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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 40
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Die Hummeln.

( Bombus)
siehe Bildunterschrift

Arbeiter und Weibchen der Erdhummel ( Bombus terrestris) und ein Theil eines aufgedeckten Nestes derselben.

Die unbeholfenen, brummigen Hummeln, jene Bären unter den Insekten, in unterirdischen Höhlen kunstlos nistend, sind eigentlich nichts gegen die hochgebildeten Bienen in ihren großen Städten, nichts gegen die tyrannischen Wespen in ihren papiernen Zwingburgen, und doch bieten ihr einfaches, ländliches Leben, die kleinen Gesellschaften, in denen sie sich zu einander halten, die versteckten Erdhütten, welche sie friedlich umschließen, des Poetischen genug, um der nähern Beachtung gewürdigt zu werden. Zusammengesetzt ist der kleine Staat, oder besser gesagt, die große Familie, aus Männern, Weibern und immerwährenden Jungfrauen, gewöhnlich auch »Arbeiter« genannt, welche alle von einer, aber großen Mutter abstammen. Ihr nur war es vergönnt gewesen, in einem Winkel der elenden Hütte oder fern von der Geburtsstätte unter Moos, in einem unwirthlichen, dem Moder und der Verwesung anheimgefallenen Baumstumpfe oder sonst in einem einsamen Schlupfwinkel mit den entwicklungsfähigen Keimen der Nachkommenschaft, noch verborgen im mütterlichen Schooße, der eisigen Kälte des Winters tapfer Widerstand zu leisten.

An den ersten süßen Kindern des Frühjahrs finden wir sie unter den aus ihrem warmen Winterlager ausziehenden Honigbienen und den zu neuem Leben erwachten andern hungrigen Vettern und Basen, nähern und entfernteren Anverwandten aus dem ungezählten Insektenheere, welche schon jetzt das Fest ihrer Auferstehung feiern und mit der ganzen Natur den für sie ersten und meist – – einzigen Frühling begrüßen. Sie stimmt in das fröhliche Concert der Summer und Brummer, der Pfeifer und Geiger mit ein und singt den tiefen Baß. Dabei geht die Arbeit rüstig von Statten. Die Arbeit? Sie feiert ja! Feiern und Arbeiten ist bei ihr und Ihresgleichen ein und dasselbe, durch Arbeit wird eben gefeiert. Sie hatte ein verlassenes, altes Nest ausfindig gemacht oder einen berasten, von Ameisen noch nicht in Beschlag genommenen Maulwurfshügel, einen schlangenförmigen Gang desselben Thieres, ein verfallenes Mauseloch, dem sie im Innern, wenn nöthig, die gewünschte Räumlichkeit selbst verleiht. Dahin trägt sie den eingesammelten Blütenstaub, welchen sie mit Honig innig gemischt und so eine Speise bereitet hat, an welcher sich ihre Brut erlaben soll. Daß sie den Honig in einer kleinen, wasserhellen Blase heimträgt, wissen die Buben wohl, denn sie fangen und tödten sie, um mit den wenigen Tröpfchen des mühsam zusammengebrachten süßen Saftes in ihrer rohen Genußsucht den lüsternen Gaumen zu kitzeln ohne daran zu denken, daß sie für jeden Tropfen ein harmloses Leben qualvoll opfern und hilflosen Wesen dadurch ihre Pflegerin entziehen. Wann wird die Zeit kommen, wo die Menschlichkeit an Stelle der viehischen Rohheit tritt?

