tag und Nacht geht dies Rauben mit kurzen, der Ruhe gewidmeten Unterbrechungen fort, und hat man mehrere beisammen eingesperrt, so ist der Bruder vor dem Bruder nicht sicher, selbst wenn die Blattläuse nicht fehlen. Ueberhaupt sind dergleichen insektenfressende Larven niemals Kostverächter; was sie bewältigen können, fällt ihnen unnachsichtlich als Beute anheim. Daß er daher nach längstens vierzehn Tagen erwachsen ist, darf uns nicht Wunder nehmen.

Jetzt wird er mit einem Male zur Spinne. Wie diese nämlich mit dem Ende ihres Hinterleibes, fängt auch er an zu spinnen und bereitet eine weiße, verhältnißmäßig ungemein kleine, dichte Kugel oder nahestehende Form (Fig. c) an der Unterseite eines Blattes oder Zweigleins als Gehäuse für die Puppe. Diese (Fig. d), gedrungen, besonders breit von Gestalt, zeigt alle Theile der künftigen Fliege: Beine, Flügel, Fühler, in besonderen Scheiden am Leibe frei herabhängend. Die Behauptung, daß sie ein Gespinst anfertigen, gilt vielleicht von den meisten, nicht von allen Arten. Ein am 8. Juni von mir aufgegriffenes Stück unserer größten Art, der Chrysopa alba, war eben erst ausgeschlüpft und saß neben einer stark zusammengeschrumpften Puppenhülse, welche frei an der Unterseite eines Blattes angeheftet war. Eine wieder andere Art, die Chrysopa reticulata, von dem dunklen Geäder so benannt, kroch in der zweiten Julihälfte aus einer Puppe, welche sich ohne Gespinst an die Wand eines zur Aufzucht von Schmetterlingen bestimmten Kastens angeheftet hatte. Die Puppenruhe dauert ungefähr drei Wochen, so daß zwei Bruten in Jahresfrist zu Stande kommen dürften.

 << Kapitel 84  Kapitel 86 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.