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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 79
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Die gemeine Schlammfliege, Stallfliege, Wasserfliege.

( Eristalis tenax)
siehe Bildunterschrift

a. Larve, b. Puppe, c. weibliche Fliege, (alle in natürlicher Größe).

Wenn in Wald und Flur das organische Leben lange schon von seinem Gipfelpunkte herabgestiegen ist, die Sänger aus jenem verschwunden sind, und der rauhe Herbstwind hier über die Stoppeln weht; wenn die noch Lebenslustigen unter den Insekten schon Anstalten treffen, ihre Winterquartiere aufzusuchen, und die Trägheit in ihren Bewegungen den Mangel der belebenden Sonnenstrahlen wahrnehmen läßt; wenn die Schafgarbe, Wiesenskabiose und jene wenigen Blumen, die bis zuletzt ausdauern, ihre geringe, von den Anstrengungen während des ganzen Sommers noch übrige Kraft zu ihrem eigenen Todtenkranze aufwenden: da schwelgt noch im Vollgenusse seines Lebens, diese geschäftig aufsuchend, ein Insekt, welches man für eine Drohne halten möchte, so ähnlich ist es an Größe, Gestalt und dem männiglichen Summen – wenn man es anfaßt – dem Männchen unserer Honigbiene. Wer's besser versteht und ein wenig gründlicher zu sehen gelernt hat, als die meisten andern Leute, überzeugt sich sofort von dem gewaltigen Irrthume, in welchem er sich befindet, wenn er das Wesen für eine Biene hält; denn es hat nur zwei Flügel und muß darum eine Fliege sein. Gänzlich sind ferner die Fühler verschieden von denen einer Biene. Unsere Fliege hat kurze Fühler, deren drittes und zugleich auch letztes, beinahe kreisrundes Glied mit seiner langen Borste am obern Rande nahe der Wurzel am meisten in die Augen fällt. Beim Männchen stehen sie dicht neben einander ziemlich nahe der obersten Ecke des bleichbehaarten Gesichts, welches durch die oben auf dem Scheitel zusammenstoßenden schwarzen Augen scharf begrenzt ist. Beim Weibchen (Fig. c) befinden sie sich zwar genau an derselben Stelle, allein der Anblick ist ein anderer, weil hier die Augen aus dein Scheitel einen breiten Raum, ebenso wie das Gesicht behaart, zwischen sich lassen. Durch die Lupe betrachtet, zeigen sich auch die Augen behaart, aber schwarz, während der übrige Kopf mit Ausnahme einer glänzend schwarzen Längsstrieme im Gesichte und des untersten, etwas nach unten herabgezogenen Theiles desselben dicht mit braungelben Härchen besetzt ist; ebenso das ganze Bruststück. Der dunkelbraune, fünfgliedrige Hinterleib hat an seinen vordern Gliedern mehr oder weniger deutliche gelbliche Seitenflecke und ist seitwärts, besonders aber am schwach ausgehölten Bauche ebenfalls behaart. Die Hinterschenkel, etwas länger als die mittleren und vordersten, sind wie ihre gekrümmten Schienen an der obern und untern Kante mit einer Reihe schwärzlicher Borstenhaare besetzt. Die glashellen, nackten Flügel klaffen in der Ruhe.

Indeß darf man nicht meinen, daß unsere Fliege, auch Wasserfliege, im nordwestlichen Deutschland » Huusimme« genannt, erst jetzt Leben bekomme, etwa um die Herrin zu sein im Reiche der geflügelten Insekten für die wenigen Wochen, welche dem Herbste noch angehören. Sie war schon früher da; sie war es, welche die Astern unserer Gärten während ihrer Glanzperiode förmlich belagerte, sie gepachtet zu haben schien. Wenn sie uns damals weniger auffiel, so hatte dies einzig und allein seinen Grund darin, daß außer den Honigbienen noch verschiedene Arten wilder Immen und andere, ihr ähnliche Fliegen sich zwischen ihren Schwärmen befanden, und der Anblick der Gesammtmasse das Bild der einzelnen Art mehr verwischte. Wir entsinnen uns nun auch recht wohl, dasselbe Thier an noch ganz andern Orten angetroffen zu haben, als im Schooße lieblicher Blumen. Die Stätten der Verwesung und des Moders, Düngergruben und die widerlichen Winkel mit ihrem Unflath, die wir besonders auf dem Lande in deren Nähe antreffen, jauchige Viehställe u. dgl. m., sind von ihnen gesuchte Orte. Da gehören sie auch hin, da finden wir sie wieder, wenn wir uns nach ihrer Herkunft erkundigen.

