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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 48
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Das Pfauenauge.

( Vanessa Io)
siehe Bildunterschrift

Zur Verpuppung aufgehängte Raupe, Puppe, Schmetterling.

In einer verwilderten Ecke dicht neben meinem kleinen Garten stand, eben weil sie wild war, eine üppig wuchernde Brennnessel, und ich stand gerade im Begriffe, die mir ihrer Nähe wegen lästig werdenden Stengel zu beseitigen, als mein Blick auf eine lustige Gesellschaft schwarzer Räupchen fiel, die Besitz davon genommen hatten. Da sie meinen Wünschen entgegen kamen und schon wacker mit dem Vertilgungswerke begonnen hatten, schien es mir zweckmäßiger, sie auch ferner wirthschaften zu lassen, ich verschonte ihretwegen das Unkraut, welches uns immer folgt, obgleich wir es fliehen. Von Stund an hielten wir Freundschaft und ich besuchte meine kleinen Nachbarn fleißig, um sie in ihrem Treiben zu beobachten. Diese armen Geschöpfe! Eine uns kräftigeren Wesen verletzende Nessel ist ihre Geburtsstätte, deren Blätter ihre Nahrung, doch sie bekommt ihnen; denn sie sehen wohl und munter aus. Wunderbar! Die Mutter, die nur den Honig der Blüten oder etwa den Morgenthau gekostet, weiß das Kraut aufzufinden, das ihre Nachkommen groß ziehen soll! Sie irrt sich nie in der Wahl des Ortes, dem sie ihre Eier anvertraut. Sollte sie noch Erinnerungen haben aus ihrer Jugendzeit? – Es sind die Fühlhörner, jene den Insekten so wichtigen, in ihren Verrichtungen von uns noch nicht allseitig verstandenen Werkzeuge, die auch in dieser Hinsicht auf die richtige Spur leiten.

Siehe da! Abgesondert von den übrigen sitzt eine Raupe regungslos, hier noch eine, die ganze äußere Erscheinung verräth ein Unbehagen. Die Brennhaare werden doch keine Verdauungsbeschwerden verursachen? – Sie windet sich, zieht sich zusammen, ihre Haut verliert den Glanz und wird trocken, nun, mit einer letzten Kraftanstrengung, blähet sie sich auf – – da reißt im Nacken die Hülle. Wieder vollkommne Ruhe. Die geschwundenen Kräfte müssen gesammelt werden. Ein neuer Ruck und der Kopf, mit junger Haut bekleidet, ist frei. In kurzen Zwischenräumen folgt, in Schweiß gebadet, der übrige Körper nach. Noch bedarf er einer längeren Erholung, die zarte Haut muß durch den Einfluß der Lust erst etwas erhärten, die Beine müssen sich kräftigen, dann aber stellt sich ein entsetzlicher – Hunger ein. Die Befriedigung desselben bringt die aufgewandten Kräfte zurück und bereitet zu einer neuen Häutung vor. In wenigen Tagen hatte die ganze Gesellschaft die Krisis bestanden; die alten Kleider in wilder Unordnung auf dem kahlen Stengel zurückgelassen und andere, blattreiche aufgesucht. Im Bewußtsein ihrer großen Freßlust hatten sie sich schon etwas mehr zerstreut und auf drei Stengel vertheilt, wo sie abwechselnd in verschiedenen Stellungen ausruhten und dem Genüsse nachgehend, ein Blatt nach dem andern von seiner Spitze nach dem Grunde hin verschwinden ließen.

An einer gewissen Stufe des Wachsthums angelangt, wiederholte sich derselbe krankhafte Häutungsvorgang noch zu einigen Malen, ich konnte aber nie eine besondere Veränderung in der Farbe des neuen Gewandes entdecken, wie bei so vielen andern Raupen; stets erschien sie glänzend schwarz, in helleren und dunkleren Tinten, je nach der Beschaffenheit der körnigen Oberfläche, unterbrochen von weißen Punktreihen, gleich zarten Perlschnüren; außerdem trägt die Haut kleine bedornte Fleischzapfen, gleichfalls von der Farbe der Trauer. Nach und nach war die ganze Pflanze in Beschlag genommen und würde vielleicht nicht ausgereicht haben, wenn sie nicht, wie alles Unkraut, gewuchert hätte. – Die Raupe ist nun einmal dazu bestimmt, ehe sie zu ihrer letzten Umwandlung gelangt, mit dem Aufgebote aller ihrer Kräfte immer und immer wieder sich zu erneuern und zu größerer Vollkommenheit zu erheben. Soll es nicht mit dem Menschen als moralischen, überhaupt geistigen Wesen auch also geschehen?

