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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 81
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Die Stuben-, Schmeiß- und graue Fleischfliege, ein würdiges Kleeblatt.

( Musca domestica, Calliphora vomitoria, Sarcophaga carnaria)
siehe Bildunterschrift

a. Schmeißfliege. b. Puppe, c. Larve derselben. d. graue Fleischfliege (alle in natürlicher Größe).

Kein Thier, dies kann wohl ohne Uebertreibung behauptet werden, ist dem Menschen ohne sein Zuthun und ohne ihn selbst zu bewohnen, ein so treuer, ihm in der Regel recht lästiger, unter Umständen unausstehlicher Begleiter wie die Stubenfliege ( Musca domestica). Sie versteht es ebenso gut, sich im kalten Lappland häuslich einzurichten, wie die Annehmlichkeiten der Länder unter dem heißen Erdgürtel zu würdigen. Wir alle kennen ihre schlimmen Eigenschaften, die Zudringlichkeit, Naschhaftigkeit und die Sucht alles und jedes zu besudeln, eine Tugend wird niemand von ihr zu rühmen wissen, als etwa der unnütze, faule Schulbube, daß sie mit sich spielen läßt. Für sie ebenso wenig ein Verdienst, wie der Umstand, daß sie einer großen Anzahl von Vögeln, den Fröschen, Eidechsen, Wespen u. a. Gethier den Hunger zu stillen vermag.

