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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 8
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Der Speck-, Pelz- und Kabinetkäfer, ein würdiges Kleeblatt.

( Dermestes lardarius, Attagenus pellio, Anthrenus museorum)
siehe Bildunterschrift

a. Der Pelzkäfer ( Attagenus pellio). b. Larve des Speckkäfers, c. dieser selbst, d. Kabinetkäfer ( Anthrenus museorum). Alle vergrößert.

Tausende von Insekten fliegen, kriechen, hüpfen, schnurren, brummen oder singen an uns vorüber, und wir beachten sie kaum. Nur bisweilen nöthigt uns die Schönheit des einen eine stille Bewunderung, die Lästigkeit des andern eine laute Verwünschung ab. Am meisten noch werden diejenigen berücksichtigt, mit denen der Mensch in fortwährender Fehde lebt, die seine Person selbst angreifen, oder in unermüdlicher Zerstörungssucht sein Eigenthum schädigen; die einen offen und gewissermaßen zum Kampfe herausfordernd, die andern im Geheimen und hinterlistig, alle aber mit gleicher Unverschämtheit und Ausdauer. Wissen sie doch nichts von dem Leide, welches sie uns zufügen, sondern nur von dem, welches ihnen selbst der Hunger bereitet. Die Selbsterhaltung ist aber der erste und mächtigste Trieb, welcher die ganze lebende Schöpfung vom niedrigsten bis zum höchsten ihrer Gebilde, den Menschen nicht ausgenommen, durchglüht. Dieser Trieb also ist Schuld, daß uns die kleinen Käferchen, die wir jetzt näher betrachten wollen, in das Quartier rücken und sich hier wohl sein lassen, freilich auf unsere Kosten, zu unserem Verdrusse, ganz unbemerkt und im Geheimen, so daß wir sie nur an ihren Thaten, an dem von ihnen angerichteten Unfuge erkennen.

Kleine schwarze Gesellen, oft staubig auf ihrem ganzen Rücken, wenn sie aus solchem Winkel des Zimmers hervorkommen, oder blank und glänzend, mit zwei silberweißen Pünktchen auf der Mitte beider Flügeldecken, zeigen sich nicht selten an den Fenstern, an den Wänden oder auf den Dielen unserer Wohnstuben – wenn anders wir sie, besonders an letzteren, ihrer Kleinheit und Unscheinbarkeit wegen überhaupt nur auffinden. – In schon lange bewohnten Häusern kommen sie bei weitem am häufigsten vor. Schenken wir dem einen mehr Aufmerksamkeit, als ihm lieb ist, bemerken nicht blos, wie er seine Beinchen schnell fortbewegt, oder vom Sonnenscheine durchwärmt, die Flügelchen hebt, gegen die Fensterscheiben schwirrt, bestürzt zurücktaumelt und nun, auf dem Rücken liegend, lange zappelt, ehe er wieder auf die Beine kommt: sehen wir dem allen nicht nur zu, sondern fassen auch nach ihm, berühren ihn mit der äußersten Fingerspitze, mit einem Schwefelhölzchen oder sonst wie, gleich ist er – – todt. Die Beine liegen an, der Kopf mit den Fühlern eingezogen, und jede Bewegung ist verschwunden, so lebendig sie eben noch gewesen sein mochte. Unsere Begegnung war nicht derartig unsanft, daß sie zum Tode geführt hätte. Ist der kleine Wanderer so schwach von Natur, oder? – Siehe da, er kommt wieder zu sich, die Fühlerkeulen strecken sich hervor, der Kopf hebt sich, die Füße treten auf und der Marsch wird fortgesetzt. Also scheintodt war er. Er ist klein, aber nicht klein genug, um nicht listig sein zu können: er wollte täuschen und durch seinen erheuchelten Tod die Aufmerksamkeit und das Interesse von sich ablenken. Jetzt wähnt er sich sicher, darum hält er es nicht mehr für nöthig, eine Rolle zu spielen, die ihm lästig fällt. Aber dies harmlose Thierchen, wie soll dies schaden können? Wir bilden uns dies wohl nur ein? Ihm ist nicht zu trauen, er kann sich verstellen, wie wir eben sahen.

