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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 78
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Die größte Schwebfliege.

( Syrphus pyrastri)
siehe Bildunterschrift

Geöffnete Puppenhülse, Weibliche Fliege. Larve. (Alle in natürlicher Größe).

Wir lernten früher die Larven der Marienkäferchen als Wölfe unter den Heerden der Blattläuse kennen und finden während des Sommers Gelegenheit, Maden ganz anderer Form mit bedeutend erhöhter Mordlust und Freßgier bei demselben Handwerke zu beobachten, zum großen Glück der häufig so sehr von diesen Saftsaugern heimgesuchten Gewächse. In der Hauptmasse grün gefärbte, den Blutegeln an Gestalt und Bewegungen sehr ähnliche Würmer sitzen auf allerlei Pflanzen da, wo sich jene grünen, grauen oder schwarzen Feinde derselben auf den Blättern, um die Stengel in gedrängten Haufen schaaren. Wir wollen eine Art etwas genauer betrachten, von der man früher meinte, sie lebe nur auf Rosen, die aber auch anderwärts, besonders auf Obstbäumen und als vollkommenes Insekt sehr zahlreich in Nadelwäldern anzutreffen ist, wo sie sicher auch geboren worden. Die Familie der Schwebfliegen ( Syrphidae) ist eine sehr reiche an Arten und neuerdings auch an Gattungen und wegen der großen Aehnlichkeit vieler eine schwierige. Die Maden gewisser stimmen im Baue und in der Farbe auch ungemein überein und sind unter sich noch viel zu wenig unterschieden, als daß man behaupten könnte, die eine Art sei gerade auf diese, eine andere wieder auf jene Blattlausart ausschließlich angewiesen. Diese Ansicht liegt der Analogie mit andern Insekten nahe und dürfte auch Anwendung auf manche dieser Thiere finden; jedenfalls fällt ihr großer Reichthum an Arten bei weitem mehr in die Augen als der der Blattläuse.

Unsere Figur stellt das grasgrüne Thier mit gelblich weißem Rückenstreifen in erwachsenem Zustande dar, wie es eine Blattlaus verzehrt. Der Bau bietet allerlei Eigentümlichkeiten. Die Geschmeidigkeit und Gewandtheit des Körpers ist bedeutend; denn die Made versteht ihn spitz vorzustrecken und von beiden Seiten so nach der Mitte zusammenzuziehen, daß sie beinahe die Gestalt eines Ovals annimmt; letzteres pflegt sie gern zu thun, wenn man sie anfaßt. Statt der Füße dienen ihr einige Fleischwarzen, deren hinterste sie vorzugsweise gebraucht und sich damit festhält, während die größere Vorderhälfte des Körpers tastend und immer dünner werdend in der Luft umher fühlt. Will sie fortkriechen, so streckt sie den Leib nach vorn möglichst lang aus, hält sich mit zwei, den Mundtheilen angehörenden Häkchen fest und zieht das losgelassene hintere Ende des Leibes nach. Einen eigentlichen Kopf muß man ihr absprechen, wenigstens ist er weich und veränderlich, augenlos und endigt in ein dreispitziges Hornplättchen zwischen zwei kurzen Häkchen. Mit jenem spießt sie ihre Beute, die zugleich durch die letzteren festgehalten werden mag, zieht den Kopf, wenn wir die vordere Leibesspitze der Kürze wegen so nennen wollen, in das erste Hinterleibsglied zurück, welches mit seinen Vorderrändern sich noch um die Blattlaus legt, so daß diese gleich einem Pfropfen auf der Flasche vorn aufsitzt. Wie der Kolben einer Pumpe bewegt sich der Kopf nun vor- und rückwärts und pumpt so förmlich den Saft aus. Nach einer Minute, wenn die Made Hunger hat, ist nichts als der Balg mehr übrig, den sie fortwirft und durch ein zweites Thier ersetzt. Die ganz jungen Larven setzen sich gemüthlich einer Blattlaus auf den Rücken und saugen sie aus. Es gewährt einen höchst eigenthümlichen Anblick, diese vollkommen unschuldig aussehenden Wüthriche unter den arg- und vollständig wehrlosen Blattläusen hausen zu sehen. Eine nach der andern spießen sie ohne Erbarmen an und saugen sie aus, mit derselben Ruhe, mit welcher diese fortweiden, über ihren Feind weglaufen, friedlich daneben sitzen bleiben und nicht ahnen, daß der nächste Augenblick der letzte ihres Lebens sein kann. Ein Bild rascher Zerstörung durch Mord unter der Maske harmlosen und friedlichen Beisammenseins! Zwanzig bis dreißig Schlachtopfer zu einer Mahlzeit ist der schon erwachsenen Larve eine Kleinigkeit, und solcher Mahlzeiten hält sie an einem Tage viele, besonders nur um die Mittagsstunden ausruhend; man darf sich über diese Freßgier nicht wundern, wenn man bedenkt, daß sie in wenigen Wochen vom Eie an ihre volle Größe erlangt.

Kirby erzählt uns ein merkwürdiges Beispiel von der Lebenszähigkeit nicht gerade dieser, sondern einer andern, ihm unbekannten Schwebfliegenlarve. Am 2. Juni (1811) brachte er eine halb erwachsene unter ein Glas, versorgte sie zwei- oder dreimal mit Nahrung, und – – vergaß sie nachher. Drei Monate später fand er sie noch lebendig, und ohne weiter Futter zu bekommen, lebte sie fort bis zum Juni des nächsten Jahres, d. h. sie war während dieser acht Monate mit den hintersten Fleischwarzen festgeheftet an das Stück Papier, auf dem sie sonst unbeweglich lag, zuckte nur mit dem vordern Theile des Leibes, wenn sie berührt ward, und drehte sich wieder um auf den Bauch, wenn sie auf den Rücken gelegt worden war. Er berechnet, daß sie achtmal länger gelebt hatte, als bei ihrer naturgemäßen Entwicklung, und daß ein Mensch 560 Jahre alt werden müßte, wenn in demselben Verhältnisse seine Lebensdauer sich verlängern ließe.

