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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 75
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Die Rindsbremse und ihre Verwandten.

( Tabanus bovinus)
siehe Bildunterschrift

Ueber der Larve der Rindsbremse das Weibchen einer Blindbremse ( Chrysops relictus), zur Rechten das Weibchen der Rindsbremse (alle in natürlicher Größe).

Wenn die Sonne in das Sternbild des Krebses getreten ist, und ihre Strahlen für unseren Erdgürtel die höchste Thatkraft erreicht haben, wenn mit der Länge der Tage auch die oft lästige Wärme zunimmt und bis zum Augustmond sich durchschnittlich gleich bleibt, wenn mit einem Worte die Natur vor, auf und nahe hinter dem Gipfelpunkte ihrer Entwicklung weilt: drängen sich auch alle jene Erscheinungen und Gebilde in ihr, denen nach dem Willen einer höheren Macht nur ein kurzes Dasein bestimmt ist. Die Blumen der Gärten prangen in der höchsten Fülle, Wiesen und Wald entfalten ihren vollen Reichthum, nicht allein in der Ueppigkeit der sie bildenden Pflanzenwelt, sondern auch in der Geschäftigkeit, in dem regen Leben ihrer kleinen, geflügelten Bewohner. Bunte Sommervögel gaukeln von Blüte zu Blüte, Tausende von Bienen summen um sie her, furchtbar bewaffnete, gelbgebänderte Mord- und andere Wespen gehen auf Raub aus, während friedliche Schaaren von Fliegen jedes Thautröpfchen gierig aufsaugen, jeden Blumenkelch um seinen labenden Nektar ansprechen. Gewandte Grashüpfer in allen Größen tummeln sich an ihren Lieblingsplätzen und wetzen die Flügel in schrillender Musik.

Bange Schwüle verkündet ein nahes Gewitter. Wild und unbändig durchschneidet die ebenso schlanke wie mordgierige Libelle die regungslose Luft und erschnappt was ihr von Fliegen und Schmetterlingen zu nahe kommt, scheu vor dem Menschen zurückweichend. Ihn quälen hier diese, dort jene von den nirgends fehlenden Bremsen. Wer sollte sie nicht kennen, diese zudringlichsten aller Thiere für den über Tage im Freien Verweilenden, die sich nicht damit begnügen, an den entblößten Stellen des Körpers die scharfen Klingen ihres Rüssels einzubohren, um Blut zu saugen, sondern durch Kleidungsstücke durchzustechen versuchen, da sie gewohnt sind, unter dem dicken Felle der Rinder und Pferde die Blutgefäße aufzufinden? Da ist eine, beinahe von Gestalt unserer Stubenfliege, an Größe ihr aber überlegen. Sie trägt ihre pfriemenförmigen Fühler vorgestreckt, einen schwarzen Vorderrand und gleichgefärbte Querbinde auf den Flügeln und ist an der Wurzel ihres breiten, schwarzen Hinterleibes mit einigen blaßgelben Flecken gezeichnet. Außer den prächtig feurigen Netzaugen, an den Seiten des Kopfes stehen ihr drei einfache auf dem Scheitel, die andern Bremsenarten fehlen. Sie heißt Blindbremse, weil sie blind ist gegen jede ihr drohende Gefahr, wenn sie sich erst zum Saugen bereit gesetzt hat, und kommt bei uns in mehreren Arten vor, von denen das Weibchen des Chrysops coecutiens eben beschrieben worden ist. Das Männchen ist am Körper ganz schwarz und auch auf den Flügeln ausgebreiteter mit dieser Farbe gezeichnet, überdies stoßen seine Netzaugen auf der Stirn in einer kurzen Linie zusammen. Eine zweite, vielleicht noch häufigere Blindbremse, der Chrysops relictus, ist auch im männlichen Geschlechte am Hinterleibe gelbfleckig, im weiblichen eben da reicher gelb gezeichnet, dagegen an den Flügeln in beiden Geschlechtern etwas sparsamer mit schwarzer Zeichnung bedacht. Ein Weibchen erblicken wir auf unserem Bilde. Da die Blindbremsen nie in größeren Mengen Menschen und Thiere anfallen und sich häufig auch auf Blumen aufhalten, so sind sie noch die erträglichsten von allen.

