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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 45
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Von den Freunden, Gästen und Sklaven der Ameisen.

Die Ameisen sind in ihren Formen mannigfaltiger, als vielleicht mancher denkt, werden doch in einer neuern Arbeit darüber dreihundert unter verschiedene Gattungen vertheilte Arten aufgezählt und beschrieben, welche im österreichischen Kaiserstaate leben. Daß kleinere oder größere, gelbe oder braune oder rabenschwarze, die einen vorzugsweise an diesen, andere mit Vorliebe an andern Oertlichkeiten, genau genommen aber überall uns welche begegnen und gar oft den an gemächlichem Plätzchen zum Niederlassen einladenden. Rasen unsicher machen, hat jedermann schon selbst zu oft in Erfahrung gebracht, um es sich als Neuigkeit erzählen lassen zu müssen. Da sie aber nicht die einzigen sechsfüßigen Bewohner unserer Erde sind und doch viel Raum für ihre Behausungen in Anspruch nehmen, so folgt daraus, daß wir in der Nähe dieser, in ihnen selbst eine Menge anderer Insekten, besonders Käfer, antreffen. Weil wieder andere niemals da zu finden, so hat man den daselbst angetroffenen eine besondere Vorliebe für die Ameisen zugeschrieben und große Verzeichnisse derselben unter der Firma »Ameisenfreunde ( Myrmecophilen)« aufgestellt. Der Eine hielt das Verzeichniß für zu groß, ein Anderer für zu klein, und wie auch in der Wissenschaft gewisse Moden wechseln, so standen bei den Entomologen eine Zeit lang die Myrmecophilen auf der Tagesordnung. Da trat ein Süddeutscher unter denselben auf, ging dem Dinge mehr zu Leibe und unterschied zwischen »Freunden« und »Gästen« der Ameisen. Unter jenen will er die Insekten verstanden wissen, die nur im vollkommnen Zustande, beispielsweise als Käfer, und auch dann nicht ausschließlich in Ameisennestern und deren nächster Umgebung angetroffen werden, so besonders im Winter mitten drin, im Frühjahre gehen sie dann heraus, ohne sich indessen weit davon zu entfernen; zahlreiche Kurzflügler (Staphylinen), einige Rüsselkäfer, Stutzkäfer ( Hister) u. a. gehören hierher. Zu diesen rechnet er Insekten, die den Ameisen insofern bedeutend näher stehen, als sie wenigstens einen Grad ihrer Verwandlung in den Wohnungen derselben bestehen. Wir erinnern an den Keulenträger (S. 33), welcher ein schlagendes Beispiel dazu liefert; in ähnlicher Weise ein Fallkäfer ( Clythra quadrisignata); der gewöhnliche Goldkäfer ( Cetonia aurata) wird ebenfalls hierzu gerechnet; er nimmt in geringerem Grade die Gastfreundschaft der Ameisen in Anspruch, indem nur seine Puppe bei ihnen angetroffen wird.

Dieser Gegenstand ist für den, welcher die Lebensweise seiner kleinen sechsbeinigen Lieblinge gründlich zu erforschen wünscht, von höchstem Interesse, und die darüber angestellten Beobachtungen sind noch keineswegs zu sichern Ergebnissen gelangt, müssen also mit Kritik fortgesetzt werden. Ehe wir indeß weiter gehen, ist es durchaus nothwendig, noch der Liebschaften der Ameisen mit den Blattläusen zu gedenken, jenen harmlosen Thieren, von denen wir weiterhin noch manches Interessante zu erzählen haben werden. Wegen ihrer Farbe nicht immer leicht auf den Pflanzen, welche sie bewohnen, zu erkennen, wird man sicher zu ihrer Entdeckung geleitet, wenn man auf die Ameisen achtet. Wo diese in gedrängteren Reihen an Zweigen und Blättern der Gesträuche oder an Stämmen der Bäume sich finden, sitzen ganz bestimmt auch ihre unzertrennlichen Freunde, wie wir gleich sehen werden, auch Gäste, welche man bezeichnend ihre »Milchkühe« genannt hat. Durch das fortwährende Saugen der Pflanzensäfte mit ihrem schnabelartigen Rüssel bereiten diese Thierchen eine fast wasserklare, dem Honige an Süßigkeit wenig nachgebende Flüssigkeit, welche sie durch den gewöhnlichen Ausgangskanal und außerdem noch durch zwei seitlich darüber stehende, borstige Röhren ausscheiden. Angetrocknet, bildet dieser Saft den klebrigen Ueberzug der Blätter, die eine Art des sogenannten »Honigthaus«, verstopft die Spaltöffnungen, deren Athmungswerkzeuge, und veranlaßt dadurch mancherlei Krankheiten der Pflanze.