Uns wird sie, besonders gegen Ende des Sommers, wo sie die kühlen Nächte und Morgen massenhaft in die Häuser treiben, oft sehr lästig. Diese Belästigungen sollen jedoch nicht im mindesten zu vergleichen sein den Quälereien, welche sie den Bewohnern des südlichen Europa angedeihen läßt. »Ich traf, erzählt Arthur Young in seinen interessanten Reisen durch Frankreich, zwischen Pradelles und Thuytz Maulbeeren und Fliegen zugleich. Unter dem Ausdrucke Fliegen meine ich jene Myriaden, welche den unangenehmsten Umstand des südlichen Klimas ausmachen. Sie sind die vorzüglichsten Qualen in Spanien, Italien und den Olivendistrikten Frankreichs, nicht weil sie beißen, stechen oder verletzen, sondern weil sie summen und necken. Mund, Augen, Ohren und Nase werden einem voll davon, sie schwärmen über alles Eßbare, Obst, Zucker, Milch. Jedes Ding wird von ihnen in solchen zahllosen Heeren angefallen, daß es unmöglich ist, eine Mahlzeit zu halten, wenn sie nicht von jemandem, der nichts anderes zu thun hat, unablässig vertrieben werden. Auf zubereitetem Papiere und mittels anderer Erfindungen Bei der Nothwendigkeit, auch in unsern Gegenden kräftig gegen die Fliegen einzuschreiten, damit sie nicht Herren unserer Wohnungen werden, dürfte eine kritische Beleuchtung der hauptsächlichsten Gegenmittel hier am Platze sein.
Beginnen wir mit den Giften. Das mit Arseniklösung getränkte, den Giftstempel tragende, sogenannte » Fliegenpapier«, welches mit etwas Wasser übergossen, auf Tellern aufgestellt zu werden pflegt, ist darum nicht zu empfehlen, weil es einmal auch für Menschen gefährlich ist und die nicht gleich davon sterbenden Fliegen infolge des genossenen Giftes mehr als im gesunden Zustande alle möglichen Gegenstände
besudeln. Als vortreffliches Mittel, welches nur zur Herbstzeit Anwendung finden kann, wird der in unsern Wäldern gemeine, schön roth gefärbte, giftige Fliegenschwamm ( Agaricus muscarius L.) empfohlen. Man begießt ihn mit heißer Milch und streut ein wenig Zucker darauf; in sehr geringen Mengen genossen, wirkt diese vergiftete Milch kräftig. Das beste Fliegen gift bleibt immer eine in Wasser mehrere Stunden fortgesetzte Abkochung des in Form von Sägespänen käuflichen Quassiaholzes. Man gießt etwas von dieser Abkochung auf Löschpapier, krümelt einigen Zucker darüber und stellt es an Stellen auf, die sich als Lieblingsaufenthalt der Fliegen erwiesen haben. Der Genuß betäubt die Fliegen schnell, tödtet sie häufig nicht vollkommen. In der Regel liegen sie in der Nähe jener Papiere haufenweise wie todt, ganz besonders habe ich dies immer dann bemerkt, wenn das Zimmer einige Stunden menschenleer war, und sie in ihren Genüssen in keinerlei Weise gestört wurden. Man fegt sie leicht zusammen und dies mehrmals des Tages und sorgt durch Verbrennen, in's Wasserwerfen oder Zertreten für die sichere Vertilgung der etwa wieder auflebenden. Quassia, durch seinen bittern Geschmack abschreckend, kann dem Menschen in Quantitäten, wie man sie zur Fliegenvertilgung anwendet, nicht schädlich werden.
Ein weniger umständliches Mittel besteht im Fangen mit Fliegenleim, den man – allerdings eine unangenehme Arbeit – an Bretterchen, besonders hie und da aufgestellte Stäbe streicht. Diese wirksame Methode kann wegen des grausamen Hungertodes, zu dem die armen Thiere dadurch verurtheilt werden, mit gutem Gewissen nicht empfohlen werden. Wohl aber ein anderes, ähnliches Mittel, das ihnen nur kurzen Todeskampf bereitet. Ein Bierglas, reichlich zur Hälfte mit Seifenwasser angefüllt, wird gut mit einer Brotscheibe bedeckt, in deren Mitte man ein fingerdickes Loch schneidet, auf der Unterseite wohl auch etwas Zucker einreibt, Syrup streicht, kurz einen Köder anbringt. Bei einem Bäcker auf dem Lande fand ich einst diese Vorkehrung, in dem Glase eine reichlich zwei Zoll starke Fliegenschicht, und erhielt von dem Manne die Versicherung, daß er zwei bis drei Mal täglich ebenso viel Gefangene beseitige und an dem Brote keine Lockspeise anbringe. Statt des Seifenwassers, welches demnach die Thiere anzulocken scheint, wählt man auch verdünnten Branntwein. Neuerdings hat man, auf dem Prinzipe des Anlockens mit Branntwein beruhend, eine besondere Fliegenfalle erfunden, welche ich aus Erfahrung wohl empfehlen kann. Dieselbe bildet eine auf drei kurzen Beinen stehende, glasglockenartige Flasche mit kurzem Halse, auf dessen abgeschliffener Mündung ein Glaspfropfen dicht aufsitzt. Der Boden bildet, wie in einer Weinflasche, eine bergartige Einstülpung, deren Gipfel oben offen ist. Oben in die Mündung gießt man den Branntwein oder verdünnten Alkohol ein, indem man die Flüssigkeit an den Innenwänden der Flasche herablaufen läßt. Der Geruch lockt die Fliegen herbei. Sie kriechen vom Boden her in die Flasche, gelangen an deren Innenwände und fallen, sehr bald vom Geruche betäubt, in die Flüssigkeit, welche als Ring den Bodenumfang in nur mäßiger Höhe erfüllt. Der gut aufsitzende Pfropfen verlangsamt die Verdunstung der Flüssigkeit.
Genannte Mittel finden in der Regel erfolgreiche Anwendung da, wo es sehr viele Fliegen giebt. Will man sich die wenigen, aber immer noch lästigen vom Halse schaffen, und man kann Zug im Zimmer durch Oeffnen der gegenüberstehenden Fenster und Thür hervorbringen, draußen muß es aber warm sein, so gehen sie bald ab, weil ihnen jener unangenehm; durch Wedeln mit Reisern oder Tüchern kann man noch zu Hilfe kommen. Das Einsetzen von Gazefenstern ist, um ihr Zurückkehren zu verhüten, sehr zweckmäßig. Um Kronenleuchter, Spiegelrahmen u. s. w. vor den Beschmutzungen derjenigen zu sichern, welche sich immer noch verhalten und übersehen worden, hängt man einige kleine Papierstückchen, etwa Visitenkarten, durch fingerlange Fäden auf; an diese setzen sich die Fliegen gern, wie auch die nach und nach schmutzig werdenden Ecken derselben beweisen.
werden sie mit solcher Leichtigkeit und in solcher Menge gefangen, daß es bloße Nachlässigkeit ist, wenn sie so unglaublich überhand nehmen. Wenn ich in diesen Gegenden Landwirtschaft triebe, so würde ich vier bis fünf Morgen jedes Jahr mit todten Fliegen düngen.«

