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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 5
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Der pechschwarze Kolben-Wasserkäfer, ein harmloser Gesellschafter des vorigen.

( Hydrophilus piceus)
siehe Bildunterschrift

Weibchen. Eikapsel. Larve. (Alle in natürlicher Größe.)

Von den vielgestaltigen Bewohnern jenes schilfumsäumten Wasserdümpfels inmitten der grünen Wiese, wo der Fadenschwimmkäfer seine Residenz aufgeschlagen hat, sei zunächst noch eine zweite Erscheinung vorgeführt, welche in der geschlossenen Körperform dem vorigen gleichkommt, an Körper masse ihn noch übertrifft. Der pechschwarze Kolben-Wasserkäfer ist auf dem Rücken höher gewölbt als an der etwas kielartig vortretenden Bauchseite, und hier überdies mit einer scharfen Dornspitze bewehrt, indem das Brustbein über die vorderen Bauchringe hinweg sich spießartig verlängert. Statt der elfgliedrigen Fadenfühler sehen wir hier einen gestreckten Knopf, den vier nicht eng aneinander schließende Glieder zusammensetzen, und zählen außerdem nur noch fünf weitere Glieder an den als »Blätterkeule« bezeichneten Fühlhörnern. Wenn dieselben in der Ruhelage unter den hohlen Rand des Halsschildes zurückgeschlagen und versteckt werden, könnte man in Versuchung kommen, die fadenförmigen Kiefertaster für Fühler anzusehen. Dieselben sind eben so lang, wenn nicht länger als die Fühler, und weil sie meist mehr als diese in die Augen fallen, so hat man früher die Gesellschaft aller in dieser Hinsicht übereinstimmenden Käfer unter dem Familiennamen der Tasterhörner ( Palpicornia) zusammengefaßt. An den vier hinteren Beinen sind die Füße etwas zusammengedrückt, einerseits borstig bewimpert und als Ruder brauchbar; das zweite ihrer fünf Glieder übertrifft die übrigen an Länge, namentlich erscheint das erste als ein kleiner, nach außen gedrängter Anhang. An den Vorderfüßen sind auch hier beide Geschlechter auf den ersten Blick sofort zu unterscheiden, indem beim Männchen sich ihr letztes Glied nach innen in Beilform erweitert.

Man bekommt den Kolben-Wasserkäfer verhältnißmäßig weniger zu Gesicht als die Schwimmkäfer und zwar aus leicht begreiflichen Gründen, welche zum Theil auf seiner wesentlich andern Lebensweise beruhen. Er ist nämlich kein Räuber, braucht mithin nicht auf die Jagd zu gehen. Vielmehr ernährt er sich von Pflanzenstoffen und, nach meinen Erfahrungen wenigstens, hauptsächlich von den fadenförmig verfilzten Algen, die manche Wasserlachen allmählich versumpfen. In diesem dichten Filze hielt er sich am liebsten auf und ließ sich mit demselben wochenlang in der Gefangenschaft und in Mehrzahl bei vollkommenem Wohlsein erhalten, trotzdem ein und der andere bisweilen in der Stube einen längeren Spaziergang unternahm, indem es den Thieren ein Leichtes war, an den steilen Glaswänden des Aquariums in die Höhe zu kriechen. Ueberdies spricht sein innerer Bau für seine Nahrung aus dem Pflanzenreiche. Der Darmkanal stellt nämlich ein langes, in seinem ganzen Verlaufe gleichgebildetes Rohr dar, wie beim Maikäfer und anderen entschiedenen Vegetarianern. Noch eine zweite Eigentümlichkeit in seinem Inneren trägt zu seiner größeren Verborgenheit bei: die stellenweise Erweiterung der den Körper durchziehenden Luftröhren, eine besonders große, blasenartige Austreibung derselben, welche zwischen dem Mittel- und Hinterleibe ihren Platz hat, gestatten ihm reichlich Luft in sich aufzunehmen und daher länger unter dem Wasser zu verweilen als manches andere in gleicher Weise athmende Wasserinsekt.

