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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 54
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Der Prozessionsspinner.

( Cnethocampa processionea)
siehe Bildunterschrift

Raupen im Marsche, weiblicher Schmetterling.

Es giebt gewisse Tage im Jahre, die den durch seine Beschäftigung an das Zimmer Gefesselten mit unwiderstehlicher, geheimnißvoller Gewalt hinausziehen in den herrlichen, immer mit neuen Reizen geschmückten Tempel Gottes, über welchen! sich der blaue Himmel ausspannt. Glücklich der, welchem die Verhältnisse gestatten, dann und wann jener Einladung zu folgen und den Drang seines Herzens mit der verlockenden Stimme von draußen in Einklang bringen zu können! Für Wochen ist er dann gekräftigt zu neuer Thätigkeit, für Wochen, die hinter ihm liegen mit ihren Mühen und Sorgen, reichlich entschädigt, wenn er gelernt hat die wunderbaren Geschichten zu lesen, welche im Buche der Natur geschrieben stehen.

Es war mitten im Mai, als auch mich jene Zauberstimme rief und mit einer Dringlichkeit, der vielleicht ein Anderer widerstanden; ich konnte es nicht. Auf jugendlichen Wiesen führte mich ein Fußpfad am linken Ufer eines sanft dahin rieselnden Baches entlang nach einem prächtigen Forste, dessen majestätische Eichen schon viele hundert Male ihre knorrigen Arme der sie durchglühenden Frühlingssonne zum Gruße entgegengestreckt hatten. Mit Entzücken trat ich ein in den herrlich geschmückten Wald, begrüßt von den lustigen Melodien seiner gefiederten Bewohner.

Auf einmal wurden die durch die Mannigfaltigkeit der äußern Erscheinungen nach allen Seiten hin zerstreuten Sinne und Gedanken durch etwas zurückgerufen, was meine ganze Aufmerksamkeit für sich allein in Anspruch nahm. Was ist das? Wenige Schritte vor mir bewegt sich in verschiedenen Windungen ein langer, dunkler Faden in gemessenem Schritte über den Weg hin. Ist das eine Schlange? Es wäre möglich, nur ist mir eine so dünne bei der großen Länge in meinem Leben noch nicht zu Gesicht gekommen. Wie? Täusche ich mich wirklich nicht? Nein, es hat seine Richtigkeit. Die vermeintliche Schlange besteht aus einer Vielheit lebendiger Wesen: Hunderte von – Raupen, eine wohlgegliederte Kette, halten ihren Umzug (Prozession) in einer Ordnung, die das unter Menschenkindern so wahre Sprichwort: »Viel Köpfe, viel Sinne« gründlich Lügen straft. Das Schauspiel war mir zu neu und wunderbar, um ihm nicht meine fernere Aufmerksamkeit zu schenken. An den Gliedern der gewiß 80 bis 90 Cm. messenden Kette fielen mir sogleich die langen, weißen, an den Spitzen etwas umgebogenen Haare auf, sie entspringen röthlich-braunen Wärzchen, mit welchen der bei einigen bläulich-, bei andern mehr röthlich-graue Körper über und über bedeckt ist. Anfangs ging der Zug über Stock und Stein weiter, ohne daß ich irgend einen Plan errathen konnte; doch auf einmal nahm die Führerin die Richtung nach einer alten Eiche, die sie gesucht zu haben schien; denn mit derselben Sicherheit, wie eben auf dem Boden, setzte sie am Stamme derselben aufwärts ihren Weg fort, die zweite folgte, dieser die dritte, und allmählich marschirte die ganze Schnur senkrecht in die Höhe. Gern hätte ich gesehen, wie sich die rastlosen Wanderer geberdet, wenn ich an einzelnen Stellen die Kette zerrissen und hier und da ein Glied herausgenommen hätte, doch konnte ich es nicht über mich gewinnen, es schien mir unmenschlich für die Gesammtheit, wenn ich hätte gewaltsam die Harmonie zerstören sollen, welche die Natur diesen kleinen Wesen so wunderbar eingepflanzt, barbarisch für die einzelnen, wenn sie aus ihrem Verbande herausgenommen, vielleicht dem Verderben Preis gegeben worden wären. Lange noch verfolgte ich mit den Augen die eigenthümliche Prozession, bis die letzten Glieder derselben durch Aeste und Laub des Baumes meinen gierigen Blicken entzogen wurden.