Obgleich später im Jahre eine Zeit kommt, in der sie verschwunden sind, erhält sich doch eine und die andere auch während des Winters in unsern Zimmern, noch mehr aber in den warmen Ställen, und es bedarf nur einiger schönen Tage im jungen Jahre, so lassen sie sich hie und da auch im Freien von der Frühlingssonne bescheinen. Eine ganz eigenthümliche Todesart unter ihnen fällt in einem Jahre mehr, in einem andern wieder weniger auf. Mit ausgespreizten Beinen trifft man sie an den Wänden, oder draußen an beliebigen Gegenständen, der Hinterleib ist ihnen angeschwollen, die Verbindungshaut seiner Glieder tritt als leistenartiger Schimmelstreifen auf, so daß jener schwarz und weiß geringelt erscheint. Beim Oeffnen findet man den Hinterleib ebenfalls hohl und schimmelig. Selbst die Stelle, an der sie sitzen, ist mit einem Anfluge von Schimmel überzogen, welcher den Leichnam festzuhalten scheint.– Beiläufig bemerkt sollen 48 000 Stubenfliegen ein Pfund wiegen, wie ein Amerikaner, der viel Zeit übrig gehabt haben mag, herausgebracht haben will.

Im Spätsommer, besonders wenn Viehställe nicht fern sind, pflegt sich noch eine andere Sorte von Fliegen in den Zimmern einzustellen, die von ihrer blutsaugenden Eigenschaft den Namen » Stechfliegen, Wadenstecher« ( Stomoxys calcitrans) erhalten haben und nicht mit der in Rede stehenden verwechselt werden dürfen. Sie sind etwas kleiner und an dem, wie bei den Stechmücken geformten Saugrüssel auf den ersten Blick von ihnen zu unterscheiden. Dagegen ist der blaue »Brummer« in Bau und Lebensweise der Stubenfliege sehr nahe verwandt. Wer sollte sie nicht schon gehört und gesehen haben, jene großen Brummfliegen mit dem schwarzgewürfelten, stahlblauen Hinterleibe, welche die Fensterscheiben immer mit ihren Köpfen einstoßen möchten und sofort sich einstellen, wenn sie aus weiter Ferne Fleisch wittern, um ihre Eier (Schmeiß) an dasselbe zu legen, weshalb man sie unter dem Namen der Fleisch- oder Schmeißfliegen« allenthalben kennt und fürchtet. Kopf- und Flügelbildung giebt Figur a; es sei nur dazu bemerkt, daß die Fühlerborste bei der Stuben- und Schmeißfliege bis zu ihrer Spitze beiderseits dicht befiedert ist und daß im Flügelgeäder bei beiden eine sogenannte Spitzenquerader vorhanden und unter einem Winkel (nicht in einem Bogen) von der vierten nach der dritten Längsader hinaufzieht; es ist dies absolut die längste, nahe der Spitze in die dritte Längsader mündende Querader. Der Mangel dieser Spitzenquerader charakterisirt viele andere Fliegen von Größe und ungefährer Färbung unserer Stubenfliege, namentlich die zahlreichen Arten der Blumenfliegen ( Anthomyia u. a.), von denen viele als Maden den verschiedensten Feld- und Küchengewächsen nicht unerheblichen Schaden zufügen. Außer den genannten Merkmalen haben unsere beiden Arten hinter jedem Flügel noch je eine kleine Schuppe gemein, unter welcher der Schwinger liegt, und die borstige Behaarung, der am Hinterleibe keine durch besondere Größe vor den andern ausgezeichneten Borsten beigemischt sind, das Vorhandensein solcher unterscheidet die Sippe der Dexinae von der der Muscinae, mit welch letzteren wir es hier allein zu thun haben. Der Mangel von einer oder wenigen abstehenden Borsten an der Innenseite der Mittelschienen unterscheidet die Gattung Musca mit der Stubenfliege von der neuerdings abgeschiedenen Gattung Calliphora mit der Schmeißfliege.

