Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ernst Ludwig Taschenberg >

Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 73
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
Schließen

Navigation:

Der Heerwurm, die Larve der Heerwurm-Trauermücke.

( Sciara militaris)
siehe Bildunterschrift

Ein vergrößertes Weibchen auf einem von den Larven bearbeiteten Buchenblatte sitzend, neben ihm nach außen die Hinterleibsspitze eines Männchens. In der entgegengesetzten Ecke eine vergrößerte Puppe.

Im Jahre 1693 begann, von Schlesien ausgehend, der Spuk vom sogenannten Heerwurme, auch »Kriegswurm, Heerschlange, Wurmdrache« (schwedisch: Orme-Drag) genannt, erneuerte sich von Zeit zu Zeit in den sächsischen Herzogtümern, in Thüringen, Hannover, Norwegen und Schweden und dauerte, allmählich zu wissenschaftlicher Streitfrage erhoben, fort bis auf die neuesten Zeiten; denn der 1845 durch Hofrath Professor Berthold in Göttingen gegebene Aufschluß über den Namen des betreffenden Thieres hat sich nach den letzten Untersuchungen von Professor Nowicki in Krakau (1868) und Forstmeister Beling in Seesen (1865 bis 1869) als nicht zutreffend ergeben.

Wie der gemeine Mann, welchem die Erscheinung aus der Anschauung bekannt, jetzt darüber denkt, weiß ich nicht, was er damals und noch bis zu Ende des vorigen Jahrhunderts darüber gedacht hat, ist nicht schwer zu errathen und wird uns von den Männern, welche Aufklärung suchten, mit unzweideutigen Worten erzählt. Die Einen zitterten vor Krieg, andere prophezeiten aus dem Erscheinen des Heerwurmes den Ausfall der Ernte, so daß er den schlesischen Bergbewohnern Segen verhieß, wenn er thaleinwärts zog, Mißwachs dagegen, wenn er seinen Weg bergauf nahm; den Abergläubischen im Thüringerwalde bedeutete jene Marschrichtung Frieden, diese Krieg. Noch andere benutzten sein Erscheinen als Orakel für die eigene Person. Sie warfen ihm ihre Kleider und Bänder in den Weg und schätzten sich glücklich, besonders hoffnungsvolle Frauen, wenn er über dieselben hinkroch, bezeichneten hingegen den als einen nahen Todeskandidaten, dessen Kleidungsstücken er ausbog. Genug des abgeschmackten Zeuges, welches der menschliche Unverstand erfunden hat, und – leider noch erfindet, wenn er Dinge sieht oder erfährt, die seine Fassungskraft überschreiten! Gesetzt, es wäre Juli oder Anfangs August, uns würde verkündigt, wie 1756, 74, 78, 81, 1820 den Bewohnern von Eisenach, im benachbarten Holze zeige sich ein Heerwurm, und wir gingen hinaus wie die Leute damals, schaarenweise, aber vorurtheilsfrei, nicht etwa in ihm schon die Vorposten der kampfgerüsteten Franzmänner witternd, was würden wir dann eigentlich erblicken?

Eine graue Schlange, bis fast vier Meter lang, nicht überall gleich breit (drei Finger bis handbreit) und etwa daumdick, bewegt sich nicht mit der jenen Kriechthieren eignen Leichtigkeit über und zwischen Laub oder Gras dahin, sondern schleicht mit der Schwerfälligkeit der Schnecke, wie diese einen silberglänzenden Streifen getrockneten Schleimes zurücklassend, im Walddunkel einher, so daß sich der unkundige Beschauer eines gewissen unheimlichen Gefühles kaum erwehren dürfte. Sie besteht, bei näherer Betrachtung, aus tausend und abertausend bleichen Maden, welche durch jene Schleimmasse zusammengehalten werden und mit dem Vordertheile ihres Leibes sich allermeist, auch während der Ruhe, in tastender Bewegung befinden. Eine einzelne Larve mißt, wenn sie erwachsen ist, durchschnittlich 7 mm. und besteht aus einem hornigen Kopfe und zwölf weichen, glasartigen Körpergliedern. Jener trägt zwei Augen, gezähnte Kinnbacken und ist schwarz von Farbe, diese haben so ziemlich gleiche Länge und Gestalt, werden nach dem Leibesende dünner und lassen hie und da den dunkeln Darminhalt durchscheinen. Sechs Fleischwarzen am Bauche der drei ersten Ringe und zwei warzenartige Nachschieber am Ende des letzten, die man auch für ein dreizehntes Glied ansprechen könnte, unterstützen die Kriechbewegung; an der Körperseite erscheinen die Luftlöcher als schwarze Pünktchen.

