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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 57
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Die Sackträger aus der alten Gattung Psyche.

siehe Bildunterschrift

a. Männchen, b. männliche Puppe, etwas vergrößert, c. weibliche Puppe, auf den Kopf gestellt, d. Weibchen, e. männlicher Raupensack, am Ende mit der beim Ausschlüpfen des Schmetterlings herausgetretenen Puppenhülse, f. weiblicher Raupensack der Psyche opacella.

Das Spinnen gehört zu dem Handwerke zahlreicher Insektenlarven. Es wurde schon wiederholt bei den Aderflüglern und bei den Schmetterlingen der Puppengehäuse, Puppengespinste oder Cocons gedacht, durch deren Anfertigung die Larve für ihren nächstfolgenden, vollkommen wehrlosen Zustand einen je nach den Umständen größeren oder geringeren Schutz beschafft. Aber nicht blos auf die Zukunft sind viele Larven bedacht, sondern sie verwerthen ihr Spinnvermögen auch zu eigenem Nutzen und Frommen. Die sogenannte Livreeraupe, aus welcher der berüchtigte Ringelspinner entsteht, zieht in der Jugend Seidenfädchen längs der Straße, welche sie an den Aesten und Zweigen eines Obstbaumes wandelt, um vor dem Herabfallen gesichert zu sein und das beliebte Ruheplätzchen unter einer Astgabel, vom Fraße kommend, wieder aufzufinden. Das sehr junge Räupchen des Dickkopfes hängt an einem langen Gespinstfaden vom Baume herab, versetzt durch eigene Bewegung den Pendel in allmähliche Schwingungen und faßt tief unter ihrer bisherigen Wohnung und seitwärts von ihr vielleicht auf einer anderen, ihr mehr zusagenden Futterpflanze Fuß, kurz sie benutzt ihr Spinnvermögen, um in der kürzesten Zeit und ohne Kraftaufwand eine Ortsveränderung zu bewirken, welche auf ihren noch schwachen Beinchen viel Zeit und viel Muskelbewegung erfordern würde. Die Spinnerraupen besonders lassen sich an Fäden herab, wenn ihr Wohnsitz erschüttert wird und, indem sie sich an dem Faden bis auf den Boden begeben oder später wieder an demselben emporklettern, benutzen sie auf diese Weise ihr Spinnvermögen, um einer vermeintlichen oder wirklichen Gefahr zu entgehen.

Sehr viele Larven und zwar vorzugsweise die der Schmetterlinge bedienen sich einiger Gespinstfädchen, um einige Blätter der Futterpflanze an einander zu heften, sei es, daß sie dieselben als Spitzentriebe dadurch vor der Ausbreitung hindern, damit sie um so ungestörter das Innere der Knospe ausfressen können, wie wir z. B. an unseren Gartenrosen alljährlich beobachten können, sei es, daß sie sich hierdurch ein Ruheplätzchen und besonders Schutz vor den brennenden Strahlen der Sonne herrichten wollen. Manche gehen einen Schritt weiter und weben ein Häuschen verschiedener Form und Beschaffenheit, Pflanzenabfälle mit verwendend, um ihre ganze Lebenszeit in demselben zu wohnen oder wenigstens die letzteren Lebenstage und die Puppenruhe in demselben zu verbringen.