Die Fruchtbarkeit beider Arten erreicht eine außerordentliche Höhe durch die Menge der Eier, welche das Weibchen absetzt, und durch die Schnelligkeit, in der sich die Brut entwickelt. Die Stubenfliege legt jene in Klümpchen von 60-70 Stück in Zeit einer Viertelstunde. Von Gestalt sind sie fast walzenförmig, an dem Ende, aus welchem die Made ausschlüpft, etwas spitzer, und werden von zarter, wie Perlmutter weißglänzender Haut umgeben. Die der Schmeißfliege haben die etwas gekrümmte Form einer Gurke und in der Einbiegung eine Längsleiste, in welcher sie sich öffnen; auch sie werden in kleinen Haufen von 12 bis 100 Stück gelegt, etwa im Ganzen 200 von jedem Weibchen. Diese vorzugsweise an Fleisch, jene an Mist. Jedoch sind beide Mütter nicht eben wählerisch, die Stubenfliege verschmäht das Fleisch nicht, legt ihre Eier an verdorbenes Brot oder Getreide, Melonenschnitte, todte Thiere, in nicht rein gehaltene Spucknäpfe, ja an den Schnupftaback in den Dosen, wenn man sie ihnen offen hinstellt, die Schmeißfliege geht an alten Käse, Aas, irregeleitet durch den Geruch sogar an die eigenthümlichen Blüten der sogenannten Aaspflanzen ( Stapelia). Ich kann jetzt nicht mehr entscheiden, welcher von beiden Arten die Eier angehörten – einer jedenfalls –, welche ich vor langen Jahren um die Augen und Nasenlöcher einer jungen, lebenden Eule gelegt fand, welche mit ihren beiden Geschwistern an einer felsigen Stelle frei im Sonnenscheine dasaß und von ihren Aeltern ängstlich umkreist wurde. Die Thiere, welche noch nicht fliegen konnten, hatten zum Leidwesen der Alten ihr gewiß in der Nähe befindliches Nest keck verlassen und wurden in dieser bedenklichen Lage von mir entdeckt, mitgenommen und aufgezogen.

In höchstens vierundzwanzig Stunden kommen die Maden (Fig. c) zum Vorscheine. Sie sehen weiß aus, sind kegelförmig von Gestalt, hinten abgestutzt, und haben vorn je ein seitliches und am Leibesende zwei größere, nebeneinanderliegende, braune Luftlöcher. In der Bildung dieser unterscheiden sich beide Arten etwas, wie auch in der ihres Kopfes, wenn wir die vorderste Leibesspitze der Kürze wegen so nennen wollen. Die Maden der Stubenfliege haben einen schwarzen Haken am Maule, die der Schmeißfliege ihrer zwei und dazwischen noch eine Art von kurzem Pfeile. Die Haken dienen ihnen außer zum Fressen auch zum Fortkriechen bei dem gänzlichen Mangel von Beinen und sie ersetzenden Fleischwarzen. Der flüssige Unrath, welchen die Maden von sich geben, scheint die Fäulniß ihrer Nahrung, besonders des Fleisches zu befördern. Bald sind die von ihnen bewohnten Gegenstände durchwühlt; denn obgleich ohne Augen, fliehen sie das Licht und arbeiten sich daher schnell in jene hinein. Ein Beobachter ließ eine blaue Fleischfliege ihre Eier an einen Fisch legen. Am zweiten Tage nach dem Ausschlüpfen waren die Maden schon noch einmal so groß, aber immer noch klein genug, daß ihrer 25 bis 30 zusammen kaum einen Gran: wogen, schon am dritten Tage wog jede für sich allein 7 Gran, war mithin binnen vierundzwanzig Stunden gegen 200 Mal schwerer geworden.

