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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 70
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Der Schmetterling im allgemeinen.

Nicht von der unendlichen Mannigfaltigkeit der zierlich gebauten und noch anmuthiger bemalten und darum so allgemein bewunderten Schmetterlinge; nicht von den zahlreichen Gruppen mit ihren Erkennungszeichen, welche der Fachmann sich schaffen muß, um den Reichthum der Formen überblicken zu können; nicht von der Verschiedenheit der Sitten und Gewohnheiten dieser kleinen, vornehmen Tagediebe kann hier die Rede sein, ohne das vorgesteckte Ziel zu überschreiten. Zwei Punkte sollen nur noch kurz besprochen werden, ehe wir von unsern Lieblingen scheiden.

Jedermann weiß, daß die schönen bunten oder eintönigen Farben der vier Flügel ungemein vergänglich sind, daß sie an den Fingern haften bleiben, falls diese in unzarte, wenn auch nach unsern Begriffen vorsichtige Berührung mit ihnen gerathen, und daß der dünnhäutige, glashelle, mit Adern durchzogene Flügel an der Berührungsstelle zum Vorscheine kommt. Wir kennen andere Insekten, vorzugsweise Kinder der heißen Erdstriche, unter dem Einflusse einer glühenden Sonne geboren und erzogen, welche gleich unserem Pfauenauge mit ihren großen blauen Augen im Unterflügel lange nach dem Tode noch uns anzublicken scheinen, wenn wir ihnen in den europäischen Sammlungen begegnen, oder ein und das andere in treuer Abbildung vor uns haben. Der große surinamische Laternenträger, welcher, gewiß nur seiner Färbung wegen, in alten Zeiten den Schmetterlingen zugezählt worden ist, möge als Beispiel erwähnt sein. Auch unsere Gegenden erzeugen andere, kleinere z. B. den Frühlingsfliegen, Libellen, Fliegen u. a. angehörige Kerfe, welche ähnlich den Schmetterlingen, bunte Farbenflecken auf den zarten Häuten ihrer Flügel führen. Diese sitzen aber fest, greifen sich nicht ab, der Seidenstoff ist im Faden, nicht erst nachher gefärbt, wenn dieser etwas sehr hinkende Vergleich nicht mißverstanden wird. Man pflegt den Schmetterlingen bestäubte Flügel zuzusprechen, weil ihr Farbe wie abwischbare Stäubchen die Fläche decken. Dem unbewaffneten Auge genügt diese Anschauungsweise, obgleich es in vielen Fällen eines wenig geübten Blickes bedarf, um sie etwas ungenau zu finden. Schon mit bloßen Augen in einzelnen Fällen, besser noch mit bewaffneten und dann auf allen Schmetterlingsflügeln, entdeckt man einen Ueberzug wohlgeordneter Schuppen, deren jede genau ihre Lage behauptet, wie die Feder beim Vogel, jede bei tausend Einzelwesen derselben Art dieselbe Stelle einnimmt, dieselbe Gestalt, die gleiche Farbe hat. Staunen und Bewunderung muß uns erfüllen, wenn wir diesen Gedanken zu fassen vermögen. Die mit kleinen Stielchen versehenen Schuppen sind auf demselben Flügel nicht gleich, sondern verschieden an Größe, noch verschiedener an Gestalt; am meisten stimmen sie noch in der Mitte des Flügels in dieser überein. Bei den sogenannten, schon oft erwähnten Glasflüglern scheint sich die Natur im Reichthume ihrer Formen selbst überboten zu haben, besonders wenn man bedenkt, daß hier nur ein Theil der kleinen schlanken, überaus zart gebildeten Flügel beschuppt ist.

Ihrer Form nach sind die Schüppchen keilförmig, vierseitig, länglich viereckig, eirund bis haarartig fein, am Ende abgerundet, gezähnt oder zwei- bis siebenspitzig. Sie werden von mehr oder weniger zahlreichen Längsstreifen oder Rippen durchzogen und bestehen aus drei Schichten, von denen die abreibbare oberste nur den Farbstoff enthält; nach Entfernung derselben erscheinen sie glasartig und farblos. Außer diesen Schüppchen unterscheidet man noch Federchen, welche hinten meist herzförmig ausgeschnitten sind, während sie vorn in einen Büschel von Fäden auslaufen. Sie sind, zwischen die Schüppchen eingestreut, bisher nur bei den Männchen gewisser Tagfalter ( Pieris, Satyrus, Argynnis, Polyomatus) angetroffen, unterscheiden sich aber in ihrem anatomischen Baue nicht von jenen. Alle diese Schüppchen und Federchen sind aus demselben Stoffe gebildet, wie die glasige Haut der Flügel selbst, aus der sogenannten Chitine, und finden sich bereits, aber farblos, in der Raupe kurz vor ihrem Uebergange in den Puppenstand auf verschiedenen Entwickelungsstufen vor. Mit einer geknopften Wurzel sitzt nun jede in einem einwärts umgestülpten Doppelsäckchen der Flügelhaut, welches eine fette, gelbliche Flüssigkeit absondert, ein »Haaröl«, mit welchem die Schüppchen geschmeidig erhalten werden.

Das Streichen der Schuppenreihen, die gerade oder mannigfach gebogen verlaufen, das festere oder losere, bisweilen sogar senkrechte Sitzen der einzelnen Plättchen bietet neben der Form- und Farbenverschiedenheit die allergrößte Abwechselung und trägt wesentlich zu dem Glanze und den Farbentönen der meist unnachahmbaren Miniaturgemälde bei, verleiht ihnen den so ganz eigentümlichen Zauber.