Wer sich den Käfer (Fig. a) genau betrachtet hat und draußen im Freien den Blumen recht ins Angesicht zu schauen versteht, besonders den kleinen Rosenblüthchen des Weißdorns, den stolzen Aehren und Rispen der tausendblumigen Spiräen und anderen, der wird zu seiner größten Verwunderung seinen Hausgenossen hier wieder finden, bisweilen auch bestäubt, aber nicht von dem gemeinen grauen Staube der Stubenwinkel, sondern von den gelben, zierlichen Staubkörperchen, welche den Blüthen entquellen. Hier hat er seine Sommerwohnung zugleich mit seinem guten Freunde, dem Kabinetkäfer. Gleichzeitig liefert er uns den Beweis von seiner Harmlosigkeit, und wir sind im Irrthume, oder böswillig, wenn wir ihn verdächtigen.

Wie aber, wenn ich die Versicherung gebe, denselben Gesellen anfangs December ganz wohlgemuth im Leibe eines brasilianischen Rüsselkäfers meiner Sammlung angetroffen zu haben, wieder in Gesellschaft seines Freundes? Diesmal jedoch nicht mit dem Käfer, sondern mit dessen Larve, und nicht mit einer, sondern mit sieben an Zahl und jeglicher Größe. Geschlafen hat er hier schwerlich, oder von der Lust gezehrt, desto besser aber von den vertrockneten Eingeweiden jenes Brasilianers, welche in ein feines braunes Pulver verwandelt worden waren. Auf seine Rechnung kam zwar wohl der geringste Antheil an der Zerstörung, die Sieben hatten mehr geleistet, so wie er als Larve viel furchtbarer ist. Vier äußerst zarte Häute, welche er als solche getragen hatte, lagen oder flogen vielmehr im Kasten umher; denn der leiseste Hauch bringt sie bei ihrer Feinheit in Aufruhr. Viermal hatte die vielleicht im Juni geborene Larve – wenigstens scheinen sie in der Regel um diese Zeit aus dem Eie zu kriechen – ihr Kleid ausgezogen, welches ihr auf Kosten der gespießten Käfer zu eng geworden war, viermal hatte sie mit erneuter Wuth gefressen, bis sie in der fünften Häutung zur Puppe geworden (August). Sie hat die Eigenthümlichkeit, den letzten Larvenbalg nicht abzustreifen, sondern in ihm den Puppenschlaf zu halten, weshalb es scheint, als käme der Käfer unmittelbar aus der Larve hervor.

Wenn sich diese nur von Insektensammlungen mästete, dann ginge dies noch an für jeden, der keine dergleichen besitzt, allein in diesem Falle hätte sie in den meisten Häusern nichts zu suchen, sie dürfte sich nur im Freien aufhalten, wo sie zwar keine mühsam präparirten und geordneten Sammlungen, aber todte Insekten jeglicher Art genug findet. Sie frißt indeß alles, was von thierischen Ueberresten außer den Knochen in unsern Wohnungen zu finden, ja man könnte fast sagen, daß sie auch diese nicht verschone. Auf dem hiesigen zoologischen Museum hauste eine Kolonie dieser Thiere jahrelang in einer ausgestopften größten Landschildkröte. An einigen Stellen waren die hornigen Schilder von den Larven zerfressen, an andern durch und durchgehende Bohrlöcher zu bemerken. Dieses Unwesen nahm erst dann ein Ende, nachdem die Schildkröte in einen Backofen gebracht und von neuem aufgearbeitet worden war. Eine alte Schnupftabaksdose aus schwarzem Horne gefertigt, findet sich in meinem Besitze, die an den stumpfen Ecken zum Theil tiefe Auskerbungen trägt, ihr beigebracht von den scharfen Kinnbacken jener Larven. Auch getrockneten Pflanzen in den Herbarien sprechen sie zu, vor allem aber lieben sie den Pelz, daher auch der Name » Pelzkäfer«.