Je nach den Umständen: günstiger Witterung und nahrhafter, reichlicher Kost, sind die Maden in 14 Tagen erwachsen. Jetzt gehen sie mehr auseinander und suchen womöglich Erde zu ihrer Verpuppung auf; finden sie solche nicht, so bringen sie ihre Verwandlung auch fertig, aber immer erst nach großer Unruhe und mancherlei Anzeichen des Unbehagens. Ohne vorangegangene Häutung schrumpfen sie zu einem anfangs rothbraunen, später dunklen, festen Tönnchen zusammen, wie es Fig. b versinnlicht. Nach weiteren fünf oder sechs Tagen findet man beim Oeffnen desselben die künftige Fliege in zarter weißer Masse schon vorgebildet, nach deren acht ist sie soweit lebenskräftig, daß sie dies Tönnchen selbst vorn durch Aufblähen ihres Kopfes sprengt und zum Vorscheine kommt; was stets am Tage, nie des Abends oder Nachts geschieht. Es versteht sich von selbst, daß die im Spätherbste erwachsenen Maden als Puppen überwintern und erst im nächsten Frühjahre auskriechen, und zweitens geht aus dem Gesagten hervor, daß während des Sommers mehrere Brüten erstehen, und das Fliegenvolk zu einem unermeßlichen heranwachsen müßte, wenn Thiere und Menschen ihm nicht aufsässig wären. – Schon von Maden angegangenes Fleisch muß stark eingesalzen oder, was dasselbe ist, in Salpeterlösung gelegt werden; auch kann man es mit Pfeffer einreiben.

Es wurde oben gesagt, daß man die Schmeißfliege auch höre, und der volksthümliche Name »Brummer« ist nur aus diesem Grunde ihr beigelegt worden. Wir möchten sie daher nicht verlassen, ohne einige erläuternde Worte über ihr Brummen gegeben zu haben, zumal sie nicht die einzige mit dieser Eigenschaft begabte Fliege ist. Hören wir, was Prof. Landois über diesen interessanten Punkt im Fliegenbaue in seinen »Thierstimmen« berichtet.

Schon der Altvater der Naturgeschichte, der 384 v. Chr. in Stagira in Macedonien geborene Aristoteles versuchte es, in einer für damalige Zeit entschieden geistreichen Weise das Summen der Fliegen, Bienen, Hummeln und anderer Insekten zu erklären. Er meinte nämlich, daß der Ton entstehe, indem sie durch den außerordentlich dünnen Theil ihres Körpers, welcher den Hinterleib mit dem Mittelleibe in Verbindung setzt, die Luft gewaltsam hindurchzwängten; die Erscheinung sei dieselbe wie diejenige, wenn ein Knabe durch einen Schilfstengel blase, dem ohne Verletzung der feinen Unterhaut an einer Stelle die feste Masse genommen sei. Nach Unterbindung jener eben näher bezeichneten Stelle des Fliegenkörpers ist der Summton kaum verändert, die Erklärungsweise mithin nicht zutreffend. Eben so wenig reichen die in späteren Zeiten von vereinzelten Forschern versuchten Ansichten aus, um die in Rede stehenden Erscheinungen zu erklären.

Bei ihrer Beobachtung scheint Rücksicht genommen werden zu müssen auf die während des Summens meist auch wahrnehmbare Bewegung gewisser Körpertheile und sodann auf die verschiedene Höhe und Tiefe der Töne. Wenn unsere Schmeißfliege ungehindert in der Luft umherfliegt, so läßt sie einen verhältnißmäßig tiefen Brummton erschallen, und während dem sind die Flügel und Schwingkolben in außerordentlich raschen Schwingungen begriffen. Faßt man die Fliege so zwischen die Finger, daß sie ihre Flügel nicht bewegen kann, so wird der Summton wesentlich höher, gleichzeitig aber eine heftige Reibung der Hinterleibsringe an einander und meist auch eine sehr lebhafte Reibung des Kopfes gegen die Vorderwand des Brustkastens wahrnehmbar. Verhindert man endlich auch diese Bewegungen, so läßt die Fliege den höchsten, mehr pfeifenden Summton erschallen, sie »räsonnirt« gewissermaßen »inwendig«. Aus diesen Beobachtungen läßt sich schließen, daß der beim freien Fluge hörbare Ton hauptsächlich durch die lebhaften Flügelschwingungen bedingt wird, der höhere Ton durch Reibung der Hinterleibsglieder aneinander und theilweise auch des Kopfes gegen den Mittelleib, außerdem bringen die Fliegen aber durch die Luftlöcher des Mittelleibes eine Stimme hervor, die einen nur durch die beiden Luftlöcher am Vorderbrustringe, die andern nur durch die beiden des Hinterbrustringes, wieder andere, zu denen unser Brummer gehört, durch alle vier, von denen jedoch die hintersten am kräftigsten entwickelt sind,