Die Made hat ihre Größe erreicht, sie verläßt die Stätte, welche von ihrer Thatkraft erzählen könnte, kriecht an die Rückseite eines Blattes oder an den Stengel, auch an einen Grashalm in der Nachbarschaft, kurz an ein beliebiges Plätzchen, das ihr eben gefällt, und zwar meist am Abend. Am andern Morgen findet man statt ihrer ein pergamentartiges, bleichgrünes Gehäuse von Form eines fallenden Tropfens, einer umgekehrten Thräne wie sie der Maler darstellt, mit einer Seite seiner ganzen Länge nach an den früher gewählten Ort angeklebt, und man würde schwerlich geneigt sein; diesen Körper mit der Made von gestern in Verbindung zu bringen, wenn nicht die künstlich hervorgebrachte Abgeschlossenheit jedes andere Thier, außer den Blattläusen, absichtlich fern gehalten hätte. Hierin wird die Made bald zur Puppe, und in ihr reift das vollkommene Insekt, alles in wenig Zeit; denn nach kaum 14 Tagen färbt sich das Gehäuse mehr und mehr braun, eines Tages hebt sich an seinem kolbigen Ende ein kleiner Deckel ab, und das beschwingte Insekt, feucht, bleich, aufgedunsen und äußerst zart, spaziert aus dem Innern hervor. Schnell wachsen ihm die schlanken, wasserhellen, glasglänzenden Flügel und legen sich, übereinander geschlagen, auf den breiten Rücken. Bald werden die Farben dunkler und die Formen ziehen sich etwas zusammen, werden schärfer in ihren Umrissen; vollkommen trocken, ist die kleine Luftschweberin bereit zu ihrem ersten Ausfluge. Ehe wir sie aber entlassen, wollen wir sie uns ordentlich besehen, um sie unter allen Umständen wieder zu erkennen und leicht von ihren Vettern und Basen unterscheiden zu können, wenn sie uns in günstigen Jahren schon im März, unter allen Umständen aber vom Mai bis in den August in Gärten, auf Blumen oder an Gebüsch in Feld und Wald begegnet. Im Jahre 1865, dessen September, Oktober und November außergewöhnlich mild waren, fand ich sogar am 4. Dezember ein kürzlich ausgeschlüpftes Weibchen, an einer Lehmwand sitzend.

Kopf und Rücken des Bruststückes sammt den etwas aufgeblasenen Schildchen gleichen in Farbe und Durchsichtigkeit einem Kamme von Büffelhorn und tragen, die großen Netzaugen nicht ausgenommen, kurze, gelbbraune Härchen, an diesen freilich nur bei sehr günstiger Beleuchtung, sicherer mit bewaffnetem Auge zu erkennen, auf dem Scheitel Nebenaugen. Wie bei der Waffenfliege erkennt man auch hier das Männchen an den oben zusammentreffenden Netzaugen, zwischen denen beim Weibchen sich eine breite Strieme einschiebt. Die Fühler stehen hoch oben an der Stirn, hängen etwas nach unten und haben ein scheibenförmiges drittes und letztes Glied. Der fleischige Rüssel ist zurückgezogen und nur zum Saugen, nicht zum Stechen eingerichtet. Den glänzend schwarzblauen, ovalen und plattgedrückten Hinterleib mit mehr gelbem Bauche zieren auf dem Rücken je drei gelbe (weiße) Seitenflecke, der vorderste einem liegenden Oval, die hintersten einem Halbmonde, die Sichel nach vorn gerichtet, ähnlich. Die bleichen Beine sind an der Schenkelwurzel am dunkelsten und entbehren der Schienendornen.

Bei Sonnenschein fliegen die Thiere ungemein lebhaft, aber geräuschlos und in einer Weise, welche alle Schwebfliegen als solche sofort charakterisirt, Sie stehen nämlich längere oder kürzere Zeit auf einem Punkte in der Luft, unaufhörlich mit den Hinterbeinen quirlend, und lassen sich, aber nicht stoßweise, auf ein Blatt, eine Blüte nieder, um so flink wie sie kamen wieder aufzufliegen und fortwährend dieses Spiel zu erneuern. Bei trüber, etwas rauher Witterung zeigen sie sich in dem Maße faul und schwerfällig, wie vorher gewandt und unermüdlich. Das Weibchen legt seine Eier einzeln auf Blätter, wo Blattläuse beisammen wohnen. Aus dem eben Gesagten geht hervor, daß in günstigen Jahren mehr als zwei Bruten gedeihen. Im vollkommenen Zustande überwintert das Insekt nicht, auch nicht als Ei, weil jenes sonst unmöglich so zeitig im Frühjahre als neugebornes erscheinen könnte. Vielmehr überwintert die noch nicht erwachsene Made; wenigstens fischte ich in den ersten Apriltagen (1860) bei den Frühjahrshochwasser unter zahllosen Käfern, welche auf so unangenehme Weise aus ihrem Winterlager getrieben worden waren, auch mehrere halbwüchsige Syrphuslarven, welcher Art, weiß ich nicht anzugeben, aus dem angespülten Röhricht. Daß auch Puppen den Winter über vorhanden wären, wie bei manchen andern Fliegen, und wie ich früher annahm, scheint mir doch nicht gerechtfertigt, da ich mich nicht entsinnen kann, je eine in der genannten Zeit aufgefunden zu haben.

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