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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 83
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Der Floh.

( Pulex irritans)
siehe Bildunterschrift

a. Larve. b. Puppe. c. vollkommenes Insekt. (alle vergrößert).

Dann und wann werden gezähmte Flöhe gezeigt, welche dadurch die Bewunderung der Zuschauer erwecken, daß sie nicht wegspringen, sondern ehrsam einher wandeln und namentlich die Bespannung kleiner Wagen bilden, kurz sich zu Dingen gebrauchen lassen, welche ihnen von Natur sehr fern liegen. Die Art und Weise der Abrichtung ist längst kein Geheimniß mehr und nicht eben mühevoll. Der naturwüchsige Floh wird nämlich in ein flaches Schächtelchen mit Glasdeckel eingesperrt. Hat er sich oft genug beim Springen an den Kopf gerannt, so wird er schließlich vorsichtig und gewöhnt sich das Springen ab, läßt sich ergreifen, an ein Kettchen legen, anspannen etc., wird aber jedesmal nach einer Leistung von seinem Meister oder seiner Meisterin (in Frankreich scheinen sich vorzugsweise Damen für diese Dinge zu begeistern) an den Arm gesetzt, um durch einen reichlichen Trunk für seine Folgsamkeit belohnt zu werden. Mehr Bewunderung verdient die Kunstfertigkeit derer, welche die von Flöhen gezogenen Gegenstände anfertigen. So wird uns erzählt, daß ein Londoner Uhrmacher (Mr. Boverich) eine elfenbeinerne, vierräderige Chaise mit einem Kutscher auf dem Bocke angefertigt habe, welche von einem Flohe gezogen wurde. Derselbe Künstler fertigte später einen noch bewundernswürdigern Wagen an mit einem Sechsgespann von Pferden. Auf dem Bocke saß ein Kutscher, der einen Hund zwischen den Beinen hatte, auf einem der Pferde ein Postillon, und hinten hockten zwei Bediente auf. Die bewegende Kraft war abermals ein einziger Floh. Latreille erzählt, daß ein Floh eine silberne Kanone gezogen habe, welche siebenzig mal schwerer gewesen sei als er selbst. Die Kraft dieser Thierchen ist mithin außerordentlich groß, und einer Flohgemeinde würden daher die Thaten eines Simson durchaus nicht wunderbar erschienen sein.

Als einer jener umherziehenden Flohbändiger einst seine abgerichteten Ernährer vorgeführt hatte und auch bei Hofe zugelassen worden war, da geschah es, daß ihm ein Floh entwischte. Er sprach seine Bekümmerniß darüber aus, und man hatte Mitleid mit dem armen Manne. Es ward strenger Befehl ertheilt, den entsprungenen lebendig wieder abzuliefern, wenn er sich später bei irgend einer Dame bemerklich machen sollte! Die Vorstellung war zu Ende, und man ging auseinander. Es währte nicht lange, so schickte eine Prinzessin dem Manne sein Thierchen zurück. Leider mußte dieser aber bekennen, daß es nicht das echte sei. Unter mehreren, welche noch eingeliefert wurden, befand sich denn endlich auch der gesuchte.

