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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 60
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Die Kieferneule.

( Trachea piniperda)
siehe Bildunterschrift

Puppe von der Rückenansicht, erwachsene Raupe, Schmetterling.

In den achtziger Jahren (1783) des vorigen Jahrhunderts richtete in den fränkischen und sächsischen Kiefernwaldungen, namentlich im Anspachischen, Bayreuthischen und Nürnbergischen plötzlich eine Raupe so gewaltige Verheerungen an, daß die dortigen Behörden ihre Naturgeschichte untersuchen ließen, um wo möglich den weiteren Verwüstungen derselben ein Ziel zu setzen. Man schlug die Akten nach und fand, »daß dieselben Raupen schon 1725 die Föhrenwälder verheert hatten und zwar binnen 14 Tagen im Juli mehrere hundert Morgen. Die Raupen krochen aus den Gipfel der höchsten Bäume und fraßen die Nadeln von der Spitze an so ab, daß die Bäume in kurzer Zeit vollkommen kahl und wie verdorrt aussahen und – – erst nach einigen Jahren abstarben, so daß man sie fällen mußte. Im August ließen die Raupen vom Fraße ab, wurden matt und fielen in solcher Menge herunter, daß der Boden von ihren Leichen wie mit einem schwarzen Ueberzuge bekleidet erschien.« In dem nämlichen Jahre (1783) geschah es auch, daß in der ganzen Kurmark, in einem Theile der Neumark und Vorpommerns sowie in der Görlitzer Gegend die Forsten durch dieselbe Raupe und stellenweise ganz besonders durch die oben erwähnte Spinnerraupe dem Verderben preisgegeben war. Seitdem ist sie dann und wann, so 1808 und 1813 wieder in Franken, in letztgenanntem Jahre auch in Ostpreußen und in den dreißiger Jahren verschiedenen Orts, namentlich in Pommern, Mecklenburg, in der Uckermark und in der Berliner Gegend in Bedenken erregenden Massen aufgetreten und hat für lange die Spuren ihrer Verwüstungen zurückgelassen.

Wie sich von selbst versteht, ist sie auch heute noch nicht verschwunden und findet sich beinahe in allen Kiefernwäldern, am liebsten in den jüngeren (30-40jährigen) Beständen, in dem einen Jahre mehr, im andern vereinzelter und zwar von Ende Mai bis Mitte Juli. Die jungen Räupchen spinnen die Nadeln zusammen, lassen sich zu einer schnelleren Fortbewegung oder sonst zu ihrem Schutze an Fäden herab, haben einen spannerartigen Gang und bohren sich zum Theil beim Fraße so in die Maitriebe hinein, daß diese durch Braunwerden ihren Tod bekunden. Dies alles läßt sich im Freien weniger wahrnehmen, da sie ihr Unwesen hoch oben auf den Bäumen treiben, aber in Raupenzwingern angestellte Beobachtungen haben es bewahrheitet. Die erwachsene Raupe erreicht eine durchschnittliche Länge von 3,5 cm., hat einen dicken Kopf, cylindrischen, nach hinten etwas verdünnten Körper, einzelne kaum zu bemerkende Härchen und 16 ziemlich schwächliche Beine. Gelblich grün bildet die Grundfarbe ihres gestreckten Körpers, dicht unter den Luftlöchern zieht sich ein orangener Doppelstreifen lang und über ihnen vertheilen sich gleichmäßig aus den Körper fünf weiße Längslinien, die, außer der mittelsten, nach innen etwas dunkler besäumt, sind. Dies ist das Bild eines an sich harmlosen Wesens, welches durch sein gemeinsames Wirken schon Furcht und Schrecken eingeflößt hat, und welches der Forstbeamte immer noch mit Argusaugen überwacht.

