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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 55
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Der Kiefernspinner.

( Gastropacha pini)
siehe Bildunterschrift

Puppe aus dem Gespinste genommen, ruhender Schmetterling, erwachsene Raupe, Puppengespinst an einem Kiefernzweige.

Der Insektensammler braucht das ganze Jahr hindurch nicht zu feiern, nur die Zeit ausgenommen, in welcher die Fluren durchaus mit Schnee bedeckt sind. Ist dies nicht der Fall, so sucht er im ungastlichen Walde seine kleinen Freunde in ihren Schlupfwinkeln auf, wenn er hartherzig genug ist, ihren Winterschlaf stören zu können. Eine seiner Beschäftigungen ist u. a. das Suchen nach Puppen unter ihm wohl bekannten Mooslagern. Wenn er so in 60-80jährigen Kiefernbeständen nahe der Stämme die in ganzen Rasen ablösbaren Moosschichten aufnimmt, würde er stellenweise der Mannigfaltigkeit der ihm aufstoßenden Insekten nach meinen, der Frühling sei schon da, wenn nicht das starre, wenig Regung zeigende Leben der Thiere und das Frostkribbeln in seinen Fingerspitzen ihn eines Andern belehrte. Da findet er auch, kreisförmig zusammengerollt, eingedrückt in ein Lager, oft von Wassertröpfchen triefend, eine ihm wohlbekannte Raupe. Die Forstschutzbeamten kennen diese Raupen auch und lassen sie sich allenfalls einzeln gefallen, sind aber sehr hinter ihnen her, wenn sie dieselben zahlreicher in ihrem Reviere antreffen. Es ist die schöne Raupe des Kiefernspinners, die in ihrem Winterlager gegen die strengste Kälte unempfindlich daliegt. Hat der Sammler Lust, den Schmetterling zu ziehen, um ihn etwa nach Frankreich zu vertauschen, wo er zu den Seltenheiten gehört, so mag er die Raupe mitnehmen. Seinen Erfahrungen bleibt es dann überlassen, mit Erfolg den Schmetterling zu züchten, während wir durch die Kunst der Natur nicht vorgreifen, sondern noch einige Monate warten wollen, um unsere Beobachtungen im Freien fortsetzen zu können.

Mittlerweile lassen wir uns an einem der langen Winterabende von einem erfahrenen Forstmanne erzählen, daß die Raupen im August aus den grünlich grauen Eiern ausschlüpfen, deren das Weib 100-200 in verschiedenen Partien an die Stämme oder die Nadeln, auch um kleine Aestchen gelegt hat; daß sie sich sogleich aus die Nadeln zum Fressen begeben, überhaupt zu den gefährlichsten Feinden der Föhre gehören Man hat aus sorgfältig angestellten Beobachtungen berechnet, daß eine regelrecht sich entwickelnde Raupe durchschnittlich 1000 Nadeln braucht, und daß eine halbwüchsige in fünf Minuten mit einer fertig wird, wenn sie sich nicht unterbricht. Beim Abfressen verspeist sie sonderbarer Weise immer erst die zweite Nadel, wenn sie die erste von den beiden aufgezehrt hat, die stets aus einer gemeinschaftlichen Scheide entspringen., deshalb müsse man im Herbste genau auf ihren Koth achten, der ein guter Maßstab für ihr Auftreten sei, und seine Vorkehrungen darnach treffen. Diese seien sehr mannigfach, beständen hauptsächlich im Sammeln der Raupen im Winterlager, im Ziehen von Raupengräben, und nach den Ansichten vieler Sachverständigen am wirksamsten in dem neuerdings häufig angewendeten Theerringe. Nach diesem Verfahren werden die Stämme etwa in Brusthöhe des Arbeiters »angeröthet«, d. h. die unebene Borke so weit rings um den Stamm weggeschnitten, daß ein etwa zwei bis drei Hände breiter rother Ring mit glatter Fläche entsteht. Dieser wird mit einer möglichst lang klebrig bleibenden Masse (Raupenleim) im Frühjahre bestrichen und klebrig erhalten durch wiederholten Anstrich, um die im Frühjahre aufbäumenden Raupen zu fangen. Er theilt uns ferner mit, daß die Entwickelung dieser Thiere unregelmäßig werde, wenn sie massenhaft auftreten, so daß man neben halbwüchsigen Raupen erwachsene und noch ganz junge im Winterlager finde, ja fast alle Entwicklungsstufen des Insekts zu ein und derselben Zeit angetroffen werden könnten (die Nonne bietet dieselbe Erscheinung dar). Die in der ersten Jugend röthlichen und darum möglichenfalls zu verkennenden Raupen treiben ihr Unwesen hoch oben auf den Bäumen bis Oktober oder Anfangs November, je nach der Witterung, steigen dann herab und betten sich ein, wie wir sie vorher gefunden haben.

Mit Anbruch des Frühlings, oder bestimmter gesprochen: wenn die Temperatur in ihrem Reviere + 8° R. erreicht hat, kommen die Schläfer aus ihren Verstecken hervor, gewöhnen sich allmählich an das neu erwachende Leben, indem sie noch einige Zeit am Stamme verweilen, bei eintretendem Froste zwischen die Rindenschuppen geklemmt. Jetzt müssen wir uns eine genauer ansehen. Sie gehört ganz entschieden zu den schönsten, eine gute Beschreibung von ihr ist aber schwierig, da kaum eine der andern vollkommen gleicht; braun und weißgrau sind die beiden Hauptfarben, die in verschiedenen Schattirungen und Anordnungen mit einander wechseln und stellenweise filzige Behaarung mit dem herrlichsten Perlmutterglanze tragen; die Einschnitte des zweiten und dritten Gliedes sind auf dem Rücken in Sattelform schön stahlblau gezeichnet, ein untrügliches Kennzeichen für diese Art, das besonders dann sichtbar wird, wenn die mit den Fingern berührte Raupe ihre Ungnade dadurch ausdrückte, daß sie mit dem Vorderteile ihres Leibes seitlich umherschlägt, oder ihn nur hebt und den Kopf unterschiebt. Mir ihren sechszehn Füßen hält sie sich sehr fest.

