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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 44
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Die rothe Waldameise.

( Formica rufa)
siehe Bildunterschrift

a. Larve, b. Puppe, aus dem Gespinst genommen, c. Arbeiterin, d. Männchen, e. Weibchen (alle vergrößert, c und e auf vergrößerten Puppen).

Wir verabschieden uns von den Immen durch ein Bild, welches dürftig und skizzenhaft ausfällt im Vergleiche zu dem unendlich reichhaltigen Stoffe, welchen es sich zu seiner Darstellung erwählte, der um vollkommen erschöpft zu werden, ein großes Tableau, eine ganze Reihe von umfangreichen Gemälden begreifen müßte, welche sich hier nicht ausführen lassen.

Die Ameisen, jene durch ihr Leben, ihre Nahrung, ihre Arbeit für und wider den Menschen so vielseitigen Insekten, bewohnen in ihren mancherlei Formen, da sie sich in alles fügen, überall arbeiten können, die ganze Erde, beherrschen sie sogar stellenweise. Als kräftige, unnachsichtige Pflegerinnen der Gesundheitspolizei sind die Ameisen schon längst, wenn auch weniger bei uns als in heißen Himmelsstrichen, erkannt und geschätzt worden, obgleich nicht jeder Lust haben möchte, ihre nähere Bekanntschaft bei Ausübung dieser angemaßten Verpflichtung zu machen. Alles, was auf der Erde umher liegt, wird von ihnen augenblicklich vertilgt.

Lund behielt kaum so viel Zeit, einen Vogel aufzuheben, den er hatte fallen sehen; sie waren schon bei diesem, um sich seiner zu bemächtigen. Ich sah ein recht wacker präparirtes, 3,76 Meter langes Krokodilgerippe, welches Ameisen auf der Insel Banka in vierzehn Tagen angefertigt hatten. Diese großen Ameisen des Südens können furchtbar werden, zumal wenn sie den einmal eingeschlagenen Weg verfolgen, ohne sich durch Hindernisse irgend welcher Art beirren zu lassen, da sie sich vor nichts fürchten. Auf Barbados erblickte man einst eine solche Kolonne, welche mehrere Tage lang in schreckhafter Menge, die ganze Erde schwarz färbend, ihre Straße unaufhaltsam dahinzog und sich nun auf menschliche Wohnungen zuwälzte. Man zermalmte Tausende von ihnen, ohne daß sie es beachteten, man vernichtete sie zu Myriaden, dessenungeachtet drangen sie immer weiter vor. Keine Mauern hielten sie auf, keine Gräben. Sogar das Wasser hätte dies nicht vermocht; denn man weiß, daß sie lebendige Brücken bilden. Glücklicherweise fiel man auf den Gedanken, kleine Vulkane auf ihrem Wege anzulegen. Pulverhäufchen, welche in geringen Zwischenräumen in die Luft sprangen, ganze Massen von ihnen mit sich in die Höhe rissen und andere zerstreuten, zwangen sie doch, eine andere Richtung einzuschlagen, und die bedrängten Einwohner jener Häuser waren nicht genöthigt, vor ihnen zu fliehen.