Unter Gedanken mancherlei Art setzte ich einsames Glied einer noch gewaltigern Kette, meinen Weg fort und, angelangt am Saume des Waldes, streckte ich mich hinter einer lieblichen Landschaft unter die beschattenden Bäume auf dem weichen Moose nieder. Eben wollte der Blick, der in der Ferne umhergeschweift war, Ruhe suchen, indem er sich einem nahen Gegenstande zuwandte, als er hier wieder ein Etwas traf, das ihn jene nicht finden ließ. Er fiel auf einen Eichstamm und entdeckte ganz nahe über dem Erdboden einen unförmlichen Klumpen, der fast wie ein Auswuchs aussah und doch keiner war. Ein Ruck mit dem Körper brachte mich nahe genug, um alsbald an der langen, weißen Behaarung wieder meine sonderbaren Prozessionsraupen zu erkennen, die hier in einem Knäuel neben und vielfach über einander saßen. Wieder großer Friede und vollkommene Einigkeit, aber in anderer Form und für die unterste Schicht gewiß nicht ohne Beschwerde. Die ganze Masse saß vollkommen müßig, vielleicht hatte sie auch einen Marsch zurückgelegt und ruhte nun aus. Die zweimalige Begegnung dieser Thiere und in so verschiedener Weise war vollkommen hinreichend, um ihnen mein volles Interesse zu gewinnen. Ich beschloß daher, womöglich abzuwarten, ob sich der Knäuel nicht abwickeln würde zu einem Faden, wie ich ihn vorher sah. Wovon sollten sie denn leben? Doch nicht vom bloßen Marschiren oder Aufgewickeltsein? Sie mußten gewiß auch Nahrung suchen, wie alle Raupen so gern thun, und das wünschte ich mit anzusehen. Ich brauchte nicht gar lange zu warten. Als eben die Sonne untergegangen war, entstand mehr Leben und Bewegung in dem Knäuel. Jetzt brach eine am Stamme sitzende auf, eine zweite folgte, die obern Schichten natürlich zunächst, der Zug setzte sich in Bewegung, stammaufwärts, wie ich es schon gesehen, nur mit dem Unterschiede, daß die letzteren Glieder wohl zu zweien und dreien neben einander aufzogen. Glücklicher Weise hing ein großer Ast ziemlich tief am Baume über, auf ihn begab sich der Zug, vielleicht dem neuen Freunde zu Gefallen, vielleicht der eigenen Bequemlichkeit wegen. Mir gleichviel, ich war befriedigt; denn ich konnte vor einbrechender Dämmerung noch bemerken, wie alles in voller Thätigkeit war, und hörte es noch, als allmählich die Umrisse der hungernden Schaar meinen Blicken entschwanden. Auf dem Laube angelangt, begannen die Vordersten ihr Werk nebeneinander, die Nachfolgenden schlossen sich seitwärts an, bis zuletzt der ganze Zug in breiter Front vorrückte, hinter sich nur kahle Zweige lassend. Also auch hier Einigkeit und Ordnung!

Für diesen Tag waren meine Beobachtungen zu Ende, im Juni und Juli wurden sie desto eifriger fortgesetzt. Niemals sah ich die Raupen wieder zum Fraße aufmarschiren, wohl aber merkte ich den entblätterten Bäumen an, daß sie oben gewesen waren. Oefter noch traf ich Züge an, die einen andern Baum mit dem entlaubten vertauschten, mitunter machten sie auch auf kurze Zeit Halt, aber alle Glieder auf einmal; der Wille der Führerin beherrschte den Willen aller folgenden. Es wäre interessant, zu ermitteln, ob Republik, ob Königthum hier die musterhafte Ordnung aufrecht erhält, ob jede anführen kann, oder ob jedesmal dieselbe an der Spitze steht. Gewißheit hierüber zu erhalten, hat seine großen Schwierigkeiten, doch nach Analogie und den sonstigen natürlichen Verhältnissen zu schließen, möchte ich mich für das Erstere entscheiden Genaue Beobachtungen haben meine Vermuthung bestätigt. Man hat nämlich die Anführerin weggenommen und durchaus keine Störung im Marsche bemerkt; denn sofort ist eine Nachbarin in ihre Stelle eingetreten. Auch hat sich gefunden, daß der Kopf jeder folgenden durch einige Fäden an die Schwanzspitze des Vordermannes angelegt gewesen ist, so daß der ganze Zug in der That ein unterbrochenes Ganzes bildet.. Oefter traf ich ferner jene scheinbaren Auswüchse an Eichenstämmen, höher und tiefer und zwischen Astgabeln an, aber noch in anderer Weise: als Gespinstballen, und was ich dabei beobachtete und von andern Beobachtern erfahren, ist in der Kürze folgendes:

