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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 58
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Die Kohleule.

( Mamestra brassicae)
siehe Bildunterschrift

Puppe. Schmetterling. Raupe.

Man kennt nahe an 900 in Europa lebende Schmetterlinge, denen der Sammelname Eulen, Eulchen (oder Motten) beigelegt worden ist, welche letztere, allerdings mehr volkstümliche Bezeichnung wir lieber für kleinere, nicht hierher gehörige Arten aufsparen wollen. Der Schmetterlingskundige hätte eigentlich außerdem noch etwa 270 Namen mehr zu merken, die auf die Abänderungen einzelner Arten und auf solche kommen, welchen man zwei, drei und noch mehr verschiedene Namen gegeben hat. Das dürfte aber ungefähr erst der fünfte Theil aller europäischen Schmetterlinge sein, indem deren Verzeichnisse ohne jene 900 noch über 4000 Nummern anderer Arten aufzählen, von denen manche noch reicher mit Namen bedacht sind, in dem Maße, als aus gegebenen Beschreibungen oder schlechten Abbildungen die Art nicht zu bestimmen war, und deshalb von jedem neuen Autor mit einem neuen Namen belegt, oder indem gleichzeitig einzelne von verschiedenen Schriftstellern als wirklich neu beschrieben und getauft worden sind. Dies nur beiläufig, um dem Unkundigen eine Idee zu geben, welch ausgebildetes Namengedächtniß der nur Schmetterlings beflissene für seine kleinen europäischen Lieblinge gebrauchen kann!

Kehren wir zu den Eulen in unserm Sinne zurück. Von einer so beträchtlichen Anzahl derselben läßt sich wohl erwarten, daß sie nicht nur in ihrem äußeren Ansehen, sondern auch in der Lebensart mancherlei Unterschiede darbieten werden, obschon der gemeinsame Name darauf schließen läßt, daß sie, wenigstens ihre Mehrzahl, in gewissen Stücken sich gleichen müssen. Abgesehen von den ihrem Körperbaue entnommenen, gemeinsamen Merkmalen stimmen sie nun dem Wesen nach darin überein, daß sie während des Tages an solchen Orten ruhen, die dem Lichte möglichst unzugänglich sind, und dadurch unseren Blicken sich größtenteils entziehen, vielmehr nur des Nachts umherfliegen, wie unter den Vögeln die Eulen, deren Namen man deshalb auf sie übertragen haben mag. Die Färbung der Flügel ist bei den meisten düster und dies um so mehr, je versteckter und lichtscheuer sie leben; ihre Augen funkeln zur Nachtzeit gleich leuchtenden Sternchen, wie bei allen Nachtschmetterlingen; der Flug ist ein geräuschloser, flüchtiger aber steter. Auch ihre Raupen ziehen es vor, bei Tage mindestens ruhig, wenn nicht sehr versteckt zu sitzen, und nur bei nächtlicher Weile ihre Gelage zu halten: manche kommen weder an das Sonnen- noch an das Sternenlicht, indem sie an Wurzeln oder in den Stengeln verschiedener Pflanzen, nie aber der ächten Holzgewächse, ihr Leben verbringen.