Landois unterscheidet an dem Stimmapparate unserer Fliege die Brummhöhle, die Brummklappen, den Brummring und die luftzuführenden Athemröhren (Tracheen). Die Brummhöhle bildet einen halbkugeligen Raum, dessen obere Oeffnung in dem Chitinskelet der Hinterbrust eingefalzt ist. Hier verdicken sich ihre Ränder ein wenig. Die äußere Oeffnung dieser Höhle wird vollständig von zwei ungleichen Klappen bedeckt, deren jede aus steifen Chitinhaaren besteht, die sich in das Feinste verzweigen und verflechten, so daß dadurch ein zusammengewebter Fächer entsteht. Die kleinere Klappe ist beweglich eingelenkt und liegt mit ihrem äußersten Rande ein klein wenig über der größeren, vollständig festgewachsenen. Beide Klappen sind offenbar zu dem Zwecke entwickelt, um eintretendem Staube den Zugang zu verwehren, infolge ihres zarten Baues können sie aber einen Luftstrom durch sich lassen. Unter diesen Klappen liegt der Brummring. Derselbe ist oval, etwas kleiner als die Brummhöhle und liegt daher frei in derselben, nur an seinem obern und untern Pole festgewachsen.

Die zahlreichen Luftröhrchen in der Brusthöhle vereinigen sich allmählich zu einem Rohre, welches sich zu einem Sacke ausweitet, der mit seiner Mündung an der Wurzel der fedrigen Klappe angeheftet ist. Diesen Sack, die innere Auskleidung der Brummhöhle, hält der Brummring auseinander, der in der Mitte ein federndes Bindeglied enthält. An dem Ringe sind zwei Stimmbänder befestigt, die gardinenartig an demselben hängen und deren innere Ränder die Stimmritze bilden. Wird mm die Luft aus den Röhren in die Brummhöhle gepreßt, so versetzt sie die Stimmbänder in tönende Schwingungen. Es mögen auch die Stimmbänder häufig an die fedrigen Brummklappen rauschen, da die Stimme dieser Fliegen nicht rein ist, sondern immer etwas Schnarrendes hat. Bei der Schlammfliege und ihren Gattungsgenossen ist die Stimme reiner, weil dort die die Brummklappen bildenden Haare nie mit den zahlreichen Stimmbändern in Berührung kommen können.

Der Brummapparat der beiden vorderen Luftlöcher ist im allgemeinen ebenso gebaut, nur bestehen die Brummklappen aus fein verzweigten gelben Haaren, welche regelmäßig die Spalte der vorderen Luftlöcher umsäumen. Die gelbe Färbung dieser Haare läßt auf den ersten Blick den Brummapparat erkennen.

Diese Werkzeuge dienen den Fliegen nicht allein zur Hervorbringung ihrer Stimme, sondern auch zur Fortbewegung ihres Körpers in der Luft, wie Landois weiter ausführt. Denn die Luftröhren der Brust bilden zwei größere Stämme, welche beiderseits jener in der Längsrichtung hinziehen. Von diesen größeren Luftbehältern gehen zu den kräftigen Muskeln und zu den andern Organen viele Verzweigungen, größere Aeste zu dem Brummapparate, wo sie, wie wir bereits gesehen haben, zu halbkugeligen Blasen, der innern Bekleidung der Brummhöhle anschwellen, auseinandergehalten durch den Brummring. Außerdem werden die Brummorgane durch zwei mächtige Luftblasen im Hinterleibe mit Luft gespeist. Bei der Schmeißfliege hat jeder dieser Blasebälge über 3 mm. Durchmesser. Daher kann eine große Menge Athmungsluft für die Stimme verwerthet werden. Da nun die hinteren und größeren Brummapparate an der hinteren, abgestutzten Fläche des Mittelleibes liegen, so muß die Luft, welche aus denselben mit Gewalt herausgepreßt wird, die Brust und somit den ganzen Körper nach vorn treiben. Doch genug hiervon!

