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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 84
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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V. Netzflügler.

( Neuroptera)

Der gemeine Ameisenlöwe, die Ameisenjungfer.

( Myrmeleon formicarius)
siehe Bildunterschrift

a. Larve, b. Puppengespinst mit Puppenhülse. c. vollkommenes Insekt, (alles in natürlicher Größe).

Brasilien ernährt einen zottig behaarten Ameisenlöwen mit langem, buschigem Schwanze, wie ihn die ächten Wachtelhunde tragen, mit kleinem, in einen Rüssel weithin verlängertem Kopfe, dessen enge Mundöffnung nur dazu vorhanden und zu nichts weiter nütze ist, als die wurmförmige Zunge heraustreten zu lassen. Sie steckt das Thier in die Ameisen- und Termitennester und zieht sie wieder ein, wenn sie mit hunderten dieser zwickenden Gesellen besäet ist. So nährt sich der den Säugethieren zugehörige Ameisenlöwe.

Auch wir haben in unsern gemäßigten Gegenden einen, richtiger gesagt, einige Arten aufzuweisen, aber ganz anderer Natur, harmlose Glieder der großartigen Insektenwelt, welche mit jenem brasilianischen nur das gemein haben, daß sie sich als Larven ebenfalls von Ameisen ernähren. Fig. a stellt diesen kleinen Wicht mit dem Heldennamen vor. Seine beiden gewaltigen Freßzangen geben ihm allerdings ein kriegerisches Ansehen, aber sonderbar genug, zum Helden ist er nicht geboren, indem er nur rückwärts geht, dabei ist er auch nicht eben flink. Wie passen diese beiden Eigenschaften zu seiner natürlichen Anlage, um Geschmack an den hurtigen Ameisen zu finden, zumal wenn wir erfahren, daß er nie eine todte anrührt, sondern allemal erst das Vergnügen haben will, sie selbst zu erwürgen? Wie lösen sich all diese Widersprüche?

Der Ameisenlöwe besitzt den Grad von List, der nöthig, um sich seine Leckerbissen lebendig zu verschaffen. Im lockern Sande legt er eine trichterförmige Grube an, in deren Grunde er verborgen lauert und gewandt mit seinen Zangen die kleinen Insekten fängt, welche am Rande straucheln und in den Mittelpunkt der Grube hinabrutschen müssen. Vom Mai an kann man auf lockerem Sandboden, am sichersten unter dem Schutze kleiner Abhänge, aus dem Boden hervortretender Baumwurzeln und an ähnlichen Stellen, die einigermaßen vor Regen Sicherheit gewähren, jene Trichter auffinden. Wer selbst Zeuge sein will, wie das Thierchen seine Fallen anlegt, der nehme einige mit heim und setze sie in ein Gefäß mit weißem Streusande. Zunächst steckt der Ameisenlöwe, immer rückwärts kriechend, mit seinem dicken Hinterleibe einen kreisförmigen Graben ab, dessen Größe von seiner eignen abhängt und dessen Außenrand zugleich den der künftigen Wohnung bildet. In der Mitte steht demnach ein stumpfer Sandkegel, den er auf eine ebenso förderliche, wie sinnreiche Weise zu beseitigen versteht. Er wühlt sich da, wo er den ersten Kreis eben zu Stande brachte, mit dem Hinterleibe unter den Sand und in einer immer enger werdenden Spirale langsam rückwärts fortschreitend, bringt er mit dem nach innen liegenden Vorderfuße den Sand auf seinen breiten, schaufelartigen Kopf und wirft ihn mit demselben so gewandt und mit solcher Gewalt über den Außenrand des ersten Grabens, daß er mehrere Zoll weit wegfliegt. Dann und wann ruht er aus, kehrt seinen Körper auch um, damit die beiden Vorderbeine in ihrem Handlangerdienste abwechseln können; ist er aber in Arbeit, so folgen sich seine Bewegungen so flink, daß ein fortwährender Sandregen in der nächsten Umgebung fällt und der innere Kegel, der natürlich mit jedem neuen Umgange abnimmt, bald ganz verschwunden ist. Wenn alles so glatt von statten ginge, wie eben beschrieben wurde, möchte es noch sein, aber dies ist nicht immer der Fall; denn Steinchen größeren Umfanges bleiben in dem sonst geeigneten Boden doch nicht aus; sind solche fortzuschaffen, so wird auf einmal nur eins aufgeladen und mit der gewöhnlichen Wurfbewegung hinausgeschleudert. Wenn sich aber, vielleicht weiter unten im Grunde des Trichters, eines vorfindet, welches jeglicher Wurfkraft Hohn spricht, wie dann? Unser kleiner Schanzengräber weiß auch jetzt noch Rath zu schaffen. Er wühlt sich unter den Stein, so daß dieser ihm auf den Rücken zu liegen kommt, und denselben balancirend, kriecht er, natürlich wieder rückwärts, an der schrägen Wand in die Höhe und setzt, am obern Rande angelangt, seine Bürde ab. So erwarten wir; denn es ging bisher der Transport so glücklich von statten, daß kein Zweifel über das Gelingen des kühnen Unternehmens mehr übrig blieb. Ein kleiner Fehltritt, ein unvorhergesehenes Anhaken läßt alle Mühe vergeblich sein, der Stein verliert das Gleichgewicht und schurrt wieder an seinen alten Platz. Gewiß ärgerlich, aber nicht muthlos folgt der rastlose Arbeiter nach, beladet sich von neuem mit der Last und versucht, geschickt die vom Steine gebildete Straße benutzend, das Werk zum andern Male. Jetzt werden seine Bemühungen mit Erfolg gekrönt. Man hat indeß beobachtet, daß mißlungene Versuche mehr als zweimal wiederholt wurden und erst dann das Unternehmen als unausführbar aufgegeben und zur Anlage einer neuen Wohnung geschritten wurde, wenn eine Reihe von Anstrengungen die Unmöglichkeit des Gelingens bewiesen hatte.