Die Ameisen helfen diesem Uebelstande vielfach ab, indem sie nicht nur den ausgespritzten Saft gierig auflecken, sondern durch Streicheln mit ihren Fühlern sogar verstehen, die Blattläuse zum Abgeben desselben aus den Honigröhren zu veranlassen (melken), den sie so lange gierig aufsaugen, von einer zur andern gehend, bis sie vollkommen gesättigt sind. Sie zeigen sich so versessen auf diese, auch ihren Jungen so höchst wichtige Kost, daß sie einzelne Heerden ihrer Milchkühe für sich ganz allein in Anspruch nehmen, sie als ihr Eigenthum betrachten, Wachen um sie bellen oder durch allerlei Kunstgriffe fremde Ameisen oder sonstige Liebhaber, an denen es jenen nicht fehlt, von ihnen abhalten. Hat der Zweig, welcher die Blattläuse ernährt, eine passende Lage, so wählen sie noch wirksamere Mittel, dieselben für ihre alleinigen Zwecke zu verwenden. Sie umgeben jenen mit einem Erdwalle oder einer von andern Stoffen aufgerichteten Umzäunung und bewachen sie mit wahren Argusaugen. Nicht genug. Die gelbe Ameise ( F. flava), welche keine Freundin von dem vielen Umherschweifen ist, sondern es sich gern wohl sein läßt in ihrer Häuslichkeit, den halbkugeligen Erdhügeln, welche sich zahlreich auf Weideplätzen finden, sucht sich die an den Graswurzeln lebenden Blattläuse ( Aphis radicum) oder vielmehr deren Eier auf, trägt sie in unterirdischen, vielleicht allein dazu angelegten Gängen von allen Seiten her zusammen, pflegt dieselben und die ausgeschlüpften Larven wie ihre eigenen Kinder und erwartet mit Sehnsucht den Augenblick, wo sie sich ihre Milchkühe selbst erzogen hat. Mit eigener Aufopferung werden diese nun gepflegt, gegen fremde Räubereien vertheidigt und, auf die schonendste Weise je nach den Bedürfnissen hier und dorthin getragen. Bei andern Ameisenarten finden sich ähnliche Holländereien, aber nicht in der Ausdehnung und Vollkommenheit wie hier. In Nordamerika hat man das Zusammenleben der Waldameise ( Formica rufa) mit einer Termitenart ( Termes frontalis) beobachtet und wahrgenommen, wie letztere von den ersteren ernährt und beschützt werden.

Zu diesen »Freunden« und »Gästen« kommt aber noch eine dritte Reihe, die wir in der Ueberschrift als die »Sklaven« bezeichnet haben und denen wir noch einige Zeilen zum Schlusse widmen wollen. P. Huber, der schon öfter erwähnte Beobachter, machte nämlich die höchst interessante Entdeckung, und andere bestätigten dieselbe nach ihm, daß einige Ameisenarten, von ihm »Amazonen« genannt, sich Arbeiter aus andern Nestern zu verschaffen wissen und sie als »Sklaven« in ihre Wohnungen entführen. Zu den »Amazonen« gehören die beiden Arten Formica (Polyergus) rufescens und F. sanguinea, ihre Sklaven bilden F. fusca und F. cunicularia. Man erzählt darüber, ohne zu fabeln, ohne den Eingebungen einer aufgeregten Phantasie zu folgen, sondern als mehrseitig geprüfte, von besonnenen, um die Kerfkunde hochverdienten Männern wiederholt erlebte Wahrheit etwa wie folgt:

