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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 39
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Der gemeine Blattschneider, Rosen-, Tapezier- Biene.

( Megachile centuncularis)
siehe Bildunterschrift

a. Rosenblätter mit Ausschnitten, b. Weibchen, c. Zellen in einem Weidenstamme, d. ein Puppengespinst, letzteres etwas vergrößert.

Wer im Sommer seine Aufmerksamkeit einmal auf die Blätter der Sträucher in unsern Gärten, Promenadenanlagen oder auf das Gebüsch überhaupt richten wollte und sich vornähme, alle diejenigen herauszufinden, welche vollkommen unversehrt, ohne Fleck und Makel, ohne Loch oder sonstige Beschädigung, genau so erhalten sind, wie sie sich naturwüchsig aus der Knospe zu entfalten haben, der hätte möglichenfalls keine leichte Arbeit. Denn hier sitzt eine knotige Anschwellung infolge eines Insektenstiches, dort fraßen die Larven anderer Löcher hinein oder eine Schmetterlingsraupe die Hälfte der Fläche weg. Gewisse Sträucher, besonders Rosen, Holunder ( Syringa), Rainweide, Geisblattarten, wie z. B. diejenigen, welche wegen der glänzend weißen Beeren (Schneebeeren), die sie im Herbste tragen, so vielfach angepflanzt zu werden pflegen, zeigen höchst eigentümlich runde, regelmäßige Ausschnitte (Figur a), denen man ansieht, daß sie durch Kunstfertigkeit entstanden sind, welche kein Thier anwendet, um seinen Hunger zu stillen, die also von fressenden Larven, weidenden Käfern unmöglich herrühren können. Ein Insekt ist aber der Urheber davon, das steht fest, es fragt sich nur, welches so viel Geschick an den Tag lege und aus welchem Grunde. Bist Du ein Rosenfreund – und wer wäre dies nicht? zugleich Inhaber eines Gartens, so wirst Du Deine Rosenstöcke auch hegen und pflegen, ihnen stets Deine Aufmerksamkeit schenken, wenn Du ihnen einen Besuch abstatten kannst. Finden sich daran Blätter, welche in oben angegebener Weise verunstaltet sind, so glückt es Dir möglichenfalls auch, an einem heiteren, schönen Junitage den kleinen Missethäter zu entdecken, Du verzeihst ihm aber ohne Zweifel, wenn Du erfährst, warum er Dich bestielt.

In eiligem Fluge erscheint eine geschäftige Biene, läßt sich einige Sekunden auf dem Strauche nieder, um einen Ueberblick zu gewinnen. Sie ist 11 bis 13 mm. lang und von Gestalt der vorigen, d. h. beinahe durchaus von gleicher Körperbreite, vorn braungelb behaart, der dunkelbraune Hinterleib oben ziemlich kahl, nur am ersten Ringe zottig, an den Hinterrändern der folgenden zierlich weiß bandirt, am Bauche dagegen dicht rothbraun behaart. Sie läßt Dir aber nicht so viel Zeit, um diese Betrachtungen anzustellen, sondern hat mittlerweile schon das ausersehene Blatt so zwischen ihren Füßen, daß der Rand desselben längs des Bauches hingeht, und schneidet mit ihren breiten, vierzähnigen Freßzangen ebenso gewandt, wie ein Mensch mit einer Scheere, ein Stück von der Größe und Form heraus, wie sie es eben gebraucht. An ihm hängt sie selbst, würde also mit ihm zu Boden fallen, wenn sie die letzte Faser durchgebissen hat; darum fängt sie schon vorher an zu fliegen, und beim letzten Bisse ist sie auch mit ihrem Raube, den sie in derselben Lage festhält, unterwegs. Das alles dauert natürlich nicht so lange, als es eben erzählt worden ist. Sie ist Deinen Augen entschwunden, wohin, weißt Du nicht, ihr zu folgen wird Dir also unmöglich; nur am Ausschnitte des zurückbleibenden Blattes kannst Du ersehen, von welcher Form sie das Stück gebrauchte. Laß Dir also weiter erzählen und staune!