Der Bau ist vollendet und bei einer erwachsenen Larve an b ein. tief, bei einem obern Durchmesser von fast 8 cm., doch stehen Tiefe und Umfang nicht immer in gleichem Verhältnisse, der Trichter erscheint bald tiefer, bald flacher. Im untersten Grunde sitzt der Baumeister und wartet nun mit Sehnsucht auf die Nahrung, welche ihn nach solchen Anstrengungen wieder kräftigen soll. Er läßt sich nicht sehen, denn er hat sich so in den Sand verscharrt, daß nur die beiden gewaltigen Kiefern klaffend an zwei gegenüberstehenden Seiten des Trichters anliegen; auch sie sind wegen ihrer vom schmutzigen Sande wenigstens kaum verschiedenen Farbe wenig zu bemerken.

Der Platz war schon so gewählt, daß eine gewisse Belebtheit von allerlei Kerfen ihn nicht vereinsamt. Jetzt kommt eine Ameise ihre Straße gezogen, doch wehe, sie hat den gefährlichen Rand schon überschritten und gelangt in's Gleiten. Die Anstrengung, sich oben zu halten, beschleunigt ihren Sturz. Im Nu ist sie von den Zangen des im Hinterhalte lauernden Ameisenlöwen ergriffen, von denselben unter den Sand gezogen und in kürzester Zeit ausgesogen. Diese sind nämlich von ganz eigenthümlichem Baue. An ihrer Spitze führen sie eine ungemein feine Oeffnung, welche aber nicht in eine weiter gehende Röhre verläuft, durch welche der Saft nach dem Körper geleitet würde, sondern an ihrer Unterseite befindet sich eine Rinne, in welcher eine Borste wie ein Stempel spielt; am Grunde dieser Saugrinne liegt je ein häutiger Körper, welcher ebenfalls Bewegung hat, der des Stempels entsprechend. Zieht dieser sich zurück, so erhebt sich die Haut wie eine Blase, geht er vor, so wird sie flach, sogar hohl. Hier also mag der luftleere Raum liegen, nach welchem der Nahrungsstoff hinfließt.