Dieser Nahrungsstoff wird in formlosen Klumpen aufgespeichert, und die besorgte Mutter weiß es allein am besten, wann sie anfangen darf einige Eier an denselben zu legen und in welchen Zwischenräumen sie mit diesem Geschäfte fortzufahren hat, damit ein richtiges Verhältnis geschaffen werde zwischen den Vorräthen und der Nachfrage nach denselben. Nach wenigen Tagen schlüpft aus jedem Eie eine fußlose Larve. Sie sitzt auf ihrer Nahrung, frißt sich in dieselbe ein und bildet nach und nach einen Hohlraum um sich, der mit ihrer Größe zunimmt. Die Nachbarin thut ein Gleiches, so daß durch Scheidewände getrennte, vielleicht auch hie und da zusammenfließende Höhlungen entstehen, in welchen sich jede erwachsene Made mit einem pergamentartigen Gehäuse umgiebt, um in demselben zu einer Puppe zu werden. Die fertige Hummel nagt nach etwa 14 Tagen ein deckelartiges Loch, aus welchem sie hervorkommt. (Die verlassenen unter sich zusammenhängenden, jedoch nicht regelmäßig aneinander gereiheten Puppenhülsen sind es, welche in der ersten Auflage dieses Buches als »Fäßchen« bezeichnet und bildlich dargestellt worden waren, aber zu einer irrigen Anschauung Veranlassung geben konnten).

Die erste Hummel ist eine Arbeiterin, welche die Naturanlagen ihrer Stammmutter mit auf die Welt bringt. Zugleich mit ihr erscheinen mehrere Geschwister, weil immer einige Eier unmittelbar hinter einander gelegt worden waren. Die kleine Gesellschaft nimmt nun Theil an den Beschäftigungen, welche die Stammmutter bisher allein besorgt hatte und überläßt ihr als Vorrecht nur das Eierlegen. Die Vorräthe mehren sich, das Volk in gleichem Maße. Die Kellerräume müssen unter Umständen, erweitert werden, bedürfen hie und da der Ausbesserung; Nahrungsüberreste zwischen einzelnen Gespinsten haben dort keine Bedeutung mehr und werden daher an einen geeigneteren Platz geschafft, dafür jene durch eine Art von Kitt etwas fester verbunden. Dergleichen häusliche Geschäfte und das Herbeischaffen neuer Vorräthe nehmen alle Kräfte in Anspruch. Bald sehen wir die Blumen belebt von Arbeitern aus verschiedenen Nestern, und die zu Anfang allein nur sichtbaren großen Weibchen fallen jetzt weniger auf, sie sind zu vereinzelt unter den täglich sich mehrenden Völkern. Manche Hummel fliegt aus und kehrt nicht wieder heim, sie erlag ihrer Arbeit oder einem mächtigern Feinde, aber darum tritt keine Störung im Gesammtleben ein, der neue Zuwachs ersetzt den Abgang. Nur die Seele des Ganzen, die Stammmutter darf nicht verunglücken, sonst hört aller Zweck der Arbeit auf und daher diese selbst: der Staat geht zu Grunde.

Haben sich unsere Hummeln unter allerlei Mühseligkeiten und Anfechtungen bis zum August hin wacker durchgeschlagen, wovon das Erbleichen der Haare bei dieser und jener ein redender Zeuge ist, so treten veränderte Verhältnisse im Staatenleben ein, wenn auch nicht in der gewöhnlichen Thätigkeit; denn noch immer sieht man am späten Abend, wenn die übrigen Honigsammler von den Mühen des Tages ausruhen, ein und die andere Hummel gierig an den Blumen saugen und hört das Brummen ihres Abendliedes. Neben Arbeitern werden nun auch Männchen und Weibchen geboren, letztere von der Beschaffenheit der Stammmutter. Den Larven dieser letzteren mögen die Honigvorräthe gegolten haben, welche man in einzelnen »Fäßchen« gefunden hat. Durchschnittlich in der zweiten Hälfte des September tritt diese Veränderung ein, doch haben die Witterungsverhältnisse wesentlichen Einfluß auf dieselben und können den Zeitpunkt nach beiden Zeiten hin verrücken. Man nimmt an, daß im Durchschnitte auf 100 Familienglieder etwa 15 Weibchen und 25 Männchen kommen, während die jungfräulichen Arbeiterinnen ergänzen, was an der Gesammtzahl fehlt. Obige Figur stellt einen Wohnungstheil der Erdhummel, unserer gemeinsten Art, dar. Letztere ist leicht zu erkennen an der gelbbraunen Binde hinter dem Kopfe und einer zweiten auf dem zweiten Gliede des Hinterleibes so wie an der weißen Spitze desselben. Die Weibchen und Arbeiter sind wie letztere der Honigbienen mit den dort beschriebenen Sammelwerkzeugen an den Hinterbeinen ausgerüstet, den Fersenhenkel nicht ausgenommen, haben aber zum Unterschiede von jenen Endspornen an den Schienen. Die in ihrer Größe immer das Mittel zwischen den großen Weibchen und den Arbeitern haltenden Männchen unterscheiden sich im Baue von diesen durch den schwächeren Kopf, die schmäleren Oberkiefer, welche bärtig sind und in zwei Zähnen enden, durch den Mangel des Sammelapparates nebst Fersenhenkels sowie des Stachels, der überhaupt allen männlichen Hautflüglern fehlt. In Färbung sind sie bei manchen Arten ebenfalls von jenen verschieden und dann nur dadurch als ihnen angehörig zu erkennen, daß man sie in demselben Neste auffindet. Uebrigens erscheinen die Männchen, welche anderwärts so verachtet werden, nützlicher in der Gesellschaft, wo die Kunst der Weibchen zu minder hohem Grade der Ausbildung gelangt ist und sie also weniger demüthigt. Sie sind daher ihren Damen beinahe gleichgestellt und werden von denselben nicht niedergemetzelt, wie die abgesetzten Männchen der Bienen und Wespen.