Der Vortheil, der unsern Forsten aus den Holzameisen erwächst, daß sie eine Menge, den Bäumen schädliche Insekten vertilgen und schnell die Kiefernstubben aufräumen, wo sich die so gefährlichen Borkenkäfer gar gern einnisten, sind von den Aufsichtsbehörden schon längst gewürdigt worden und die Verdienste insofern anerkannt, als man die Wohlthäter in Schutz nimmt und ihr Wegfangen Bekanntlich stellt man den Puppen der Holzameisen, den sogenannten Ameiseneiern sehr nach, weil sie ein Leckerbissen für Goldfische, Nachtigallen und andere gefangen gehaltene Singvögel sind, so daß sie an einigen Orten einen nicht unbedeutenden Handelsartikel bilden. Die Ameisen selbst fängt man zur Bereitung des so stärkenden und vielfach mit gutem Erfolge angewandten Ameisenspiritus. Die über einen großen Theil von Brasilien und Guiana verbreitete, Haufen von 20 Quadratfuß (Umfang?) anlegende »Sauba« ( Atta, jetzt Oecodoma cephalotes) gilt bei den Eingebornen für einen großen Leckerbissen. Man beißt dem Weibchen den mit Eiern angefüllten Hinterleib ab und genießt eine Hand voll Salz zwischen jener Mahlzeit. Sind sehr viele gefangen worden, daß man sie frisch nicht vertilgen kann, so werden sie geröstet und mit zwischengestreutem Salze aufbewahrt; in dieser Form finden sie auch bei den Europäern Beifall. mit Strafe bedroht. Wir wollen sie damit belohnen, daß wir ihnen hier unsere volle Aufmerksamkeit schenken, was allerdings noch andere Gründe hat; sie sind nächst den vereinzelten Roßameisen ( F. herculeana) die größten und wohl unter allen die verbreitetsten in Europa, in ihren Sitten und Gebräuchen am besten belauschten, indem sie als mehr oberirdische, so zu sagen »zimmernde« Ameisen zugänglicher als die unterirdischen »Maurer« sind, deren Gallerien man nur oberflächlich unter jedem größern Steine, oder so gut wie gar nicht zwischen Gras an den Ameisenhügeln beobachten kann.

In Hölzern vorzüglich und häufig in Nadelwaldungen finden sich die Wohnungen der rothen Waldameise, ähnlich kleinen Heuschobern, wenigstens in der Entfernung. Diese bis 94 cm hohen Haufen Malonett berichtet von Ameisenhaufen, die er in den Wäldern von Guinea in einer Entfernung von 40 Schritten gesehen habe, da ihm von seinem Begleiter aus Furcht, aufgefressen zu werden, verboten worden wäre, näher zu treten. Nach seiner Schätzung erhoben sie sich pyramidenartig 15 bis 20 Fuß hoch und hatten am Grunde 30 bis 40 Fuß im Durchmesser. Stedman ging in Surinam über 6 Fuß hohe Haufen, welche wenigstens 100 Fuß im Umfange maßen. Möglicherweise handelt es sich hier um die Wohnungen der » weißen« Ameisen, der wesentlich verschiedenen Termiten, welche in älteren Berichten aus fremden Ländern öfter mit den Formiciden vermengt werden., aus zusammengeschleppten Holzsplittern, Kiefernnadeln, Blättern, Steinchen, Harzklümpchen (letztere oft durchbohrt und wegen ihres angenehmen Geruches als »Ameisen-Weihrauch« zum Räuchern benutzt), kurz aus jedem tragbaren Stoffe, welchen sie erreichen können, aufgethürmt, kennt jedermann, und das Volk unter dem bündigen Namen der »Ameisenhaufen«. An versteckten, wenig begangenen Stellen trifft man sie bedeutender, in der Nähe von Wohnungen oder in sonst viel besuchten Gegenden, wo der Muthwille sie öfter stört, erheben sie sich etwa 30 cm, über die umgebende Oberfläche. Ich muß hier gleich einer Störung gedenken, der die armen Thiere von mir ausgesetzt waren, aber nicht aus Muthwillen. Durch einige rasche, leichte Schläge mit der flachen Hand auf das elastische, friedliche Nest brachte ich in wenig Augenblicken ein wildes Gewirr und, wie sich denken läßt, wüthende Verzweiflung auf demselben hervor, und erquickte mich nun an dem ungemein stärkenden Aroma, welches oft lange der inneren Handfläche anhaftete, an der kräftig riechenden Ameisensäure. Man muß natürlich bei Befriedigung dieser eigenthümlichen Genußsucht gewisse Kunstgriffe anwenden, um von den wüthenden Thieren nicht angefallen und derb geknippen zu werden. Einst hatten wir, meine Begleiter und ich, bei Ausübung dieser die Nerven anfrischenden Klopferei einen überraschenden Anblick. Das Nest lag am Rande des Waldes, etwas erhaben, und genau hinter ihm stand die im Scheiden begriffene Sonne. Nachdem wir alle den Wohlgeruch von meiner Hand gierig eingeschlürft hatten und uns im Weggehen nochmals nach den hörbar sehr unangenehm berührten, erzürnten Thieren umwandten, genossen wir das einzige Schauspiel. Hunderte von silbernen Springbrunnen, beleuchtet durch die Strahlen der sinkenden Sonne, sprudelten von allen Seiten hoch in die gewürzte Luft und lösten sich auf ihrem Rückwege in zarte Nebel auf. Eine Sekunde und alles war vorüber, nur am Geknister und Genistel zwischen dem aufgewühlten Hügel hörte man bei der abendlichen Feierstille auf viele Schritte Entfernung die fortdauernde Aufregung der so unfreundlich in ihren verbrieften Rechten beeinträchtigten Thiere. Daß sie aus der nach vorn gebogenen Hinterleibsspitze die Ameisensäure von sich geben und so einem klopfenden Werkzeuge deren Geruch mittheilen, war mir bekannt, daß sie dieselbe aber mit solcher Gewalt, zu solcher Höhe ausspritzen können, hatte ich nicht geahnet, ich sah es bisher noch nicht und später niemals wieder.