Die Raupen, aus Eierhäufchen von 150-200 Stück entstanden, bleiben während ihres ganzen Lebens in der Weise zusammen, wie wir sie bereits beobachteten, oder mehrere solcher Gesellschaften vereinigen sich zu noch größerer Schaar, besonders wenn sie erst erwachsener sind. In ihrer Jugend haben sie kein festes Standquartier, wickeln sich, vom Fraße kommend, an einer ihnen bequemen Stelle auf, um sie nach der nächsten Mahlzeit, die hauptsächlich während der Nacht gehalten wird, mit einer andern zu vertauschen. Bei einer jedesmaligen Häutung überziehen sie ihren Knäuel mit einem leichten Gespinste, unter welchem sie die Wehen ihrer Wiedergeburt bestehen, und welches nachher, gefüllt mit den durchsichtigen. aufgeblasenen Bälgen, mit der Zeit vom Winde zerzaust und abgerissen wird. Später, etwa bei Beginn des letzten Drittels ihrer Lebenstage, bauen sie sich in derselben Weise eine festere Wohnung, in welche sie mittels einer der Rinde nahen Oeffnung am obern Ende in gewohntem Gänsemarsche aus- und eingehen. Je nach ihrer Anzahl ist das Nest kleiner oder größer, vorherrschend rund und hoch gewölbt, seine Farbe ist graulich-weiß und sein Ansehen infolge darin hängenden Kothes nicht eben sauber. Nach der letzten Häutung verdicken sie seine Wände, jede Raupe fertigt sich ein eignes Gespinst von Tonnenform, in welches sie ihre eigenen Haare mit verwebt, streift endlich die letzte Hülle ab und wird zu einer aufrechtstehenden, gedrungenen Puppe. Die Cocons sind in dichten Reihen neben und unter einander zusammengeklebt und den Waben der Wespennester nicht unähnlich.

Im August bekommen die Nester Löcher, d. h. der Schmetterling arbeitet sich gegen Abend daraus hervor und läßt seine Geburtsstätte mit der runden Ausgangspforte zurück; – in der Gefangenschaft liegen einzelne Puppen ein volles Jahr, wie ich beobachtet habe, ehe sie zum geflügelten Insekt werden. – Dieses bekommt man im Freien so leicht nicht zu Gesicht und verliert dabei auch wenig; denn sein graues, stellenweise etwas dunkler matt bandirtes Kleid läßt es nichts weniger als sehenswerth erscheinen. Das etwas größere Weibchen hat dünnere Fühler, dickeren, besonders an der Spitze kolbigen Leib, und die Bestäubung der Flügel noch verwischter und durchscheinender als das wenig schärfer gezeichnete Männchen. Seine tonnenförmigen Eier legt es in, mit einigen Härchen vermengten, länglichen Häufchen an die Eichenstämme. Wir haben hier ein seltenes, zur Nachahmung aufforderndes Beispiel brüderlicher Eintracht, vom ersten Keime an bis zu dem Augenblicke, wo das vollendete Insekt, sich seines Vorzuges bewußt, in freiem Fluge das Weite sucht.