Ein derartiger Winkel des großälterlichen Blumengartens barg während des Sommers ein Fäßchen, in welchem Wasseraufguß auf Hornspäne als vortreffliches Düngemittel für Levkoyen – sofern man es sparsam anwendet – niemals ausging. Da ich als Knabe alljährlich die Sommerferien bei den Großältern verlebte, und in Ermangelung passender Jugendgespielen auf mich selbst beschränkt, ich mich in meiner Weise zu beschäftigen suchte und in allen Winkeln des alten Pfarrhauses und der zugehörigen Gärten umher kroch: so durfte natürlich mich jenes Faß nicht ununtersucht bleiben. Ein alter Stock zum Umrühren ragte immer aus demselben hervor. Es wurde also gerührt. Welches Schauspiel gab es da für den neugierigen Blick, des Genusses für die Nase gar nicht zu gedenken. Dem bewaffneten Auge des Forschers hätte sich gewiß mancherlei dargeboten, dem unbewaffneten des Knaben fiel nur ein Gewühl von schmutzig-weißen, dicken Maden mit langen Schwänzen auf, wie ich sie auch in der feuchten Umgebung auf der Erde, oder vielmehr im Schlamme herumkriechend fand; Rinnsteine, wo sich ein Bodensatz sammelt, und ähnliche jauchige Stellen sind, wie ich mich später überzeugte, ihre Heimath.

Ausgewachsen mißt der fast walzige, am Bauche kaum plattere Leib reichlich 17 und der Schwanz allein 19,25 mm. Jener hat vorn mehrere Falten und ein eingestülptes Kopfende mit zwei glatten, hornartigen Fühlhörnern. Am Bauche stehen zwei Reihen seitlicher, auf ihrer Mitte mit schwarzen Börstchen besetzter Querwülste (sieben an Zahl), die bei den verschiedenen Bewegungen des Thieres mehr oder weniger deutlich hervortreten; denn es sind die Haftdornen, welche statt der Beine benutzt werden, wenn die Made, einen festeren Grund unter sich, in ihrem schlammigen Elemente vorwärts will. Der Schwanz besteht aus zwei Röhren, von denen die äußere, an ihrer Wurzel rauhe Röhre als Scheide dient, in welche die feine innere nach Belieben zurückgezogen werden kann. Beide sind außerordentlich dehnbar und die innere Röhre die Vereinigung der beiden seitlichen Hauptstränge der Luftröhren. Diese Vereinigung aber wird durch zwei Röhrchen, gewissermaßen die sich verjüngenden Fortsätze jener, vermittelt, die sich durch Windungen verkürzen und beim Ausziehen der Windungen verlängern lassen. Füllt nun die Larve diese Windungen mit Luft, so schnellt sie dadurch die innere Röhre weit aus der Scheide hervor, und wir würden nach dem Gesagten jenen Schwanz für das Athmungswerkzeug halten, auch wenn wir die Made nicht mit demselben an der Oberfläche ihrer jauchigen Flüssigkeit hängen sähen, um Fühlung mit der umgebenden Luft zu unterhalten. Ob dieser Bauart hat Réaumur diese Maden » rattenschwänzige« genannt und, wenn ich nicht irre, bezeichnet man sie in manchen Gegenden Deutschlands als » Mäuschen«.

