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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 61
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Die Graseule und ihre nächste Verwandte.

( Charaeas graminis)
siehe Bildunterschrift

Weiblicher Schmetterling, erwachsene Raupe in der Ruhelage, dadurch sichtbar, daß ein über ihr liegender Stein aufgehoben ist.

Einer bronzeglänzenden, feisten Raupe, die von fünf gelblichen Längsstreifen, welche sich auf dem letzten, härteren Gliede ihres Leibes vereinigen, und von einigen weniger deutlichen und unterbrochenen Zwischenlinien durchzogen wird, am Bauche entschieden heller, gelblich grau gefärbt und mit sechszehn Beinen ausgerüstet ist, müssen wir noch gedenken, die bei uns in Deutschland sorgfältig gesucht sein will, da sie sich sehr versteckt hält und nur einzeln vorkommt, aber doch am Harze und bei Bremen je einmal in ähnlicher Weise sich aufgeführt hat, wie in ihrem eigentlichen Vaterlande, dem Norden Europas. In Grönland, Schottland, Kurland, Rußland, Norwegen und besonders in Schweden sind nämlich die Verheerungen der Wiesen durch diese Raupen seit alten Zeiten her berüchtigt. Dieselbe nagt die jungen Triebe der weichen Wiesengräser und die entwickelten Blätter während der Nacht in so verschwenderischer Weise ab, daß bei Trockniß, die ihr besonders günstig, nach wenigen Tagen die Grasflächen wie versengt aussehen und abgestorben sind. Während andere Raupen gern ein ganzes Blatt ihrer Futterpflanze oder wenigstens den größten Theil desselben auffressen, ehe sie ein zweites angreifen, arbeitet diese, die Pflanze nicht besteigend, ein Stück aus dem Blattgrunde heraus oder verzehrt diesen gänzlich, läßt aber den abgebissenen Theil, das eigentliche Blatt liegen, so daß es natürlich schnell vertrocknet. Hat die Raupe eine Wiese verheert, so zieht sie über Getreide- und andere Felder hinweg, ohne ihnen zu schaden, bis sie zu einem andern Weideplatze gelangt ist. Die Heupreise sind in jenen Gegenden durch sie schon um das Vier- bis Fünffache gesteigert worden, ja in Nordamerika haben dieselben Raupen einmal so gehaust, daß man sich Heu hat aus England kommen lassen müssen.

Im Jahre 1771 zogen diese Grasraupen die allgemeine Aufmerksamkeit in Bremen auf sich, wo man auf den Wiesen an der Weser in einer Nacht zwei Morgen verwüstet und auf dem Raume einer ausgebreiteten Hand zwölf und mehr Stück bei einander fand. Alsbald haben sich aber die Krähen in großer Zahl eingefunden und sich an ihnen gütlich gethan. Bedenklicher war ihr Erscheinen in der Harzburger Gegend 1816, wo sie sich schon neun Jahre früher durch ihre zerstörenden Wirkungen bemerklich gemacht haben sollen. Im genannten Jahre zeigten sie sich aber in solchen Massen, daß die an ihren Weideplätzen hinführenden Wege von den zertretenen schlüpfrig und kothig wurden, und handhoch lagen sie in den Wagengleisen. Ein Sachkenner aus Braunschweig J. L. T. F. Zinken genannt Sommer, beider Heilkunde Dr., Hofmedikus in Braunschweig, ein um die Schmetterlingskunde hochverdienter Mann. hatte vorgeschlagen, die von den Raupen befallenen Plätze schleunigst mit einem Graben oder, wo es thunlich, wenigstens mit einer tiefen Ackerfurche zu umgeben und von den Schweinen behüten zu lassen. Ehe indeß ein Entschluß gefaßt und der einfache Vorschlag angenommen wurde, waren die Raupen plötzlich verschwunden, und Leute, welche die Sache nicht besser verstanden, schrieben dies einem glücklichen Ungefähr zu, obgleich jener Braunschweiger darauf hinwies, daß die Raupen sich zur Verpuppung verkrochen hätten und in veränderter Gestalt wohl noch da sein möchten.