Ein wahres Vergnügen gewährt es, diese emsigen Thiere – von der Arbeit ist ja ihr Name hergeleitet – allerwärts die Baustoffe und Insekten jeglicher Art, die kleineren ganz, die größeren stückweise als Futter für ihre Kinder herbeischaffen zu sehen. Wie der geübteste Arbeiter kennen sie alle Kunstgriffe und unbewußt, wie dieser, bringen sie die Gesetze der Mechanik meisterhaft in Anwendung, ihre Kraft dadurch vermehrend, die Ausdauer belebend. Was eine nicht vermag, vollbringen mehrere gemeinsam oder einander ablösend, bisweilen auch ungeschickter und mit mehr Zeitaufwand; denn auch sie stimmen mit ihren Ansichten nicht immer überein. Musterhaft zeigt sich oft die Unermüdlichkeit ihrer Ausdauer, welche die Orientalen durch eine schöne Legende verherrlicht haben. Irgend ein Prinz, so erzählen sie, im Kriege mehrmals zurückgeschlagen, lag, beinahe verzweifelnd, in seinem Zelte. Eine Ameise lief an der Seitenwand in die Höhe. Er warf sie wiederholt herab, aber immer kletterte sie wieder hinauf. Neugierig, zu sehen, wie weit sie ihre Hartnäckigkeit treiben werde, warf er sie achtzigmal herunter, ohne sie dadurch zu entmuthigen. Er selbst war ermüdet, aber zugleich auch von Bewunderung erfüllt. Die Ameise hatte ihn überwunden. Da sagte er zu sich: »Ahmen wir ihr nach und auch wir werden siegen.« Was der Prinz sah, können wir täglich erfahren, wenn wir uns die Zeit dazu nehmen wollen. Bei ihren Zufuhren kommen den Ameisen die breiten Straßen zustatten, welche sie anlegen und mit der Zeit vollkommen glatt treten; sie »ziehen weniger Schlange«, wie z. B. die glänzendschwarzen unserer Gärten, marschieren aber auch in ziemlich geordneten Reihen die Baumstämme empor, um Harz zu holen oder die Blattläuse zu melken. Auf den Zweigen beunruhigt, lassen sie sich fallen.