Sie steht nun am Ende ihres Larvenlebens, in ihr sind die, bei der Geburt schon in der Anlage vorhandenen Keime einer höhern Entwickelung so weit entfaltet, daß sie zur äußern Erscheinung kommen können. Sie fühlt das und bereitet sich vor. Ein Theil suchte die Unterseite der Querriegel meines Gartenstackets, ein anderer ein kleines bretternes Wetterdach, noch andere hatten sich hie und da einen kahlen Stengel, oder ein Blatt ihrer Futterpflanze gewählt. Wir geben auf die eine an ersterer Stelle weiter genau Acht. Zuerst webt sie einige Fadenschichten über das Holz, legt immer kleiner werdende darüber und baut auf diese Art eine kaum merkliche Erhöhung, hakt sich mit den Hinterbeinen (Nachschieber genannt) hinein und läßt nun mit den übrigen los. Bis zwei Tage kann man sie so verkehrt aufgehängt sehen, den Kopf und Vordertheil des Leibes meist bis zum fünften Gliede sanft nach vorn gekrümmt, jener scheint dünner zu werden und etwas herauszutreten, dieser schwillt kaum merklich an. Endlich, durch ähnliche Bewegungen, wie beim Häuten, spaltet sich der Rücken, und der vorderste Puppentheil tritt hervor, weiteres Aufblähen und Nachschieben macht die Raupenhaut bis zum hintersten Fußpaare bersten und nachgeben, und die Puppe – – fällt nun herunter. Dies scheint die nothwendige Folge zu sein. Wenn sie es versieht, kann's geschehen. Sie weiß das und faßt mit zwei Ringen ihres Hinterleibes, die sie etwas übereinander schiebt, sie also wie eine Zange benutzt, die eben weichende Raupenhaut, hebt sich, faßt mit den nächsten Ringen zu und läßt mit jenen los; in dieser Weise klettert sie unmerklich an der sie eben noch umschließenden Haut in die Höhe, bis die Schwanzspitze nach dem Gespinnste gelangt, wo sie sich hineinschiebt und mit ihren unsichtbar seinen Häckchen unmittelbar neben dem Raupenbalge hängen bleibt. Noch giebt sie sich nicht zufrieden, diesen will sie nicht neben sich dulden, biegt deshalb ihre Hinterleibsspitze so (S-förmig), daß jener berührt wird, und wirbelt sich wie ein Kreisel rechts und dann wieder links, bis sie den Balg wirklich abgestoßen hat; bisweilen ist dieser doch hartnäckig und dann giebt sie ihre Bemühungen als nutzlos auf.

