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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 50
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Der Fichtenschwärmer, das Tannenpfeil.

( Sphinx pinastri)

»Herz, das ist der rechte Ort für dein schmerzliches Verzichten,« singt Lenau in einem seiner Lieder, wo er des Nadelwaldes gedenkt, und er hat recht; denn Poesie ist nicht in den sandigen, höchstens mit Haidekraut, Heidelbeersträuchern und allenfalls noch einigen ähnlichen holzigen Gewächsen stellenweise überwachsenen Flächen, welche von den Krüppeln unter den Nadelbäumen, dabei aber immer noch schlanken Föhren ( Pinus sylvestris) beschattet werden. Oede ist der Boden und arm an Blumen, wenige eigentümliche Formen ausgenommen; öde das düstere, von kräftigen Säulen getragene Dach; denn ihm fehlen die lieblichen Sänger des Laubwaldes, und das kreischende Geschrei des Nußhehers, das Krächzen der Krähe oder der Kiah-kiah-Ruf des Habichts sind beinahe die einzigen thierischen Laute, welche die schauerliche Stille dann und wann urmelodisch unterbrechen; öde sind die Säulen selbst in ihrem langweiligen, das Auge ermüdenden, Ordnung verlangenden Durcheinander. Wie nun aber, wenn Hunderte, wenn Tausende von Naturfreunden nichts anderes haben als den Kiefernwald, wenn sie dazu verurtheilt sind, nur hier im Genüsse der Natur zu – – schwelgen? Werden sie das können? Sie werden es können, wenn sie genügsam sind und die mancherlei Einzelheiten und Kleinigkeiten ins Auge fassen wollen, welche sich ihnen auch hier darbieten. Vor allem ist es die Insektenwelt, die reiche Gelegenheit zur Beobachtung und Genuß durch dieselbe darbietet. Wir wollen jetzt nicht auf den Chorgesang der geschäftigen Bienen hinweisen, welcher hoch von oben heruntersummt, wenn die Bäume ihre Blütenflämmchen angezündet haben, nicht an Karavanen großer Ameisen erinnern, die eilfertig ihre Straße verfolgen und sich fußhohe Hügel als Wohnungen erbauen, nicht der mancherlei anderen kleinen Naturkinder gedenken, welche uns lehren, wie man sich seines Lebens erfreuen könne. Wir wollen vielmehr einen Nachtschwärmer aufsuchen, aber bei Tage, damit wir ihn auch finden und gehörig zu betrachten im Stande sind. Um die Mitte des Juni sitzt der Fichtenschwärmer seiner ganzen Länge nach, die 4 cm. und mehr beträgt, an diesem oder jenem Stamme. Er hat die weißlichen, dreikantigen, in eine haarfeine Spitze auslaufenden Fühler an die Seiten des Mittelleibes angedrückt, die gestreckten Vorderflügel wie ein Dach auf den spindelförmigen Hinterleib gelegt oder läßt sie etwas klaffen, so daß die Spitze dieses sichtbar ist. Trotz seiner, für einen Schmetterling recht anständigen Größe hat man genau aufzumerken, um ihn nicht zu übersehen; denn seine Körperfarbe hebt sich kaum von der der Rinde ab, und im tiefen Schlafe sitzt er überdies regungslos fest. Er läßt alles über sich ergehen, fällt eher zur Erde, wenn er bei der Beunruhigung unsererseits den Halt unter den Füßen verliert und sich nicht mit einigen seiner scharfen Krallen in einem unserer Finger einhäkeln kann, als daß er auch nur den entferntesten Versuch zum Wegfliegen machen sollte. Das Aschgrau seines Kleides, an den kurzen Hinterflügeln noch dunkler als an den Vorderflügeln, wird durch einige schwarze Längsstriche und verwischte Flecke auf diesen letzteren, durch je eine schwarze Längsstrieme an den Seiten des Thoraxrückens, eine über die Mitte des Hinterleibsrückens, durch abwechselnd schwarze und hellere Flecke in den Seiten dieses und durch weiß und schwarz gewürfelte Franzen aller Flügel in seiner Eintönigkeit einigermaßen bunter.

Sobald die Sonne unter den Abendhimmel herabgesunken, wird er ein vollkommen anderes Wesen; die von der Tageshelle geblendeten Augen glänzen jetzt wie zwei feurige Kohlen, der bisher so träge, schwerfällige Körper wird ganz Leben; denn in pfeilschnellem Fluge, unter stark brummendem Gesumme verläßt er den Baumstamm und sucht honigspendende Blumen auf. Natterkopf, Flockblumen, Rittersporn u. a. findet er vielleicht in der Nachbarschaft seines Waldes, Jalappen, Betunien, Geisblatt und wie die Lieblinge der Nachtvögel sonst noch heißen mögen, sucht er im Forstgarten auf, vorausgesetzt, daß inmitten der Haide ein solcher zu finden, oder in weiterer Ferne; in der Nähe wird er so leicht nicht das finden, was er sucht zu seines Leibes Nahrung und Nothdurft. An der Honigquelle nach langem Umherirren endlich angelangt, giebt er sich nicht der Ruhe hin, wie die andern kleinen nächtlichen Falter, sondern summend und brummend senkt er die Spitze seiner lang ausgestreckten, in dieser Stellung 40 mm. messenden Rollzunge in den Schooß der einzelnen Blüten und verschwindet eben so pfeilschnell wieder als er gekommen war, sei es, daß er nichts mehr findet, sei es, daß er durch irgend eine fremdartige Erscheinung, wie etwa durch einen lauernden Schmetterlingsjäger, gestört wird.

