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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 51
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Der Todtenkopf.

( Acherontia Atropos)
siehe Bildunterschrift

Schmetterling. Raupe. Puppe.

Für einen Septemberabend wehte die Luft besonders mild. Die nach dem Garten sehenden Fenster standen offen, um für die Nacht noch frische Luft einzulassen; denn in der Kammer daneben lag seit ewigen Tagen der Inhaber der Wohnung, ein bisher noch rüstiger Greis, auf das Krankenlager gefesselt. Die besorgte Gattin ging ab und zu und hatte in der Wohnstube eine Kerze angezündet, welche ihr bei ihren Hantirungen das nöthige Licht gewähren sollte. Eben tritt sie, vom Kranken kommend, in das erleuchtete Zimmer, als unter gewaltigem Brummen eine große, dunkle Gestalt vom Fenster her fliegend das Licht – – verlöscht. Die Besorgniß, sie möchte den in wohlthätigem Schlummer ruhenden Kranken wieder wecken, giebt ihr Kraft genug, einen Schrei des Schreckens in ihrer Brust zu ersticken.

Am andern Morgen fand sich nahe der Decke des Zimmers, in eine Ecke angedrückt, ein mächtig großer Schmetterling – der Todtenkopf, und im Krankenbette der Nebenkammer – – – eine Leiche! Es hieße den Aberglauben vergangener Jahrhunderte heraufbeschwören, wollte man diese beiden Thatsachen in irgend welche Beziehung zu einander bringen und anders deuten, als ein zufälliges, allerdings eigenthümliches Zusammentreffen. Die meisten Nachtschmetterlinge, unter den Schwärmern aber, wozu der Todtenkopf seiner ganzen Natur nach gehört, er allerdings nur allein, zeigen nämlich die besondere Liebhaberei nach dem Lichte zu fliegen. Es sind mir zwei Fälle bekannt geworden, einer aus dem Jahre 1859, einer aus dem vorhergehenden, wo ein Todtenkopf Ende August urplötzlich in einer Bierstube erschienen war und jedesmal das Verhängniß hatte, von den Gästen für eine Fledermaus gehalten zu werden. Brennt das Licht mit freier Flamme, so pflegen die kleinen Schmetterlinge nicht eher ihre Lust aufzugeben, bis sie durch Verletzung ihrer Flügel dazu gezwungen werden: eine Persönlichkeit wie der Todtenkopf löscht es aber leichter aus, als es ihm erheblichen Schaden zufügen kann.

Der Todtenkopf, seiner Körpermasse nach unstreitig der bedeutendste europäische Schmetterling, wenn es auch andere giebt, deren Flügel, einen größeren Flächenraum einnehmen, hat seinen Namen von der bleichen Rückenzeichnung, welche allerdings dem ungeschickten Bilde eines Todtenkopfes gleicht. Die ganze übrige Brust, wie auch die Vorderflügel sind dunkelbraun gefärbt und letztere durch einige holzfarbene und schwarze bindenartige Zeichnungen und Flecke stellenweise bunt. Der Hinterleib und die Hinterflügel sehen lebhaft ockergelb aus und sind mit verschiedenen schwarzen Querbinden, jener noch mit dunkelviolettem Längsstreife über die Mitte verziert. Die schwarzen, an ihrer Spitze hakenförmig umgebogenen und daselbst weißen Fühler sind dreikantig und auf der Vorderseite durch feine Querleisten rauh wie eine Raspel. Die Rollzunge ist verhältnißmäßig sehr kurz, während sie bei den meisten andern Schwärmern gerade über die Maßen lang vorgestreckt werden kann.

Bei unserer Schmetterlinge sammelnden Jugend steht der Todtenkopf in großem Ansehen, und wer einen aufzuweisen hat, wird von seinen Gesinnungsgenossen glücklich gepriesen. Es ist wahr, der stattliche Bursche nimmt sich gut aus.