Selbst mit braungelben Borsten dicht besetzt, am dünneren Leibesende hinten mit besonders langem Pinsel, ist die Larve schwer an solchen Orten aufzufinden; ihre Bälge nach den Häutungen verrathen sie am besten und – – das klumpenweise Ausfallen der Haare des Pelzwerkes da, wo sie gefressen hat. Auch sie stellt sich todt, indem sie den Kopf gegen die Brust einzieht und sich zusammenrollt. Beim Kriechen liebt sie eine ruckweise Bewegung; sie giebt sich einen Stoß und rutscht ein Stück, bis ein zweiter nöthig wird, wenn sie nicht Halt machen will. Gerade so führt sich die Larve (Fig. b) des Speckkäfers auf. Sie ist auch dem äußern Ansehen nach der vorigen sehr ähnlich, nur größer und hat oben am letzten Leibesende zwei hornige Haken unter einer fleischigen Warze, welche ihr beim Laufen zum Nachschieben dienen. Ihr Bauch ist mehr weiß gefärbt, als bei jener. Sie häutet sich mehrere Male (4?) und verräth ihre Gegenwart ebenfalls am besten durch die abgestreiften Häute. Im August oder September verliert sie allmählich die Haare, wird unthätiger, schiebt sich mit ihrer Leibesspitze fester und tiefer in ihren bisherigen Aufenthaltsort und wird in dieser Stellung zu einer weißen Puppe, welche nur mit dem Gesichte aus der geplatzten Larvenhaut hervorschaut, sonst von derselben bedeckt bleibt.

Ende September streift der Käfer (Fig. c) diese Doppelhaut ab und steckt mit seinem hintern Ende noch lange in ihr, unter Umständen den ganzen Winter über, bis zu den ersten Tagen des April (so besonders im Freien), oder aber, er läßt sich noch im Herbste blicken und geht seinem Vergnügen nach. Am 4. Januar begegnete mir einer im Wohnzimmer, der auf der Rückseite einer leinenen Tischdecke umherspazierte. Man erkennt ihn sehr leicht an der hellbraunen, quer über die Wurzeln der Flügeldecken laufenden, mit einigen schwarzen Punkten gezierten Binde bei übrigens durchaus bräunlich schwarzer Färbung. Auch er versteht es, sich todt zu stellen, und liebt beinahe alle thierischen, auch pflanzliche Stoffe als Nahrung, obgleich er Speck und getrocknetes Fleisch allem andern vorzieht.

Noch einmal müssen wir auf jenes Thierchen zurückkommen, welches, das dritte im Bunde, uns schon oben in der bedeutungsvollen Siebenzahl begegnete.

Durchaus keine Seltenheit in unsern Wohnungen, besonders den älteren, aber ein sehr gefährlicher und darum gefürchteter Gast in allen Sammlungen thierischer und pflanzlicher Naturalien ist der kleinste von den dreien, der Kabinetkäfer (Fig. d) und zwar in erster Linie seine Larve. Wegen ihrer Winzigkeit ist sie einentheils schwer zu entdecken, anderntheils wird es ihr leicht möglich, in die feinsten Ritzen und Fugen einzudringen und in Räumen zu erscheinen, welche man für vollkommen verschlossen gehalten hat. Mögen die Insektenkästen noch so gut verwahrt sein, dann und wann zeigt sich doch ein solcher Feind, sei es nun, daß er als Ei mit einer anrüchigen Insektenleiche eingeschleppt worden, sei es, daß er sich sonstwie einzuschleichen gewußt hat. Die Verheerungen aber, die eine einzige dieser gefräßigen Larven hier anrichten kann, weiß derjenige am besten zu beurtheilen, dem das Leid zugefügt worden ist. In der Regel lebt sie im Innern des Thieres, spaziert aber auch mit ausnehmender Gewandtheit auf dessen Oberfläche umher, so daß an allen Theilen der Fraß zu erkennen ist. Im ersteren Falle verräth ein braunes Staubhäufchen unter dem bewohnten Insekt, im andern das Lockerwerden der Beine, Fühler und sonstigen Theile, so wie deren theilweises Herabfallen die Gegenwart des Feindes, der bisweilen seine Beute spurlos von der Nadel verschwinden läßt. Starke Erschütterung, wie Aufklopfen des Kastens auf eine Tischkante, bringt den verborgenen leicht hervor, mäßige, den Sammlungsgegenständen bei nöthiger Vorsicht nicht nachtheilige Hitze tödtet ihn. Faßt man eine durch die Erschütterung auf den Boden des Kastens gefallene Larve in der Mitte ihres Leibes mit einer Pincette, um sich ihrer zu bemächtigen, so gewährt die so geängstete einen eigentümlichen und überraschenden Anblick. Der durch einen langen, abgestutzten Haarbüschel geschwänzte Hintertheil des Leibes bläht sich nämlich ganz ungemein auf, und bei genauerer Betrachtung bemerkt man jederseits der Wurzel jenes Schwanzbüschels drei äußerst zarte, durchsichtige Haarfächer. Aber welche Haare breiten sich hier aus? Das Mikroskop lehrt uns ihren wunderbaren Bau kennen. Aeußerst zarte, kegelförmige Gliederchen, die an ihrer Wurzel durchsichtig sind, reihen sich an einander wie Perlen auf einer Schnur; der letzte Kegel ist etwas größer und trägt auf einem haarfeinen Stielchen den dicken flammenartig ausgezogenen Endknopf. Der Zweck dieses ebenso zierlichen, wie zusammengesetzten Baues ist mir nicht bekannt, mag ihn deuten, wer es besser versteht. An der Hinterleibsspitze gewisser Schmetterlinge so wie an der Brust anderer hat man ebenfalls Gelegenheit, die reizendsten Haarfächer und Haarkrausen zu bewundern, die hier in gewissen Beziehungen zu den Geschlechtswerkzeugen und deren Verrichtungen stehen mögen. – Der übrige Körper der Kabinetkäferlarve ist durchweg mit ziemlich kurzen, rothbraunen Härchen besetzt, welche sich unter dem Mikroskope ebenfalls, aber wieder in ganz andern Formen, als gegliedert erweisen und gefiedert erscheinen.