Der aus solchen Maden gebildete Zug gestaltet sich mannigfach je nach dem Boden, auf welchem er sich bewegt; geringere Hindernisse werden überschritten, bedeutendere verursachen eine vorübergehende Spaltung, unter Laub verschwindet bisweilen ein Theil und läßt das Ganze unterbrochen erscheinen. Erfolgt ein gewaltsamer Querbruch etwa durch Pferdehufe und über den Zug gehende Wagenräder, so schließen sich die Lücken bald wieder, wie bei den Wanderungen der Prozessionsraupen (S. 305); auch hat man beobachtet, daß mehrere Züge sich mit der Zeit nach verschiedenen Schwenkungen zu einem einzigen vereinigen können. Als man die Erscheinung des Heerwurms sich noch nicht zu erklären bemühte, sondern nur als Omen ansah, wollte man wohl auch behaupten, er ließe sich nur zwischen acht und neun Uhr des Morgens sehen und zöge von Osten nach Westen, Dinge, welche kein vernünftiger Beobachter, wie sich erwarten läßt, bestätigt hat. In seinen Wanderungen bindet sich der Heerwurm an keine Zeit, nur den Sonnenschein kann er nicht vertragen, sonst scheint ihm Tag wie Nacht gleich zu sein. Einer seiner ersten Beobachter hatte einen solchen Zug in seinen Garten verpflanzt, wo er ihn eines Morgens nach sehr heftigem Gewitterregen in einen Klumpen zusammengedrängt, etwa wie einen Ameisenhaufen, im Schlamme und theilweise im Wasser liegend vorfand: Als nach etwa 24 Stunden der Boden wieder so leidlich abgetrocknet war, ordnete sich der freilich an Stückzahl stark verringerte Zug von neuem, und die nicht fortgeschwemmten oder sonst verkommenen Maden ließen eben nichts von erlittenem Ungemach merken, entwickelten ungeschwächt ihre frühere Thatkraft.

Daß die den Heerwurm bildenden Maden keine, einer weitern Entwicklung nicht mehr fähigen Würmer, sondern Insektenlarven seien, ward den Leuten, welche sich um die Aufklärung dieser sonderbaren Erscheinung kümmerten, bald klar und ebenso, daß sie einem Mückengeschlecht angehören dürsten; welchem aber, blieb bis 1845 noch unentschieden.

Bald nach dem Auftreten des Heerwurms verlieren die Larven ihr glasiges Ansehen, entleeren ihren Darminhalt, spinnen wenige Fäden und streifen die Haut ab, welche als ein braunes, eingeschrumpftes Anhängsel an der Spitze der Puppe hängen bleibt. Wie die gleichalterigen Larven zusammenhalten, so finden sich auch die Puppen in größern Partien zusammen, wenn es sein kann, in Vertiefungen, besonders solchen, welche die Mäuse auf ihren Straßen zurückgelassen haben, einzelne Larven, deren Zeit etwas früher gekommen ist, bleiben während des Zuges liegen, um die bisher mangelnde Ruhe im Puppenleben zu finden. Die buckelige Mumienpuppe, deren Gestalt unsere Abbildung vergegenwärtigt, ist anfangs mit Ausschluß der schwarzen Augen gelblich weiß, wird zuletzt an den Flügelscheiden schwärzlich und läßt kurz vor dem Ausschlüpfen der Mücke deren schwarzen Körper und die gelben Häutchen zwischen den Hinterleibsringen durchscheinen; sie mißt 3 bis 4 mm.

Nach zehn bis zwölf Tagen reißt die Hülle im Nacken und aus den kleinen Puppen kommen die Männchen, aus den größeren die Weibchen einer Mückenart, welche nicht mit der lange schon bekannten und benannten Thomas-Trauermücke ( Sciara Thomae) übereinstimmt, sondern einer andern Art angehört, die von Nowicki den Namen Sciara militaris erhalten hat, welchen Beling auch von der im Harze jahrelang beobachteten Art gelten läßt. Sie ist am Mittelleibe glänzend schwarz, trägt den Kopf tief unten und an diesem fadenförmige, sechszehngliedrige Fühler mit feiner Behaarung, drei in ein Dreieck gestellte Nebenaugen und dreigliedrige Taster. Der an den Seiten gelbe Hinterleib besteht aus acht Ringen, unterscheidet aber in Färbung und Form die beiden Geschlechter leicht, indem er beim Männchen in eine knotige Zange, beim Weibchen in eine vorstreckbare Spitze ausläuft. Dort tritt die gelbe Färbung nur punktförmig, hier in einer Linie und außerdem durch Querlinien in den Gelenkeinschnitten auf. Diese Farbenverhältnisse gelten von den lebenden Mücken, durch Einschrumpfen nach dem Tode verschwindet das Gelb mehr oder weniger.

Die rußigen, in Regenbogenfarben schillernden Flügel liegen platt auf dem Körper auf und haben das einfache Geäder, wie es die Figur zeigt; die äußerst fein behaarten Schwinger sind schwarzbraun gefärbt. Die Thierchen halten sich zusammengeschaart, sind lichtscheu und scheinen wenig zu fliegen in den paar Tagen, aus welche sich ihre Lebensdauer beschränkt. Das Weibchen legt an seiner Geburtsstätte auf die mit Laub bedeckte Erde oder zwischen-die untersten Schichten desselben bis hundert winzige Eierchen, von denen 15 bis 20 zusammen die Größe eines Mohnkornes erreichen. Dieselben sind anfangs glänzend weiß, später schwärzlich und überwintern. Während des Mai entschlüpfen aus ihnen die Larven.