Aber nicht blos Honigseim sucht er auf bei den wuchtigen Umflügen in der Dunkelheit – sobald der Mond hell scheint, verstummt das Schnurren seiner Flügel und die Lebendigkeit hört auf – sondern auch sein anderes Ich. Haben sich zwei mit einander vereinigt, was wohl noch kein Auge eines Sterblichen gesehen haben dürfte, so ist der Lebenszweck erfüllt, der weitere Genuß des Honigs überflüssig. Das Männchen tritt von der Schaubühne des Lebens ab, das Weibchen kurz darauf, nachdem es vorher hoch oben in den Kronen seine Eier einzeln an die Nadeln angeklebt hat.

Schon nach zehn bis vierzehn Tagen schlüpft aus jedem Eie ein kaum 4,5 mm. langes, sechszehnfüßiges Räupchen aus, welches seine Eischale als erste Nahrung zu sich nimmt, dann die Spitzen der Nadeln annagt. Unter mehrmaligen Häutungen, die durchschnittlich, wenn nicht rauhe Tage eintreten, alle zehn Tage auf einander folgen, wächst es in einigen Wochen zu einer stattlichen Raupe heran, die man für gewöhnlich dann erst zu Gesicht bekommt, wenn sie in ihrer vollen Größe vom Baume herabsteigt, um sich unter dem Moose am Fuße desselben zu verpuppen. Sie ist mit bunter, ziemlich derber Haut bedeckt, trägt auf dem Rücken des vorletzten Ringes ein spitzes, nach hinten gerichtetes Horn von schwarzer Farbe, wie die meisten ihrer Verwandtschaft, zeichnet sich aber vor allen durch die zahlreichen, schwärzlichen Querriefen aus, welche die ganze Körperfläche uneben erscheinen lassen. Auf dem grünen Untergrunde setzen sich, mehr weniger fortlaufend oder unterbrochen, vier gelbe Längsstreifen ab, deren beide mittelsten einen bunteren, lilafarbenen Streifen einschließen. Wenn man sie anfaßt, so schlägt sie mit den Körperenden gewaltig um sich, läßt aus dem Maule reichlich braunen Saft ausfließen und versucht zu beißen, kurz, sie geberdet sich wie eine, welche die Störung sehr übel genommen hat.

Meist im September erscheint sie unter der Moosdecke, glättet eine Höhlung für ihren Körper, ohne ein Gespinnst anzufertigen, und wird bald darauf zu einer matt, schwarzen Puppe, deren Rüsselscheide wie eine kurze Nase aus der übrigen Umgebung hervortritt. Zu der oben angegebenen Zeit kommt der Falter aus ihr hervor, wenn nicht die Raupe schon »den Wurm« im Leibe hatte, aus welchem sich der früher vorgeführte gelbleibige Ichneumon ( Ichneumon pisorius) oder dessen Vetter, der Ichneumon fusorius, statt des Schmetterlings entwickelt hat. Dieser nagt dann den Scheitel der Puppe in Form eines Deckelchens ab und durchbricht die Moosschicht, wie beim regelrechten Verlaufe der Fichtenschwärmer.

Manchmal ist die Raupe unseres Schwärmers in solchen Mengen aufgetreten, daß sie die Aufmerksamkeit der Forstschutzbeamten auf sich gezogen hat. In den Jahren 1837 und 1838 zahlte die Forstverwaltung für das Quart eingelieferter Puppen l ¼ Sgr., ein Beweis dafür, daß dieselben massenweise vorhanden gewesen sein müssen.

Zu der artenarmen Familie der Schwärmer oder Dämmerungsfalter ( Sphingidae), deren Raupen mit wenigen Ausnahmen hinten mit einem Horne verziert sind, gehört als bekanntester und am meisten verbreiteter der Wolfmilchsschwärmer ( Sphinx euphorbiae), dessen bunte Raupe oft massenhaft an der gemeinen Wolfsmilch anzutreffen ist, der schöne mittlere und kleine Weinschwärmer ( S. elpenor und porcellus), von denen die braune, eigenthümlich vorn verdickte und mit Augenflecken bemalte Raupe des ersteren selten, des letzteren nie die Blätter der Rebe frißt, und einige andere, so wie der stattliche Todtenkopf, dessen Bild nebenstehend folgt.

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