So roh auch das Aeußere ihrer Hütten aussieht im Einklange mit dem Stoffe, aus welchem sie bestehen, so bewundernswürdig ist doch die Zweckmäßigkeit, die berechnete Anordnung im Innern derselben. Dieses besteht aus einer Unzahl von Gemächern verschiedener Größe, alle durch Gänge mit einander verbunden und in verschiedene Stockwerke vertheilt, einige tief unten in der Erde, andre in der Kuppel des Gebäudes. Jene sind bestimmt zur Aufnahme der Jugend bei kaltem Wetter oder über Nacht, diese werden bei Tage gebraucht. Die aus dem Untergrunde entnommene Erde wird mit den schon genannten oder ungenannten Stoffen gemischt und giebt dem luftigen Schlosse seinen Halt. Strahlenartig führen Gänge von dem Innern nach außen, die Thore der volkreichen Stadt, durch aus- und eingehende Bewohner fortwährend belebt, für Fremde aber verschlossen durch die Wache haltenden »Stadtsoldaten«. Bei Regenwetter oder für die Nachtzeit pflegen sie ihre Thore ebenfalls zu verschließen. Doch genug von der Stadt, sehen wir uns jetzt ihre Bewohner etwas genauer an.

Sie bestehen, wie bei den Bienen und den andern geselligen, aus Männchen, Weibchen und Jungfrauen, Arbeitern, hier auch wohl Soldaten genannt. Letztere bilden, wie dort, den Kern des Volkes und sind stets ungeflügelt. Außerdem unterscheiden sie sich von jenen noch durch die Bildung des braunrothen Bruststücks, welches, wie Fig. c zeigt, hinter seinem ersten Gliede eingeschnürt ist; vom dicken Kopfe mit seinen kleinen, seitlichen Augen und den sehr kleinen Nebenaugen wird es an Breite übertroffen. Er wie der Hinterleib und die Beine mit ihren fünfgliedrigen Füßen haben eine dunkelbraune Färbung mit einigen etwas helleren Stellen. Das Weibchen (e) unterscheidet sich durch die Anwesenheit von Flügeln, durch den anders geformten, wie aus einem Stücke gebildeten Mittelleib, welcher auf dem Rücken dunkelbraun gefärbt ist, und durch die bis zu den Schienen braunrothen Beine; sein Hinterleib nähert sich noch mehr der Kugelform als dort. Die Fühler sind bei beiden zwölfgliedrig. Das viel schlankere Männchen (d) mit gestreckterem Hinterleibe gleicht durch die Gegenwart der Flügel und in Gestalt des Brustkastens dem Weibchen, ist aber durchaus dunkelbraun gefärbt bis auf die braunrothen Beine und hat einen kleineren, mehr dreieckigen Kopf mit größeren Augen und längeren, dreizehngliedrigen Fühlern. Der kurze Hinterleibsstiel trägt bei allen nur eine, oben etwas ausgerandete, dadurch herzförmig emporstehende Schuppe. Ein Stachel, der bei andern Ameisen die Weibchen und Arbeiter bewaffnet, fehlt hier.