So bemerkt man zu Anfang des Sommers nicht selten auf den Blättern der Birnen- und Kirschbäume schwarze, etwas breitgedrückte, zierliche Hörnchen, kleine »Gartengeheimnisse« für viele. Wer sie sorgfältiger beobachtet, wird sie einmal an dieser, ein anderes Mal an jener Stelle des Blattes antreffen und da, wo eine gesessen hat, ein durchsichtiges, seiner Oberhaut beraubtes rundes Fleckchen wahrnehmen. Folglich sind diese kleinen Hörnchen keine Auswüchse, wie man deren in mancherlei Gestalt bekanntlich auch an den Blättern findet, sondern Wohnungen lebendiger Wesen, welche sie, wie die Schnecke ihr Haus, mit sich forttragen. Wenn man eine Anzahl derselben auf einem im Wasser gesteckten Zweiglein absperrt, kommt aus jedem Häuschen mit der Zeit ein zierlicher, winzig kleiner Schmetterling, die Obstschabe ( Coleophora hemerobiella) zum Vorscheine, die man im Freien kaum bemerkt, weil sie am Tage still sitzt und nur des Abends ihre umschuldigen Spiele um die Bäume vornimmt. Das »Gartengeheimniß« ist gelöst. Werden sich auch die ähnlichen »Waldgeheimnisse« so leicht auflösen?

Hier bemerkt man nämlich vorzugsweise an den Stämmen von Eichen, Buchen u. a. wandelnde oder festsitzende Röhrchen, nicht Hörnchen, mit dem verschiedensten Ueberzuge bekleidet. Die einen sind lang und dünn, beinahe von Gestalt eines Haferkorns und enden in eine dreilappige, geschlossene Spitze; sie haben eine zwar rauhe, aber nackte Oberfläche von grauer Farbe. Andere sind aus kleinen Strohhälmchen, die der Länge nach verlaufen, wie zusammengeleimt; solche spickten (1860) förmlich die Baumstämme und die mit ihnen wechselnden Prallsteine einer hiesigen Heerstraße. Wieder andere, viel größere, sind mit kleinen Blattstückchen wie mit Schuppen gepanzert und durch dazwischen gestellte Grashälmchen oder andere schmale Körperchen stachelig. In einigen Gegenden findet man am Haidekraut dergleichen »Säcke«, wie man diese Gehäuse genannt hat, mit kurz gebissenen Stückchen dieser Pflanze zierlich überzogen, welche aber alle quer gelegt sind. Wer diesen sonderbaren Gebilden weiter nachgehen und ihnen seine besondere Aufmerksamkeit schenken will, wird noch eine Menge Arten von wieder anderem Ansehen entdecken können. Fassen wir eine sehr verbreitete Art dieser Säcke, die man vorherrschend an Eichenstämmen und zwar das ganze Jahr hindurch beobachten kann, jetzt etwas näher in das Auge unter Anleitung der obigen Abbildung (e). Die vordere, runde Oeffnung ist der Rinde des Stammes angeheftet und an diesem hängt nun ein Konglomerat von schuppigen Blattüberresten und Nadeln als reichlich einen Zoll lange Röhre herab, die in ein kahles Gespinst ausläuft. Was wir noch weiter hin erblicken, das wird sich später aufklären. Die nackte, nicht geschlossene Spitze bildet nur die Fortsetzung des