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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 47
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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III. Schmetterlinge.

( Lepidoptera, Glossata)

Der große Kohlweißling und seine Vettern.

( Pieris brassicae)
siehe Bildunterschrift

Weiblicher Schmetterling, Eier legend, erwachsene Raupe, Puppe.

Der Monat Juli naht seinem Ende. In den Gärten und auf den Krautländern stehen Kohlrabi und Blumenkohl, wo er gezüchtet wird, Wirsing und Blattkohl in ihrer ganzen Fülle, der Weißkohl läßt kaum erst errathen, ob er sich zu einem dichten, wohlgeordneten Blätterhaupte schließen oder ein loses und zerfahrenes Wesen bleiben werde. Die bunten Levkojen haben zwar die Glanzperiode ihres sommerlichen Daseins hinter sich, aber noch nicht aufgehört, Zierden ihrer Beete zu sein. Muntere Schmetterlinge schweben naschend von Blume zu Blume, hier flüchtig dort länger verweilend. Vor allen sind es aber Sommervögelein in schlicht weißem, mäßig schwarz geflecktem Gewande, die, als suchten sie etwas, um die Blätter der genannten Kräuter umherflattern. Jetzt findet einer die gesuchte Ruhe, er sitzt auf der Rückseite eines Kohlrabiblattes, das ihm eben gefällt. Er trägt sein Kleid nicht erst seit gestern oder heute, das sieht man demselben an; das zarte Weiß ist abgerieben und stellenweise wohl gar der Unterlage beraubt; Sturm und Regen und die Arbeit der letzten Tage, das Suchen und Flattern zwischen den krausen Kohlblättern haben es stark mitgenommen. Darf uns das Wunder nehmen? Sehen wir doch um dieselbe Zeit auf den Straßen und den freien Plätzen größerer Städte denselben Schmetterling sich tummeln, so daß man meinen sollte, es seien weiße Papierschnitzel, welche ein Kind vom höchsten Stocke des Hauses hat fliegen lassen, um sich an deren lustigen Treiben in der etwas bewegten Luft zu erfreuen. Der Flug des Weißlinges ist kein rascher, aber ein ungemein ausdauernder. Es war am 22. Juli (1868) als ich mit einer kleinen Gesellschaft an dem großartigsten der sieben Absätze stand, in welchen der herrliche »Gießbach« seine Wassermassen in den Brienzer See hinabsendet. Ein Kohlweißling flatterte an der Außenseite dieser mächtigen und breiten Sturzwelle, als wollte er sich jeden Augenblick auf dem Wasser, wie auf einer Blume niederlassen. Die feuchte Umgebung mochte ihm behagen, genug er trieb sein Spiel so lange, daß wir unthätigen Zuschauer weit früher ermüdeten als die Muskelkraft, mit welcher er seine Schwingen in fortwährender Bewegung erhielt. Auch in ungezählten Schaaren hat man diesen Schmetterling dann und wann ziehen sehen, ohne jedoch einen einigermaßen annehmbaren Grund für diese seltsame Erscheinung ausfindig machen zu können. So zogen sie, die Sonne verfinsternd, drei Tage hinter einander, jeden Morgen zwischen sieben und acht Uhr von Norden nach Süden, indem sie vom jenseitigen Ufer des Warnowflusses herüber kamen, wie das Rostocker Tageblatt im Jahre 1868 berichtet hat.

Kehren wir jetzt zu dem Kohlgarten zurück. Was hat jener Herumtreiber auf dem Blatte zurückgelassen? Mehr denn hundert Eierchen stehen wohlgereiht in einem Häuflein an der Stelle, die er eben verlassen hat; er sorgte für reiche Nachkommenschaft, und dieses Blatt ist nicht das einzige, welches er damit beglückte. Die Eier sehen goldgelb aus, sind der Länge nach gerieft und in Gestalt und Größe einem Kümmelkorne nicht unähnlich, dem die eine Spitze etwas abgeschnitten, und das an der Schnittfläche nun senkrecht aufgeklebt ist.