Die Arbeiter (verkümmerte Weibchen), verschieden an Größe, theilen sich in zwei Rotten, die Lieferantinnen, welche das Nöthige herbeischaffen, und die häuslichen Wärterinnen, welche die innern Familienangelegenheiten, besonders die Erziehung der Jugend und die Ernährung der stets drinnen verborgenen Männchen und Weibchen besorgen. Ihnen fällt eine ungeheure, unablässige Beschäftigung zu, wenn man nach den fortwährenden Bewegungen urtheilt, in welcher sich die Ammen um die Wiegen befinden. Fällt ein Regentropfen, scheint ein Sonnenstrahl, so giebt es einen allgemeinen Aufstand, eine Umbettung aller Kinder und zwar mit unermüdlichem Eifer. Man sieht, wie die Pflegerinnen die großen Kinder behutsam aufheben, welche soviel wiegen wie sie selbst, und dieselben von Stockwerk zu Stockwerk bis zu der erforderlichen Stelle tragen. Das ist jedoch nicht alles. Die Sorge der Ernährung ist hier viel zusammengesetzter als bei den Bienen. Die kleinen hirsekornartigen Eier müssen beleckt und mit einer ernährenden Feuchtigkeit versehen werden. Die Larven (a) haben immer Hunger und wollen in kurzer Zeit erwachsen sein. Die Puppe, welche sich in einem Gehäuse befindet, würde nicht die Kraft haben, ihre Hülle zu durchbrechen, wenn nicht die aufmerksamen Wärterinnen da wären, die auf die Zuckungen im Innern achten und mit ihren Fühlern untersuchen, ob der geeignete Zeitpunkt gekommen sei, die Schale zu öffnen und den kleinen Schützling zur Welt zu befördern, aus seinem Wickelzeuge zu befreien. Beiläufig gesagt, reichen 23 Tage hin, alle diese Stufen zu durchlaufen. Jetzt, sollte man meinen, wäre der junge Bürger weiterer Nachhilfe nicht mehr bedürftig, befähigt, sich selbst fortzuhelfen und die angebornen Talente zu üben. Dem ist aber nicht so, er ist noch ein Kind und wird als solches betrachtet. Man schafft alle Neugebornen an einen Punkt der Stadt, wo man ihnen zunächst das unablässige Bedürfniß der Nahrung am sichersten und einfachsten befriedigen kann. Wehe dem, der im Gefühle seiner eben gewonnenen Kraft vorwitzig seinen eignen Gang gehen und sich emancipiren wollte; die sorgsame Tante läßt nicht eher nach und hilft ihr nicht Güte, so braucht sie Gewalt, um den jungen Weltbürger für ihre Anordnung geneigt zu machen. Erst wenn sie hinreichend gekräftigt, man die ganze Gesellschaft mit dem Innern der Stadt vertraut gemacht hat, führt man sie nach außen, zeigt ihnen, wie man jagen müsse, und gewöhnt sie daran, für sich selbst zu sorgen, von dem Zufalle zu leben, von wenig Nahrung und viel Arbeit. Ein wichtiger zugleich aber sehr geheimer Punkt in dieser Erziehung ist zweifelsohne die Mittheilung der Sprache. Diese Sprache gestattet ihnen, der Menge oft sehr zusammengesetzte Mittheilungen zu machen und im Nu den Marsch einer ganzen Kolonne, das Treiben eines ganzen Volkes zu ändern. Sie besteht hauptsächlich in der Berührung mit den Fühlhörnern oder einem Stoße mit den Kinnbacken. Bisweilen werden sie noch handgreiflicher, nehmen den Schwerhörigen aus und tragen ihn dahin, wo sie ihn hinhaben wollten, ohne es ihm verständlich machen zu können. Mit diesem lebhaften Mienenspiele verbinden sie noch viele andere unerklärliche Bewegungen, die man mit gymnastischen Uebungen verglichen hat; sie spielen mit ihren stets tastenden, dann wie krankhaft vibrirenden Fühlern, nehmen sich bei den Köpfen, erheben sich zu zwei und zwei auf ihre Hinterfüße, umarmen sich, kneipen sich in die Beine oder Fühler, genau so, wie man bei läppschenden jungen Hunden die Spiele beobachten kann.