Schließlich sei noch einer dritten Fliege, der grauen Fleischfliege gedacht, die uns zwar weniger in unsern Behausungen begegnet, desto zahlreicher aber von Anfang Mai bis in den späten Herbst hinein draußen im Freien, an Baumstämmen, auf Blumen, Wegen und besonders überall da, wo sich verwesende Thier- und auch Pflanzenstoffe vorfinden. Sie wechselt in Größe sehr; die stets kleinern Männchen übertreffen bisweilen wenig eine derbe Stubenfliege, während die Weibchen in der Regel etwas größer als die blaue Schmeißfliege werden und vor allem in ihrem Baue schlanker erscheinen als sie. Das blaßgelb schillernde Gesicht, der ebenso gefärbte, mit schwarzen Striemen wechselnde Rücken und der braun, schwarz und ebenso schillernde, würfelig gezeichnete Hinterleib machen sie leicht kenntlich. Figur d stellt ein Weibchen dar. Mit der vorigen hat sie die Flügelbildung und die große Schuppe gemein, welche die Schwinger ganz verdecken, unterscheidet sich aber wesentlich von ihr durch die an ihrer Spitze nackte, nur zur großen untern Hälfte gefiederte Fühlerborste und durch die starken, langen Borstenhaare an den Hinterrändern der Leibesglieder, wie überhaupt an allen Körpertheilen; auch kommen hier die Augen nie so nahe zusammen wie dort, obgleich sie beim Männchen sich ebenfalls näher treten als beim Weibchen.

Das bei weitem Interessanteste an dieser Fliege ist, daß sie zu den wenigen Arten gehört, welche lebendige Junge gebären, d. h. deren Eier nicht an der Luft, sondern in dem Mutterleibe zu Maden werden. Die Fliege legt also keine Eier, sondern Larven. Schon Réaumur, jener so fruchtbare Beobachter der Insektenwelt, bemerkte diese Thatsache und untersuchte sie genauer. Der Eierstock der weiblichen Fliege erscheint als ein Gefäß, dessen Wände wie ein Band geformt und spiralig zusammengerollt sind. Wickelt man eins auf, so ergiebt es eine ungefähre Länge von 515 mm., während die Fliege selbst kaum 13 mm. mißt. Der Breite nach liegen 20 Maden und auf einer Länge von 6,5 mm. 100 neben einander, mithin in einem Bandstück von 6,5 mm. Länge 20 x 100, würde für den ganzen Eierstock 20,000 Larven ergeben. Bei Betrachtung durch die Lupe, welche allein solche Sachen lehren kann, bemerkt man übrigens, daß jede Made in einem dünnhäutigen Eie liegt. Auch angenommen, wozu gerade kein Grund vorhanden, daß nicht die Hälfte der ungeheuren Anzahl zur Entwickelung gelangt, und etwa nur achttausend geboren werden, so ist die Fruchtbarkeit dieser Thiere doch immer noch eine Schrecken erregende.

Die Neugebornen wachsen, wie das ihnen verwandte Ungeziefer, sehr schnell und haben nach acht Tagen ihre volle Größe erlangt. Sie sind kegelförmig, schmutzig weiß, mit zwei schwarzen, hornigen Mundhaken versehen, über denen zwei Fleischwarzen stehen. Ihr ebenfalls abgestutztes, dickeres Leibesende ist etwas ausgehöhlt, rundum mit zusammenziehbaren Warzen besetzt und in ihrer Mitte mit den beiden warzigen Luftröhrenöffnungen ausgerüstet. Noch je ein seitliches, gezähntes Luftloch steht hinter dem spitzen Kopfende. In irgend einem Winkel oder flach unter der Erde werden sie zu braunen Tönnchen, und aus diesen schlüpfen schon nach 18-20 Tagen die Fliegen aus. Da hiernach in durchschnittlich vier Wochen die ganze Entwickelung vollendet ist, so dürften vier Bruten in einem Jahre für möglich anzunehmen sein. Wie viel in dieser Zeitfrist von einem überwinterten Weibchen Nachkommen abstammen können, wird der Liebhaber durch die Wahrscheinlichkeitsrechnung herausbringen; die Zahl könnte aber unsere hausbackenen Begriffe von der Zahl leicht überschreiten!