Das Mißgeschick schien während eines Zeitraums von elf Monaten vergessen zu sein, als Anfangs Juni des folgenden Jahres (1817) die abermalige Erscheinung der Grasraupen durch Eilboten in Braunschweig angekündigt ward. Während man nun durch eine Kommission an Ort und Stelle die Sache untersuchte, über die bei verändertem Umfange und anderer Oertlichkeit diesmal gegen sie anzuwendenden Mittel berieth und sich anschickte, dieselben zur Ausführung zu bringen, war an Grasung ein Flächeninhalt von mehr als 3000 Waldmorgen gänzlich abgefressen, dreißigmal mehr als das vergangene Jahr, das Raupenheer aber wieder, wie damals, verschwunden. Hiernach wären für das folgende Jahr etwa 100,000 Waldmorgen dem Verderben preisgegeben gewesen. Mit bangen Erwartungen sah man daher dem Monat Juni des Jahres 1818 entgegen, hatte jedoch dieses Mal alle Anstalten getroffen, um die ersten Spuren der Verwüstung sogleich zu entdecken und ihr endlich entschieden entgegenzutreten. Man kam zu spät! Der Juni war da, die Grasungen blieben unversehrt; denn keine Raupe ließ sich sehen. Bei genauer Untersuchung von Seiten jenes Kenners fanden sich allerdings einzelne vor, aber auf ihre gewöhnliche, sehr geringe Zahl beschränkt und daher für den Laien unsichtbar. Aller Wahrscheinlichkeit nach hatte ein achtundvierzigstündiger Regenguß Mitte Mai, infolge dessen alle Flüsse und Bäche zu einer, ihre Ufer weit übersteigenden Höhe angeschwellt wurden, tatkräftiger auf jene Verwüster eingewirkt, als die nur berathende Menschheit. Um diese Zeit nämlich häuten sich diese Raupen zum vorletzten Male, sie befinden sich also in einem geschwächten Gesundheitszustande, und jede Störung bringt ihnen Nachtheil. Ein so heftiger und anhaltender Regen mußte sie daher fortschwemmen und ersäufen, und die wenigen, die dem allgemeinen Schicksale entgangen waren, fanden sich nicht, wie vorher, auf den Bergen und deren Abhängen, sondern auf erhöhten Stellen unten in den Thälern.

Der zierliche Schmetterling fliegt im Juli und August des Abends und häufig auch bei Tage an Wiesenblumen; er ist an seinen einfarbig weißgelben Franzen und an den beiden ebenso gefärbten, meist zusammengeflossenen Ring- und Nierenflecken auf den staubig olivengrünlichen Vorderflügeln, die vor dem Saume noch kurze dunkle Längsstriche führen, leicht zu erkennen. Die Männchen erscheinen, wie vielfach auch bei andern Insekten, zu Anfang und Ende der Flugzeit allein, im Verlaufe derselben sind beide Geschlechter gemischt, und zwar verhält sich die Zahl jener zu der der Weiber etwa wie drei zu eins.

Jedes Weib legt bis zweihundert Eier, in der Regel auf einen kleinen Raum an die Grasstengel oder an das zwischen denselben befindliche Moos. Nach vierzehn Tagen, höchstens drei Wochen kriechen die jungen Raupen aus. Diese leben unter dem Moose und am Grunde der Graskaupen versteckt truppweise bei einander. Bis zum Herbste häuten sie sich noch einige Male, überwintern dann und vollenden die folgenden Häutungen im Frühjahre. Anfangs Juni erfolgt die letzte, und hiernach werden sie furchtbar, wenn sie in großen Mengen vorhanden sind. Nun bedürfen sie reichlicheres Futter, das sie sich außerdem, wie bereits erwähnt, durch Abbeißen der Grashalme dicht über der Erde selbst verderben; der Hunger treibt sie aus ihren Schlupfwinkeln hervor, sie fangen an zu wandern. Die verschiedenen Trupps breiten sich nach allen Seiten aus, vereinigen sich und in kurzer Zeit sind große Strecken abgeweidet und wie von Raupen überfluthet. Welche Verheerungen nun Schweine, Krähen und andere Vögel unter ihnen anrichten können, ist leicht zu ersehen. Die Verwandlung zur Puppe geschieht um Johannis in einem leichten Gespinste unter Moos, Steinen und ähnlichen Verstecken.