Auch an ernsten Kämpfen lassen sie es nicht fehlen, zwar nicht entbrannt im eignen Staate, wohl aber unter Nachbarn desselben oder eines fremden Stammes. Huber beobachtete zwei große, nur 100 Fuß von einander wohnende, sich feindlich einander gegenüberstehende Horden. Der zwei Fuß breite Weg war mit Ameisen ganz bedeckt, welche etwa in der Mitte desselben sich begegneten. Hier entbrannte die Schlacht, ein mörderischer Kampf. Tausende von ihnen hatten einzelne Höhen erklommen und packten sich mit ihren gewaltigen Zangen im wüthenden Zweikampfe. Zu den Seiten sind noch mehrere beschäftigt, Gefangene zu machen und nach ihrer Burg zu schleppen, trotz der verzweifeltsten Gegenwehr. Eine Fläche von 2-3 Quadratfuß war mit Gefallenen bedeckt und strömte den kräftigen Duft der Säure weithin in die Lüfte. Bei einbrechender Dunkelheit kehrte jede Partei in ihre Stadt zurück, um den Kampf mit Anbruch des Tages von neuem und weit mörderischer zu beginnen als am vergangenen. Dabei waren die gewöhnlichen Arbeiten in beiden Kolonien in keiner Weise unterbrochen, sie gingen fort wie im tiefsten Frieden; nur zogen immer wieder neue Krieger aus, und Transporte von Gefangenen kamen an. Große Regengüsse machten zuletzt ein Ende und jagten die Ruhestörer auseinander, wie einige wohlgerichtete Feuerspritzen die aufgeregten Gemüther bei einem Volksauflaufe so gründlich abzukühlen vermögen.

