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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 49
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Der Apfelbaum-Glasflügler.

( Sesia Myopiformis)
siehe Bildunterschrift

Der Falter, die bei seinem Ausschlüpfen aus dem Lager mit herausgeschobene Puppenhülse.

Am 11. Juni – es war gerade der Heiligabend vor dem Pfingstfeste – wandelte ich eine benachbarte Landstraße, welche mit Apfel-, Birnen- und Kirschbäumen bepflanzt ist, um deretwillen ich mich bestimmen ließ, einen Weg zu betreten, den ich sonst, wie alle Heerstraßen, herzlich gern vermeide. Die vom Markte aus der Stadt heimkehrenden Landleute hätten glauben können, ich mustere mit Kennerblick den Anhang an den Obstbäumen, um bei einem späteren Verpachtungstermine mit in die Schranken zu treten, so gründlich ward jeder Apfelbaum in Augenschein genommen. Was ich hier sah, war gerade nicht erfreulich und legte Zeugniß ab für die Sorglosigkeit derer, welchen das Gedeihen der in ihrem kräftigsten Alter dastehenden Bäume hätte am Herzen liegen sollen. Die weithin leuchtende, blau und bronzefarben gestreifte »Livrée-Raupe«, der Vorläufer des Ringelspinners ( Gastropacha Neustria), saß über halberwachsen in kopfreichen Heerden am obern Ende der Stämme, deren manche an der Sommerseite ihrer ganzen Länge nach bedeckt waren mit Raupen und leeren Bälgen, die jene abgelegt hatten. An andern gingen von den Aesten als Anfangspunkten Straßen silberglänzender Seidengewebe herab, Fabrikate eben dieser Thiers, die sie in noch früherer Jugend angefertigt hatten, um ihren Heimweg wieder zu finden, wenn sie die Unmäßigkeit zu einer kleinen Promenade aufgefordert haben mochte. Hier saß eine und die andere vereinzelt mit erhobenem Kopfe und angeschwollenem Halse. Sie war im Begriffe unter Wehen ihr zu eng gewordenes Kleid mit einem neuen, glänzenderen zu vertauschen, vielleicht dem letzten, welches sie als Raupe trug, da sie sich durch ihre bedeutendere Größe vor ihren Nachbarinnen hervorthat. Dort kroch eine von unten empor, über und über mit Staub bedeckt, in welchen sie der Wind herabgeworfen haben mochte, und dadurch so unkenntlich geworden, daß man sie für ein ganz anderes Wesen hätte halten können. Zwischen den Livrée-Raupen machten sich breit und sonnten sich mit ihnen die höchstens halbwüchsigen und darum jetzt, noch jugendlich hell gefärbten, borstigen »Dickköpfe«, denen eines der nächsten Kapitel gewidmet sein wird. Geschäftig eilten Ameisen ihre Straße auf und nieder, entschieden früher durch die vielen kleinen Räupchen herbeigelockt, jetzt nur noch von den Kranken unter ihnen einen Vortheil ziehend. Viel zu gering für die Menge der gefräßigen Baumfeinde war die Zahl der schwippen, langschwänzigen Schlupfwespen, von denen sich mehrere Arten unter den Heeren umsahen, um die Gelegenheit abzupassen, wo sie eins und das andere ihrer Eier unterbringen konnten.

