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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 59
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Das Gamma.

( Plusia Gamma)
siehe Bildunterschrift

Schmetterling. Puppe im Gespinst. Raupe.

Lein-Eule, Zuckererbsen-Eule, Pistolen-Vogel, Ypsilon, Gamma-Eule sind alles Namen für ein und dieselbe Eule, die graue, heller oder dunkler braun marmorirte, stellenweise bronzeartig schimmernde Vorderflügel hat, in deren Mitte eine silberne Zeichnung, dick aufgetragen, erscheint. Diese hat die Form eines lateinischen y oder, noch genauer, des Buchstaben g aus dem griechischen Alphabet (????, gamma), daher die beiden letztgenannten Namen. Wer nichts von Buchstaben wissen will, mag in der Zeichnung die Form einer Pistole entdecken und das Thier darnach benennen. Die Hinterflügel sind einfach gelblich-grau, am Saume bindenartig dunkler, außerdem auf ihren weißen Franzen ebenfalls dunkler gefleckt. Den Rücken zieren einige Schöpfe, die durch aufgerichtete Haarbüschel gebildet werden. Ihre Natur verleugnet die Eule insofern, als sie hastig auch bei Tage umherfliegt und also wenig darum bemüht ist, ein verstecktes, heimliches Leben zu führen.

Lustwandeln wir eines schönen Sommerabends in den von bunten Ritterspornen oder Rasen bildenden Federnelken reich eingefaßten Wegen unserer Blumengärten, so bemerken wir, sobald die Sonne am Abendhimmel verschwindet und mit ihren letzten Strahlen den Horizont noch beleuchtet, wie bald hier, bald da ein kleiner, geflügelter Gast bei einer Blume anspricht und ihr mit seinen Schwingen Kühlung zuweht, aber auch schon wieder verschwunden ist, um mit einer andern sein kosendes Spiel fortzusetzen. Es wird düsterer und ihre Zahl mehrt sich; in geisterhaftem Fluge fallen sie ein und werden dringlicher. Sie setzen sich fest und klettern von Blume zu Blume an dem damit reich besetzten Stengel des Rittersporns, um sich von jeder dieselbe Süßigkeit zuflüstern zu lassen. Wir können sicher darauf rechnen, die ersten waren das »Gamma« und unter den spätern bildet es die Mehrzahl. Oder wir gehen des Abends, von einem Spaziergange heimkehrend, an einer Wiese vorüber, die im anspruchslosen Schmucke ihrer gelben, blauen und rothen Blumen prangt. Wir werden umschwebt von den geflügelten Geistern der Nacht, deren etliche mit Gebrumm an unsern Ohren vorbeisausen, andere geräuschlos als unsichere Schatten von Blume zu Blume sich tragen und deren müde Häupter durch ihre Umarmung erdwärts beugen. Je reger das Leben ist, desto mehr »Gamma-Eulen« sind dabei betheiligt, und fängt ein Sammler, dem die höhere Praxis noch fehlt, hier auf reiche Beute rechnend, ohne Auswahl, ohne den Flug und das sonstige Gebahren zu beachten, ein, was sich fangen läßt, so trägt er in zehn Fällen ganz bestimmt Dreiviertheile seiner Ausbeute in der gemeinen Ypsiloneule nach Hause.

Führt Dich Dein Weg an einem sonnigen Morgen durch ein Kleefeld, welches seine Blütenköpfchen keck emporhebt und wie einen rothen Teppich über das frische Grün der sinnigen Drillingsblätter ausbreitet, und das lustige Summen der geschäftigen Bienen, das Kosen der flüchtigen Sommervögel in bunter Farbenpracht, hier und da überstrahlt vom Demantglanze eines noch nicht von der Leben spendenden Herrscherin »Sonne« weggeküßten Thautröpfchens, nimmt Deine volle Aufmerksamkeit in Anspruch: so wird Dir nicht entgehen, daß unter letzteren ein und der andere sich eiliger und wie verlegen zeigt im Vergleiche zu den übrigen. Als wollte er nicht gesehen sein, huscht er von Blume zu Blume und findet nirgends Ruhe. »Laßt mich nur hier, nur ein wenig,« scheint er den Andern damit sagen zu wollen, »ich weiß es wohl, ich gehöre nicht unter Euch, aber gönnt es mir, auch unter Euch fröhlich zu sein, der Morgen ist gar zu schön und das Leben so süß; ich gehe gleich, erst möchte ich aber hier und hier und hier erfahren, wie der Nachtschlummer bekommen und ob man vielleicht einen Auftrag für mich habe.« Dieser immer thätige, dabei freundliche und lustige Geschäftsmann ist aber kein anderer, als unser – – – Gamma.

