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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 69
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Die Schmetterlingspuppe.

Wenn auch nicht in dem Maße wie bei den Raupen, so sind doch die Unterschiede zwischen den Puppen der verschiedenen Schmetterlinge erheblicher, als man denken sollte, theils in Ansehung ihrer Form und Farbe, die indeß nach dem Alter wechselt, theils in der Art ihrer Bewehrung: Spitzchen am Kopfe, Ecken und Zähne an andern Theilen, besonders bei den Puppen der größern Tagfalter, Haftborsten und Häkchen an den Seiten des Leibes, um sich aus einer Puppenhülle hervorarbeiten zu können, und bei den sonst in Gestalt und Farbe ziemlich ähnlichen, spindelförmigen, braunen oder schwarzen Puppen besonders die verschiedene Bildung und die mit Borsten, Häkchen und Dornen vielfach wechselnde Ausrüstung der Endspitze (Cremaster) bieten die wichtigsten Unterscheidungsmerkmale dar. Die Puppen der Tagschmetterlinge sind allermeist an ihrer Schwanzspitze aufgehängt oder noch durch einen Gürtel um den Leib in aufrechter oder wagrechter Richtung an feste Gegenstände angeheftet, sehr selten in der Erde verborgen; ihnen gleich thun es viele Spannraupen. Die meisten Puppen der sogenannten Spinner haben eine Hülle (Cocon) um sich, weichwollig oder papierartig, dicht oder dünn und durchsichtig, nur aus Seidenfäden oder mit den Haaren der Raupe, mit Pflanzenabfällen, mürbem Holze u. s. w. gemischt, beiderseits zugespitzt in Form eines Gerstenkornes, oder oval, fast kugel-, ei- oder birnenförmig oder ohne bestimmte Form, zwischen Blätter oder Zweige und Rinde all- oder einseitig angeheftet. Die in Stengeln des Rohres z. B. lebenden Raupen verpuppen sich frei darin, nachdem sie vorher ein Flugloch genagt hatten unter oder über der Puppe, je nachdem diese auf dem Kopfe oder aufrecht steht, andere, wie die Holzbewohner, fertigen sich ein Gehäuse aus dessen Spänchen, oder liegen frei in einer dazu ausgenagten Höhlung, wieder andere Stengel bewohnende Raupen gehen in die Erde, um in dieser als Puppen zu ruhen. Die Zahl der in der Erde anzutreffenden Puppen ist nicht gering, dahin gehören von den größern unter andern alle Schwärmer, welche immer frei in der Erde ruhen, und die meisten Eulchen, sowie viele Spanner. Die einen sind dicht von loser Erde umgeben, andere leimen eine Art Höhle aus, in der sie einigen Spielraum haben, noch andere spinnen sich ovale Gehäuse von Erdklümpchen; besonders lieben viele die Stelle, wo gewisse Moosarten auf sandigem Erdreiche aufliegen, andere gehen noch tiefer, und die Raupen versuchen öfter sich in den härtesten Boden einzubohren.

Die über der Erde, ohne Gespinst ruhenden Puppen sind am buntesten gefärbt, öfter mit dem herrlichsten Metallglanze geschmückt, die in Gespinsten und in der Erde meist braun in verschiedenen Tönen oder schwarz, manche von ihnen führen einen bläulichen bis röthlichen, abwischbaren Reif, wie die gemeinen Zwetschen, oder sind mit mehlartigem Staube bestreut. Die einen zeigen sich ungemein lebhaft und bewegen gern ihre Glieder hin und her, andere wieder geben äußerlich kein Lebenszeichen von sich.