seidenartigen Gewebes, welches das ganze Innere auskleidet und die Pflanzendecke an der Außenseite festhält. In diesem Hause lebte vor Zeiten die Erbauerin desselben, eine wurmartige, gelbliche Raupe mit graubraunen Rückenstriemen, schwarzem Kopfe und schwarzem Rücken der drei ersten Ringe, welche gelbliche Zeichnungen führen, von denen namentlich eine schmale Längslinie und jederseits derselben drei in eine Längsreihe gestellte Punkte, auf jedem Ringe einer, in die Augen fallen. Sie hat, wie alle Schmetterlingsraupen, sechs und zwar kräftige, gegliederte Brustfüße, die Bauchfüße und Nachschieber aber sind nur als Borstenkränzchen an den betreffenden Gliedern vorhanden. So ist das walzige und nackte Wesen ausgerüstet, stiefmütterlich, wenn es frei leben sollte, warm gebettet und bequem in Vereinigung mit seinem Häuschen. Das fühlt es recht wohl und kriecht sofort wieder in dasselbe hinein, wenn man es durch eine behutsam von hinten eingeführte Nadel herausgetrieben hatte. Schneidet man ihm die Behausung der Länge nach auf, so wird das Maß seines Unglücks vollendet. Es weiß sich aber zu helfen, kriecht alsbald wieder hinein, vorausgesetzt, daß man jenem die Röhrenform nicht nimmt, und spinnt die Spalte schnell wieder zu. Hat die Raupe genug der mageren Kost, die aus Gras in der Nähe des Baumstammes besteht, zu sich genommen und will nun ausruhen, so spinnt sie die vordere Mündung ihres Sackes an dem Baumstamme fest und zieht sich zurück, wohl verwahrt in ihrem Seidenfutterale. Dieses macht ihr die Verwandlung sehr bequem; sie braucht sich nur umzuwenden, so daß das Kopfende nach hinten zu liegen kommt, und die Verpuppung geht vor sich. Ende Mai, Anfangs Juni wird die Puppe lebhafter, sie drängt nach außen, schiebt sich mit Hilfe der mikroskopisch kleinen Stachelspitzchen auf dem Rücken ihrer Hinterleibsglieder aus dem nackten Sackende zur Hälfte ihrer Länge heraus, sprengt im Nacken ihre dunkelbraune Haut, und ein kleiner schwarzer Falter kriecht, die Hülse fassend, hervor. Seine breiten, runden Flügelchen entfalten sich in gewöhnlicher Weise schnell, und er bedeckt dann mit ihnen den Hinterleib dachförmig. Doppelt gekämmte Fühler, wie beim Männchen des Dickkopfes, zieren seinen kleinen Kopf. Es ist ein Männchen, ein lebhaftes, munteres Wesen, welches an warmen Tagen gern auffliegt, wenn man sich ihm nähert, vorzüglich aber und aus eigenem Antriebe in der Dunkelheit wild umherschwärmt, um ein Weibchen zu erspähen. Das Säckchen aber bleibt mit seiner hinten halb vorragenden Puppenhülse in der dargestellten Weise hängen, bis mit der Zeit Wind und Regen Veränderungen an ihm hervorbringen. Dies kann Jahre währen, wenn auch die Puppenhülse früher zu Grunde geht. Ein Druck mit zwei Fingerspitzen lehrt, ob das Säckchen ein verlassenes oder bewohntes ist.