Die genannte Mücke scheint die gemeinste und verbreitetste ihrer Gattung zu sein und findet sich mindestens im nördlichen Europa alljährlich überall. Nicht so der Heerwurm, den ihre Larven zusammensetzen. Sein Erscheinen ist außer in den schon genannten Jahren 1804-7 im Harze (Zarge), 1812 (Hensfeld im Hessischen), 1813 und 14 in Thüringen (Winterstein), 1828 im Harze (Zarge), 1844 und 45 (Ilfeld im Harze) angemerkt worden. Von dieser Zeit an hat man ihm allgemeinere Aufmerksamkeit geschenkt und da hat er sich allerdings fast jedes Jahr im Harze, in Thüringen, bei Tilsit (1856), im sächsischen Erzgebirge (1860), in der Schweiz (1851), in den Karpathen (1865) betreffen lassen. Aus diesen Beobachtungen ergiebt sich, daß in jenen Jahren die Trauermückenlarven an den betreffenden Oertlichkeiten in außergewöhnlichen Mengen vorhanden gewesen sein müssen, in den Zwischenzeiten entweder übersehen worden sind, oder in zu geringer Anzahl vorhanden waren, um als Heerwurm auftreten zu können. Außer in der Massenhaftigkeit der Larven muß das Erscheinen des Heerwurmes aber auch noch andere Ursachen haben.

Man hat, und auch ich war früher der Ansicht, den Wanderungstrieb geltend gemacht, der sich bei noch andern Insektenlarven vorfindet und die zu der Verwandlung nöthige Reise vorzubereiten scheint, allein dem widersprechen die langjährigen Beobachtungen Beling's. Nach denselben hat der Zug der Larven nur lediglich seinen Grund in dem Verlangen nach Nahrung. Dieselbe besteht nämlich aus der untersten, bereits etwas in Verwesung begriffenen Laubschicht. Die Blätter werden von der Larve skeletirt, jedoch nur insoweit, als das Blattfleisch den Grad von Weichheit besitzt, welcher einer allgemeinen Verwesung vorangeht. Daher sind die untersten, mehr verdichteten Schichten quelliger, von Natur feuchter Oertlichkeiten, wo das Laub von mehreren Jahren sich angesammelt hat, ihre eigentlichen Geburtsstätten. Im Harze enthalten solche Stellen vorherrschend das Laub der Buchen und Hainbuchen. In den geschlossenen Beständen dieser Laubhölzer sind daher die Maden am sichersten zu finden, zierlich an ihren weichsten Stellen skeletirte Blätter und feine, schnupftabakartige Krümel zwischen jenen die sichersten Anzeichen, daß hier Maden gefressen haben und – wenn sie nicht mehr vorhanden – in nicht zu entfernter Nachbarschaft aufgefunden werden können. Bei Kopaliny in den Karpathen ernährten sie sich nach Nowicki's Beobachtungen von der im Verwesen begriffenen Streu der Fichten. An dergleichen Stellen nun entwickeln sich die Larven in acht bis zwölf Wochen zu ihrer vollen Reife. Jahre hinter einander kann diese Verwandlung unter den feuchten Laub- oder Nadelschichten vor sich gehen, ohne daß ein Mensch eine Ahnung hiervon hat, daß diese unscheinbaren Wesen überhaupt vorhanden sind, sei es an Stellen, welche sein Fuß oft genug überschritten hat, sei es an andern, wo überhaupt so leicht keines Menschen Fuß hingelangt. Der bestimmte Feuchtigkeitsgrad, den die Larve zu ihrer Entwickelung bedarf, da zu viel Nässe ihr eben so verderblich werden kann, wie große Trockenheit, bleibt an ihrer Wohnstätte während ihrer Lebensdauer nicht immer beständig, oder die Nahrung ist aufgezehrt, namentlich zu der herannahenden Reifezeit der Larve, in welcher sie jene in reichlicherem Maße bedarf, und daher erklärt sich die Nothwendigkeit zum Auswandern leicht, das natürlich in den frühen Morgenstunden und am späten Abend vorgenommen wird, wenn der Thau die gehörige Feuchtigkeit bietet. Deswegen bleibt immer die ungewöhnlich große Menge von Sciara-Larven die erste Bedingung für die Erscheinung eines Heerwurmes.

Schließlich sei noch bemerkt, daß eine kleinere Verwandte der blauen Schmeißfliege, die Cyrtoneura pabulorum sich zwischen den Larven umhertreibt und sich im Larvenstande von den kranken Sciara-Larven und von deren Puppen ernährt.

 << Kapitel 72  Kapitel 74 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.