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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 6
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Der gemeine Todtengräber.

( Necrophorus vespillo)
siehe Bildunterschrift

a. Larve. b. Käfer. c. Puppe. d. Ein auf dem Rücken liegender Käfer, dessen Unterseite dicht mit der Käfermilbe ( Gamasus coleopterorum) besetzt ist. (Alles in natürlicher Größe.)

Wo ein Aas ist, da versammeln sich die Geier. So heißt es in jenen Ländern, wo dergleichen größere Raubvögel leben. Bei uns ließe sich dem Sprüchworte die veränderte Fassung geben: wo ein Aas liegt, da sammeln sich die Todtengräber, sofern man unter diesen eine gewisse Sorte von Käfern versteht, denen man seit hundert und einigen Jahren wegen ihrer eigenthümlichen Beschäftigung jenen Namen beigelegt hat. Jeder kann leicht die Probe selbst anstellen, wenn er in seinem Garten eine todte Maus, eine Kröte, einen Frosch, einen kleinen Vogel, einen Maulwurf ec., wie es ihm gerade paßt, im Mai oder in einem der folgenden Monate bis etwa zum September auf lockeren Boden hinlegt, so daß sie ihrer natürlichen Auflösung anheimfallen können.

Nach wenigen Tagen lockt der Geruch glänzend schwarze Käfer mit zwei orangenen, gezackten Querbinden auf ihren hinten gerade abgestutzten Flügeldecken herbei, wenn man auch sonst dergleichen weit und breit nicht wahrgenommen hatte. Um sie etwas genauer kennen zu lernen, betrachte man unser Bild und achte dabei ungefähr auf Folgendes: Die rechteckigen Flügeldecken lassen die drei hintersten Leibesglieder unbedeckt und diese sind an ihrem Hinterrande mit feinen, goldig glänzenden Franzen verziert. Das ziemlich flache, glänzend schwarze Halsschild ist an den Ecken gerundet, hat scharfe Ränder und am vordern derselben eine nach hinten stehende goldige Krause. Der schwarze Kopf, welcher in der Regel nach unten getragen wird, ist von den Augen an nach hinten am breitesten, dann aber halsartig verengt. Unmittelbar vor jenen stehen die elfgliedrigen Fühlhörner mit ihrem blättrigen, gelblichen Endknopfe. Die schwarzen Beine, mit je fünf Fußgliedern ausgestattet, sind kräftig, jedoch nicht in dem Maaße, als man erwarten sollte, die Fußglieder der vordersten breit herzförmig, namentlich bei den Männchen, und die Schienen der hintersten stark gekrümmt. Die Unterseite des ganzen Käfers sieht schwarz aus und trägt an der Brust, mit Ausnahme ihres Vordertheiles, an den Seitenrändern des Hinterleibes wie an den Beinen dieselbe goldglänzende Behaarung, die schon auf der Rückseite stellenweise bemerkt wurde. Das ist die Uniform der Todtengräber, welche hier gemeint sind. Außer dem gemeinen Todtengräber giebt es in Europa ungefähr noch neun Arten, die bis auf zwei ihm sehr ähnlich sehen und zum Theil nur mit einem geübten Auge von ihm unterschieden werden können; die beiden andern Arten sind größer, in der Regel ganz schwarz und dadurch leicht kenntlich. In ihrer Lebensweise stimmen alle mit einander überein, nur von dem größten derselben ( Necroph. germanicus) ist beobachtet worden, daß er, wahrscheinlich in Ermangelung von Aas, Mistkäfer anfiel und sie tödtete. Wegen ihres starken Geruches nannte man die Nekrophoren früher Bisam- oder Moschuskäfer. Daß dieser Geruch sich aber viele Jahre nach dem Tode des Käfers nicht verliere, wie man wohl in Büchern angegeben findet, kann ich durch meine Erfahrungen nicht bestätigen.