Nach etwa zwei Wochen schlüpfen die sechzehnfüßigen Räupchen aus, welche anfangs zusammensitzen, bald Löcher durch die Blattfläche fressen und sich nun auf der ganzen Pflanze zerstreuen. Am liebsten ruhen sie lang ausgestreckt und an einer Rippe angedrückt, so daß diese beiderseits bisweilen fast ganz bedeckt sind. Nach der vierten Häutung hat die Raupe ihre volle Größe von 40 mm erreicht, ist kurz behaart, gelb gefärbt und voller schwarzer Tüpfelchen, die sich beiderseits des Rückens und über den Füßen zu Längsreihen anordnen. Man hat gefunden, daß diese Raupe in 24 Stunden mehr als das Doppelte ihres Gewichts verzehrt und dadurch ein Zehntel ihres frühern Gewichts schwerer geworden ist. In fünfzehn bis achtzehn Tagen hat sie ihre volle Größe erlangt, und man kann sich eine ungefähre Vorstellung machen, was in dieser Zeit eine Gesellschaft von nur einigen Tausenden zu leisten vermag. Raupen, deren Wachsthum langsamer vorschreitet, bedürfen täglich nicht jenes Quantum, es bleibt aber für die ganze Dauer ihres Raupenlebens unter allen Umständen ein ganz außerordentliches. Eine Seidenraupe, um statt aller nur noch ein Beispiel anzuführen, hat in ungefähr dreißig Tagen ihr Körpergewicht 9500 mal vermehrt und ist durchschnittlich um das Vierzigfache größer geworden. Nun ist ihre sonst so gesegnete Freßlust auf einmal gestillt, sie sucht sich einen Baumstamm, eine Wand oder Planke; denn sie scheint zu wissen, daß die durch sie in kahle Strünke verwandelte Futterpflanze den winterlichen Stürmen und Frösten nicht widersteht und somit keine sichre Stätte für ihren Winterschlaf sein würde. Diesen bereitet sie jetzt vor. Ist das gewünschte Plätzchen gefunden, so überzieht sie es mit mehreren Schichten feiner Fädchen, die sie aus ihrer Unterlippe herausspinnt, richtet dann noch einen besonderen kleinen Knäuel als Halt für die hintersten Füße her, klammert sich mit denselben an ihrer Leiter fest, biegt den Kopf seitwärts zurück, bis zum vierten Fußpaare, heftet hier einen Faden fest, führt ihn, den Mund nach oben gerichtet, über den Rücken hinweg nach der entgegengesetzten Seite, befestigt ihn hier ebenfalls und zieht den Kopf unter demselben vor. In dieser Weise legt sie wohl 30 und noch mehr Fäden genau an derselben Stelle straff über ihren Körper weg und spinnt sich einen Gürtel, der nach der Vollendung aus einem einzigen Faden zu bestehen scheint. Jetzt sind alle Vorbereitungen zu Ende, im Nacken reißt die Haut, wird durch seitliche Windungen des Körpers nach unten abgestreift und durch den Gürtel in aufrechter oder wagerechter Stellung erhalten, an ihrer Spitze festgemacht, erscheint die grünlichgelbe, schwarz getüpfelte Puppe, wie sie unsere Abbildung vorführt, und wie wir sie etwa von Mitte September an recht deutlich und unter Umständen in reichlicher Anzahl an den weißen Wänden der Gartenhäuser, in wagerechter Lage unter vorspringenden Wetterdächern beobachten können.

In Jahren, wo die Raupen besonders zahlreich auftreten, hat die Natur mannigfach für ihre Vertilgung gesorgt, und man kann sie in Mengen an den zur Verpuppung gewählten Orten sitzen sehen, ohne je zu einer Puppe zu werden. Ueber und über sind sie mit kleinen, weißen oder gelben Gespinsten bedeckt, welche der Unkundige für Eier zu halten geneigt ist, die aber von winzig kleinen Schlupfwespen herrühren, von dem früher vorgeführten gelbbeinigen Mikrogaster (S. 161). Dieser nämlich legte seine Eier in die Raupe, die Eier wurden in dieser zu Larven, ohne deren äußerlichem Wohlbehagen Abbruch zu thun, die Larven bohren sich kurz vor ihrer Verpuppung heraus, dadurch zugleich der Raupe den unvermeidlichen Tod bereitend. Andre wieder ernährten in ihrem Innern lange Fadenwürmer, die ihre Verpuppung unmöglich werden lassen; die Tausende und abermals Tausende nicht gerechnet, welche die Sperlinge und andere Vögel vertilgen.