Ist die Raupe erst gegen Ende des April auf den Nadeln angelangt, so kommt sie meist nicht wieder herunter, es sei denn kurz vor ihrer Verwandlung, die außer zwischen Nadeln auch ziemlich tief unten am Stamme im Juni erfolgt. Dazu spinnt sie rings um sich erst einzelne Fäden, unter denselben Windungen und Biegungen ihres Körpers verstärkt sie die Schichten allmählich, webt die paar Haare ihres Kleides mit hinein, und so bildet sich ein nach beiden Seiten zugespitztes, schmutzig weißes oder bräunliches Cocon, etwa von der Stärke des gewöhnlichen grauen Löschpapiers. In ihm ist sie nun vollkommen verborgen, in ihm wird sie zu einer gedrungenen, an beiden Enden stumpfen Puppe von dunkelbrauner Farbe. Nach ungefähr drei Wochen, also nach der Regel um die Mitte des Juli, erscheint der Schmetterling, welcher in Färbung ebenso veränderlich ist wie die Raupe. Die Grundfarben derselben, braun und grau, trägt er gleichfalls, erstere hauptsächlich an den eintönigen Hinterflügeln und mit mehr roth gemischt in einer unbestimmt dunkler begrenzten Querbinde hinter der Mitte der Vorderflügel. Ein weißes Mondfleckchen mitten auf diesen fehlt niemals. Der Schmetterling ist trüge, das schwerfällige größere Weibchen fliegt nur in der Dunkelheit, das schlankere, kleinere Männchen, dessen Fühler zierlich doppelt kammstrahlig sind, nur selten bei Tage, was so viele seiner nächsten Verwandten gern thun. Trotzdem unternehmen sie ausnahmsweise weitere Reisen; denn ich entsinne mich aus meinen Jugendjahren, in einer Gegend, der meilenweit im Umkreise die Kiefern fehlten, eine ganze Gesellschaft an einer Glocke auf dem Thurme hängend angetroffen zu haben, und finde bei Ratzeburg ähnliche Erfahrungen erwähnt. Möglich, daß das massenweise Auftreten der Raupe Nachrichten über verheerende Raupenfraße in Forsten hat man seit dem Jahre 1502; seit 1776, wo sie immer häufiger werden, ist aber erst entschieden nachgewiesen, daß sie von unsern Raupen herrühren. Durch unermüdliche Thätigkeit der Forstverwaltung ist dem Uebel vielfach und mit Erfolg gesteuert worden, doch würde menschliches Dazwischentreten allein nicht hinreichend sein, wenn nicht die Natur der abnormen Vermehrung einzelner Geschöpfe allemal selbst vernichtende Elemente entgegenschickte. Man hat bis jetzt zwei verschiedene Arten von Schlupfwespen beobachtet, welche in den Eiern des Kiefernspinners leben, etwa sechszehn Arten dergleichen und Fliegen, welche die Raupen anstechen, um ihrer Brut das Leben zu geben auf Kosten jener, und etwa sechs aus der Puppe ausschlüpfender Ichneumonarten, der verschiedenen Käfer nicht zu gedenken, die vom Raube anderer Insekten leben. Auch kleinere Säugethiere, Vögel und Amphibien stellen ihnen nach. In letzterer Hinsicht ist merkwürdig, daß Frösche angetroffen worden sind, welche die Raupen selbst auf den Bäumen aufgesucht haben (Hartig, Brinckmann). zu gewissen Zeiten und an bestimmten Oertlichkeiten theilweise wenigstens hiermit zusammenhängt.

Der Kiefernspinner hat zahlreiche Feinde. Die Eier werden von mehreren Arten winziger Wespchen bewohnt, von denen die kleinste ( Teleas phalaenarum) bis zu zwölf Stück aus einem seitlichen Löchlein herausspaziert kommen. Die Raupe bewohnen zahlreiche Schmarotzer, wie der Microgaster nemorum, dessen Maden sich zur Verpuppung aus der Raupenhaut herausbohren und sie mit den weißen Gespinstchen ihrer Puppengehäuse überziehen, wie der gelbbeinige Mikrogaster die Weißlingsraupe. Die meisten andern gehen in die Puppe über und erhalten in dieser ihre Vollendung. Von den mehr als fünfzehn aus der Puppe erzogenen Arten sei nur an die früher besprochene Spinner-Sichelwespe erinnert, der noch vier andere aus nächster Verwandtschaft sich zugesellen. Auch einige Raupenfliegen (Tachinen) ernähren sich gesellig vom Innern der Raupe. Ein mächtiger Feind derselben ist ferner ein Pilz, welcher die sogenannte Isaria-Epidemie erzeugt und 50 bis 80 Procent der Raupen zu Zeiten hinweggerafft haben soll. Der Puppenräuber und seine Larve erbeutet im offenen Kampfe dieselbe und verzehrt sie, Elstern, Krähen, Staare, Heher, Pirol, vor allen aber Kukuk und Ziegenmelker fressen sie gleichfalls. Letztere so wie Eulen und Fledermäuse fangen die fliegenden Schmetterlinge ab und trotzdem darf, wie wir gesehen haben, der Mensch seine Hände nicht in den Schoos legen, wenn er seine Forsten vor zeitweiligen Verheerungen seitens der »Spinnerraupe« schützen will.

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