Im Sommer 1858 mochten sie besonders häufig sein, wenigstens bemerkte ich, wie sie mehr denn je am Tage mit demselben Gesumme, welches auch die Hornissen verursachen, umherflogen, während sie sonst zur Abend- und Nachtzeit diese Bewegungsart vorzuziehen scheinen. Hierbei klappen sie die Flügeldecken von rechts und links in die Höhe, so daß diese, die Innenseite herauskehrend und sich mit den Außenrändern berührend, dachartig auf dem Rücken stehen. Höchst interessant ist es nun, diese Käfer bei ihrer Arbeit zu beobachten, wie sie, in den meisten Fällen nur in geringer Anzahl (4-6) um das Aas herumspazieren, gleichsam als wenn sie Maaß nehmen wollten für das Grab. Finden sie das Erdreich nicht locker genug, so schaffen sie jenes, wenn irgend ihre Kräfte zu dessen Größe in nicht zu bedeutendem Mißverhältnisse stehen, erst nach einem geeigneteren Plätzchen. Sie kriechen darunter und bewegen sich alle nach derselben Richtung, tragen also ungesehen die Last auf ihrem Rücken weg, so daß man glauben sollte, die todte Maus, der schon verwesende Maulwurf hätte wieder Leben bekommen. Finden sie jetzt alles in Ordnung, so schieben sie sich in gehöriger Entfernung von einander, um sich nicht in den Weg zu kommen, wieder unter, scharren die Erde mit den Beinen unter sich weg nach hinten, daß sie rings herum einen Wall um den allmählich durch seine eigene Schwere einsinkenden Maulwurf bildet. Geräth die Arbeit irgendwo in das Stocken, bleibt ein Theil, wie das beinahe nicht anders möglich, gegen andere zurück, so erscheint dieser und jener Arbeiter an der Oberfläche, betrachtet sich, Kopf und Fühler bedächtig emporhebend, wie ein Sachverständiger von allen Seiten die widerspänstige Partie, und es währt nicht lange, so sieht man auch diese hinabsinken; denn die Kräfte aller haben sich nun an jenem Punkte vereinigt.

Es ist kaum glaublich, in wie kurzer Zeit diese Thiere ihre Arbeit so fördern, daß bald der ganze Maulwurf von der Oberfläche verschwunden ist, nur noch ein kleiner Erdhügel die Stelle andeutet, wo er lag, und zuletzt auch dieser sich ebnet. In recht lockerem Boden versenken sie die Leichen einen halben, ja einen ganzen Fuß tief.

Der um die Botanik und Oekonomie vielfach verdiente Gleditsch, weiland Aufseher des botanischen Gartens in Berlin, hat seiner Zeit diese Käferbegräbnisse lange und oft beobachtet und theilt uns mit, daß ihrer vier in fünfzig Tagen zwei Maulwürfe, vier Frösche, drei kleine Vögel, zwei Grashüpfer, die Eingeweide eines Fisches und zwei Stücken Rindsleber begruben.

Wozu solche Rührigkeit, solche Eile? Den unvernünftigen Geschöpfen sagt es der »Instinkt«, jener Naturtrieb, der uns Wunder über Wunder erblicken läßt, wenn wir ihn in seinen verschiedenartigsten Aeußerungen betrachten. Wir Menschen gelangen durch Beobachtung und Vernunftschlüsse zu einer wirklichen, manchmal auch nur zu einer eingebildeten Erkenntniß, zumal wenn es sich um die teleologische Seite der Naturanschauungen handelt. Im vorliegenden Falle irren wir wohl nicht, wenn wir in der Geschwindigkeit, mit der die Käfer ihre gewiß nicht leichte Arbeit verrichten, eine Sicherheitsmaaßregel für ihre Nachkommen, also älterliche Fürsorge erkennen. Die kleine Gesellschaft, nicht sicher vor noch mehreren ihres Gleichen, oder noch anderen Aaskäfern, besonders aber vor den großen Schmeißfliegen, wollen allen zuvorkommen und ihrer Brut ein reichliches Unterkommen sichern; denn nicht um sich einen Leckerbissen zu verwahren, wie der gesättigte Hund, welcher einen Knochen versteckt, begraben sie das Aas, sondern um ihre Eier in dasselbe zu legen.