Auf diese Fliege dürfte sich jene grauenhafte Mittheilung beziehen, welche von England aus berichtet worden ist und dort von verschiedenen glaubwürdigen Seiten Bestätigung gefunden hat. Ein Almosenempfänger, welcher infolge seines unruhigen Wesens nicht Lust hatte, in dem Arbeitshause seiner Pfarrei zu bleiben, sondern es vorzog, in den benachbarten Dörfern bettelnd umherzustrolchen, erhielt milde Gaben, meist aus Brot und Fleisch bestehend. Wenn er seinen Hunger gestillt hatte, pflegte er das Uebrigbleibende, besonders das Fleisch auf der Brust zwischen Haut und Hemde zu tragen. Nachdem er einst einen beträchtlichen Vorrath davon zusammengebracht hatte, fiel er in eine Unpäßlichkeit und legte sich auf einem Feldwege nieder, wo von der Sonnenhitze jener Jahreszeit – es war Mitte Juni – das Fleisch bald in Fäulniß überging und voll Fliegenmaden wurde. Diese fuhren nicht nur fort, die unbelebten Fleischstücke zu verzehren und zu ihrem Vortheile zu verwenden, sondern auch der lebende Körper blieb nicht verschont. Als der Unglückliche zufällig von einigen Vorübergehenden gefunden wurde, war er so von Maden angefressen, daß sein Tod unvermeidlich schien. Nachdem man, so gut es gehen wollte, dieses ekelhafte Ungeziefer weggeschafft hatte, führten ihn die barmherzigen Samariter in ihre Heimath und holten sogleich einen Wundarzt herbei, welcher erklärte, der Körper befände sich in solchem Zustande, daß er den Verband nur einige Stunden überleben würde. So geschah es auch; der Unglückliche starb – angefressen von Fliegenmaden.

Jüngst brachten die Zeitungen eine Mittheilung aus Westpreußen, nach welcher ein zwölfjähriger Hirtenknabe längere Zeit an den empfindlichsten Ohrenschmerzen gelitten und zuletzt ärztliche Hilfe in Anspruch genommen habe. Der Arzt setzte durch Einspritzungen einige Larven der Fleischfliege an die Luft. Nach Aussage des Knaben war früher eine in die Ohrmuschel geflogene Fliege der genannten Art zerdrückt worden, und hierdurch waren ohne Zweifel einige Maden aus dem Leibe der Fliege an jener Stelle sitzen geblieben.

In Paraguay sind Fälle dagewesen, wo Leute nach einem Nasenbluten während des Schlafes von heftigem Kopfweh befallen wurden und nicht eher Erleichterung fanden, bis sie einige Fliegenlarven herausgenießt hatten. Fieberkranke auf Jamaika müssen mit größter Aufmerksamkeit beobachtet werden, damit ihnen nicht eine große blaue Fliege ihre Eier in Nase, Mund, an das Zahnfleisch lege, von wo aus einzelne Maden schon bis zum Gehirn gelangt sind und den Unglücklichen einen entsetzlichen Tod gebracht haben. Lassen wir dahingestellt sein, ob die verderblichen Fliegen jenseits des Oceans gerade die von uns besprochenen Arten sind, da es noch verschiedene andere giebt, welche ganz ähnlich leben. Unter allen Umständen aber bleibt es auch bei uns zu Lande etwas sehr Gefährliches, in der warmen Jahreszeit im Freien zu schlafen, da die angeführten Beispiele lehren, daß die uns von Seiten an sich ganz harmloser Geschöpfe drohenden Gefahren größere Bedeutung haben, als wir zu glauben geneigt sind.

Vor Zeiten hat es nicht an Leuten gefehlt, welche behaupteten, dergleichen Maden entständen von selbst an faulenden Gegenständen und die, einen menschlichen Leichnam aufzehrenden, sogenannten »Leichenwürmer« seien nichts weiter als die sichtlichen Zeichen seines sündlichen Lebens. Heut zu Tage wird kein vernünftiger Mensch solchen Unsinn für möglich halten, sondern annehmen, daß diese oder andere Fliegenarten unbemerkt ihre Eier an den Todten abgesetzt haben.

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