Solche und ähnliche Beobachtungen stellte ich nebenbei an, ihretwegen brauchte ich jedoch keine staubige Heerstraße aufzusuchen; mein Augenmerk war auf etwas ganz anderes gerichtet. Stellenweise nämlich ragten aus der Borke der Apfelbäume kleine gelbbraune Puppenhülsen zu ihrer Hälfte oder weiter hervor, hier einzeln, dort zahlreicher und stets in höherem Grade, je kranker der Baum schon von weitem aussah. Einer mit stark abgeschältem, übrigens noch keineswegs hohlem Stamme, dem man nur zwei gesunde Aeste hatte lassen können, war wie gespickt mit jenen Hülsen; ich zählte deren 46 und schätzte die Gesammtzahl auf einige 60, da sicher wegen ihrer bedeutenderen Höhe viele gar nicht erkannt und manche aus erkennbarer Entfernung übersehen wurden. Wie kann sich ein Mensch, ein vernünftiges Wesen so sehr für leere Puppenhülsen interessiren, daß er staubige, sonst von ihm geflohene Straßen aufsucht? wird man fragen. An den leeren Hülsen liegt ihm freilich nichts, wohl aber an dem Kerfe, welches aus denselben gekommen ist. Dieser außerordentlich zarte, glasflügelige Schmetterling ist für den Liebhaber wohl werth, daß er etwas Staub schluckend, einmal ein Opfer bringe, wenn er nicht vergeblich darauf warten will, daß er ihm zum Fenster hineinfliege. Je gespickter sich ein Stamm zeigte, desto eifriger das Suchen an ihm, an den Blättern der Krone und an dem Grase in der Nachbarschaft seines Fußes. Es belohnte sich, wenn auch fest stand, daß die Ausbeute einige Tage früher reicher ausgefallen sein würde; denn im Vergleiche zu der Hülsenmenge fanden sich nur wenige Schmetterlinge und diese zum Theil abgeflogen. Doch müssen wir vor allem einen genauer betrachten und mit Hilfe unseres Bildes ordentlich kennen lernen, denn der Arten giebt es viele Die Raupen sämmtlicher Sesien-Arten leben bohrend hinter der Rinde von Holzstämmen und Aesten oder in holzigen Wurzelstöcken einiger anderer Pflanzen. Der größte hierher gehörige Schmetterling, in einiger Entfernung wie eine Hornisse aussehend, ist die Sesia Apiformis, deren Raupe im Fuße des Stammes der Schwarzpappeln und Espen lebt. Es fehlt nicht an Beispielen, daß ganze Alleen junger Bäume durch deren Zerstörungen umgebrochen sind. Höher oben am Stamme der Schwarzpappel lebt S. Tabaniformis, ebenso in der Espe S. Laphriaeformis. In Weiden lebt die Raupe von S. Formicaeformis, in Eichen die von S. Cynipiformis, ebenfalls eine gelb gezeichnete, und S. Conopiformis. In Birke S. Culiciformis, und S. Spegiformis, letztere mehr in jungen Bäumen und außerdem auch in der Eller; in den Stengeln der Johannisbeeren S. Tipuliformis, in denen der Himbeeren Bemmbecia Hylaeiformis. Der Wurzelstock der gemeinen Wolfsmilch ( Euphorbia Cyparissias) ernährt die Raupen von S. Tenthrediformis und der bedeutend seltneren S. Leucospidiformis u. s. w., oft recht ähnliche in Färbung, Größe und sonstigen Merkmalen.

Von oben gesehen erscheint das ungemein schlanke, wie alle Sesien, zierlich gebaute Thierchen blauschwarz an den überhaupt gefärbten Theilen, mit Ausnahme des vierten, mennigrothen Hinterleibsringes. Auf den Vorderflügeln geht durch die schuppenlose Glasfläche hinter der Flügelmitte eine schwarze, viereckige Binde, und die Spitze erscheint ebenfalls breit schwarz mit etwas ausgehöhltem inneren Rande. Die nackte Fläche schillert, schräg von oben gesehen, blaßblau, von der Seite, unter ziemlich spitzem Winkel betrachtet, dagegen goldig, ebenso die schwarzberandeten, an der Vorderrandsmitte mit schwarzem Keilfleckchen gezeichneten Hinterflügel. Die langen Franzen aller erscheinen ebenfalls dunkel und erzglänzend, nur saumwärts lichter, und an der Hinterflügelwurzel mit einem weißen Fleckchen gezeichnet. Unterscheidet sich das Männchen vom Weibchen schon von oben durch den bedeutend schmächtigeren Hinterleib und geringere Größe, so wird es durch die bunter gefärbte Unterseite noch viel kenntlicher. Bei beiden Geschlechtern glänzen die Flügel auf dieser mehr oder weniger goldig, lebhafter beim Manne, die Seiten des Bruststückes sind unter den Flügeln bis zu den Vorderhüften durch einen orangenen Fleck ausgezeichnet. Vor dem Weibchen voraus hat nun das Männchen unten die Freßspitzen (Palpen) bis auf das schwärzliche äußerste Ende, ferner das 4., 5. und 6. Bauchglied silberweiß und den Afterbüschel schmutzigweiß. Die Fußglieder der stahlblauen Beinchen erglänzen beim Männchen mehr oder weniger goldig, beim Weibchen entschieden nur die des vordersten Paares. Dieses die reiche Ausstattung des hübschen Falters, der in unserer Gegend von Ende Mai bis Mitte Juli fliegt und gefangen worden ist, ein Umstand, von welchem wir später noch einige Schlüsse auf die Lebensdauer der Raupe ziehen werden.