In unseren Gegenden, also im mittleren Deutschland, lebt eine mit der oben beschriebenen zum Verwechseln ähnliche Raupe ganz in derselben Weise, jedoch in sehr vereinzelten Fällen, wie beispielsweise 1833 auf dem Lechmoos in Baiern, so massenhaft beisammen, daß sie Schaden anrichten kann. Ich habe sie an einer dürftig berasten Berglehne, der es wegen eines benachbarten Steinbruches nicht an vereinzelt umherliegenden Steinen fehlt, um die Pfingstzeit mehrere Jahre hinter einander eingesammelt, aber gar manchen Stein umwenden müssen, ehe ich bis ein Dutzend Raupen einheimsen konnte. In einer kleinen Grube ruht sie unter solchen nämlich während des Tages und zwar immer in einer ganz bestimmten Stellung; indem sie ihre beiden schwach verjüngten Körperenden einander zubiegt, bildet sie einen mehr weniger geschlossenen Ring. In der Gefangenschaft füttert sie sich gut mit Queckengras, das man ihr in Wasser reicht, so jedoch, daß sie nicht in das Wasser eindringen kann, was sie bei ihrer Gewohnheit, im Freien den Boden nicht zu verlassen, sehr gern thun würde und hier natürlich ersaufen müßte. Auf diese Weise wird sie gezwungen, die Graspflanzen zu besteigen, nicht aber, mit dem Futter sparsam umzugehen. Jeden Morgen liegen die Spitzenhälften der Blätter auf dem Boden des Zwingers oder hängen noch mit einem Fäserchen an dem Wurzeltheile. Bei reichlicher Nahrung gedeihen die Raupen gut, fressen etwa bis Mitte oder Ende Juni, liegen dann einige Wochen als glänzend rothbraune Puppen, die an den Flügelscheiden fein quergerunzelt sind, in der Erde, und Ende Juli, Anfangs August schlüpft der Schmetterling aus. Er führt den Namen Lolcheule, Futtergraseule ( Neuronia lolii) und zählt seiner äußern Erscheinung nach entschieden zu den zierlichsten. Kopf und Mittelleib sind stark wollig behaart, braun und gelblich weiß gemischt, jener trägt beim Männchen lang doppelt gekämmte Fühler, wie solche bei Eulen nur selten vorkommen. Die Vorderflügel sind rothbraun gefärbt und wie mit pfirsichblütenem Dufte angehaucht, alle Rippen, die Wellenlinie und die Umsäumung der Makeln gelblich weiß. Die beiden Querlinien erscheinen doppelt und dunkler, die Hintere deutlicher als die vordere, eben so dunkle Keilfleckchen sitzen nach innen an der Wellenlinie, auch die Saumlinie ist dunkler als ihre Umgebung und auf den Rippen weiß durchschnitten. Die Franzen sind an der Wurzelhälfte rothbraun, an der Spitzenhälfte gelblich weiß, an der äußersten Wurzel gleichfalls gelbweiß. Die gelblich weißen Hinterflügel sind am Saume breit angeräuchert, beim Männchen mehr bindenartig als beim etwas größeren Weibchen. Dieser Färbung entspricht auch die Farbe des Hinterleibes, der beim Männchen mit pinselartiger Behaarung an der Spitze geziert ist, während das Weibchen hier eine Legröhre lang vorstrecken kann, um seine Eier tief in die Graskaupe zu versenken. Ein solches hatte ich am 8. September aufgefunden. Dasselbe legte in drei auf einander folgenden Nächten zusammen 164 Eier an die Wände der dasselbe einschließenden Schachtel. Sie gingen jedoch, weil wahrscheinlich unbefruchtet, zu Grunde.

Die Lolcheule ist durchschnittlich etwas größer als die Graseule, entspricht ihr aber im Flügelschnitte und in der Entwickelungsweise vollständig.

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