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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 56
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Der Weidenbohrer.

( Cossus ligniperda)

Das Bild unserer Dörfer mit einem ruhig dahin gleitenden, in der Hauptstraße vielfach von Wagengleisen durchfurchten Bächlein und mit einigen Morgen von ihm bestrichener Wiesen würde unvollendet bleiben, wollten wir die Kopfweiden aus demselben weglassen. Friedlich ziehen sie »wie zur Tränke wandelnde Heerden« den Bach entlang mit ihrem üppigen Strauße von Zweigen auf dem in gewissen Zeitabschnitten zu scheerenden Haupte und den vielfach geborstenen, hohlbäuchigen, nichts weniger als anmuthigen Stämmen, oder gruppiren sich in regelmäßigen Reihen – damit doch etwas an bestimmte Formen Mahnendes an ihnen sei – auf dem bescheidenen Stückchen Wiese, welches sich den letzten Häusern des Dörfchens anschließt. Fürwahr, sie müssen ein zähes Leben haben; denn betrachten wir sie genauer, so finden wir beinahe durchgängig nur einen Theil des Stammes dem Baume selbst noch angehörend, der andere ist für ihn todt und in seiner Verwesung die fruchtbare Geburtsstätte jüngeren Lebens. Ueppig keimt das durch den Wind oder einen Vogel zufällig dahin gebrachte Samenkorn und treibt seine Stengel aus dem Risse des Weidenstammes heraus, der Sonne entgegen. Die Wespe konnte kein besseres Plätzchen finden als hier, um ihr Nest anzulegen, für welches sie den Baustoff nicht erst aus der Ferne herbeizuschaffen braucht. Der Laufkäfer wohnt hier gern in dem mürben, vielfach durchfurchten Holze, wenn ihm nicht eine Ameisenkolonie, für die es wie geschaffen ist, und die den auflösenden Naturkräften energisch in die Hände arbeitet, schon zuvorgekommen ist. Könnten wir aber erst in das Innere blicken, so würden wir staunen über das rege Leben und das bunte Treiben, welches die Eingeweide des armen Weidenstammes durchwühlt und ihn trotz seiner Zähigkeit mehr und mehr einem sichern Tode entgegenführt.

Richten wir unsere Aufmerksamkeit jetzt nur auf einen Verderber, dessen Anwesenheit äußerlich durch große, runde Bohrlöcher und durch am Fuße des Stammes gerade unter jenen aufgehäufte bräunlich gefärbte Holzfasern verrathen wird, ihn selbst zu sehen dürfte uns nicht so leicht gelingen. Denn geboren unter der Rinde, arbeitet er sich immer tiefer in das Holz hinein und verläßt es freiwillig nicht eher, bis er nicht mehr er selbst ist, es müßte denn sein, daß seine Wohnung ihm zu eng würde, und er sich einen dickeren Stamm aufsuchen wollte, was jedoch zu den Ausnahmefällen gehört. Stehen wir aber in den letzten Tagen des Juni von ungefähr vor solch zerbohrten Weiden, da kann es sich leicht ereignen, daß wir ein und das andere Loch durch eine halb vorragende Puppenhülse verstopft finden und, schauen wir uns genauer um, nicht weit davon in der untern Gegend des Stammes den rindengrauen, netzartig heller und dunkler auf den Flügeln gezeichneten bisherigen Insassen – – einen Weidenbohrer. Die Körpermasse reihet ihn unsern größten heimischen Faltern an; denn er mißt 40 mm. und spannt deren 87. Wir dürfen ihn uns genauer betrachten ohne sein Entweichen befürchten zu müssen; denn er ist außerordentlich träge und fliegt nur des Nachts. Sein Rücken ist bräunlichgrau, vorn gelb, hinten gelb und schwarz der Quere nach zierlich bandirt, auch der graubraune, dicke Hinterleib hat gelbliche Querbinden, wie wir bemerken, wenn wir die dachartig über denselben gelegten Flügel lüften. Der gelbe Kopf ist klein, zumeist von den Augen in Beschlag genommen und trägt die kurzen, gesägten, oder beim Männchen schwach gekämmten Fühlhörner und einen außerordentlich kurzen Rüssel. Das Weibchen hat eine vorstreckbare Legröhre, wie sie sich auch noch bei andern Schmetterlingen findet, damit es seine Eier möglichst unter die Risse der Rinde schieben könne.

Bei diesem nächtlichen Geschäfte wurde es im Freien noch nicht beobachtet. Aus den Untersuchungen der Bohrgänge einer Weidenraupe, geht jedoch mit ziemlicher Sicherheit hervor, daß die Eier in geringer Anzahl Im Dezember 1836 wurden in den Anlagen um Göttingen drei fast je einen Fuß starke Trauerweiden ausgeroden, aus denen beim Zerklüften 100 Raupen hervorkrochen. Bechstein fand 266 in einem Birnbaume und Freyer in Augsburg deren mehr als 200 in einer gefällten Weide; dergleichen Fälle sind aber selten. Halbzöllige Räupchen traf ich zu 9 Stück noch zusammensitzend hinter der Rinde junger Eichenstubben an, deren Stämme man behufs des Schälens gefällt hatte. nahe am Fuße des Stammes und wo möglich an rissigen Stellen unter der Rinde abgesetzt werden. Die jungen, sechszehnfüßigen Räupchen fressen sich sofort unter diese ein und leben längere Zeit zwischen ihr und dem Splinte, wo sie sich von den Spänchen nähren, die beim Ausarbeiten der oberflächlichen Gänge abfallen. In dem Maße wie sie sich vergrößern dringen sie tiefer in das Innere ein. Die meisten Gänge lausen nach der Länge des Baumes, sie verbindende gerade oder krumme Quergänge scheinen nur dazu gedient zu haben, eine neue Straße anzulegen oder, wenn sie sich nach außen öffnen, den Koth wegzuschaffen, von welchem man verhältnißmäßig wenig im Innern der Gänge vorfindet. Nicht nur in dem Baume, von welchem der Schmetterling benannt worden ist, sondern auch in Obstbäumen, Rüstern, Pappeln, Erlen, Eichen und Linden lebt die Weidenbohrerraupe,