Lange nicht alle Insekten sind darum Hummeln, weil sie ihnen zum Verwechseln ähnlich sehen. Da giebt es einige, die man noch bis auf die neueren Zeiten zu ihnen gerechnet hat, wie die Felsen-, Feld-, Sommer-, Waldhummel ( Bombus rupestris, campestris, aestivalis, saltuum) und einige andere, welche keine Arbeiter haben und nicht sammeln, sondern ihre Eier in die Nester anderer Hummeln legen, wo sich ihre Larven von dem Futter der Hummellarven ernähren. Mit Recht hat man ihnen den Namen »Schmarotzerhummel« ( Apathus oder Psithyrus) beigelegt. Ihre Weibchen unterscheiden sich von den wahren Hummeln durch Folgendes: Die Oberlippe ist unten stumpfwinklig, während sie bei jenen gerade verläuft, die Nebenaugen stehen etwas krummlinig, bei jenen genau in gerader Linie, die Hinterschienen sind ohne Körbchen, nach außen mit erhabener und behaarter Oberfläche versehen, die Hinterfersen ohne Henkel, die Oberseite des Hinterleibes mit Ausnahme der Endringe ist fast kahl, glänzend, das letzte Glied eingekrümmt, auf der untern Seite mit einer winkeligen Erhabenheit versehen, welche an ihren Seiten zwei Ecken bildet. Sehr schwer sind die Männchen von denen der wahren Hummeln zu unterscheiden, ihr Kopf ist kurz, fast kugelig, vorn meist stärker behaart, die Oberlippe fast gerade abgestutzt.

Sodann gleichen unter den Schnauzen- oder Pelzbienen ( Anthophora) einige Arten ungemein kleineren Hummeln, sie leben aber paarweise, also nicht in Gesellschaften, und unterscheiden sich bei näherer Betrachtung von jenen durch den vorn höckerigen Kopf, die außen erhabenen, dicht behaarten Hinterschienen und Fersen, deren letztere am Ende etwas über das folgende Fußglied verlängert und daselbst mit einem Haarbüschel versehen sind, und durch noch einige andere Kennzeichen.