Da ist nun unter den vielen eine, die es dem Gärtner und Landmanne bisweilen anthut und, wenn sie in großen Mengen vorhanden, seine Bemühungen wenigstens theilweise überflüssig erscheinen läßt; nicht nur bei uns zu Lande, sondern auch in Ostindien. – Er steht im Herbste mit einem gewissen Behagen vor seinem Kohlfelde und freut sich über dessen Aussehen. Die Sorte ist gut, die Blätter haben sich dicht übereinander gelegt und bilden schon feste, recht stattliche Köpfe, nur wenige Stauden sind aus der Art geschlagen und flatterhafter Natur. Fruchtbare Witterung begünstigt das fernere Wachsthum und die Aussichten auf eine gesegnete Ernte sind vortrefflich. Doch wie hat sich in der kurzen Zeit von etwa acht, allerdings etwas regnerischen Tagen das alles geändert! Er traut seinen Augen kaum und meinte erst vor einem fremden Grundstücke zu stehen, so findet er das Aussehen von vor acht Tagen umgewandelt. Ein großer Theil der bis jetzt so kräftigen, in ihrer besten Entwickelung begriffenen Pflanzen ist äußerlich vergilbt, welk und stellenweise durch Fäulniß zersetzt. Er hat Erfahrungen genug, um zu wissen, daß der Regen allein diese Veränderung unmöglich hervorbringen konnte, er weiß es und überzeugt sich sogleich durch die nähere Untersuchung, daß der » Herzwurm« ihm den Streich gespielt hat. Ein kräftiger Druck gegen den ersten besten Kopf von krankhaftem Aussehen macht die äußere Umhüllung bersten. Sein Inneres, das »Herz« ist verschwunden, und dem Blicke zeigt sich eine Stätte trauriger, Ekel erregender Verwüstung. Die innere Höhlung ist mit schimmelndem, in Verwesung übergehendem Kothe fast angefüllt, zwischen dem sich graubraune, wohlgemästete Raupen wälzen, während andere sich eiligst in die von ihnen angefertigten Bohrlöcher der noch gesunden Blattmasse zurückzuziehen suchen. Alle lassen merken, daß ihnen die Störung ebenso unangenehm wie unerwartet sei. Sie hatten gehofft, wie bisher, ungestört in ihrem Verstecke am Tage zu ruhen, des Nachts auf Kosten ihrer Wohnung und unter Vergrößerung der Räumlichkeiten ihren Hunger zu stillen, und hätten dieselbe jedenfalls sehr bald freiwillig verlassen, um in der Erde ihr Raupenleben mit dem der wenigstens unschädlichen Puppe zu vertauschen. Dem betrogenen Landmanne ist jetzt nicht mehr zu helfen. Will er sich die Mühe geben und in den von innen heraus verpesteten Pflanzen, denen man äußerlich den Krebsschaden ansieht, und die nun selbst sein Vieh verschmäht, die Urheber des Verderbens vernichten: so wird er die Umgegend für das nächste Jahr vor ähnlicher Plage schützen können, vorausgesetzt, daß sie weit und breit ihn allein betroffen hat.

Wie aber, wird man fragen, konnte das Verderben so plötzlich eintreten, und hätte es bei einiger Aufmerksamkeit früher nicht abgewendet werden können? Die Sache verhält sich sehr einfach wie folgt. In den Juninächten legte ein und das andere Schmetterlingsweibchen der Kohleule seine gelben, etwas platt gedrückten und stark gerippten Eier vereinzelt auf die Rückseite der Blätter. Nach zwei bis drei Wochen schlüpften die sechzehnfüßigen Räupchen von mattgrüner Farbe aus. Anfangs schaben sie nur die äußere Haut der Kohlblätter ab, wie die meisten Raupen in ihrer ersten Jugend thun. Etwas gekräftigt, fangen sie an, Löcher zu bohren, und arbeiten sich so von Blatt zu Blatt in das Innere, werden also auch nicht leicht sichtbar, wenn einigermaßen die Pflanze ihrer Natur gemäß die Blätter dicht aneinander schließt. Nach der letzten Häutung bekommen sie eine Länge von durchschnittlich 4 cm, sehen graulich-braun aus, haben eine schwärzliche, unterbrochene Linie längs des Rückens, je eine gelbliche, oben schwarz eingefaßte mit den weißen Luftlöchern über den Füßen, und röthliche, nach hinten dunkel beschattete Schrägstriche in den Seiten ihrer Glieder. Manche von ihnen behalten eine graugelbe am Bauche von den Luftlöchern an eine mehr gelbe Grundfarbe und deuten die eben beschriebenen dunkleren Zeichnungen nur sehr verwischt durch mattere und weniger zahlreiche staubartige Pünktchen an. Es läßt sich nun wohl erklären, wie ein fester Kohlkopf durch eine Anzahl von ihnen durchwühlt und beschmutzt, bei nasser Witterung schnell in Fäulniß übergehen konnte, ohne daß sich dem ungeahnten Verderben vorher steuern ließ. Glücklicher Weise treten die Raupen nur selten und ausnahmsweise in so bedenklichen Massen auf und beschränken sich nicht allein auf die genannte, sie so gut verbergende und darum ihrem Gedeihen so günstige Kohlart, sondern ernähren sich auch von Blumenkohl, Kohlrabi, Braunkohl, Moosdistel, Sauerampfer, Wegerich u. a. »niederen Pflanzen«, wie der Raupenzüchter die Kräuter im Gegensatze zu Bäumen und Sträuchern und den verholzenden, ausdauernden Pflanzen zu bezeichnen pflegt.