Sie wächst ungemein langsam, ehe sie ihre volle Größe von 8 cm. Länge und etwa 0,19 cm. Breite erlangt, und erreichtem Alter von ungefähr 2½ Jahren und darüber. Da sie eben so gut vollkommen gesundes, wie schon mürbes Holz angeht, so wird es ihr sauer, sich zu ernähren. Zu dem Ende hat sie Mutter Natur mit sehr entwickelter Muskulatur Peter Lyonnet (1707-1789) hat sich durch die Zergliederung der Weidenraupe und Beschreibung ihres Baues ein unsterbliches Verdienst erworben und zugleich den Beweis geliefert, wozu jemand fähig ist, den seine Sache begeistert. Wenn mich nicht alles trügt, erlernte er in seinem vierzigsten Lebensjahre die Kupferstecherei, da kein damaliger Künstler ihm seine Zeichnungen, die 18 Blätter füllen, zu Danke anfertigen konnte. – Er zählte im Kopfe der Raupe 228, im Leibe 1647 und um den Darmkanal 2186 Muskeln. Zieht man 20, welche den beiden ersten Theilen gemeinschaftlich zukommen, von diesen ab, so bleibt immer noch eine Gesammtzahl von 4041 Muskeln einer einzigen, fingerlangen Raupe übrig. Die Ergebnisse dieser ungemein mühsamen Arbeit sind niedergelegt in seinem: Traité anatomique sur la chenille qui ronge le bois de saule. Haag 1762. 4. und einem ätzenden Safte ausgerüstet, den sie reichlich von sich spritzen kann und dies unter Umständen auch zu ihrer Verteidigung thut. In der Jugend sieht sie lebhaft rosenroth aus, wird allmählich dunkler, besonders auf dem Rücken; Kopf, Brustfüße und Nackenschild sind in der Regel schwarz, die Seiten fleischfarben oder sie ziehen in's Gelbliche. Zur Verpuppung begiebt sich die Raupe (im Mai) in die Nähe des Auswurfsloches, versperrt dasselbe mit einigen Spänen und nagt nun größere Rinden- oder Holzstückchen los, die sie zu einem Gehäuse verwebt. Aeußerlich ist dasselbe roh und uneben, inwendig mit weißen Seidenfädchen sauber austapeziert. Gelangt sie bei ihren unruhigen Wanderungen, die ihrer Verpuppung unmittelbar vorhergehen, tief genug, daß sie die Erde erreicht, so fertigt sie von solcher ein Gespinst und verpuppt sich hier. Lebte sie endlich in einem schwachen Stamme, der für jenes zu eng sein würde, so überhebt sie sich gänzlich der Vorarbeit und nimmt mit dem nackten Gange als Todtenkammer fürlieb.

Die Puppe ist ungemein rauh durch die Borstenkränze an den scharfkantigen Gliedern, hat ein Paar breiter Endspitzen und ein stumpfes Horn am Kopfe, dies alles aber aus guten Gründen. Je näher die Zeit ihrer vollkommenen Entwicklung heranrückt, desto unruhiger wird sie, bohrt und stößt gegen das nicht eben sehr feste Gehäuse, durchbricht es und schiebt sich vermittelst ihrer rauhen Oberfläche zur Hälfte aus demselben heraus, wenn es unmittelbar hinter dem Flugloche für den Falter lag, oder verläßt es ganz, um mit dem Kopfende draußen im Freien zu sein, wenn das Gespinst gegen die Berechnung etwas entfernter vom Ausgange zu liegen kam. Hat sie sich die nöthige Freiheit erarbeitet und wieder neue Kräfte gesammelt, so sprengt der nach immer größerer Freiheit ringende Falter in der üblichen Weise die feine Haut, faßt an den Rändern Fuß und zieht den schwerfälligen Körper nach. Die gefalteten, dickrippigen Flügel breiten sich in derselben kurzen Zeit aus, wie bei andern, bedeutend kleinern Schmetterlingen, nur bedürfen sie länger der Einwirkung von Luft und Wärme, um durch Verdunstung der überflüssigen Feuchtigkeit ihre gehörige Härte und Festigkeit zu erlangen. Mit anbrechender Nacht erst scheint dem erstandenen das Leben zu kommen, er umschwirrt seine Geburtsstätte, besonders das Gesellschaft suchende Männchen, und freut sich des geflügelten Daseins, welches durch seine Kürze für das lange Höhlenleben nur einen spärlichen Ersatz bietet.

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