Feld und Wiese und Garten sind wir nun durchwandert und nirgends fehlte es, aber den Wald wird es wohl meiden? Nichts weniger als dieses. Geh nur hinein und stoß gelegentlich an einen Busch oder tritt mit dem Fuße in raschelndes Laub, und das unvermeidliche Gamma wird herausfahren, in einiger Entfernung wieder Platz nehmen, und bist Du neugierig, denkst wunder, was das war, und verfolgst die Erscheinung mit den Augen, so kannst Du es in seinem neuen Verstecke leicht dadurch entdecken, daß Du die krampfhaft zitternde Bewegung seiner Flügel bemerkst. Es weiß noch nicht, ob es hier zur Ruhe gelangen und ungestört sein werde, oder ob es seiner Sicherheit wegen abermals das Weite suchen müsse; darum fährt es, obgleich schon sitzend, mit seiner Flugbewegung fort. Du sahst lange genug seine Unruhe mit an und gönnst ihm hoffentlich jetzt die Ruhe, verhältst Dich vollkommen bewegungslos und beobachtest nur: dann wirst Du bald sehen, wie es seine Flügel dachartig über den Leib legt, die Fühlhörner zurück über die Flügel weg an die Seiten jenes andrückt, etwa die Füße noch etwas ausstreckt und zur Erhaltung des nöthigen Gleichgewichts zurecht rückt. So sitzt es, bis eine neue Störung von außen her dasselbe aufschreckt, oder die eigene Lust zum Aufbruche mahnt.

Unter diesen und ähnlichen Umständen können wir das Eulchen vom Mai bis in den Oktober hinein antreffen, am häufigsten jedoch im Mai und Juni und dann wieder im August. Wenn der Schmetterling so zahlreich, muß die Raupe noch zahlreicher sein, und man sollte erwarten, daß sie mehrfach schädlich werden könne. Dies kann allerdings geschehen und würde in noch erhöhterem Maße eintreten, wenn sie wählerischer in ihrer Kost wäre. Da sie dies nicht ist, so vertheilt sie sich auf die verschiedenartigsten, zum Theil wildwachsenden Pflanzen und wird nur zeitweilig angebaueten schädlich. Ihr Küchenzettel ist so lang daß nur einige der am meisten von ihr heimgesuchten Pflanzen namhaft gemacht werden sollen: Brennnessel, Salat, Raps und verschiedene Kohlarten, Hülsenfrüchtler, Hanf, Lein, Zuckerrüben u. a. Die Flachsfelder sind in Frankreich (1755) von ihnen heimgesucht worden, und weil sie nach deren Aufzehrung nichts anderes fanden, fielen sie derartig über die Wiesenpflanzen her, daß Futtermangel eintrat; auch in Ostpreußen wurden (1828) die Leinfelder von ihnen verwüstet. Bei Insterburg und Gumbinnen gingen sie sogar die Gräser an, während man sie für gewöhnlich an Gräsern nicht antrifft. Ende Juni 1868 thaten sie großen Schaden an den Zuckerrüben in den Feldmarken von Cöthen und Calbe, drei Jahre später bei Halle. Wie wenig wählerisch sie sind, erfuhr ich (1871) durch die Zucht des Gamma aus Raupen, welche massenhaft an Weiden angetroffen wurden und zwar für Plusienraupen, aber nicht für diese Art gehalten worden waren. Es giebt nämlich mehrere Goldeulen, deren Raupen sich sehr ähneln. Dieselben sind von andern Eulenraupen durch ihre gestreckte, nach vorn verjüngte Körperform, durch den auffallend kleinen Kopf und in erster Linie durch den Mangel der Bauchfüße am fünften und sechsten Körperringe leicht zu unterscheiden. Die mithin nur zwölffüßige Gammaraupe ist saftgrün und über den Füßen mit einem gelblichen Streifen gezeichnet; über den Rücken ziehen sechs feine weiße Längslinien und zerstreut auf dem ganzen Körper stehen gleichfarbige Wärzchen mit je einem hellen Borstenhaare. Kopf und Luftlöcher sind bräunlich grün, letztere wesentlich dunkler. In Jahren großer Häufigkeit finden sich unter den regelrecht gefärbten Raupen einzelne grünlich braune, deren Zucht jedoch keine bemerkbare Abänderung des Schmetterlings ergiebt.

So wenig der Schmetterling das Tageslicht scheut, so wenig sucht seine Raupe Verstecke auf, sondern sitzt frei an ihrer Futterpflanze, gern in etwas buckeliger Stellung, frißt auch bei Tage und läßt sich bei nur mäßiger Erschütterung jener auf die Erde fallen. Nach viermaliger Häutung ist sie erwachsen, fertigt an ihrem Weideplatze ein loses Seidengewebe und wird in demselben zu einer mattschwarzen Puppe. Dieselbe hat schwach bauchig aufgetriebene Flügelscheiden, welche bis an den fünften Hinterleibsring hinabreichen, ist vorn stumpf abgerundet und endet in einen knopfartigen Griffel mit zwei stark nach außen gekrümmten Haken auf gemeinsamem Stiele. Nach längstens drei Wochen liefert sie den Schmetterling.

Zwei Brüten im Jahre und Ueberwinterung der ziemlich jungen Raupe dürfte die Regel bei der Entwickelung sein, welche jedoch mancherlei Ausnahmen, besonders dann unterworfen ist, wenn die Raupen massenhaft auftreten. So ist z. B. mir und andern der Schmetterling in den ersten Maitagen begegnet, der entschieden die Zeichen längerer Lebensdauer an sich trug und überwintert haben mußte. Bei seiner schnellen Entwickelung von durchschnittlich sechs Wochen sind in einem Sommer drei Bruten recht wohl denkbar. Das Gamma kommt bis Grönland im Norden und jenseits des Mittelmeeres im Süden vor.

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