Nicht immer erlangt der Räuber seine Beute ohne Anstrengung, kleine Raupen, Kellerasseln und andere größere Thiere, welche das Unglück hatten, in die Grube zu fallen, wehren sich tapfer, sind aber dennoch rettungslos verloren. Bonnet erzählt ein Beispiel, ebenso interessant, um die Zähigkeit des Ameisenlöwen, wie die rührende Fürsorge einer Spinne für ihre Eier zu beweisen. Eine Art ( Pardosa saccata) dieser sonst mörderischen Sippe lebt viel unter dürrem Laube und im Grase und ist leicht an dem weißen, fast erbsengroßen Eiersacke zu erkennen, den sie, an dem Bauche angeklebt, mit sich herumträgt und mit mehr Aengstlichkeit überwacht als der größte Geizhals seinen Goldhaufen. Ein solches Spinnenweibchen trieb Bonnet in die Grube eines erwachsenen Ameisenlöwen. Dieser ergriff den Eiersack schneller, als die Spinne dem gefährlichen Winkel entrinnen konnte. Jener zog nach unten, sie nach oben, und nach heftigem Kampfe riß endlich der Sack ab. Die Spinne war indeß keineswegs gesonnen, ihren Schatz im Stiche zu lassen. Sie faßte ihn mit den kräftigen Kiefern und verdoppelte die Anstrengungen, ihn dem Gegner zu entwinden. Trotz aller Gegenwehr und allen Zappelns ließ ihn zuletzt der überlegene Feind unter dem Sande verschwinden. Mit Gewalt mußte sich jetzt Bonnet in's Mittel schlagen, damit die unglückliche Mutter nicht zu Liebe ihrer zukünftigen Brut auch noch ein Opfer des Siegers werde; denn freiwillig ging sie nicht von der Stelle, wo sie ihr Theuerstes begraben wußte, und wäre jedenfalls später auch noch verspeist worden. Mit einer Biene, der man die Flügel ausgerissen hatte, balgt sich der Ameisenlöwe eine Viertelstunde umher und wirft man ihm seinen Bruder vor, so gilt ihm auch das gleich, er, fest im Sande sitzend, befindet sich stets im Vortheile. Bisweilen kommt es vor, daß es einem Insekt doch gelingt, auf halbem Wege sich zu erhalten und den Rückmarsch zu versuchen, aber auch da weiß der Lungerer zu seinem Vortheile zu entscheiden. Da er die leiseste Erschütterung fühlt und mit seinen sechs einfachen Augen jederseits des Kopfes jederzeit gut zu sehen vermag, so bemerkt er die Nähe seiner Beute und bringt dieselbe durch einen Sandregen zwischen seine Zangen. Die ausgesogenen Thierleichen werden herausgeschleudert, damit sie nicht im Wege seien. So müssen Schlauheit und Ausdauer ersetzen, was durch den Mangel anderer Naturanlagen versagt wird.

Die Plagereien sind indeß noch nicht zu Ende. Er hat auf Sand gebaut, darum ist sein Haus vergänglich; öftere Rutschpartien in die Falle gegangener Insekten, Kämpfe mit widerstrebenden, sich nicht auf Gnade und Ungnade ergebenden verschütten allmählich den Trichter und erfordern Nachbesserungen, anhaltender Regen, menschliche Fußtritte, heftiger Wind zerstören bisweilen die ganze Anlage. Obgleich der Ameisenlöwe lange zu hungern vermag, so ist mitunter doch an einer Stelle der Fang zu schlecht, um die dürftigste Nahrung zu liefern, und die Noth treibt ihn zum Auswandern. Dies geschieht in gewohnter Bewegungsweise mit dem rückwärts sich im Sande fortschiebenden Hinterleibe, bald in geraden Furchen, bald in Curven mit einzelnen Querfurchen, welche stets die Stelle bezeichnen, wo er die Vorderfüße zum Ruhen ausbreitete. Die hintersten sind dabei nach hinten gerichtet und liegen beinahe unter dem Leibe, um ihn in seinen wühlenden Bewegungen zu unterstützen.