Mit dem Weibchen hat es eine andere Bewandtniß. Sein Hans (f) ist kürzer, etwas umfangreicher und gleichmäßig bis zu seiner Spitze mit übereinstimmenden, kürzeren Pflanzentheilchen bekleidet. Der aufmerksame Beobachter findet es zwischen der Wohnung der Männchen oder an entsprechender Stelle anderer Baumstämme.

Die weibliche Psyche und ihre Puppe scheinen fast in einer Person die beiden Zustände zu vereinigen, wenn auch der Kenner sie sogleich zu unterscheiden vermag. An der Puppe, welche in Fig. c durch ein Versehen auf den Kopf gestellt erscheint, läßt sich kaum angeben, was vorn oder hinten sei, bis eine sorgfältigere Untersuchung lehrt, daß der etwas kolbigere, stumpfere Theil das Ende bildet; von den bei jeder andern Puppe angedeuteten vorderen Theilen des künftigen Schmetterlings keine Spur, da sie diesem allermeist fehlen. Mit Hilfe einer Loupe bemerkt man an der weichen, bleichen, wurmähnlichen Masse allenfalls zwei Augenpunkte, Füßchen und kurze Fühler, aber nicht bei allen Puppen. Aus diesem gestaltlosen »Wurme« kriecht schließlich der ebenso ungestaltete Schmetterling (Fig. d), den man für nichts weniger als für einen solchen halten möchte. Kopf und Hals sind hornig, glänzend schwarz, sechs Beinchen bemerkt man nur bei guter Vergrößerung; der vorn runzelige, hinten straffere Leib ist seitwärts mit einigen Reihen schimmelartiger Härchen bedeckt, übrigens bleichgelb gefärbt; er endigt in eine kurze, stielähnliche Legröhre. Diese traurigen Gestalten, welche sich Psychenweiber nennen lassen, zeigen keine Spur von Flügeln. Anderen Arten fehlen außerdem noch die Beine, Fühler und Augen, sowie die Legröhre, dafür können aber die zugehörigen Männchen ihren Hinterleib sehr ausdehnen und nach hinten in die Länge ziehen. Als wenn sie sich ihres verstümmelten Daseins schämten, verlassen sie ihr Haus nicht eher als bis sie sterbend am unteren Ende herausfallen, nachdem sie es vorher von oben bis unten mit Eiern angefüllt haben. So wenigstens die Arten der Gattung Psyche. Unter diesen Umständen braucht sich die erwachsene Raupe nicht umzudrehen, sie verpuppt sich vielmehr in aufrechter Stellung. Das der Puppe entschlüpfte Weibchen reckt seine Legröhre aus dem unteren Ende des Hauses hervor. Ein Männchen weiß es aufzufinden und sich mit ihm, dem Ungesehenen, zu paaren. Hierauf kehrt es sich um und legt die den Leib sackartig auftreibenden Eier ab, welkt zusammen und bleibt sterbend unten am Ende hängen oder fällt, wenn es zusammengetrocknet ist, heraus. Aus den Eiern kommen bald nachher die jungen, winzig kleinen Sackträger, halten längere Zeit zusammen, fertigen sich einzeln ein Säckchen von reinen Seidenfäden, welches mit dem fortschreitenden Wachsthume erst durch Aufschneiden und Einsetzen von Zwickeln erweitert wird, dann aber durch Zuthat fremder Gegenstände immer größere Ausdehnung erlangt. Vor dem Winter ist die Raupe noch nicht erwachsen und heftet während desselben ihr Säckchen an einen Baumstamm.

Andere Arten besitzen gehörig entwickelte Beine, Augen und kurze, perlschnurförmige Fühler, sowie eine fernrohrartig gebaute Legröhre, deren Wurzel mit vielen Wollhaaren besetzt ist. Unter Zurücklassung ihrer Puppenhülle kriechen sie aus dem Sacke hervor, klammern sich an seiner Außenseite zur Paarung fest und füllen dann mittels ihrer langen Legeröhre diesen mit Eiern und Wollhaaren; verschrumpft fallen sie nach dieser ihrer einzigen und letzten Arbeit als Leichen herab (Gattung Fumea). Noch andere endlich, deren Männer keine gekämmten, sondern fadenförmige Fühler haben, unterscheiden sich in der äußern Form von den vorigen nur durch längere Fühlhörner und drängen sich vor dem Durchbruche aus der Puppe mit dieser aus dem Sacke hervor (Gattung Talaeporia).

Die Entwickelung dieser kleinen Wesen hat so viel des Eigenthümlichen, die Gestalt so viel des Abweichenden, daß man sich längere Zeit täuschen ließ und annahm, daß sie sich stets ohne vorhergegangene Paarung, (also jungfräulich, durch Parthenogenesis) fortpflanzten. Dies ist allerdings von einigen Arten ausnahmsweise mit Bestimmtheit nachgewiesen, in noch mehreren Fällen vielleicht mit Unrecht angenommen worden, weil hier infolge der großen Aehnlichkeit zwischen Puppe und entwickeltem Weibchen und der Art, wie dieses seine Eier absetzt, Täuschungen vorkommen können, so daß man beispielsweise ein bereits befruchtetes Weibchen für eine Puppe halten könnte, oder ein prall mit Eiern gefülltes Säckchen für eine Puppe, die man durch Oeffnen jenes nicht stören mag. Wenn nun in beiden Fällen eines schönen Tages Räupchen erscheinen, so liegt der Trugschluß nahe, daß hier ohne Zuthun eines Männchens neues Leben geschaffen sei.

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