Kehren wir jetzt zu unsern geselligen, wahren Hummeln zurück. Sie sind sehr mannigfaltig in ihren Arten und mögen auch mancherlei, doch nur unwesentliche Abweichungen in ihren Gewohnheiten darbieten. So bedeckt die durchaus gelbbraun behaarte Mooshummel ihr Nest mit Moos und Genist ziemlich locker; mit Vorsicht kann man es aufdecken und möchte dann den ganzen Bau mit einem umgekehrten Vogelneste vergleichen, in welchem die Puppengehäuse in Gestalt von Vogeleiern und ohne Ordnung, wie diese, neben einander liegen. Während man noch beim Neste steht, holen sie das zerstreute Moos zusammen, um das Nest wieder zu bedecken, und dabei arbeitet jede ohne Rücksicht des Geschlechtes. Sie tragen das Moos nicht, sondern schieben es fort. Drei oder vier stellen sich hinter einander, die entfernteste faßt ein Klümpchen mit den Kiefern, zieht es mit den Vorderbeinen auseinander, schiebt es unter den Leib, wo es vom zweiten Fußpaare erfaßt, dem dritten übergeben und von diesem nun so weit wie möglich dem Neste zugestoßen wird. Solch kleinen Haufen behandelt eine zweite Hummel ebenso, dann eine dritte, bis alles am Neste angelangt ist. Hier warten schon andere darauf, um mit ihren Zähnen und Vorderbeinen den Stoff zu vertheilen und anzudrücken. Auf diese Weise entsteht nach und nach ein Gewölbe von ein bis zwei Zoll Dicke. Nie tragen sie etwas im Fluge herbei, können ihre Nester also auch nur da anlegen, wo sie den Baustoff in nächster Nähe vorfinden und ihn nur abzubeißen und in der beschriebenen Art weiterzuschaffen haben. Den innern Theil überziehen sie zum Schutze gegen Regen und Wind in Papierstärke mit einer ähnlichen Masse, aus der die Cocons bestehen. Der Zugang zum Neste, oft in einen gewundenen Gang verlängert, wird in der Regel mit einer Wache besetzt, die Ameisen und anderes Gezücht abwehren soll. Trotzdem müssen sie eine Menge Schmarotzer ernähren, wie die Maden verschiedener Fliegenarten ( Volucella, Myopa, Conops), der Spinnenameisen ( Mutilla), welche die Hummellarven verzehren, die eben erwähnten Schmarotzerhummeln und Raupen verschiedener Motten, welche den eingetragenen Süßigkeiten nachgehen ohne der Brut weiter etwas zu Leide zu thun. Die Hummeln selbst werden oft geplagt von jener kleinen Käfermilbe, die beim Todtengräber erwähnt und abgebildet worden ist. Die große Feldmaus, das Wiesel und der Iltis stellen ihnen sehr nach und letzterer zerstört oft in einer Nacht ein Dutzend Nester, verschleppt die Gespinste und verzehrt sie sammt ihrem Inhalte. Zu jener Zeit nun, wo der Staat von seinen dreierlei Formen, den Männchen, Weibchen und Arbeitern bevölkert ist und er den Gipfel seiner Größe erreicht hat, geht er mit Riesenschritten seinem Untergange entgegen. Mag auch unter den großen Weibchen nicht die Eifersucht bestehen, wie man sie unter den Bienenköniginnen beobachtet hat, mögen auch die Männchen sich nicht an den mühsam zusammengeschleppten Vorräthen der Arbeiter mästen, wie die Drohnen der Bienen, da es hier eben keine Wintervorräthe giebt und jedes sich seinen eignen Bedarf selbst beschaffen muß. Eine gewisse Ueberfüllung, ein unruhiges Kribbeln und Krabbeln in den Kellerräumen macht sich fühlbar und viele ziehen es vor, im Schooße eines nickenden Distelkopfes oder einer andern Blume zu übernachten, wie man am späten Abend da, wo solche Blumen reichlich wachsen, beobachten kann. Nicht in ihren düstern Räumen, sondern draußen unter dem weiten Himmelsdome, unter Beeinflussung der erwärmenden Sonnenstrahlen treffen die Männchen und Weibchen zusammen und paaren sich. Hiermit ist der Endzweck erfüllt. Die gewohnte Ordnung ist gestört, die Nahrungsquellen versiegen mehr und mehr, die Luft wird rauher, die Lebenskraft schwächer und schwächer. Einige Nachtfröste, und die Hummeln sind spurlos verschwunden, wenn nicht ein und die andere, welche ehemals von einem Würger ( Lanius) an einen Dornen aufgespießt worden war, von ihrem frühern Dasein Zeugniß ablegt. Männchen und Arbeiter sind todt, nur befruchtete Weibchen vereinzelt in den oben bezeichneten Winterquartieren geborgen.

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