Von der Königin Christine von Schweden wird erzählt, sie habe auf die Flöhe mit einer Kanone schießen lassen, und dieses Geschütz mit liliputischem Kaliber werde in dem Arsenale von Stockholm noch gezeigt. An den Geschichtchen sei nun etwas Wahres, oder nicht, so viel steht fest, daß die Insekten keinen Standesunterschied unter den Menschen anerkennen. So gut sich die blutdürstige Mücke an dem rothen Lebenssafte des Fürsten erquickt, ebenso gut weiß sich der Floh in den Palast einzuschmuggeln und Kühnheiten zu erlauben, die nur ihm, wenn er schlau genug ist, verziehen werden; mag er sich immerhin in der unsaubern Hütte des Armen wohler befinden. Der Hundepelz soll seine eigentliche Heimath sein und gewiß ist, daß in Häusern, wo Hunde und Katzen gehalten werden, die Menschen am meisten seinen Quälereien ausgesetzt sind. Ebenso gewiß ist es aber auch, daß verschiedene Thiere eigenartige Flöhe ernähren In Surinam, Westindien und andern niedern Theilen Südamerika's lebt der Sandfloh, Chique von den Eingebornen genannt ( Rhynchoprion penetrans), dessen Angriffe nicht blos lästig, sondern sogar sehr gefährlich sind. Das kleine, magere Thier kann glücklicherweise nicht springen, hat aber im weiblichen Geschlechte die üble Gewohnheit, sich in die Haut an den Füßen (Händen) einzufressen, wodurch mäßiges Jucken und Röthe erzeugt wird. Entfernt man es nicht schleunigst, so bildet es sich eine dünne, häutige Kapsel, aus der es nur die Leibesspitze vorsehen läßt, um die Eier ins Freie gelangen zu lassen. Kratzt man an den juckenden Stellen, so bilden sich bösartige Geschwüre, der Brand kommt häufig dazu und die Zehen müssen abgenommen werden. Die westindischen Sklavinnen verstehen es in der Regel meisterhaft, den Balg mit seinem Insassen unverletzt herauszuziehen; denn reißt er, so bleibt die Sache wegen zurückbleibender Eier noch gleich gefährlich. Man hat lange nicht gewußt, wozu man dieses Thier rechnen solle, und es erst für eine Milbe gehalten, bis O. Schwartz in den schwedischen Abhandlungen zuerst ihm seine Flohnatur nachweist. Ein Kapuziner aus St. Domingo hatte einer Kolonie derselben erlaubt, in einem seiner Füße die Reise mit ihm zu machen, damit Leute, die mehr von solchen Dingen verständen wie er, eine wissenschaftliche Untersuchung mit denselben vornähmen. Dieser Heroismus fiel aber unglücklich für den armen Mann wie für die Wissenschaft aus. Der Fuß mußte abgenommen und mit allen seinen Einwohnern den Wellen überantwortet werden. Wenn wir solche Geschichten hören, wollen wir ganz ruhig sein und in Demuth die Quälereien ertragen, zu denen unser Floh uns verdammt; sie sind lästig, unter Umständen aber gewiß ganz heilsam und nie gefahrbringend., welche es unter Umständen nicht verschmähen, auch einmal Menschenblut zu kosten. Wie es bei vielen unserer Hausthiere schwer hält, ihre Stammart zu ermitteln, so dürfte es auch bei diesen Haus freunden schwierig sein, ihren Stammbaum zu verfolgen. Mit Adeligen und mit Bürgerlichen verkehren sie in gleicher Weise, ohne sich in adelige und bürgerliche Flöhe zu trennen. Jedermann kennt sie ohne weiteren Steckbrief, doch mag obige Abbildung (Fig. c) der Gedächtnisschwäche zu Hilfe kommen. Jeder weiß, wie ihre Stiche schmecken, wenn auch der eine empfindlicher dagegen ist als der andere, und daß in mäßigen Zwischenräumen eine andere Körperstelle angezapft wird. Er, der Pulex, verletzt mit seinem Rüssel wie die Mücke, Culex, kann zwar nicht fliegen und nicht singen wie sie, aber desto besser springen. Und Hütten wir keinen andern Grund, in dieser Hinsicht nöthigt er uns volle Bewunderung ab; seine Muskelkraft als Turner ist außerordentlich. Die Sprünge, welche er zu Stande bringt, und die ihm alles so zugänglich, ihn selbst so furchtbar machen, übertreffen seine Körperlänge etwa zweihundertmal. Ein sechs Schuh hoher Mensch müßte demnach Sätze von 1200 Fuß thun können, wenn er eine entsprechende Sprungfertigkeit entwickeln sollte.

Glücklich drum preis ich den lockeren Gesellen,
Pulex, den Turner im braunen Tricot,
Wenn er in Sprüngen, verwegenen, schnellen,
Himmelhoch jauchzet: frisch, fromm, frei und froh!

Die Entstehungsgeschichte dieses Turners, da sie weniger bekannt sein dürfte als er selbst, mag hier noch erzählt werden. Frau Pulex, bedeutend wohlbeleibter als ihr Gemahl, legt ihre Eier – zwanzig scheint die geringste Zahl zu sein – vereinzelt in die Ritzen der Dielen und in sonstige Winkel und Schmutzecken, und man hat beobachtet, daß sie bei den Hunden an die äußersten Haarspitzen kriecht, den Hintertheil ihres Körpers nach außen gerichtet, und so ihre Eier herabfallen läßt. Dergleichen Brutstätten, besonders auf Kinderstuben, haben vor Zeiten zu dem Glauben Anlaß gegeben, die Flöhe entständen aus Sägespänen unter den Dielen, wenn diese mit Harn begossen würden. Die Verwandlung feiner Holzspänchen in hüpfende Blutsauger wird wohl ein vernünftiger Mensch nie angenommen haben, aber ganz richtig ist's, daß Stubenkehricht, der an vielen Orten mit feuchten Sägespänen gemengt ist, welche man vorher zum Sprengen gegen den Staub anwendet, eine besondere Anziehungskraft für die von Eiern geschwellten, faulende Gegenstände aufsuchenden Weibchen ausübt.