Die Biene war, besorgt um ihre Nachkommenschaft, eben damit beschäftigt, Baustoff zum Neste für dieselbe einzutragen. Nicht weit vom Garten findet sich dies wahrscheinlich an einem sonnigen Uferhange oder in einem mürben Baume. An der einen oder der andern Stelle hatte sie sich eine 18 Centim. lange Röhre ausgearbeitet, welche nun mit Blattstückchen regelmäßig und sehr sorgfältig ausgelegt, wie tapeziert wird, weshalb sie mit den vielen andern Arten, welche dieselbe Kunst verstehen, auch Tapezierbiene heißt. Drei bis vier größere Stücke von eiförmiger Gestalt legen sich zunächst an die Wände im Grunde der Röhre. Auf diese wird eine zweite Schicht aus lauter gleichgroßen Stücken gelegt, welche aber an einem Ende schmäler, am andern breiter sind, ungefähr so breit wie die halbe Länge beträgt. Die vom gezähnten Blattrande gebildete Seite wird nach außen, die Schnittseite nach innen gelegt. In dieses Futteral bringt die Biene ein drittes aus abermals unter sich gleichen Stücken, die mit ihrer Fläche die Fugen der vorigen bedecken. Eine vierte, unter Umständen eine fünfte Schicht, wenn es der vollkommene Schluß nöthig macht, bildet jetzt, indem der Boden etwas ausgehöhlt ist, eine Zelle von Gestalt eines Fingerhutes. Sie wird nun mit Honigbrei und Blütenstaub zum Theil angefüllt und ein Ei hineingelegt. Einige kreisrunde Blattstückchen schließen als gut eingepaßte Deckel die erste Zelle. Genau in derselben Weise wird nun eine zweite so daran gebaut, daß der Boden, d. h. das geschlossene Ende des Fingerhutes an den eben fertigen Deckel zu liegen kommt. Mit dem Verschlusse der sechsten oder siebenten Zelle und dem Zuwerfen des Erdloches ist der Bau beendigt, die Mutter hat ihren Lebenszweck erfüllt, sie – stirbt.

Wunderbar, wie das kleine Thierchen ohne Lineal und Zirkel die Blattstückchen zu Ellipsen, Ovalen, Kreisen abmißt und die Maße so genau im Kopfe hat, daß die Stücke gerade so groß werden, wie sie eben nöthig sind! Welcher Baumeister thäte es ihm wohl nach? Wie schlau ist's ferner bei seiner Arbeit, wie praktisch! Da die größern Blattausschnitte sich schon während des Abschneidens etwas zur Seite legen, und zu ihrem Gebrauche gebogen sein müssen, überdies die ebenen Stücke mit Mühe in die Höhle zu schaffen wären, so faßt sie dieselben mit ihren Beinen gleich so, daß sie eine Art von Trichter bilden, und trägt sie in dieser Weise ein. Die an Ort und Stelle losgelassenen Stückchen suchen infolge der Federkraft ihre frühere ausgebreitete Lage wieder anzunehmen und schmiegen sich an die krummen Flächen, auf welche sie gelegt sind, um so besser an; nur die zu Deckeln bestimmten Kreise biegt sie nicht zusammen. Das ganze Werk wird so eilfertig und dabei doch so gediegen hergestellt, daß bei günstiger Witterung innerhalb zweier Tage vier Zellen fertig sein können, wie sorgfältige Beobachter gesehen haben wollen.

Man hat diesen Nestern schon lange Aufmerksamkeit geschenkt, und eins davon jagte ehedem einem abergläubischen Gärtner und seinem ganzen Dorfe gewaltigen Schrecken ein. Er fand eine Reihe von Hülsen in der Erde und glaubte nicht anders, als eine Hexe habe sie ihm in sein Feld geworfen. Sein Pfarrer, dem er sie zeigte, und der gleichfalls nichts von der Naturgeschichte wußte, war ziemlich derselben Meinung, und auch der Feldscher, die dann folgende Autorität, wußte keine Auskunft zu geben. Das Ding schien zu sehr von Menschenhänden gemacht und zu zwecklos in die Erde vergraben, als daß es etwas Gutes bedeuten konnte. Als aber der berühmte Physiker Nollet es wagte, die Hülsen aufzurollen und eine große Made herauszuziehen, so erheiterte sich das Antlitz des bekümmerten Gärtners, als wenn er einer großen Gefahr entronnen wäre.