Es ist aber neben der stattlichen Erscheinung noch etwas anderes, wodurch er auch den Forschern ein höheres Interesse abgewonnen hat als andere Schmetterlinge, er »schreit« nämlich, wenn er gereizt wird. Der Ton, welchen er hören läßt, ist dem Piepen einer Maus nicht unähnlich, hat aber den Beigeschmack von Wehmuth, ist ein Klagelaut. Man kennt ja allerlei andere Insekten, welche verschiedene, zum Theil sehr weit hin erschallende Laute von sich geben, die einen aus freiem Antriebe, wie Grillen, Heuschrecken und Singcikaden, andere wenn sie gefangen sind, wie es scheint, um sich zu befreien. Es sei nur an die rothen Lilienkäfer erinnert oder an den Moschusbock, die beide, in die hohle Hand eingeschlossen, einen vernehmbaren Laut durch Aneinanderreiben harter Körpertheile hervorbringen. Das Summen der gefangenen und festgehaltenen Fliege, Hummel, Biene u. dgl. ist ein anderes als das der frei fliegenden, und beide Lautäußerungen anderen Ursprunges, wie die der genannten und einiger anderer Käfer. Man meinte früher, der Todtenkopf bringe sein Klagegeschrei durch das Reiben der Rollzungenkanten an ihrer Umgebung hervor, da allerdings in den vordern Körpertheilen Bewegungen während des Piepens wahrgenommen werden. Die Sache ist jedoch anders, und Herr R. Wagner meines Wissens nach der erste Beobachter, welcher die richtigste Erklärungsweise aufgestellt hat. Der Todtenkopf besitzt, wie auch andere Schmetterlinge, eine prall mit Luft angefüllte Saugblase, welche dicht vor dem eigentlichen Magen liegt, den vordern Theil des Hinterleibes einnimmt und in das Ende der Speiseröhre mündet; diese Einrichtung dürfte bei dem Saugen des Honigs eine Rolle spielen. Außerdem schließen die beiden Hälften der Rollzunge an der vordern Fläche nicht vollkommen an einander, sondern lassen eine feine Spalte zwischen sich. Dadurch nun, daß die Luft aus der Saugblase durch diese Spalte getrieben wird, entsteht der Ton. Der Beweis hierfür liegt in der Möglichkeit, daß man dem Schmetterlinge durch den Rüssel Luft einblasen kann, wobei der Hinterleib anschwillt, drückt man dann auf diesen, so hält der Ton so lange an wie der Druck. Bringt man einen aufgeblasenen Todtenkopf unter Wasser, so sieht man während des Druckes auf seinen Hinterleib beständig Luftbläschen aus dem Rüssel kommen und zwar etwa aus der Mitte der vordern Fläche. Bei dieser Gelegenheit sei aufmerksam gemacht auf das höchst interessante Werkchen »Thierstimmen« von Dr. H. Landois Prof. der Zoologie. Freiburg i. Brs. 1874, aus welchem wir diese Beobachtung entlehnt haben.

Merkwürdigerweise ist auch die Entwickelungsgeschichte dieses stattlichen Schwärmers noch nicht vollkommen klar. Er findet sich in unsern Gegenden in manchen Jahren gar nicht oder wenigstens so vereinzelt, daß er übersehen wird, in andern wieder auffallend zahlreich. So schreibt mir Herr Lungershausen aus Schlottheim, daß, als man in dem heißen Sommer 1868 bereits vom 27. August an in jener Gegend die Kartoffeln geerntet habe, ihm gleich am ersten Tage 34 Todtenkopfspuppen überbracht worden seien, die sich mit der Zeit leicht auf hundert und mehr hätten belaufen können. Binnen acht Tagen waren achtzehn wohl entwickelte, außerdem sieben verkrüppelte Schmetterlinge ausgeschlüpft, die übrigen 9 Puppen waren vertrocknet. Man kann überhaupt bei diesem Schmetterlinge die Beobachtung machen, daß seine Puppe weniger Störungen verträgt, als diejenigen vieler andern, und daß sie sich nicht entwickelt, wenn sie längere Zeit vor dem in ihr fertigen Schmetterlinge aus ihrem Lager in der Erde entnommen wird. Diese Ungleichmäßigkeiten im Erscheinen hätte eben nichts auffallendes; denn sie kommt bei andern Insekten gleichfalls vor. In weniger heißen Sommern erscheint der Schmetterling bei uns später, im September, sogar im Oktober und er müßte also vor Winters seine Eier ablegen oder sich verkriechen und dieses Geschäft bis auf das nächste Frühjahr verschieben. Letzteres ist darum nicht wahrscheinlich, weil er noch nie im Winterlager aufgefunden worden ist, wo er bei seiner Größe nicht hätte übersehen werden können. Mir ist nur ein Fall durch oben genannten Herren bekannt geworden, welcher im ersten Frühjahre (1869) ein unweit jenes Kartoffelfeldes gefangenes und »wahrscheinlich kaum erst ausgekrochenes Weibchen, aus dessen strotzendem Hinterleibe Eier hervorquollen« erhalten hatte. Dasselbe ist sehr bald abgestorben und die Eier haben sich als »taub« erwiesen. Die meisten Todtenkopfspuppen werden bei uns auf den Kartoffeläckern gefunden, da das Kartoffelkraut den Raupen vorherrschend als Nahrung dient. Stechapfel und Teufelszwirn ( Lycium barbarum) zwei dem Solanum verwandte Pflanzen, werden gleichfalls von ihr verspeist. Daß aber weder Kartoffeläcker noch die von Stechapfelpflanzen besetzten Schutthaufen zur Eiablage geeignet seien, wird niemand behaupten wollen, es würden also nur solche Stellen übrig bleiben, an denen das Lycium, ein ausdauernder Strauch, wuchert. Meiner Ansicht nach ist der Todtenkopf, welcher auch in Mejiko, Java und in ganz Afrika vorkommt, ein bei uns nicht heimischer, sondern wärmeren Erdstrichen angehöriger Schmetterling, der zeitweilig bei uns als Raupe, Puppe und geschlechtsreifer Kerf gefunden wird, wenn ein befruchtetes zugeflogenes Weibchen seine Eier abgesetzt hatte, und der sich bei uns auch nicht fortpflanzt. Herr Koch erzählt (in seiner Indo-australischen Lepidopterenfauna), daß auf einem, zwischen Westindien und England steuernden Schiffe, welches über tausend (See-) Meilen vom nächsten Lande entfernt gewesen, plötzlich ein Todtenkopf erschienen sei, entschieden ein Beweis für seine große Flugfertigkeit. Wenn er aber eingewandert ist, so dürfen wir seine Entwicklung bei uns zu Lande nicht nach den Gesetzen beurtheilen, die für unsere heimischen Insekten gelten. Vielleicht erscheint er in seinem wärmeren Vaterlande jährlich in zwei Bruten. Eine allerdings vereinzelt dastehende Beobachtung könnte hierauf hindeuten. Im Jahre 1846 fand man nämlich bei Freiburg im Breisgau im Oktober eine Menge Todtenkopfsraupen aller Größen; 1859 wurden in demselben Monate einzelne Raupen in unserer Gegend den Sammlern angeboten. In beiden Fällen mochten dieselben also wohl von einem sehr zeitig im Jahre entwickelten Weibchen herrühren, oder – – von einem ungewöhnlich spät zugeflogenen.