Die röthlichen Ameisen ( Polyergus rufescens), mit einem Stachel versehen, verlassen, um Sklaven zu rauben, ihre Wohnungen, jedoch nicht eher, als bis die Männchen auf dem Punkte angelangt sind, aus der Puppenhülle zu schlüpfen. Die Zeit des Ausmarsches fällt in die Nachmittagsstunden von 2-5 Uhr eines sehr warmen Sommertags, nachdem ausgesandte Späher zurückgekehrt sind und nun zu Wegweisern dienen. Ihre oben erwähnte Zeichensprache ist dabei sehr geschäftig, die nöthigen Mittheilungen zu machen. Einige pflegen den Vortrab zu bilden, sie sind aber nicht weit voraus, so kehren sie um, schließen sich dem Gros des Heeres an und andre treten an ihre Stelle. Auf beschwerlichem Marsche, durch Gras und auf unebenem Boden zerstreuen sich einzelne unabsichtlich, welche dann mit den Fühlern, wie Spürhunde mit ihrer Nase, den Boden fortwährend berühren und die Armee wieder aufsuchen. Haben sie nach bisweilen anscheinend planlosem Abschweife» die Wohnungen der »Negerameisen« glücklich aufgefunden und die etwa wachthabenden von den Eingängen zurückgedrängt, welche unter Umständen zuerst angreifen und sich auf den Vortrab mit rasender Wuth werfen, so bemächtigen sie sich der tapfer vertheidigten Stadt nicht ohne harten Kampf vor und innerhalb der Mauern derselben, erstürmen die Kinderstuben und kehren, beladen mit den Puppen und Larven von Arbeitern, auf demselben Wege zurück, den sie herkamen. Die armen Neger entfliehen nach allen Seiten und suchen zu retten von ihren Kleinen, so viel sie können. Das Siegesglück bei solch entsetzlichen Raubzügen ist oft mehr Folge des außerordentlich stürmischen Angriffs, womit sie den Muth der andern niederschlagen, als der eigentlichen Ueberlegenheit, obgleich die angreifende Partei in ihrer Stückzahl die stärkere ist. Bisweilen müssen sie aber auch der Uebermacht der Schwarzen erliegen und können nicht verhindern, daß ihnen ein Theil ihrer Beute wieder abgenommen wird. Dies geschieht besonders von einem andern, wie es scheint, muthigeren Volksstamme, der Minirameise ( F. cunicularia), welcher ebenfalls vor Kinderraube von Seiten jener Rothhäute nicht gesichert ist. In anderer Weise gestaltete sich wieder der Raubzug der blutrothen Ameise ( F. sanguinea), deren Anfang Huber am 15. Juli früh 10 Uhr beobachtet hat. Diese Thiere bauen ihre Nester auf der Mittagsseite unter Hecken und berauben beide Arten der eben genannten Stammverwandten. Ein kleiner Trupp derselben rückte hastig gegen die benachbarte Wohnung der Schwarzen an und zerstreute sich dort. Diese kamen in Menge aus ihrem Hinterhalte hervor und machten mehrere Gefangene. Die Entkommenen schienen auf Hilfe zu warten, schickten Boten über Boten ab, und bald erschienen ansehnliche Hilfstruppen, trotzdem begann der Kampf noch nicht. Die Negerameisen bildeten jetzt in der Front ihrer Burg eine Schlachtordnung, welche einen Raum von zwei Quadratfuß einnahm, und erwarteten den Angriff. Kleine Scharmützel fielen vor, ehe der eigentliche Kampf von den Schwarzen begonnen wurde. Noch lange vorher, ehe der Ausgang derselben sich entschied, schafften sie ihre Brut heraus und legten sie vor der Burg auf einen Haufen, dem Feinde gegenüber. Jetzt stürzen die Blutrothen von allen Seiten auf die Schwarzen los, die Schlacht ist mörderisch. Diese, sich selbst vergessend und ihre eigene Sicherheit, versuchen ihre Kinder zu retten und sie aus dem Getümmel zu entfernen. Man verfolgt sie, um ihnen den Gegenstand ihrer Liebe zu entreißen, andre dringen in die verlassene Burg ein und schleppen fort, was sie noch an Brauchbarem finden, so daß bald eine ununterbrochene Reihe geschäftiger Räuber von einem Neste bis zum andern sich ausdehnt. Dabei verging der ganze Tag, ein Theil der Nacht. In der eingenommenen Burg war eine Besatzung zurückgelassen worden, und am folgenden Morgen fing der Transport der geraubten Kinder von neuem an. Da diese Ameisen die Veränderung lieben, so geschieht es oft, daß sie von solch einer eroberten Burg Beschlag nehmen und mit ihrer ganzen Familie in dieselbe übersiedeln.