Kaum größer, jedoch etwas schlanker ist die dunkelbraune, grau gezeichnete Regenbremse ( Hämatopota pluvialis) mit schwarzgrauen, hellmarmorirten Flügeln. Sie hat keine Nebenaugen, aber Netzaugen, welche in ihrer obern Hälfte purpurn strahlen. Ihren Namen verdankt sie der besonderen Liebhaberei, vor drohenden Gewittern und bei feinem Sprühregen am zudringlichsten und lästigsten zu werden. Ueberall und oft in solchen Mengen sucht sie ihren Blutdurst zu stillen, daß man ihr nicht entrinnen kann. Gewiß ist sie eine von den wenigen Stechfliegen, welche das schreckliche Gift milzbrandigen Viehes bisweilen auf Menschen übertragen. Geräuschlos kommen die Blind- wie die Regenbremsen an und verrathen ihre Gegenwart erst durch einen empfindlichen Stich.

Anders die bedeutend größern eigentlichen Bremsen. Durch kräftiges Gesumme verkündigen sie ihre Nähe, sind ebenso schnell wieder verschwunden wie sie kamen, und umkreisen in neckischem Spiele ihre Beute. Namentlich sind die Waldblößen und breiten Waldwege, über denen eben die Sonne steht, ihre beliebtesten Tummelplätze. Mit starkem und scharfem Gesumme scheinen sie sekundenlang auf einer Stelle in Mannshöhe, auch um das Doppelte höher in der Luft still zu stehen, wobei sich die Flügelschwingungen so schnell folgen, daß man bei einer Seitenwendung das Vorhandensein von Flügeln überhaupt nur bemerkt. Mit einem Rucke aus unseren Augen verschwunden, stehen sie im nächsten Augenblicke wieder an einer andern Stelle. Mit diesem wunderlichen Tanze verbindet sich ein nichts weniger als unharmonisches Konzert, wenn zehn und zwanzig Stück jene Wegstrecke gleichzeitig bevölkern.

Von den vielen, zum Theil schwer zu unterscheidenden Arten sei die Rindsbremse ( Tabanus bovinus) hier durch Wort und Bild vorgeführt; sie ist zwar nicht die gemeinste, aber doch eine häufige, über Nord- und Mitteleuropa sowie im Kafferlande verbreitete, und neben noch einigen seltneren die größte der Bremsen, ja beinahe aller heimischen Fliegen. Ihre Gattung ist zu erkennen an den vorgestreckten walzigen Fühlern, deren letztes (drittes) Glied halbmondförmig ausgeschnitten und fünfringelig ist, an dem nach unten vorstehenden, in der Ruhe auch nach vorn gerichteten, mit seiner Spitze dann zwischen die Fühlerwurzel gelegten Stechrüssel, an dem siebengliedrigen Hinterleibe und an den drei stumpfen Hautläppchen (Afterklauen), die zwischen den Krallen stehen, an den freistehenden Schwingern und an dem Mangel der Nebenaugen. Bei den Männchen stoßen die Augen auf dem Scheitel zusammen, wie bei vielen andern Fliegen, bei den Weibern bleiben sie getrennt. Der Bau des Saugrüssels bietet manches eigenthümliche dar. Von einer fleischigen Unterlippe, die etwa die Form eines stark zusammengedrückten Löffels hat, und von den gegenüberliegenden kürzeren, ebenfalls fleischigen Kiefertastern theilweise, werden sechs scharfe, spitze Hornplättchen eingeschlossen, welche, dicht an einander schließend, aus zwei breiteren, einer vordern und hintern, zwei schmäleren seitlichen, alle vier an der Innenseite mit je einer Rinne versehen, und den beiden mittelsten, eigentlichen Lanzetten bestehen. Alle sechs dringen zugleich in die Haut ein, stechen und heben wie ein Saugheber das Blut aus der verletzten Ader.