Rücksichtlich der Puppen dauer finden merkwürdige Unterschiede bei ein und derselben Art sogar statt. Verpuppt sich z. B. die Raupe des Schwalbenschwanzes im Juli, so kommt bei günstigem Wetter schon nach dreizehn Tagen der Schmetterling zum Vorscheine, thut sie es im August oder September, so läßt der Schmetterling neun bis zehn Monate auf sich warten. Puppen, welche zu überwintern pflegen, ruhen mitunter ein Jahr länger aus und liefern bisweilen erst nach dem zweiten Winter den Schmetterling; ja man hat ausnahmsweise schon eine Ruhe von drei Jahren beobachtet, Verhältnisse, die in der Natur sicher auch vorkommen, wenn sie freilich nur bei der künstlichen Zucht beobachtet werden konnten, und darum vorkommen mögen, weil in solcher Unregelmäßigkeit stets eine Sicherung des Fortbestehens der Art liegt, wenn für das regelmäßige Erscheinen einmal ungewöhnlich ungünstige Unistände auf die Vernichtung des Thieres einwirken. Bei der künstlichen Zucht hat man es sehr in seiner Gewalt, das Puppenleben abzukürzen oder zu verlängern. Man zieht bei der nöthigen Feuchtigkeit neben dem warmen Ofen Schmetterlinge mit derselben Frische und Schönheit der Farben mitten im Dezember oder Januar, die in der Natur erst im Sommer fliegen. Man hat die eben aus der Raupe entstandenen Puppen der kleinen Blaukante ( Vanessa urticae) in Glaskugeln von der Größe eines Hühnereies gethan und dieselben einer brütenden Henne untergelegt; anfangs beschlug das Glas von der Ausdünstung und am vierten Tage kamen bereits die Schmetterlinge hervor, welche in freier Luft 14 Tage brauchen. Am 12. Juni brachte man frische Puppen derselben Art in einen Keller und erhielt erst den 3. August den Schmetterling aus ihnen. Derartige Erfahrungen lehren zur Genüge, wie die Temperatur für die Entwickelung dieser Thiere die Hauptrolle spielt. Trotzdem sind den verschiedenen Arten ihre Zeiten im allgemeinen vorgeschrieben, und das Wetter ändert dieselben in ähnlicher Weise ab wie das Wachsthum der Pflanzen. Merkwürdig dabei ist noch, daß bei ungestörtem Fortgange einer natürlichen Entwickelung die am Tage fliegenden Schmetterlinge des Morgens, die der Nachtfalter oder überhaupt im Dunkeln fliegenden dagegen erst dann die Puppenhülle verlassen, wenn der Tag sich ziemlich geneigt hat.

Darin stimmen alle Puppen überein, daß sie ruhen, also der Bewegungswerkzeuge vollständig ledig sind, keine Nahrung zu sich nehmen, wohl aber athmen durch die ihnen an den Seiten bleibenden je neun Luftlöcher, deren Hintere sich mit der Zeit schließen und außer Thätigkeit gesetzt werden, während die vordern, auch beim künftigen Schmetterlinge, wirksam bleiben. Auf dem Rücken jeder Puppe kann man neun Ringel unterscheiden, also drei weniger als bei der Raupe, da die vordern dieser als nachheriger Mittelleib des Schmetterlings verwachsen sind; von der Bauchseite her werden sämmtliche Gliedmaßen, Flügel, Beine, der Kopf mit den Augen, Fühlern und der Rollzunge unterschieden. Fühler, Rüssel und Beine stecken, wie sich nach dem Ausschlüpfen des Schmetterlings erkennen läßt, in besondern Scheiden, die unter der Puppenhaut liegen, welche, anfangs weich und kleberig, alle diese Theile verbindet und nach ihrer Erhärtung das Ganze wie aus einem Gusse entstanden erscheinen läßt.

Wie jener aus einer freien Puppe herauskommt, haben wir bereits früher gesehen, wie aber, wird man fragen, wenn die Puppe noch mit einem Gehäuse versehen ist, und zwar mit einem dichten, dessen Fäden sich nicht blos aus einander schieben lassen, sondern zerrissen werden müssen, um die nöthige Oeffnung darzubieten? Zu diesem Ende durchweicht der Schmetterling, dessen Kopf von der Puppenhaut inwendig frei geworden, die Fäden mit einem, vielleicht etwas ätzenden Safte, den er reichlich von sich giebt, und drückt dann, besonders wohl mit den Augen, dagegen, bis sie zerreißen. In andern Fällen übernimmt die noch vollkommen geschlossene Puppe dieses Geschäft. Zu dem Ende ist sie mit einer Spitze am Kopfe und mit Hafthaken an den Seiten ihrer Ringel ausgerüstet; bohrend und sich seitlich anstemmend durchbricht sie endlich das Cocon, arbeitet sich bis etwa zur Hälfte ihrer Länge aus demselben hervor und nun erst wiederholt der Schmetterling in ihr, was sie an dem Gespinste hervorbrachte, wie wir beim Weidenbohrer, den Blutströpfchen ( Zygaena), den Glasflüglern ( Sesia) u. a. wahrnehmen können.

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