Für die vorher ausgesprochene Ansicht sprechen außer der bereits angeführten Lückenhaftigkeit in unserer Kenntniß von der Entwicklungsgeschichte des Schmetterlinges der Umstand, daß die Futterpflanzen seiner Raupe bei uns gleichfalls ursprünglich nicht heimisch sind: und daß ein naher Verwandter, der Oleanderschwärmer, entschieden aus wärmeren Gegenden zufliegt, weithin nach Norden als Raupe aufgefunden und aus dieser mehrfach erzogen worden ist, aber nur in besonders heißen Sommern.

Die schöne Raupe des Todtenkopfes, welche erwachsen eine Länge von 13 cm. erreicht und ein schwanzartiges, an der Wurzel verengtes Horn am Ende des Rückens trägt, findet sich in der Regel im Juli und August auf den bereits erwähnten Futterpflanzen, man will sie jedoch auch auf Jasmin ( Jasminum officinale), Mohrrübe und Färberröthe angetroffen haben. In der Färbung kommen zwei wesentlich verschiedene Abänderungen vor. Am häufigsten sieht sie grünlich gelb aus, die Winkelzeichnungen über den Rücken blau, seitwärts schwärzlich beschattet, und außerdem ist die ganze Fläche mit Ausnahme der drei ersten und des letzten Gliedes mit schwarzblauen Pünktchen bestreut. Bisweilen erscheinen aber die genannten Glieder allein gelb und die übrigen mehr grün. Eine zweite Spielart weicht hiervon vollständig ab. Auf grau- oder olivenbraunem Grunde stehen Reihen weißer, braungekernter Pünktchen, nur das zweite und dritte Glied ist gelb, weiß oder blaßrosa, in den Seiten graubraun, mitten durch zieht ein sammetschwarzer, einmal der Länge, mehrere Male der Breite nach fein gelb getheilter Streifen, von welchem noch schwarze Schrägstriche nach den Seiten der folgenden Glieder auslaufen.

In einem Berichte aus Weimar vom Jahre 1783 werden die dortigen Sammler glücklich gepriesen, weil sich die Raupen, bisher sehr vereinzelt, einmal in großen Mengen vorgefunden hätten und zwar von Mitte Juli an. In einer Menagerie von 38 Stück wurden nach der Färbung fünf Spielarten unterschieden. Da sie sich alle in einem einzigen großen Kasten befanden, kam eine der andern öfter zu nahe, und sie suchten sich mit ihren Freßzangen, mit welchen sie ein dem Zähneknirschen ähnliches Geräusch hervorbringen können, gegenseitig an den Hälsen zu fassen, wobei die Angegriffene immer mit großer Gewandtheit ihres sonst trägen Körpers auszubiegen verstand. Vor dem Verpuppen kriechen sie in schiefer oder senkrechter Richtung in die Erde, kommen bisweilen nach 5 bis 6 Stunden wieder hervor, oder strecken blos den Kopf heraus und zehren an einem erreichbaren Blatte. Die Unruhe vieler Raupen zu dieser Zeit ist oft sehr auffallend und kann durch gewisse Zufälligkeiten noch bedeutend erhöht werden. So theilte mir ein Freund mit, daß die schon zur Verwandlung in die Erde gegangenen Raupen des Windenschwärmers, an Größe denen des Todtenkopfs wenig nachstehend, allemal wieder hervorgekommen und aufgeregt in ihrem Zwinger umhergekrochen wären, sobald in ihrer Nähe Klavier gespielt wurde. -

Die glänzend schwarzbraune, an den Flügelscheiden sattelartig sanft eingebogene Todtenkopfspuppe wird bei der Kartoffelernte, immer wie bereits erwähnt, einzeln aufgefunden und von den Findern den Liebhabern zum Verkaufe angeboten, welche nie volle Sicherheit erkaufen, daß sie auch einen für die Sammlung brauchbaren Schmetterling aus ihr erziehen.

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