Die Beraubten, die nie alles verloren und stets ihre Weibchen behalten haben, welche das Verlorene bald ersetzen werden, richten sich nach den Schrecknissen des Krieges wieder häuslich ein, verdoppeln höchstens ihre Wachen an den Eingängen, um sich so besser vorzusehen, oder finden einen neuen Ort, wo sie vielleicht weniger angefeindet werden. Gewiß vergessen sie bald die erlittene Demüthigung und gehen ihren gewohnten Beschäftigungen nach. Was wird aber aus den Geraubten, den armen Larven und Puppen unter den grausamen Fremdlingen? Der Name »Sklave« bezeichnet ihr Loos nur insofern, als sie von den Ihrigen gewaltsam getrennt wurden, im Uebrigen geht es ihnen so wohl, als es ihnen nur bei jenen ergehen würde. Sie gehören zur großen Familie, haben nichts von Druck zu empfinden und erhalten ihre volle Befriedigung in Erfüllung ihrer Pflichten, in der Arbeit. Die Blutrothen, nicht so träge wie die Röthlichen, leisten ihren Negerameisen, nachdem sie sich dieselben aus den Larven und Puppen erzogen, wackern Beistand bei allen Beschäftigungen, tragen sie sogar, wenn Gefahr droht, in Anerkennung ihrer Verdienste, in die untersten Gemächer des Hauses als den Ort der größten Sicherheit. Die Röthlichen dagegen bemühen sich nur, sie zu erziehen, und überlassen ihnen nachher sämmtliche Arbeit, verlangen sogar von ihnen gefüttert zu werden. Das ist viel verlangt und zeugt von einer diesem Geschlechte sonst doch so fremden Faulheit, die ihres Gleichen sucht. Man hat sie entschuldigen wollen und behauptet, ihre Mundtheile seien so eingerichtet, daß sie zum Bauen der Wohnungen und Herbeischaffen des Futters sich nicht eigneten. Dem sei, wie ihm wolle, genug, sie thun es nicht. Huber erzählt in dieser Hinsicht folgenden Versuch, den er mit ihnen angestellt hat. Er schloß dreißig Stück dieser faulen Sekte ( F. rufescens) in ein Glaskästchen mit Erde ein und gab ihnen Larven und Puppen ihrer eigenen Gattung sowie einige Negerameisen-Puppen mit, aber keinen einzigen Sklaven. In einen Winkel dieses Gefängnisses legte er ihnen etwas Honig. Anfänglich widmeten sie ihren Larven einige Aufmerksamkeit und trugen sie hin und her, bald aber vernachlässigten sie dieselben und ließen die meisten in weniger als zwei Tagen verhungern. Sie selbst nahmen keine Nahrung und starben zum Theil; die noch lebenden schienen zum Sterben matt und erschöpft. Von Mitleiden bewegt, ließ er eine einzige Negerameise hinein, welche für sich allein sogleich die Ordnung wieder herstellte. Sie grub eine Höhlung in die Erde, sammelte die Larven hinein, stand den Puppen bei, welche bereits der Entwickelung nahe waren, und erhielt den röthlichen noch nicht verhungerten arbeitsscheuen Arbeitern durch ihre Pflege das Leben. Noch andere Versuche bewiesen in gleicher Weise die rastlose Thätigkeit der Schwarzen, die grenzenlose Faulheit und Bequemlichkeit der Röthlichen. Welch ein Gemälde wohlthätiger Industrie und reger Strebsamkeit im Gegensatze zu den schrecklichen Folgen der Bequemlichkeit und Indolenz!

Doch genug von diesen wunderbaren Thieren, von denen sich noch viel Interessantes erzählen ließe; das Mitgetheilte reicht aus, uns zum Nachdenken über die natürlichen Wunder in der Insektenwelt aufzufordern, sie nicht zu verachten, wohl aber von ihnen zu lernen!

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