Vorzugsweise fallen die Weibchen die größeren Hufthiere an, welche sie aus weiter Ferne wittern. Bluttriefend geräth das Weidevieh bisweilen fast in Wuth, so wird es gepeinigt von den unersättlichen Saugern. Das Wild sucht schattiges Gebüsch auf, um sich vor ihnen zu retten. Fliegennetze schützen unsere Ochsen und Pferde vor dem Erntewagen einigermaßen gegen die Bremsenstiche, sowie das wiederholte Einreiben der Körperseiten mit Steinöl, welches die schwäbischen Bauern anwenden. Dem Menschen gegenüber zeigen sie sich ungemein scheu und wählen ihn meist nur dann als Zielscheibe ihrer Angriffe, wenn er regungslos stehen bleibt. An unfreundlichen Tagen sitzen sie gern an den Stämmen der Bäume, jedoch nicht fest. Denn wenn man sich einer noch so behutsam nahet, um sie zu fangen, huscht sie unter der Hand davon. Auch kann man sie massenhaft an blutenden Eichstämmen den ausfließenden Saft saugen sehen und sie bei dieser Gelegenheit leichter in seine Gewalt bekommen.

Unsere Rindsbremse hat unbehaarte Augen, keinen Anhang am Vorderaste der dritten Flügel-Längsader, hellgefärbte Schienen und gleichfarbige spitz dreieckige Mittelflecke auf dem Hinterleibsrücken; die obern Augenfelder der Männchen sind von den unteren an Größe nicht verschieden, d. h. die Augen erscheinen in ihrer ganzen Oberfläche gleichmäßig glatt. Als Grundfarbe des Hinterleibes herrscht ein dunkles Wachsgelb vor, von dem sich die lichten Dreiecke auf der Mitte durch unbestimmt dunklere Ränder deutlich absetzen, während der schmutzigbraune Rucken des Bruststücks durch gelbliche Behaarung mehr oder weniger verdeckt wird. Die Fühler zeigen sich nie ganz schwarz und die Flügel bräulichgrau getrübt mit gelbbraunem Geäder.

Die Larve gleicht in Gestalt und Lebensart denen der Erdschnacken. Sie hält sich in der Erde aus und findet sich besonders auf Wiesen in Menge beisammen, nährt sich wahrscheinlich von Graswurzeln und kann sich durch Strecken nach vorn bedeutend verschmälern. Der kleine glänzend braune Kopf trägt zwei kurze Fühler, Freßspitzen und zwei nach unten gekrümmte Häckchen, welche wie die seitlichen und am Bauche liegenden Fleischwärzchen das Fortschieben unterstützen. Die zwölf Leibesglieder sehen graulich aus und haben schwärzliche Ringfugen. Der dicke Schwanz endigt in zwei seitliche Fleischwarzen, wahrscheinlich die Luftlöcher. Im Mai ist die Larve erwachsen, streift ihre Haut ab und verwandelt sich in eine zolllange Puppe, ähnlich der der Schnacken. Sie ist von grauer Farbe, am Hinterrande der acht Leibesringel mit Franzen langer grauer Haare, am letzten mit einem Borstenkranze versehen, mit dessen Hilfe sie sich aus der Erde emporarbeitet, und vorn mit zwei braunen Höckern, durch welche sie athmen dürfte. Im Juni schlüpft die Fliege aus, und wenn das Weibchen sein Unwesen zur Genüge getrieben, legt es seine Eier in Haufen von drei- bis vierhundert an Grasstengel. Aus denselben entwickeln sich nach zehn oder zwölf Tagen die jungen Larven, wenn nicht kleine Schlupfwespen, einer zu starken Vermehrung vorbeugend, dieselben schon angestochen haben.

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