Kann unser Wasserkäfer schon wegen seiner stattlichen Größe einen gewissen Anspruch auf Beachtung erheben, so steigert sich dieser bis zur Bewunderung, wenn die höchst eigenthümliche Art in Betracht kommt, wie das Weibchen seine Eier behandelt. Im April werden dieselben abgelegt, aber nicht in das Wasser fallen gelassen, nicht, wie von so vielen Wasserbewohnern, an eine Pflanze einfach angeklebt oder in eine Gallerte eingebettet. Nein! Sie werden in höchst sinnreicher Weise in einen kleinen Nachen eingeschlossen, welcher nachher auf dem Wasser hin und her treibt. Unter dem schwimmenden Blatte einer Wasserpflanze legt sich das Weibchen auf den Rücken und drückt dasselbe mit den vorderen Beinen gegen seinen Bauch. Aus vier Röhren, von denen zwei länger aus der Leibesspitze heraustreten, als die beiden andern, fließen weißliche Fäden, welche durch Hin- und Herbewegen der Spitze sich zu einem, den ganzen Bauch überziehenden Gespinste verweben. Ist dieser Ueberzug hinreichend dicht, so kehrt sich der Käfer um, nimmt das Gewebe auf den Rücken und fertigt auf gleiche Weise eine zweite Platte, welche mit ihren Rändern an die der Rückenplatte angeheftet wird, so daß mithin schließlich das Leibesende in einem nach vorn offenen Säckchen steckt. Dieses wird nun von hinten her mit weißen Eiern reihenweise erfüllt, und die Leibesspitze rückt in dem Maaße aus dem Säckchen heraus, als jene sich mehren. Ist sie endlich frei, so faßt der Käfer die Ränder des Gespinstes mit den Hinterfüßen, und näht dieselben in gleicher Weise zusammen, wie vorher die Seitenränder, nur mit dem Unterschiede, daß ein etwas wulstiger Saum entsteht. Durch einige querüber auf und ab gezogene Fäden wird ein vollkommener und wasserdichter Verschluß des kleinen Packetchens, welches immerhin die Größe einer Lambertnuß erlangt hat, bewirkt. Noch ist die Arbeit nicht vollbracht. Der kleine Nachen muß auch seinen Mast haben, der ihn im Gleichgewichte erhält. Auf der vorderen Wulstnaht fließen die Fäden weiter von unten nach oben und von da wieder zurück nach unten und indem die folgenden immer länger werden, thürmt sich die Spitze auf und steht schließlich in Form eines etwas gebogenen Hörnchens von mehr brauner Farbe und durchschnittlich zwei Centim. Höhe über den Hauptkörper hinaus. Nach Verlauf von vier bis fünf Stunden ist das Kunstwerk vollendet und schwimmt frei umher; denn das Blatt diente dem Weibchen nur als Anhaltspunkt, nicht zur Unterlage seiner Weberei; es kommt jedoch vor, daß an reich bewachsenen Stellen, wo es ja auch nie an losen Pflanzentheilen an der Wasserfläche fehlt, fremdartige Gegenstände dem kleinen Nachen anhaften und ihn unkenntlich machen.

Nach sechzehn bis achtzehn Tagen verlassen die Lärvchen ihre Eischale, noch nicht sogleich ihre gemeinsame Wiege, sondern erst nach der ersten Häutung, wie man meint. Da sich weder die Eischalen noch die ersten Häute in dem oben geöffneten Gehäuse vorfinden, auch das lockere Gewebe verschwunden ist, welches namentlich den vordern Raum in jenem einnahm, so dürften alle diese Dinge den jungen Larven als erste Nahrung gedient haben. Ueber ihre Lebensweise gehen die Ansichten weit aus einander und diese Unsicherheit liefert abermals den Beweis, wie lückenhaft unsere Kenntnisse gerade in sehr gewöhnlichen Vorkommnissen immer noch sind. Die Einen meinen, unsere Larve ernähre sich anfänglich von Pflanzen, würde jedoch später zu einem gierigen Raubthiere, die Andern sprechen ihr letztere Lebensweise ausschließlich zu und bezeichnen u. a. die Wasserschnecken als ihre Kost, welche sie gemächlich verzehre, nachdem sie vom Rücken her deren Schale zerbrochen habe. Leider fehlen mir eigene Beobachtungen, so lange ich aber durch solche nicht widerlegt worden bin, halte ich die Larve für pflanzenfressend, weil ich den Käfer als Pflanzenfresser kennen gelernt habe und weil auch der Bau seines Darmkanals auf diese Ernährungsart weist. Ferner sprechen eigenthümliche Gewohnheiten gegen ihre Räubernatur. Wenn man sie ergreift oder der Schnabel eines Wasservogels sie trifft, so läßt sie ihr Körperende wie einen leeren, schlaffen Balg herabhängen und stellt sich somit todt; will diese List nicht anschlagen, so trübt sie durch einen schwarzen, stinkenden Saft, welcher dem After entquillt, ihre nächste Umgebung und schützt sich hierdurch öfter vor Nachstellungen. Bei ihren ungezwungenen Bewegungen nimmt sie gern die Stellung ein, in welcher sie hier vorgeführt ist. Zu ihrer näheren Erläuterung diene noch, daß am platten Kopfe keine Augen stehen, daß die beiden Stäbchen zwischen den kräftigen, in der Mitte gezähnten Kinnbacken die dreigliedrigen Fühler darstellen, daß die Oberlippe fehlt und der Unterkiefer sehr lang stielartig mit seinem Stamme hervorragt, und an der Spitze nach außen in einen dreigliedrigen Taster, nach innen in ein Dörnchen als Andeutung der Lade ausläuft. Die kurzen Beine tragen je eine Klaue und das zugespitzte Endglied des Leibes unten ein Paar fadenartiger Anhänge. Die weiche Körperhaut ist schwärzlich gefärbt, am dunkelsten auf dem Rücken.

Die reife Larve verläßt das Wasser, bereitet sich in dessen Nähe in der feuchten Erde eine Höhlung, wo sie zu einer Puppe wird, die von der Beschaffenheit anderer Käferpuppen ist. Gegen den Herbst hin entwickelt sich diese zu dem Käfer und es wiederholen sich dieselben Verhältnisse, wie sie bereits vom Fadenschwimmkäfer erzählt worden sind.

Neben der eben beschriebenen Art kommt weniger häufig eine zweite, ungemein ähnliche vor, der schwarze Kolben-Wasserkäfer ( H. aterrimus). Er hat durchaus rostrothe Fühler, ist am Bauche weniger ausgeprägt gekielt und seine Flügeldecken laufen am Ende nicht in ein haarfeines Spitzchen aus, wie dort.

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