Das geflügelte Dasein aller Glasflügler, wie so vieler anderer Insekten, umfaßt nur eine kurze Spanne Zeit. Regt sich das Leben in der Puppe, so schiebt sich dieselbe vorwärts, gelangt bald mit der vordern Körperhälfte aus dem Flugloche in das Freie, giebt dem Drängen im Innern nach und durch den gewöhnlichen Riß im Nacken wird der Gefangene entlassen. Derselbe setzt sich einige Schritte von seiner Geburtsstätte fest, und es bedarf kaum einer halben Stunde bis die schmalen, glashellen Flügelchen sich entfaltet und durch Austrocknen diejenige Festigkeit erhalten haben, die sie beim Fluge der Luft entgegensetzen müssen. Sobald die im Sonnenschein sehr lebhaften Thierchen dieses fühlen, erheben sie sich in fast hüpfendem, leichten Fluge, umschwärmen die Baumkrone und führen, um es kurz zu sagen, ihren Hochzeitsreigen aus. Dies alles geschieht an einem sonnigen, windstillen Morgen von 9 Uhr an. Welche Gefahren ihnen hierbei drohen, davon lieferte der näher bezeichnete Junimorgen den schlagendsten Beweis. Nicht genug, daß der grausame Sammler ihre Mysterien nicht zu würdigen versteht und unbarmherzig an eine Nadel spießt, was sich ergreifen läßt, sei es einzeln, sei es paarweise, das fortwährende und rücksichtslose Morden der Insekten unter einander brachte hier dem einen Theile das Verderben und würde es sicher ohne meine Dazwischenkunft auch dem andern gebracht haben. An einem Grasstengel des unvermeidlichen Chausseegrabens saß ein Glasflügler und eine fette Wespe neben ihm. Bei meiner Annäherung flog diese davon und jener kam in meine Gewalt. Was mußte ich aber gewahren? Ich hatte ein Männchen gefangen, dessen Hinterleib um die beiden letzten Glieder eines weiblichen vermehrt war; alles Uebrige von dieser unglücklichen Mutter war im Magen der gefräßigen Wespe spurlos verschwunden, und da sie noch so fest neben ihrer Beute gesessen, gab sie gewiß nur unfreiwillig schon jetzt ihre Mahlzeit auf. Wieder ein Beweis, wie Lust und Verderben so nahe bei einander wohnen.

Nicht alle Pärchen erreicht ihr Geschick vor der Zeit, die meisten vielleicht erfüllen es. Das Männchen stirbt alsdann sofort einen natürlichen Tod, das Weibchen einige Tage später, nachdem es seine Eier hinter Rindenschuppen oder an schadhaften Stellen eines Apfelbaums abgelegt hat, in Birnbäumen findet sich die Raupe nur sehr vereinzelt. Die einmal angegangenen und daher nicht mehr vollkommen gesunden Stämme oder stärkeren Aeste werden immer mit Vorliebe aufgesucht; denn sie bieten eben der Stellen genug, welche der Eiablage günstig sind, und weite Flüge werden, wie sich aus den oben geschilderten Gewohnheiten dieser zarten Thierchen ergiebt, nicht ausgeführt.

Die nach wenigen Wochen dem Eie entschlüpfte Raupe bohrt sich durch die Rinde bis nach dem Splinte und arbeitet, fressend, Gänge in demselben; ernährt sich mithin in derselben Weise wie die Larven des Buchdruckers und seiner zahlreichen Verwandten. Die unverdaueten Holzspähne werden zum Theil aus den Fluglöchern herausgedrängt und die aus ihnen hervorquellenden Klümpchen verrathen dem wachsamen Auge sehr leicht, daß hier im Innern gewühlt wird. Trotzdem hat mich ein verstorbener Freund, welcher den Glasflüglern mit besonderer Vorliebe zugethan war, auf das Bestimmteste versichert, die Raupe dieser Art einzeln in den äußersten, morschen und abgestorbenen Rindenschichten der Apfelbäume angetroffen zu haben und es sei ihm bei der sorgfältigsten Verfolgung des Ganges nicht gelungen, auch nur eine Spur von Verbindung mit dem lebenden Stamme zu entdecken.