Diejenigen Puppen nun, die nicht als solche von wieder andern Schlupfwespen angestochen worden und den Nachstellungen der Vögel und Menschen entgangen sind, trotzen den winterlichen Frösten und entfalten, von der belebenden Frühlingssonne durchwärmt, in der zweiten Hälfte des Mai den Schmetterling, dessen Weibchen die Abbildung vorführt; dem Männchen fehlen die drei kleineren schwarzen Flecke auf den Vorderflügeln; unterwärts sind in beiden Geschlechtern die Hinterflügel gelb bestäubt sowie die Spitze an den vordern so weit auf der Oberseite die schwarze Färbung reicht; außerdem bemerkt man noch auf der Unterseite der männlichen Vorderflügel die beiden schwarzen Tupfen, welche die weiblichen auch oben zeigen.

Wer aber meint, daß jenes von uns beobachtete Weib den Mai gesehen habe, der irrt. Dies gehörte einer zweiten Brut an, die erste, aus überwinterten Puppen im Frühlinge entsprossene, hat bis Ende Juli und Anfang des August bereits dieselben Entwickelungsstufen durchlebt, welche wir uns vergegenwärtigt haben, nur mit dem Unterschiede, daß dies in weit kürzerer Zeit geschah. Daher kommt es auch, daß wir diesen Weißling den ganzen Sommer hindurch sehen, bei günstiger Witterung einzelne bis tief in den September hinein.

Gleichzeitig mit dem großen fliegt sein kleinerer, fast zum Verwechseln ähnlicher Bruder, der kleine Kohlweißling ( Pieris rapae), an welchem nur das geübte Auge des Sammlers in der matteren und etwas anders verlaufenden schwarzen Zeichnung einen unbedeutenden Unterschied wahrnimmt. Auch in ihrer Entwicklung stimmen beide genau überein, nur werden vom Weibchen die Eier einzeln abgesetzt und die Raupe, welche sich sehr häufig in der Nachbarschaft der andern befindet, indem sie ebenfalls die Kohlarten, weißen Rüben und dergleichen Küchenkräuter, besonders auch die Reseda liebt, hat ein wesentlich anderes Aussehen. Sie ist grün, mehr oder weniger in Blau ziehend, fein gelb längs der Mittellinie des Rückens gestreift, gelb an den Luftlöchern und dicht mit kurz geschorenen: Sammethaar von weißer Farbe besetzt. Schon manches, am offenen Fenster duftende Resedastöckchen ist theilweise wenigstens ein Opfer dieser rücksichtslosen Eindringlinge geworden. Erst freute sich seine unerfahrene Pflegerin vielleicht über den traulich sich nahenden Sommervogel und gönnte ihm gern den Genuß, den auch ihr, nur wieder in anderer Weise, das einfache und anspruchslose Blümchen gewährt. Auf einmal entdeckt sie aber zu ihrem großen Schrecken die kahl gewordenen Spitzen und dicht an die Stengel angedrückt die häßlichen Raupen, die ihr den Kummer bereitet haben müssen. Jetzt bleibt ihr nichts weiter übrig, als mit den eignen, zarten Fingern furchtlos – Gefahr ist in keinerlei Weise vorhanden – die Uebelthäter einzeln abzulesen, aber ja mit Umsicht, damit sie nicht einen übersehe, der das Zerstörungswerk fortsetzen könnte und gern fortsetzen würde.