Der überraschendste Austritt, den man mit ansehen kann, ist eine Hochzeit der Ameisen, welche meistentheils im August gefeiert wird. Nichts menschliches giebt einen Begriff von dem wirbelnden Aufbrausen, von dem man nicht weiß, ob es Liebe, ob Wuth bedeute. Zwischen dem Volke wilder Brautpaare, welche von nichts zu wissen scheinen, irren Ungeflügelte umher und greifen besonders die an, welche sich mir meisten verwickelt haben, beißen sie, zerren sie so stark, daß man meinen sollte, sie wollten sie zermalmen. Das ist aber nicht ihre Absicht, sie wollen sie zum Gehorsame, zu sich selbst zurückführen. Ihre lebhaften Geberden scheinen nichts anderes sagen zu wollen, als: »seid verständig, haltet Maß und Ziel!« Diese Jungfrauen überwachen also auch die Liebenden und führen eine strenge Aufsicht über die Vorfeier der Hochzeit, dieses wahre Volksfest. Doch jetzt grenzt die Wildheit, das Ausgelassensein an Raserei, in taumelndem Wirbel erhebt sich die geflügelte Schaar, zunächst im wechselnden Steigen und Sinken, zuletzt hoch in die Lüfte und verschwindet in weiter Ferne Zur Zeit der Paarung, welche meist in der Luft geschieht, ist es, wo die Ameisen stellenweise in wolkenartigen Schwärmen beobachtet werden, wenn sich sämmtliche Kolonien einer Gegend vereinigen. So regnete es am 4. Aug. 1856 bei St Saphorin in der Schweiz Myriaden schwarzer, geflügelter Ameisen. Am 10. August Abends 5 Uhr 20 Minuten bis Sonnenuntergang (6 Uhr) wurden von Wettwyl bis Lichtenstein, der Thur entlang, eine von Südwest nach Nordost ziehende Schaar geflügelter schwarzbrauner Ameisen beobachtet, die sich in einer Höhe von etwa 300 Fuß bewegte und Milliarden zählen mochte. Zwischen beiden Ortschaften löste sich die fliegende Wolke auf und zertheilte sich auf Bäume, Häuser, Gräser; die Hitze war an diesem Tage ungeheuer groß. Am 10. und 11. desselben Monats sah man bei Solothurn am Fuße des Jura mächtige Schwärme, dieser Thiere, welche aus der Ferne das Ansehen kleiner Wolken hatten. Am 2. August 1687 um 3 Uhr Nachmittags schwärmte eine solche Menge von Ameisen über dem Thurme der Elisabethenkirche zu Breslau, daß das Volk sie für Rauch ansah und einen Brand fürchtete. Kurz darauf sah man dasselbe um die andern Thürme. Es dauerte aber kaum eine Stunde, so fielen sie auf den Boden, daß man sie handvoll aufraffen konnte. Am 18. Juli 1679, gegen 5 Uhr ist eine Wolke großer Ameisen über Pressburg geflogen und nach einer Viertelstunde so dicht heruntergefallen, daß man auf dem Markte keinen Fuß setzen konnte, ohne einige Dutzend zu zertreten; sie hatten alle die Flügel verloren, schlichen langsam umher und waren nach zwei Stunden ganz verschwunden. Im September 1814 schreibt ein englischer Schiffschirurg vom Bord eines Schiffes, daß eine 8 bis 10 Fuß breite Kolonne von 6 Zoll Höhe, bestehend aus großen Ameisen, das Wasser auf eine Strecke von fünf bis sechs (engl.) Meilen bedeckt habe. Wer sich zufällig auf einem der Aussichtsthürme befindet, welche in unsern deutschen Gebirgen ziemlich verbreitet angetroffen werden, wenn in der Gegend gerade Ameisen schwärmen, kann mit ihnen auf sehr belästigende Weise in Berührung kommen. Sie setzen sich in das Gesicht, an die Kleider, mit Vorliebe an die hellen der Damen, und weil sie außerordentlich aufgeregt sind, so kriechen sie in jede Falte, jeden Schlitz und zwicken auch in das Fleisch, so daß die Wirkungen so ziemlich dieselben sind, als wenn man sich unbewußt in der nächsten Nähe eines Ameisennestes in das Gras niedergelegt hat.
Dieses Schwärmen der Ameisen zur Zeit der Paarung und das Gründen neuer Kolonien darf nicht verwechselt werden mit dem Auswandern derselbe, welches sie aus verschiedenen Gründen vornehmen. Entweder wird es ihnen zu eng in ihrer Behausung, oder sie sind zu häufig feindlichen Angriffen von ihres Gleichen oder von andern Thieren, vielleicht gar von Menschen ausgesetzt, die Oertlichkeit verändert sich und ist ihnen nicht mehr genehm, Frühjahrswasser wird ihnen vielleicht unbequem u. dgl. m. Wie diese Wanderungen, die oft mehrere Tage in Anspruch nehmen, ausgeführt werden, wie man List oder Gewalt braucht, um Genossen für den Plan geneigt zu machen, und viele andere Eigenthümlichkeiten erzählt Huber ebenfalls ausführlich, auf dessen Werk M. P. Huber » Moeurs des fourmis indigénes« 1810. 8. wir unsere Leser, welche mehr zu erfahren wünschen, hinweisen müssen, um nicht den übrigen Insekten, diesen zu Liebe, ungerecht zu werden. Außerdem sei noch eine ausführliche Arbeit über schweizerische Ameisen aus der neuesten Zeit zu eingehenderen Studien dringend empfohlen: » Auguste Forel, les fourmis de la Suisse,« in den »Neuen Denkschriften der allgem. schweizer. Gesellsch. XX VI (1874) p. 1-452.«
. Nur einzelne Nachzügler scheinen den Andern nicht folgen zu wollen, sondern dem Vaterlande Treue angelobt zu haben, vielleicht waren sie vorher ernsthaft ermahnt worden, zu bleiben und der Heimath ihre Nachkommen nicht zu entführen. Wo jene die Laune, der Zufall hintreibt, da suchen sie sich eine neue Wohnstätte, gründen ihre Kolonien. Tausende von ihnen werden hierbei eine Beute der Vögel oder fallen ins Wasser, wo sie von den Fischen weggeschnappt werden. Die Männchen verschwinden alsbald, sie haben ihren Zweck erfüllt und – sterben. Die Weibchen verrichten zunächst alle Arbeiten, bis sie sich ihre Jungfrauen erzogen haben. Die Flügel, deren sie nicht mehr bedürfen, fallen ihnen gleich nach der Hochzeit aus, wenn anders sie dieselben im wilden Taumel nicht schon verloren hatten.

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