Wo man viele von diesen Maden findet, zeigen sich auch, aber an etwas trocknere Stellen zurückgezogen, Gebilde, denen man ansieht, daß sie ihnen angehören ohne sie selbst zu sein. Sie haben die Form derselben, aber durch Zusammenschrumpfen und zahlreiche Falten im verjüngten Maßstabe, sind hart und steif, ohne Bewegung, und vorn auf dem Rücken stehen zwei stumpfe, nach vorn gerichtete, gerade Hörnchen, die bei der Larve nicht bemerkbaren Luftlöcher. Die Vermuthung liegt nahe, daß es die Puppen jener Maden seien, und wer sich die Mühe giebt, sie weiter zu beobachten, wird es bestätigt finden. Nach zwölf bis vierzehn Tagen löst sich auf dem Rücken die Haut wie ein Deckel los, der hinten mit jenen geraden Hörnern, vorn mit den beiden kürzeren, gekrümmten, welche vorher als die Fühlhörner bezeichnet wurden, endigt, ein feuchter Rücken wird bloß, und gemächlich kommt daraus hervor – – eben jene Fliege, der man von der Lebensweise ihrer Larve den Namen »Schlammfliege« beigelegt hat. Sie putzt und sonnt sich, und husch! fliegt sie davon und sieht sich in der Welt um, wenn sie trocken geworden ist.

So weit reichen meine Beobachtungen, das noch Fehlende läßt sich leicht mit großer Wahrscheinlichkeit vermuthen. Im Spätherbste legt das Weibchen seine Eier an solche Stellen, wo sich die Larven finden. Sie überwintern und kriechen im Frühjahre aus, sobald die Bedingungen zu ihrer Lebensfähigkeit vorhanden, wachsen und gedeihen am besten bei warmer Witterung und ziehen sich nach der Feuchtigkeit hin, wenn es ihnen an einem Orte zu trocken wird; denn wenn sie auch nicht schnell vorwärts kommen und manchmal das Gleichgewicht zu verlieren scheinen bei ihren Marschübungen, so lassen sie sich die Mühe nicht verdrießen, bis sie ihren Zweck erreicht haben, und man kann sie unter Umständen an Wänden von Häusern und Gefäßen bis zu unbedeutenden Höhen emporklimmen sehen. Ob sie sich auch einige Male häuten, ehe sie ihre vollkommene Größe erlangt haben? Bei der sehr dehnbaren Haut so vieler Fliegenmaden geschieht es wahrscheinlich nicht. Die letzte Haut streifen sie bei der Verwandlung entschieden nicht ab, sondern verpuppen sich in derselben. Noch Eins. Wo kommen im ersten Frühjahre die Schlammfliegen her, die man an den Weidenkätzchen fangen kann? Ueber Winter lebten sie nicht, ihr frisches Aussehen bürgt dafür, daß sie ihre Puppenhülle erst verlassen haben. Meiner Meinung nach sind es die Spätlinge aus vorigem Jahre, die von der rauhen Witterung überrascht worden sind, ehe sie ihre Vollendung erreicht haben. Dergleichen Verspätungen finden wir häufig und müssen sie als eine Vorsichtsmaßregel der Mutter Natur betrachten, welche dafür sorgt, daß sich an einer Oertlichkeit ein Insekt auch dann erhält, wenn es in dem für gewöhnlich den Winter zu bestehenden Lebenszustande irgendwie beeinträchtigt, gefährdet sein sollte. Gingen also wirklich einmal im Winter die Eier unserer Schlammfliege zu Grunde so wären immer noch einige Puppen vorhanden, welche mit Beginn des nächsten Frühlings das Fortbestehen der Art sichern. Wie ungleichmäßig übrigens die Entwickelung dieser Fliegen stattfindet, davon erhielt ich 1864 einen Beweis. Am 6. Oktober, nachdem schon einige Nachtfröste eingetreten waren, traf ich nämlich eine eben ausgeschlüpfte Schlammfliege an, der die Flügel noch nicht entfaltet waren.

Beiläufig sei bemerkt, daß noch andere, der Schlammfliege nahe verwandte Arten, deren die Gattung Eristalis noch zahlreiche darbietet, und die lebhaft gelben Arten der Gattung Helophilus, die gleichfalls spät im Jahre fliegen, aus sogenannten » Mäuschen« oder » Rattenschwanzmaden« entstehen.

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