Wenn die Raupe zur Verpuppung in die Erde gegangen ist, fertigt sie ein leichtes, mit Erdkörnern verwebtes Gespinst, in welchem sie vierzehn Tage liegt, bis sie zu einer braunen Puppe wird, die zwei gekrümmte Dornspitzchen am Leibesende trägt und im Mai des nächsten Jahres die Kohleule liefert. Diese hat glänzend braune, gelblich und schwarz marmorirte Vorderflügel mit den gewöhnlichen Eulenzeichnungen, d. h. einigen mehr weniger deutlichen Querlinien, einem runden, ringförmigen Flecke in der Mitte, aber weit nach dem Vorderrande gerückt ( Ringmakel), und einen größeren, helleren daneben, mehr nach außen stehend und etwa von nierenförmiger Gestalt ( Nierenmakel). Beide sind fein schwarz umsäumt und heller gekernt, namentlich nach außen weiß gezeichnet. In der Nähe des Saumes zieht sich eine etwas gezackte gelbe Linie durch die ganze Flügelbreite, die man mit dem Namen der Wellenlinie zu belegen pflegt, und die hier hinter ihrer Mitte in zwei Spitzchen vorspringt, so daß sie die Gestalt eines liegenden W bildet. Die Hinterflügel sind glänzend gelblich graubraun, ohne alle Zeichnung, nur am Außenrande etwas dunkler -, die Franzen aller durch die Mitte dunkler bandirt und auf den Rippen fein hell durchschnitten. Der Vorderleib entspricht in seiner Färbung den Vorder-, der Hinterleib den Hinterflügeln. Die Fühler sind borstenförmig und reichlich so lang wie die halbe Länge des vordern Flügelrandes. Die Vorderschienen haben, wie nur wenige andere, an ihrem Ende eine Kralle und die Augen sind behaart, was man freilig nur bei guter Vergrößerung bemerken kann. Uebrigens verfliegt sich der Schmetterling nicht selten in unsere Behausungen, wo man ihn andern Tages an einer Wand oder an dem Rahmen eines Fensters mit dachförmig über den Leib gelegten Flügeln ruhen sehen kann.

Die in der eben geschilderten Weise schädlichen Raupen gehören einer zweiten Brut, der sogenannten Wintergeneration an, welche wie wir gesehen haben, im Puppenstande überwintert. Die im Mai erscheinenden Schmetterlinge begründen nun die erste Brut, deren Raupen natürlich nicht in Kohlköpfen leben können, weil während des Sommers keine vorhanden sind, sondern von den Blättern oben genannter Pflanzen unbemerkt und wenig schädlich sich ernähren und in der Erde eine nur kurze Puppenruhe durchleben, so daß etwa im August ihre Schmetterlinge fliegen, von denen der »Herzwurm« herrührt.

Aus den Körperseiten der noch nicht erwachsenen Raupe bohrt sich nicht selten eine Zehrwespenlarve hervor ( Microgaster tuberculifer) und verpuppt sich sofort an dem Kohlblatte neben der nun absterbenden Raupe.

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