Nach vielleicht achtmaliger Häutung (die gewöhnliche Annahme einer viermaligen ist zu wenig) erfolgt ebenfalls in der letzten Larvenhaut die Verpuppung. Die Zeiträume, welche zwischen je zweien von jenen liegen, haben sich merkwürdig ungleich erwiesen; denn man hat Unterschiede von vier bis sechszehn Wochen beobachtet, welche auf ein unregelmäßiges Wachsthum und längere, als einjährige Entwickelungsdauer schließen lassen.

Die Puppe sitzt mit ihrer Endspitze am Larvenbalge fest und schaut nur mit dem obern Theile ihres Rückens und mit dem Kopfe aus einer Längsspalte desselben heraus; sie ist mit rostfarbenen, ebenfalls gegliederten Härchen dicht besetzt.

Der ausgeschlüpfte Käfer theilt die Gewohnheit mit den genannten Verwandten, wochenlang in den schützenden Häuten sitzen zu bleiben. Unten ist er durch Behaarung grau, oben dunkelbraun mit drei undeutlichen, aus graugelben Härchen gebildeten, daher häufig stellenweise abgeriebenen Querbinden über die Decken verziert. Seine Fühler sind achtgliedrig und enden in eine zweigliedrige Keule. Der Umstand, daß man den Käfer außer unsern Zimmern auf blühenden Sträuchern und Schirmpflanzen häufig antrifft, beweist sein Leben während des Frühlings bis in den Herbst hinein, läßt vermuthen, daß er zu verschiedenen Zeiten ausschlüpft und sich im Freien nach andern Gesetzen entwickelt, wie in unsern Behausungen, wo die Larve das ganze Jahr hindurch Nahrung findet und allermeist von den die Entwicklung hemmenden Einflüssen der winterlichen Jahreszeit nicht oder nur theilweise berührt wird.

Das wäre so das Treiben jener drei Kerfe, die übrigens noch verbündete Brüder haben, mehr jedoch in der freien Natur, als in unserer nächsten Umgebung, wo wir unsere Fleischkammern vorzugsweise vor den Speckkäfern, die Pelzwaaren, außer vor Motten, vor den Pelz-, und die Insektensammlungen vor den Kabinetkäfern zu schützen haben. Die zoologischen Museen, welche Leckerbissen für sie alle enthalten, weisen sie alle auf und verlangen die sorgfältigste Ueberwachung diesen Feinden gegenüber. Unbrauchbare Präparate sollte man lieber gleich vernichten, als sie in den Winkel irgend eines ungangbaren Schrankes vergraben, weil man dadurch die recht eigentlichen Geburtsstätten jener ungebetenen Gäste unfehlbar selbst anlegt und diese geflissentlich hegt und pflegt!

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