Einige Tage nach der Beerdigung kriechen die Weibchen wieder in die Erde und legen ihre Eier an den Vergrabenen ab. Nach Umständen bleiben sie fünf bis sechs Tage dieses Geschäftes halber unsichtbar. Kommen sie aber wieder zum Vorscheine, so sind sie häufig kaum noch zu erkennen. Das Schwarz ihres Körpers scheint nur an einigen Stellen unregelmäßig durch, die rothe Färbung, welche die Binden der Flügeldecken so auszeichnete, hat sich bedeutend erweitert, ist aber in Knötchen aufgetragen. Wie? diese Farbe ist ja beweglich, hier verschwindet sie, dort kommt sie zum Vorscheine? Treten wir näher, und es bedarf keiner Anstrengung unserer Augen, um zahllose Thierchen, meist in Klumpen zusammengedrängt, besonders an den Einschnitten des Leibes und an den Beinen zu entdecken, wenn nicht der ganze Käfer wie damit übersäet erscheint (Fig. d). Ein Theil fällt leicht ab, andere hängen fest; es sind winzig kleine Milben Diese Milbenart ( Gamasus coleopterorum), ausgezeichnet durch die Saugnäpfchen an den Spitzen ihrer acht Beine, und eine andere ( Uropoda vegetans) mit einem hohlen Fädchen an ihrem Leibesende, womit sie sich an andere Gegenstände anheften kann, finden sich am häufigsten auf Aas-, Mist-, Stutzkäfern und Hummeln, deren Tod sie öfter beschleunigen. Sie halten sich da auf, wo jene Kerfe ihre Wohnungen haben, kriechen vorzugsweise die von ihnen an, welche infolge ihres nahen Endes matter sind, und legen ihre Eier an die todten. Die ausgekrochenen Jungen unterscheiden sich von den erwachsenen durch nur drei Fußpaare, das vierte entwickelt sich erst mit der Zeit. Wie so wunderbar hat doch der Schöpfer alles geordnet! Zahlreiche Engerlinge oder Regenwürmer locken die Maulwürfe herbei. Ein todter Maulwurf citirt die Todtengräber, wo diese beisammen sind, finden sich Milben ein. Jedes findet seine Speise zu seiner Zeit!, die Käfermilbe ( Gamasus coleopterorum). Der Todtengräber hat sein Geschick erfüllt, auf ihm nimmt nun ein anderes Geschlecht Platz und erfreut sich in seiner Weise der Annehmlichkeiten des kurzen Daseins.

Wollen wir aber selbst sehen, wie unser beweglicher Käfer mit seinen orangenen Binden und der goldigen Halskrause zu Stande gekommen ist, so wird es Zeit, eine unsaubere Arbeit vorzunehmen und den Maulwurf, den er mühsam versenkt hatte, wieder zu Tage zu fördern, in ein Glas mit der nöthigen Erde und zwar so zu bringen, daß er zum Theil an die Wand des Gefäßes zu liegen kommt, um gesehen werden zu können; denn nach weniger als vierzehn Tagen kriechen die Larven aus den Eiern. Die weitere Beobachtung derselben, wie sie sich unter schlangenartigen Windungen ihres Körpers im Kothe wälzen und an den damit verschmolzenen Erdklümpchen, wie die Hunde an einem Knochen, herumzausen, bietet zu wenig des Aesthetischen, um eine weitere Ausführung zu gestatten. In kurzer Zeit und nach mehrmaligen Häutungen haben sie ihre vollkommene Größe erreicht, wie sie Fig. a darstellt. Ihre Grundfarbe ist schmutzig weiß, die sechs schwachen Beine, der Kopf mit den kurzen Fühlern und kleinen Freßzangen sind gelblichbraun, ebenso die kronenförmigen Rückenschilder, welche an den Vorderrändern der Glieder aufsitzen und beim Fortkriechen mit ihren Spitzen zum Stützen und Anstemmen dienen. Zur Verpuppung geht die Larve etwas tiefer in die Erde, höhlt und leimt dieselbe aus und nimmt die Gestalt von Fig. c an. Die anfangs weiße Farbe wird allmählich gelb und noch dunkler in dem Maaße, als die Entwickelung vorschreitet, welche wie bei der Larve schnell von Statten geht, so daß in einem Jahre womöglich zwei Bruten zu Stande kommen. Der ausgekrochene Käfer besinnt sich nicht lange, kommt aus der Erde hervor und fliegt davon, nur die weit vorgerückte Jahreszeit hält ihn in seinem Neste zurück. Sperrt man mehrere zusammen ein und versieht sie nicht reichlich mit Aas, so fressen sie sich unter einander auf.

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