Schon einzeln in unsern Blumen- und Gemüsegärten, mehr draußen, besonders in Wäldern und auf den ihnen benachbarten Feldern sowie in dem Buschwerke, welches so häufig unsere Dörfer einfaßt, zeigt sich der Dritte im Bunde; es ist der Stiefbruder Rübsaatweißling, Heckenweißling ( Pieris napi). Man unterscheidet ihn schon leichter von jenen beiden durch die verwischt schwarze Bestäubung, die auf beiden Flügelseiten dem Aderverlaufe nachgeht, und durch den grünlichen Duft auf der schön gelben Unterseite seiner Hinterflügel. Er hat nur die Größe des vorigen, seine Raupe dasselbe Aussehen wie diese, mit der sie, wie auch mit der des großen Kohlweißlings denselben Geschmack theilt und Kreuzblümlern in erster Linie zuspricht. Die gelbgrüne Puppe zeigt kleine Erhabenheiten auf dem Rücken und ein Spitzchen auf dem Kopfe, welches bei den Puppen der andern weniger entwickelt als angedeutet erscheint. Alle drei Puppenarten sind in gleicher Weise an fremde Gegenstände angeheftet, alle drei überwintern bei uns zu Lande. Im südlichen Europa gestalten sich die Verhältnisse anders, da kann auch die Raupe dem milderen Winter Trotz bieten.

Mit den drei eben genannten Weißlingen erscheint nun noch ein vierter, der Baumweißling ( Pieris crataegi), jedoch seit einer Reihe von Jahren wesentlich seltener als ehedem. Ich entsinne mich aus meiner Jugendzeit, ihn von einer Blumenart eines Gartens, die er besonders zu lieben schien und auf der er übernachtete, mehrere Abende hinter einander in der kürzesten Zeit zu achthunderten abgelesen und todt getreten zu haben, ohne auch nur die geringste Abnahme zu bemerken. An mit Obstbäumen bepflanzten Landstraßen hat er beim Ablegen seiner Eier so dicht gesessen, daß man dieselben für in voller Blüte stehend hätte halten können und – heutigen Tages, wo ist er geblieben? Mich versicherte vor einigen Jahren ein Schmetterlingshändler aus Ungarn, er habe den Auftrag, 100 Stück Baumweißlinge nach Amerika zu liefern, er bezweifele aber, daß seine Frau und seine Tochter, die während seiner Geschäftsreisen das Sammelgeschäft in der Heimath betrieben, die gewünschte Menge würden zusammenbringen können. Die Entwickelungsgeschichte des Baumweißlings ist eine entschieden andere als die der drei vorher Genannten. Im Juli und August legt das Weibchen seine Eier, über 200 dicht neben einander auf die Blätter unserer Obstbäume, namentlich der Pflaumen- und Birnenbäume, oder an verwandte Sträucher wie Schwarz- und Weißdorn, die ja vielfach in den Hecken unserer Gärten anzutreffen sind. Spätestens im September schlüpfen die Räupchen aus, überziehen das Blatt mit weißem Seidengespinste und bleiben darunter beisammen, bis sie jenes vollständig skeletirt haben. Dann besuchen sie ein zweites und behandeln es in gleicher Weise, bis zuletzt die kälteren Nächte sie nöthigen, ihr Winterquartier zu beziehen. Sie bereiten sich dieses selbst, indem sie mehrere Blätter an der Spitze eines Zweigleins von allen Seiten mit dichtem Gespinst umwickeln, so daß sie nicht abfallen können, und trotzen nun in dieser Umhüllung den Stürmen und Frösten des Winters. Jetzt erst wird man auf sie aufmerksam, wenn die allbekannten und gefürchteten Raupennester in den Spitzen der entlaubten Bäume weithin zu sehen sind. Auch heutigen Tages bemerkt man dergleichen noch massenhaft auf den Obstbäumen, an den Eichen und andern Waldbäumen, diese gehören aber einer andern Schmetterlingsraupe an, welche in gleicher Gefährlichkeit wie früher die des Baumweißlings auftritt, der des Goldafters ( Porthesia chrysorrhoea) nämlich, ein gleichfalls weißer, aber den Nachtfaltern, den Spinnern angehöriger Schmetterling.