Unter allerlei Mißgeschick, welches ihn betrifft, und welches er andern zufügt, verlebt er ein Jahr, wenn nicht länger, doch halte ich die einjährige Entwickelung für die regelrechte. Mit Anfang des Juni beginnen die erwachsenen Larven sich zu verpuppen. Zu dem Ende graben sie sich etwas tiefer unter die Spitze ihres Trichters ein, ziehen das Ende ihres Hinterleibes wie ein Fernrohr in eine weiche, bewegliche Röhre aus und spinnen mit ihr weißseidene Fäden, welche die benachbarten Sandschichten zu einer lockern, leicht zerfallenden Kugel zusammenhalten. Die Innenwand ist zart und dichter mit Seide austapeziert. Nun reißt die Larvenhaut im Nacken, und die Puppe ruht in ihrem kugeligen Sarge unter dem Sande. Sie ist schlanker als die Larve, gelblich von Farbe mit braunen Flecken, die Scheiden der Flügel, Füße und Fühlhörner hängen frei an ihr herab, und der ganze Körper ruht in gekrümmter Lage, damit ihm der Platz in der hohlen Kugel nicht mangle. Dieser Uebergangszustand der Ruhe währt nicht lange. Nach vier Wochen sprengt die Fliege ihre Puppenhäute, beißt das Gehäuse durch und kommt, jene zur Hälfte mit aus diesem herausziehend (Fig. b), als schlanke Jungfer mit vier glashellen, wie aus Gaze gefertigten, etwas dunkelfleckigen Flügeln zum Vorscheine. Diese liegen in der Ruhe dachartig und überragen den bräunlichgrünen Hinterleib mit seinen gelblichen Fugen, bewegen sich im unsichern Fluge langsam und bedächtig. Ueberhaupt macht das ganze Thier, den geharnischten Wasserjungfern noch am ähnlichsten, aber auf den ersten Blick durch die kräftigeren, keulenförmigen, dabei etwas gebogenen Fühler kenntlich, den Eindruck der Schwäche und traurigen Hilflosigkeit.

Daß die aus dem Ameisenlöwen entstandene, sogenannte » Ameisenjungfer«, ein mehr nächtliches Thier, nicht aus der Art geschlagen ist und wie ihre Larve vom Raube lebt, wurde mir klar, als ich vor einer Reihe von Jahren die Puppen massenhaft eingesammelt hatte und in der Gefangenschaft ausschlüpfen ließ. Dies geschah des Abends. Am andern Morgen fanden sich unter den zahlreichen Ameisenjungfern nur wenig unverletzte, indem sie sich gegenseitig angefressen, zum Theil getödtet hatten.

Jedenfalls ist ihre Lebensdauer kurz und nur auf die Fortpflanzung berechnet. Die Weibchen legen wenige Eier von ungefähr 3,25 mm. Länge und 1,12 mm. Breite, von gelblicher Farbe und roth am dickern Ende. Sie sind etwas gebogen und hartschalig. Vor Winter noch kriechen die Lärvchen aus, richten sich in der oben angegebenen Weise häuslich ein und verfallen in den Winterschlaf. Häutungen hat man während ihres Wachsthums nicht beobachtet, dieselben dürften aber nicht ausbleiben Man unterscheidet vier europäische Arten von Ameisenjungfern, welche sich an der Zeichnung und Aderung der Flügel, der verhältnißmäßigen Fühlerlänge, Färbung ihres Leibes und einigen Merkmalen an den Dornen der Vorderbeine unterscheiden lassen. Ihre Larven sind indeß nicht die einzigen, die im Grunde einer Erdgrube auf Beute lauern. Im südlichen Deutschland und in Frankreich lebt eine Fliege, der gemeinen Fleischfliege nicht unähnlich ( Rhagio Vermileo), deren Made im Grunde einer verhältnißmäßig tieferen, weniger regelmäßig angelegten Grube lauert, bis ein Infekt von selbst hineinfällt oder durch ihr Bewerfen desselben mit Sand zu Falle gebracht wird, sich wie eine Schlange um die erhaschte Beute windet und sie mit ihren Kiefern aussaugt..

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