Nicht nur die Flügel, auch der ganze Rumpf nebst Kopf, Tastern, und Beinen sind mit diesen Schuppen bekleidet, die hier mehr oder weniger Haarform angenommen haben. Auch von der Flügelunterseite der zahlreichen Nachtschmetterlinge gilt ein Gleiches, nur bei den Tagfaltern, wo meist Ober- und Unterseite der Flügel bunt gefärbt sind, wird auch diese letztere von vollkommneren Schuppen überzogen.

Dieser Ueberzug läßt sich auf glattem Papiere leicht abdrücken und ein naturgetreues Bild eines Tagschmetterlings erzielen, wenn man den Leib mit seinen Anhängseln nachher zwischen dieselben zu zeichnen versteht. Das Verfahren ist ungemein einfach. Man verschafft sich eine recht reine Lösung von arabischem Gummi, dem man etwa den dritten Theil von Gummi Traganth beigemischt hat, welches jenem den Glanz und die Brüchigkeit nach dem Trocknen benimmt. Mit dieser Lösung, welche gerade so flüssig sein muß, daß sie gut klebt, bestreicht man ein Stück weißen Papieres ungefähr in der Form, welche die Flügel des ausgespannten Schmetterlinges einnehmen würden, legt diese, dicht am Rumpfe abgeschnitten, mit der Seite, welche man zu haben wünscht und in der üblichen Stellung behutsam auf, zwischen der rechten und linken Seite einen Zwischenraum von der Breite des Körpers leer lassend, breitet ein anderes Stückchen Papier über und streicht nun mit dem Nagel des Daumens unter mäßigem Drucke über alle vier Flügel und zwar beiderseits. Bei dem Streichen muß, wie vorher beim Auflegen der Flügel jede Verschiebung auf das Sorgfältigste vermieden werden. Nachdem alle einzelnen Theile unter Anwendung der eben erwähnten Vorsicht gründlich behandelt worden sind, zieht man das Deckpapier behutsam ab, (damit dies möglich werde, darf die Lösung nicht zu wasserarm sein), hebt dann jeden einzelnen Flügel, mit einer Pincette an der Wurzel fassend, ab und hat den Abdruck vor sich. Es gehört keine große Uebung dazu; denselben nach Wunsch zu erhalten, sobald man die angegebenen Vorsichtsmaßregeln beobachtet und – – einen frischen Schmetterling anwendet. Bei einem alten, aus der Sammlung entnommen sitzen die Schuppen zu fest, selbst dann noch, wenn man ihn vorher auf feuchtem Sande aufgeweicht hat. Nachdem man schließlich mit dem Pinsel den Körper zwischen die Flügel gemalt und mit einem Wasserpinsel rings um die Franzen das überstehende Gummi abgewaschen hat, so sitzt der Schmetterling auf dem Papiere in einer Weise, die gar nicht natürlicher sein kann.

Nach dieser, der Praxis dienenden Abschweifung noch einige Worte über einen wunderbar entwickelten Sinn bei den Schmetterlingen, dessen sich die Praxis gleichfalls bemächtigt hat.

Der Geruchssinn muß bei ihnen sehr scharf sein. Ob hierbei die Fühler die vermittelnden Werkzeuge sind, ob durch denselben die Eier legenden Weibchen sich zu der richtigen Pflanze leiten lassen, ob die Lebensquellen durch denselben aufgefunden werden, wollen wir hier unerörtert lassen, sondern an einigen unzweideutigen Beispielen dessen Vorhandensein und hohe Ausbildung darthun.

Gewiegte Schmetterlingssammler wenden zum Fangen von Nachtschmetterlingen in neuern Zeiten ein Verfahren an, welches die reichste Ausbeute ergiebt, sobald nur ein einigermaßen günstiger Ort gewählt ist, an welchem es zur Anwendung kommt, d. h. ein Ort, an welchen man in der Nachtzeit den Zuflug von Schmetterlingen erfahrungsmäßig erwarten darf. Einige gewelkte Apfelschnitzel werden an einen Faden gereihet und kurz vor dem Gebrauche mit einigen Tropfen Apfelsäure oder Apfeläther angefeuchtet. Hängt man diese Fäden an jenen Stellen auf, so ist der Zuzug der Schmetterlinge, die hier zu saugen verlangen, nach dem Urtheile aller Praktikanten ein wahrhaft fabelhafter. Frisch ausgekochtes Malz und einige andere süßduftende Zusammensetzungen besitzen eine gleiche Anziehungskraft. Man hat mit einem dieser Geruchsspender auch eine Falle in Verbindung gebracht, einen eigens eingerichteten Kasten, in welchen die Schmetterlinge durch den Geruch gelockt werden, aus welchem sie sich aber nicht herausfinden. Unzweifelhaft ist es der Geruchssinn, welcher sie von weit und breit herbeilockt.

Derselbe Sinn aber kann es nur sein, der die Männchen die Weibchen auffinden lehrt. Es ist allbekannt, daß flügellose oder flügellahme Weibchen, welche mithin nicht wegfliegen können, dazu benutzt worden sind, die betreffenden Männchen herbeizulocken und einzufangen. Statt aller nur ein Beispiel.

Hr. Riese hatte ein Weibchen des bei Frankfurt a. M. sehr seltenen Schlehenspinners ( Lasiocampa pruni) erzogen, welches, weil seine Flügel verkrüppelt waren, in einer Schachtel neben dem Raupenbehälter vor dem Fenster inmitten der Stadt stand. Es währte nicht lange, so wurde es von mehreren Männchen umschwärmt, welche dem Sammler eine willkommene Beute lieferten.

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