Da hängen sie nun die Püppchen, hier eines und da eines, und ruhen aus von den eben überstandenen Wehen, sie ruhen aus von den Mühen und Sorgen ihrer Raupenzeit, während welcher sie in sich anhäuften, was ihnen nun in ihrer Unthätigkeit Hinderniß gegen den Tod ist. Alles ist aber anders geworden. Die Füße sind nicht mehr die Füße und können es nicht mehr sein; denn was soll der künftige Sohn der Luft mit den vielen, schwerfälligen Beinen der Raupe? Der Kopf ist nicht mehr der Kopf, der er war, er hat die gewaltigen Kinnbacken abgeworfen, da der künftige Liebhaber der Blumen ihnen mit seiner langen Rollzunge nur die Süßigkeiten raubt und ihre Schönheit in dem Maße achtet, als die Raupe alles ihr Annehmbare dem sichern Verderben preisgab. Der Haupttheil der innern Raupe, die entwickelten Verdauungsapparate, die gierigen Eingeweide sind hier fast auf ein Nichts zusammengeschrumpft, dafür die geschlechtlichen Werkzeuge in den Vordergrund getreten, und der Eierstock nimmt beim Weibe fast die ganze Bauchhöhle für sich in Anspruch. Dies alles ist schon da und war in der Raupe vorhanden, hat man doch in einzelnen acht Tage vor ihrer Verwandlung die Anlage zu den Eiern gesehen. Oeffnet man eine Puppe bald nach ihrer Verwandlung, so findet man in ihrem Leichentuche nichts als einen formlos scheinenden Schleim, aus dem sich in längerer oder kürzerer Frist erst die Glieder des künftigen Schmetterlings fest absondern. Sowie der eigentliche Entstehungsprozeß alles Lebens in ewiges Dunkel gehüllt bleiben wird, wenn man auch einzelne Momente daraus kennt, so auch hier, wo die Momente der Art sind, daß sie uns glauben machen könnten, wir wären vollkommen im Klaren. Dazu ist der Gegenstand zu empfindlich und die Zahl der genauen, sehr schwierigen, mikroskopischen Beobachtungen noch zu gering. Wir können weder mit Oken sagen: »die Puppe ist nichts anderes, als der eingewickelte Schmetterling, der nur nöthig hat, fester zu werden, um seine Windeln zu zerreißen«, noch denen beipflichten, die ihren Inhalt für eine »formlose Flüssigkeit« erklären. Im befruchteten Schmetterlingseie liegen natürlich die Keime des Schmetterlings selbst, wie im befruchteten Vogeleie die des Vogels. Jener muß aber im gleichmäßigen Fortgange seiner Ausbildung ein Leben führen, welches ihn äußerlich zwar sprungweise (Raupe, Puppe), innerlich aber gewiß in stetiger Entwickelung zum Ziele führt, ihn das werden läßt, was er sein soll: ein lustiger Gesell mit vier schön bemalten Flügeln, sechs Beinen u. s. w. Als Raupe sammelte er alle Stoffe an, schritt dabei schon in der Entwickelung der Elemente seiner Schmetterlingsnatur vorwärts und bringt sie nun im ruhenden Puppenzustande zur Vollendung. Aeußerlich jedoch ist manches schon fixirt; denn jede Puppe enthält mehr oder weniger ausgeprägt die Andeutung des Kopfes mit der fälschlich sogenannten Rollzunge und den Fühlern, daneben die der Beine und der Flügel – diese im verjüngten Maßstabe – sowie der Hinterleibsglieder. Die Puppe unseres Pfauenauges trägt außerdem noch zwei Reihen kleiner Spitzen längs des Rückens, eine nasenartige davor und zwei größere, ohrenähnliche oben am Kopfe, als besondere Verzierungen. Kommen noch einige Augenflecke dazu, so erscheint eine solche Puppe wie ein fratzenhaftes Menschengesicht. Es giebt noch eine Menge anderer Dornenraupen auf Nesseln, Weiden, Rüstern etc., deren Puppen in derselben Weise mit spitzer oder stumpfer Nase, langen oder kurzen Ohren geschmückt sind und außerdem noch an einzelnen, nicht zu bestimmenden Stellen mit den herrlichsten Gold- oder Silberflecken erglänzen Wer Dornenraupen in Menge eingetragen und in der Gefangenschaft zu Puppen hat werden lassen, wird gefunden haben, daß viele von ein und derselben Art große Mannigfaltigkeit in ihrer Färbung darbieten. Sie sehen grau, grünlich, oder röthlich aus, so das die eine Farbe vorherrscht, zwei oder alle drei in ziemlich gleichem Mischungsverhältnisse vorhanden sind; die einen ändern ihre ursprüngliche Farbe insofern, als sie mit der Zeit dunkler wird, andere bekommen nach und nach größere oder kleinere, mattere oder stark glänzende, silberne oder goldene Flecke, die sogar bisweilen so zusammenfließen, daß fast die ganze Puppe wie Metall erglänzt. Gold und Silber sind verschwunden, sobald der Schmetterling heraus ist. Löst man die Oberhaut einer noch lebenskräftigen Puppe behutsam ab, so findet man ihre Innenfläche mit einer silberglänzenden Materie überzogen; trocknet diese an der Luft und bekommt Risse, so ist der Metallglanz verschwunden, kommt aber durch Befeuchtung und Glätten der Fläche wieder zum Vorscheine. Unter noch unbekannten Verhältnissen – Luft, Licht und Nahrung sind jedenfalls die Hauptursachen – bildet sich unter der Puppenhülle eine dünne, glänzend weiße Schicht, jene wirkt wie der Lacküberzug in der Technik; je nachdem sie dünner oder dicker, wasserhell oder gelblicher gefärbt ist, straffer oder lockerer aufliegt, bleibt die Stelle ganz glanzlos, schimmert nur metallisch, oder leuchtet wie fein polirtes Silber oder Gold. Diese Puppen sind es, welche die Alten zunächst mit dem Namen »Chrysalis, Chrysalide« bezeichneten, welcher später eine allgemeinere Bedeutung bekommen hat., was bei der unsrigen gerade am wenigsten der Fall ist.