Die am Schlusse jener amtlichen Mittheilung erwähnte Erfahrung hat sich später vielfach wiederholt. Man hat die Raupen vertrocknet an den Nadeln hängend oder auf dem Boden reichlich ausgestreut und faulend gefunden und diesen Umstand zum Theil auf Rechnung feuchter und kalter Witterung bringen können, die gerade diese Raupe wenig verträgt, zum Theil aber auch für eine unter ihnen ausgebrochene, noch nicht weiter ergründete Krankheit erklären müssen. Weiß doch die Natur überall Rath, das irgendwo gestörte Gleichgewicht bald wieder herzustellen. Es versteht sich, daß in solchen Fällen ihre sichtbaren Hilfstruppen nicht fehlen. Denn Tausende und abermals Tausende von kleinern oder größern Schlupfwespen umschwärmen die belagerten Bäume und bringen ebenso vielen Raupen einen gewissen Tod. Man hat bis jetzt etwa 23 verschiedene Schmarotzer bei ihnen angetroffen, die fast ausschließlich in der Puppe zu ihrer vollkommenen Entwicklung gelangen. Auch die Schweine, Dachse und Füchse verzehren die Raupen, noch mehr aber die ihnen zugänglicheren Puppen mit dem größten Appetite und ziehen sich in den Gegenden, wo sie überhaupt hausen, nach den kranken Revieren. Daß alle Insektenfresser unter den Vögeln das Ihrige zur Vertilgung auch dieser Raupen beitragen, bedarf wohl kaum einer Erwähnung.

Verlassen wir jetzt die Stätten der Verwüstung und beobachten das Insekt weiter in seinem gewöhnlichen Vorkommen. Ende Juli oder Anfangs August steigt die Raupe von den Bäumen herunter, fertigt sich unter dem Moose oder der Streue und zwar nicht weiter vom Stamme entfernt, als die Schirmfläche der Krone reicht, ein Lager oder bohrt sich wohl auch einige Zoll tief in die Erde ein, wenn dieser jene schützenden Decken fehlen.

Die gestreckte Puppe hat in ihrer Form nichts Auffälliges. Auf dem Rücken des vierten Ringes findet sich ein nach hinten von einem runzeligen Walle begrenztes Grübchen und die stumpfe Schwanzspitze trägt zwei größere Dornen und einige kleinere Borsten zu den Seiten jener. Die Farbe ist glänzend braun, anfangs mit grünlichem Schimmer, an den Gelenkeinschnitten aber immer rothbraun. Sie überwintert und hält in ihrem Lager den stärksten Frost aus, wird aber dort von einer tausendfußartigen Assel, dem schlanken und sich vielfach windenden Scolopender, der den Winter in ähnlichen und denselben Verstecken wie sie zubringt, gern aufgesucht und ausgefressen.

Bringt der März des nächsten Jahres, besonders in seiner letzten Hälfte, anhaltend warme Tage, so treffen wir die bunte Eule, bei den Forstleuten Forleule oder schlechtweg die Eule genannt, schon hie und da als den Vorläufer ihrer Verwandten, mit dachartig aus einander gelegten Flügeln, an den Stämmen der Kiefern an und wohl gar unter den zahlreichen Tischgästen der blütenreichen Wollweiden, wenn sie in der Nähe stehen. Im folgenden Monate, ihrer Hauptflugzeit, läßt sie sich nicht selten bei Tage aufscheuchen oder besucht die noch spärlichen Frühlingsblumen; denn sie gehört zu der kleinen Anzahl der Eulen, die gar kein Geheimniß aus ihren Aufenthaltsorten machen und gern auch im Sonnenscheine einmal ihr Revier durchstreichen. Ihre Flügel sind schmal und besonders die vordem schlank, in Farbe und Zeichnung sehr veränderlich. Im allgemeinen führen letztere eine grünliche oder rothbraune Grundfarbe, heller und dunkler gemischt, und zwei weißliche Flecke (Ring- und Nierenmakel), die öfter zusammenfließen und beinahe den Vorderrand erreichen. Zwei aus Halbmondchen gebildete Querlinien, die sich am innern Flügelrande sehr nähern, schließen meist deutlich das etwas dunklere Mittelfeld ein, in welchem die Makeln stehen. Die Franzen sind roth und weißlich gefleckt und öfter der ihnen benachbarte Saum lebhafter roth. Die einfarbig dunkelbraunen Hinterflügel haben ungefleckte weißliche Franzen. Der gerundete Vorderleib von Farbe der Vorderflügel ist wie die Stirn und die Beine ziemlich zottig behaart, die Zunge spiral, die Augen behaart; der schlanke Hinterleib gleicht in seiner Färbung den Hinterflügeln.

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