Jetzt schon, und nicht erst im Frühjahre, wo sich die Arbeiten des Landmanns häufen, sollte er den Vernichtungskrieg beginnen und nicht auf die Mithilfe des Winters rechnen; denn nur eine sehr zeitig und ungewöhnlich milde Witterung mit darauf folgender Nässe und Glatteis wird diesem Gezücht, aber auch den Bäumen selbst Verderben bringen. Die ersten Frühjahrstriebe der Knospen werden von den Raupen abgefressen. Des Morgens ziehen sie in gedrängter Schaar aus ihrem Neste aus, die Bahn mit feinen Seidenfädchen bezeichnend, um des Abends auf derselben sich wieder zurückfinden zu können. In ihrem Schlupfwinkel häuten sie sich mehrere Male und halten sich auch dann noch bei einander, wenn sie zu groß geworden sind, um von der engen Klause alle aufgenommen werden zu können. Läßt man sie gewähren, so bleibt kein Blatt auf dem Baume; denn was sie nicht gemeinsam verzehrten, suchen die einzelnen auf, wenn sie sich, mehr erwachsen, zerstreuen. Die Beispiele sind gar nicht selten, daß sie auswanderten und den Nachbargarten überflutheten, nachdem sie ihre Geburtsstätten in Besenreis verwandelt hatten. Daher ist alle Mühe des Einzelnen, welche er auf das Raupen seiner Bäume verwendet hat, vergeblich, wenn er einen nachlässigen Nachbar besitzt, und zu seinem Schutze die polizeiliche Ueberwachung der Saumseligen keineswegs zu verachten.

Die erwachsene Raupe ist glänzend rothgelb, hat längs des Rückens eine Reihe großer, schwarzer, unter sich zusammenhängender Flecke, einen schwarzen Seitenstreifen und dergleichen Luftlöcher. Die einzelnen Haare ihres Körpers und der Bauch sehen grau aus. Bei der Verpuppung, die im Juni erfolgt, verfährt sie wie die andern. Die ebenso und an gleichen Stellen angeheftete Puppe ist weißlich oder gelblich und mit schwarzen Tüpfeln und Stricheln blumenartig gezeichnet. Nach einigen Wochen liefert sie den an Größe den großen Kohlweißling fast noch übertreffenden Falter, der sich an seinen, infolge der dünnen Bestäubung mehr durchsichtigen Flügeln mit schwarzem Geäder leicht erkennen läßt.

Nicht nur die Raupe hat ihrerzeit den Menschen bisweilen viel zu schaffen gemacht, sondern auch der Schmetterling ist die unschuldige Ursache gewesen, den in Aberglauben und Dummheit befangenen Leuten Angst und Schrecken einzujagen. Die Chronikenschreiber haben dann und wann großes Unglück, Krieg, den Untergang von Städten oder von ganzen Reichen und wer weiß noch welchen Unsinn vorhergesagt, weil »Blutregen vom Himmel gefallen sei.« So geschah es zu Aix an der Rhone und mehrere Meilen im Umkreise im Jahre 1608. Die Mauern eines Kirchhofs und viele Wände in den Dörfern hatten große Blutflecke. Das Volk und einige Theologen hielten diese Erscheinung für Hexen- und Teufelswerk, die Physiker für Ausdünstung einer rothen Erde. Die Verständigen und Unverständigen konnten nicht klar werden, jene, weil sie die Sache falsch angriffen, diese, weil es ihnen überhaupt unmöglich ist. Glücklicherweise fand sich ein Mann, der sehen gelernt hatte. In einer Schachtel war ihm ein Schmetterling ausgekrochen und hatte einen großen rothen Fleck hinterlassen, von derselben Art fand er dann im Felde eine ungeheure Menge umherfliegen, und wie man nun den Blutspuren weiter nachging, fanden sich keine in der Stadt, keine auf den Dächern, wenige auf den Steinen, aber genug unter Vorsprüngen derselben und an Mauern, eben an solchen Stellen, wo sich Puppen anheften. Zwar ist der Schmetterling nicht weiter beschrieben, der auf die richtige Erklärung des »Blutregens«, welcher zu Childeberts Zeiten bei Paris und sonst noch anderwärts beobachtet worden ist, geführt hat, es kann aber kein anderer als unser Baumweißling gewesen sein. Obgleich mit ihm noch andere einen rothen Saft, wie Koth, gleich nach ihrer Geburt zurücklassen, so kommen andere nie in solch unerhörten Massen vor, daß sie Blut »regnen lassen« könnten. Dabei kann gemerkt werden, daß die meisten, wenn nicht alle Schmetterlinge Saft entleeren, ehe sie ihren ersten Ausflug halten, wenn er auch nur bei wenigen roth gefärbt ist.

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