Die kleinen Eierchen sind länglichrund und sehen weiß aus; im Sommer bedürfen sie zu ihrer weitern Entwickelung sechs Tage, im Winter die doppelte Zeit. Nach dieser schlüpft eine schlanke, fast weiße Made aus. Durch schlangen- und wurmartige Krümmungen ihres dreizehngliedrigen Leibes kommt sie rasch von der Stelle und wird durch zwei lange Nachschieber und einige seitliche Borstchen dabei kräftig unterstützt. Am Kopfe sitzen zwei kurze Fühlhörner, seitwärts vom Munde zwei Freßspitzen und Augen. Die Maden leben von allerlei Unrath. Rösel fütterte sie mit Stubenfliegen, getrockneter, auf angefeuchteten Mulm geschabter Blutmasse u. dgl., wodurch sie sich sichtlich färbten. Nach elf Tagen sind sie ausgewachsen, geben den Unrath von sich, werden wieder weiß und bereiten sich in ihren Aufenthaltsorten eine kleine Höhlung zur Verpuppung. Wenn die Made ihre Haut abgestreift hat, welche sich hinter ihr findet, ist sie zu einer weißen, muntern Puppe mit sechs Beinen und zwei zangenartigen Schwanzspitzchen geworden. Nach und nach färbt sie sich dunkler, bis im Sommer nach elf Tagen der vollkommene Kerf ausschlüpft. Somit währt die ganze Verwandlung vier Wochen, in der winterlichen Jahreszeit etwa sechs.

Der Neugeborne bedient sich seines Vortheils, der kräftigen Hinterbeine, und von Blutdurst getrieben – er kann lange hungern, sticht dann aber um so empfindlicher – sucht er in mächtigen Sätzen den Gegenstand, der ihm Nahrung darbietet. Da er unter Menschen und Thieren geboren ist, dürften seine Bemühungen bald belohnt werden. Mit Gewandtheit bohrt er seine spitze Klinge ein und saugt in vollen Zügen, stets der Gefahr ausgesetzt, in seinem Behagen gestört zu werden, oder gar seine Lust mit dem Leben büßen zu müssen. Hat er sich wacker durchschmarotzt, ist den allabendlich auf ihn angestellten Jagden glücklich entgangen und hat den Gegenstand seiner thierischen Liebe gefunden, so erfüllt er den Lauf der Natur. Tausende seiner Brüder und Schwestern, wie dies einmal in der Welt hergeht, erreichen dies Ziel nicht, sie entwischten manchmal den feindlichen Nachstellungen, werden schließlich aber doch überrumpelt und müssen – welch ein süßer Tod – zwischen den zarten Nägeln, den rosigen Fingern einer entrüsteten Schönen, die sie durch ihre Unverschämtheit auf das Aeußerste gereizt hatten, mit einem Knick ihr unstetes und flüchtiges Leben aushauchen.

Im August und September pflegen die Flöhe am lästigsten zu sein. Aus dem obigen geht hervor, daß Schmutz und Unreinlichkeit sie ebenso begünstigt wie große Sauberkeit ihnen nicht bekommt. Trotz aller Vorsicht wird man ihnen aber die Brutstätten nicht gänzlich vorenthalten können. Darum am Schlusse noch ein Mittelchen, welches ihrem lästigen Ueberhandnehmen die nöthigen Schranken setzt. Recipe, probatum est! Man verwende von Zeit zu Zeit zum Scheuern der Zimmer das sogenannte Sauerwasser, wie es die Stärkefabriken liefern, das können Larven und Puppen nicht vertragen. Ob ein anderes Mittel, Wermuthsamen in die Zimmer gestreut, welcher so wirksam sein soll, daß kein Pulex in ein solches kommt, seinen Zweck wirklich erfülle, kann ich aus eigener Erfahrung nicht behaupten, dagegen weiß ich, daß in die Betten gestreutes Insektenpulver den Schläfer entschieden vor ihren nächtlichen Störungen schützt; denn der Geruch desselben betäubt sie in dem geschlossenen Raume.

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