Sie hing da, die kleine Nymphe, und harrte ihrer Auferstehung entgegen. Was in ihr vorging, konnte ich nicht beobachten, daß aber in wenigen Wochen in ihr etwas vorgegangen sein mußte, sah ich eines Morgens deutlich. Die Färbung der Flügel schien durch die jetzt durchsichtige, wie schon etwas von ihnen gelöste Hülle, sonst aber keine Veränderung. Am folgenden Tage war die Flügelfarbe noch deutlicher, auch die spitzen Ohren und die Nase erschienen durchsichtig; jetzt regt sie sich, ein inneres Dehnen und siehe – – die Quernaht hinter den Ohrenspitzchen spaltet sich, und wie von selbst schält sich zugleich die ganze vordere Partie mit den Flügelscheiden los, der Kopf ist frei, die beiden Fühler strecken sich aus, ein Beinchen nach dem andern zieht sich hervor, zugleich die Zunge, die sich unwillkürlich zusammenrollt und wieder unsichtbar wird; alles in seiner nachmaligen Größe und Form. Jetzt fassen die Füße die feine Hüllenhaut mit ihren zarten Krallen, und nach wenigen, so zu sagen Athemzügen des Hinterleibes hängt der Auferstandene an den Wänden seines Sarges. Wo sind aber die Flügel? Als zarte, weiche Läppchen hängen sie über den Beinen, wie Widderhörner nach ihren Spitzen hin gekrümmt. Wenn man je etwas wachsen sehen kann, so sind es die Schwingen, in Zeit von höchstens einer Stunde sind sie in ihrer vollen Größe da, mit den Oberseiten dicht an einander gelegt, falls nicht krankhafte Zustände oder feindliche Einflüsse von außen sie daran hindern und einen Krüppel für immer zurücklassen. Noch fehlt ihnen die Festigkeit. Erst dann, wenn sie der Neugeborne aufklappt und wieder schließt, fühlt er sie erstarken, nach dem dritten, vierten Male läßt er mit den Beinen los und schwingt sich, ohne vorangegangene Versuche, in die Luft. In seiner Kindheit, als Raupe, war sein Leben voller Mühen, jetzt hat er nichts weiter zu thun, als die Blumen zu küssen und sich von den Rosen Süßigkeiten zuflüstern zu lassen! Es wäre ein ebenso undankbares Geschäft, die Farbenpracht des Pfauenauges durch Worte wiedergeben zu wollen, als es ein überflüssiges ist, da jedermann das kleine Geschöpf hinreichend kennt. Zu seiner nähern Charakteristik sei nur noch bemerkt, daß es, wie seine ebenfalls Dornenraupen entsprossenen Verwandten der Gattung Vanessa, in Wirklichkeit nur vier Beine hat, da das vorderste Paar verkümmert ist, in einen Haarbusch endet, seitlich an dem Halse liegt und bisweilen zum Abwischen des Kopfes und der Augen benutzt wird, weshalb man diese stummelhaften Beine » Putzpfoten« genannt hat.

Zweimal im Jahre kann sich beim Pfauenauge das wiederholen, was eben geschildert worden ist. Von überwinterten Weibchen stammt die erste minder zahlreiche Brut, von der zweiten rühren diejenigen Weibchen her, welche für das folgende Jahr ihre Art fortpflanzen; denn es verhält sich nicht so, wie ein in diesen Dingen unbewanderter, dagegen in seinem Fache sehr tüchtiger Philolog naiv genug war zu glauben, wenn er zu einem Schüler sagte: »s 'ist Schade, daß Sie den Schmetterling weggefangen haben, er war so zahm, er kam alle Jahre wieder.«

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