Im Volke ist die Ansicht vielfach verbreitet, die Raupen seien »giftig«, eine Beschuldigung, die mehr in der Abneigung gegen diese, dem Menschen durch ihre Verwüstungen theilweise nachtheiligen und somit feindlichen Thiere, als in der Wahrheit begründet ist. Nur das ist richtig, daß die feinen Härchen mancher Raupen auf einer empfindlichen Haut rothe Fleckchen und Jucken veranlassen können, aber ohne alle weiteren nachtheiligen Folgen, wie die zahlreichen Schmetterlingsfreunde und Züchter derselben gewiß bezeugen werden. Anders verhält es sich mit unserer Prozessionsraupe. Diese könnte man allenfalls giftig nennen, wenn man unter Gift alles das versteht, was unter gegebenen Bedingungen zerstörend auf den menschlichen und thierischen Organismus einwirkt. Während keine andere Raupe, so viele Hunderte der verschiedensten Art durch meine Hände gegangen sind, irgend welchen nachtheiligen Einfluß auf mich ausgeübt, merkte ich doch sehr bald, mit welcher Vorsicht man beim Umgange mit dieser zu Werke gehen müsse, wenn er sich nicht bestrafen soll. Ein unleidliches, brennendes Jucken im Nacken und an den Händen, welches dann bald von jenem auf Rücken, Hals und Brust, von diesen auf die Arme sich verbreitete, war fast regelmäßig die bis zu einer Stunde anhaltende Qual, welche ich auszustehen hatte, wenn ich einen Knäuel, auch ohne ihn mit den Fingern zu fassen, abnahm, um ihn einzutragen. Von Freunden habe ich erzählen hören, daß sie in einem Jahre beim Baden von Brennen und Fressen an dem ganzen Körper förmlich gemartert wurden, weil die Eichen in der Nähe des Badeplatzes reichlich von diesen Bestien bewohnt waren Die erwähnte Ungemüthlichkeit fand bei Coswig an der Elbe statt. Sonst kommt die Raupe in für die Waldungen nachtheiligen Mengen besonders im Westen, wie in Westfalen vor, wo man ihr massenhaftes Austreten nach einem Zwischenraume von 8-10 Jahren als immer wiederkehrend beobachtet haben will. Auch wird eines großen Fraßes vom Jahre 1828 in Oesterreich Erwähnung gethan. Im Jahre 1860 traten sie in einzelnen Forsten des Münsterlandes in bedenklichen Mengen auf, gleichzeitig stellten sich die Kukuke ein und verspeisten sie massenhaft. Hr. Altum fand im Magen eines derselben am 24. Mai siebenundneunzig bis zu ein Drittel erwachsene Raupen und noch sieben auf dem Wege dahin (in Rachen und Speiseröhre), so daß diese kurz vor dem Tode des Vogels eingenommen sein mußten.. Das ist aber noch äußerlich, für den Augenblick zwar empfindlich, aber ohne weitere nachtheilige Folgen. Indeß fehlt es nicht an Beispielen, daß die Haare der Prozessionsraupen bei Thieren innerliche Entzündungen und eine an Wuth grenzende Wildheit, bei Menschen langwierige und schmerzhafte innere Krankheiten verursacht haben. Noch vor kurzem wurde ich von Seiten des Kriegsministeriums zur Abgabe eines Gutachtens veranlaßt, weil sich bei Pferden einiger Schwadronen Krankheitserscheinungen gezeigt hatten, die nach dem Genusse von Heu hervorgetreten waren, welches unter Bäumen erwachsen war, die Prozessionsraupen ernährt hatten.

Wie aber ist das möglich? wird man fragen. Das geht sehr einfach, so zu. Jene Haare enthalten dieselbe Säure, wie die feinen Härchen der bekannten und oft unangenehmen Brennnesseln, beim Häuten werden sie lose, besonders aber beim Verpuppen, durch das Arbeiten so vieler Thiere, die so eng beieinander sind, in großen Mengen abgelöst und vom Winde umhergestreut, theils mit der Luft eingeathmet, theils mit dem Grase, dem sie anhaften, von den weidenden Thieren verschluckt, von den Mähern der Wiesen oder Holzarbeitern, die unter dem Schatten einer Eiche ihre Mahlzeiten einnehmen, mit diesen in Schlund und Magen eingeführt. Fleißiges Bestreichen mit Oel schützt von außen, mildert auch den Hautreiz, ebenso das Trinken von Oel oder Milch den innern Schmerz, und ist vorläufig zu empfehlen, bis der Arzt weitere Verordnungen erläßt. So gefährlich kann das Thier dem Menschen durch sein Haarkleid werden, welches ihn durch die Lebensweise dringend zur Nachahmung seiner Harmonie auffordert!

Außer dieser Art, welche nur an Eichen lebt und daher bezeichnender Eichen-Prozessionsraupe heißen muß, giebt es noch zwei in ihrer äußern Erscheinung sehr ähnliche Arten, die andere Nahrung zu sich nehmen, gleichfalls im Gänsemarsche zum Fraße aufziehen und sich in der Ruhe auf einen Knäuel zusammenschaaren, aber nicht am Stamme ihrer Futterpflanze, sondern flach unter dem sandigen Boden an dem Fuße. Außerdem überwintern sie im Puppen-, nicht im Eistande, wie die beschriebenen. Die eine ist die Kiefern-Prozessionsraupe ( Cn. pinivora) an Kiefern, die andere die Pinien-Prozessionsraupe ( Cn. pityocampa) an Pinien, Roth- und Weißtannen, aber nur im Süden Europas, im Mittelmeergebiete, während die andere stellenweise und seltener da vorkommt, wo sich die Eichen-Prozessionsraupe findet, im Jahre 1876 auch einmal, aber ausnahmsweise, bei Halle aufgefunden worden ist.

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