Die wurmartige Raupe ist am Bauche schwach abgeplattet, beinfarben und durchscheinend, so daß der Darm mit seinem Inhalte und die Fettkörper äußerlich bemerkbar werden. Die drei vordersten Glieder nach dem hornigen Kopfe tragen gleichfalls feste Rückenschilder, unten die sechs gewöhnlichen Brustfüße, am sechsten bis einschließlich zum neunten Ringe stehen die nur schwach entwickelten Bauchfüße; auch die Nachschieber am letzten Gliede sind unentwickelt, dieses selbst stark verengt und härter als die vorangehenden. Am ganzen Körper zeigen sich, in Längslinien geordnet, einzelne kurze Härchen, welche am Kopfe und an der Leibesspitze enger zusammenstehen. Die eben gegebene Beschreibung gilt von allen Sesienraupen; Größe und Form des Kopfes und des Nackenschildes zeigen geringfügige Unterschiede, die jedoch nicht ausreichen, um die Arten mit Sicherheit unterscheiden zu können; die Futterpflanze muß hier den Ausschlag geben.

Man hat behauptet, die Raupe unserer Art durchlebe zwei Winter, und mag diese Behauptung auf den Umstand gegründet haben, daß sie sich im Herbste in sehr verschiedenen Größen findet. Darum ist aber noch keineswegs nöthig, eine so lange Lebensdauer anzunehmen, wenn wir bedenken, daß einen und einen halben Monat später gelegte Eier und nicht gleich nahrhafte Kost wohl einen bedeutenden Größenunterschied unter den Raupen bedingen mögen; übrigens auch gerade bei dieser Art die Schmetterlinge einen so gewaltigen zeigen, daß sich unter ihnen mehr als noch einmal so kleine Männchen im Vergleiche zu großen Weibern betreffen lassen.

Die Raupe überwintert nur einmal, wie bei vielen andern Arten, und die Brut ist mithin eine einjährige, die Entwickelung jedoch sehr ungleichmäßig, wie die schon oben erwähnte langausgedehnte Schwärmzeit des Schmetterlings beweist.

Die zu der Verwandelung reife Raupe begiebt sich nahe an das von ihr zurecht genagte und mit Bohrspänen oder vielmehr mit ihrem Kothe verstopfte Flugloch, das Kopfende nach außen gerichtet, und streift ihre Larvenhaut zum letzten Male ab. Das gelbe Püppchen, dazu verurtheilt, sich aus seinem Lager hervorzuarbeiten, hat einen niedrigen, halbkreisförmigen Scheitelfortsatz, einen ebenfalls niedrigen Stirnfortsatz mit zwei kleinen Erhöhungen, am zweiten Bauchringe sehr kleine Stacheln, zwei größere am dritten bis siebenten beim Manne, oder bis zum sechsten reichend, beim Weibe, an der äußersten Schwanzspitze oben vier sehr breite, unten ebenso viel bedeutend kleinere Stacheln. Dies das Rüstzeug, womit sie ihren Marsch vollbringt. Die Scheiden für die Vorder- und Hinterbeine stehen von den übrigen Gliedmaßen sichtlich entfernt, besonders die ersteren; auf sie folgen von vorn nach hinten die Fühler-, Mittelbein- und Flügelscheiden unter sich wenig von einander getrennt. Die Puppe liegt nur wenige Wochen ehe sie sich zum Schmetterlinge entwickelt.

Wenn sich, wie oben erwähnt wurde, die Puppen schockweise aus einem einzigen Baume hervordrängen, mithin ebenso viele Raupen sich von ihm ernährt haben, so dürften sie doch von dem Obstzüchter nicht unberücksichtigt gelassen und müßten den schädlichen zugezählt werden? Darauf ist zu erwidern, daß das Weibchen an einen vollkommen gesunden, an seiner Rinde unverletzten Baume die Eier niemals absetzt, sondern nur an krankhaften, beschädigten Stellen. Dann aber greift durch die innen wohnenden Raupen von Jahr zu Jahr der Schaden unverkennbar um sich, und sie können somit dem Baume einen frühen Tod bereiten, zumal sich in solchen Fällen anderes, ähnlich lebendes Ungeziefer, wie Bohrkäfer, gern einstellt und am Zerstörungswerke lebhaften Antheil nimmt. Also so ganz übersehen sollte man sie nicht! Jener mehrfach erwähnte Apfelbaum, eine Fundgrube für unsern Schmetterling, ist längst verschwunden und durch einen neuen ersetzt worden.

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