Die Maden, welche bald aus dem Eie schlüpfen, gleichen denen der Hummeln und andern Bienen, spinnen sich, wenn erwachsen, ein bräunliches Gehäuse, (Fig. d) in welchem sie sich noch vor dem Winter verpuppen. Man konnte lange nicht begreifen, wie die Bienen herauskämen, da doch die untersten oder hintersten als die zuerst gebornen auch zuerst auskriechen und so die davor liegenden Puppen zerstören müßten. Die Sache ist aber sehr einfach. Längst vor der Zeit, zu welcher die entwickelten Thiere aus der Erde kommen, sind sie fertig und warten der belebenden, zum Herauskommen auffordernden Sonnenwärme. An die oberste oder vorderste ergeht infolge ihrer Stelle die Einladung zuerst; sie giebt ihr Gehör und macht der nächsten nicht nur Platz, sondern auch durch ihr Gekrabbel das dunkle Bewußtsein klar, daß die Zeit des Wachens und Fröhlichseins nun gekommen sei; und so der Reihe nach bis zu der letzten.

Um dies kleine Thier von seinen ebenso lebenden Verwandten zu unterscheiden, was allerdings nicht leicht, oder wenigstens um sie alle näher zu charakterisiren, diese kleinen Tapezierer, von denen einer sich nicht mit dem Blattgrün wie unserer und die andern begnügt, sondern das Brennroth der Klatschrosen ( Papaver) als Tapete erkoren hat, mögen noch folgende kurze Bemerkungen hier Platz finden. Wie bei der vorigen Gattung sind die Mundtheile auch bei dieser ( Megachile) gebildet, Zunge lang und schmal, Lippentaster zweigestaltig, Kiefertaster zweigliedrig, die Kinnbacken vorn vierzähnig, die wenig getrübten Flügel haben ebenfalls zwei und zwar ziemlich gleiche Unterrandzellen, aber keinen Anhang an der Randzelle, der viergliedrige Hinterleib des Weibes ist rückwärts noch flacher als dort und mit seiner Spitze nach oben gerichtet.

Nun giebt es aber noch einige sehr ähnliche Gattungen, welche mit unserer nicht verwechselt werden dürfen, und welche alle den gemeinsamen Namen der Bauchsammler führen, weil sie den Blütenstaub, den andere als »Höschen« einheimsen, an dem lang- und dichtbehaarten Bauche sammeln. Dahin gehören u. a. die Maurerbienen ( Osmia) durchschnittlich kleinere und schmalere Bienen mit gewölbterem, zum Theil kugeligem Hinterleibe, kürzerer Zunge und viergliederigen Kiefertastern, die Schlupf- oder Scherenbienen ( Chelostoma) mit dreigliedrigen Kiefertastern, zwei Zähnen an den Spitzen der langen Kinnbacken und sehr schmalem Körper, die Löcherbienen ( Heriades) mit am Ende breiten und dreizähnigen Kinnbacken u. a.

Bei unserm gemeinen Blattschneider muß man noch, was das Weib anlangt, darauf achten, ob die langen Sammelhaare am Bauche alle rothgelb aussehen, keine schwarzen untermischt sind und ob die weißen, seitlich verbreiterten Rückenbinden des Hinterleibes zum Theil in der Mitte unterbrochen sind. Die erste ist zu Seitenstreifen verkürzt, die zweite und dritte sind unterbrochen. Die kleineren, noch schwerer zu unterscheidenden Männchen zeichnen sich durch einen auf dem Rücken gewölbten, mit seiner Spitze, dem sechsten und siebenten Gliede unterwärts gebogenen Hinterleib aus, dessen vorletztes einen ebenso vollständigen ( nicht ausgebuchteten oder gezähnelten) Hinterrand hat, wie die vorhergehenden; ebenso sind hier die Fußglieder des vordersten Paares nicht, wie bei andern Arten, erweitert, schwarz gefärbt, kurz und weitläufig gefranzt. Auch beim Männchen ist der Hinterleib mit vier schmalen, mehr gelblichen Binden gezeichnet, deren beide ersten unterbrochen sind.

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