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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 38
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Die Mörtelbiene, gemeine Mauerbiene.

( Chalicodoma muraria)
siehe Bildunterschrift

Weibliche Biene auf einem Neste mit 3 Schlupflöchern und 4 aufgedeckten Zellen, von denen 3 die Puppengespinste und die letzte eine Larve zeigen. (Alles in natürlicher Größe).

Da wir einmal bei den alten Mauern stehen, wollen wir auch noch dabei verweilen, diesmal aber nicht an einer von Lehm, sondern einer dauerhafteren, aus Bruchsteinen aufgeführten; denn nur an solcher läßt sich beobachten, was ich einige Jahre hinter einander sah und hier wiedererzählen will. Doch da fällt mir eben ein, daß vor längeren Zeiten, als ich auf dergleichen Dinge nur flüchtig Acht hatte, ein riesiger Feldstein, in einer verfallenen Kiesgrube gelegen, ganz dieselbe Gelegenheit dargeboten haben würde, wie nach neuerer Erfahrung auch Porphyrbrüche in hiesiger Gegend. Südlich von hier, ganz nahe bei der Stadt, befindet sich ein großes Grundstück, dessen nach Morgen gelegene Ringmauer so weit wenigstens ein aus Porphyr bestehendes Fundament hat, als ein Gebäude auf ihr ruht. An dieser Stelle bemerkte ich den 10. April 1858 im Vorbeigehen einige flachgewölbte, graue Klumpen, anscheinend Kothflecke wie sie muthwillige Knaben zuweilen anwerfen. Bei näherer Besichtigung erkannte ich indeß meinen Irrthum. Die Masse saß fest und war aus feinen Sandkörnern zusammengekittet. Ein kleiner Spaten, wie ihn der Botaniker bei sich führt, war mir zur Hand und diente als Brechstange. Die Arbeit war nicht leicht; denn es mußte Gewalt gebraucht werden, und doch sollte der empfindliche Inhalt, welchen diese Mörtelrinde aller Wahrscheinlichkeit nach barg, möglichst geschont bleiben. Durch vorsichtiges Hämmern bekam der Deckmantel endlich eine kleine Oeffnung, dahinter zeigte sich ein hohler, mit einem weichen Gegenstande ausgefüllter Raum. Vorsichtig wurde mit dem Messer weiter gearbeitet, das Loch vergrößert und ein glasiges, gelbliches Gehäuse zu Tage gefördert, welches deutlich eine vollständige Bienengestalt durchblicken ließ. Auf diese Weise öffnete ich etwa noch sieben Höhlen, die alle von der gemeinschaftlichen Mörtelschicht bedeckt waren, und jede bis auf eine, welche mit Schlupfwespenmaden und dem Kothe der aufgezehrten Bienenlarve theilweise gefüllt war, enthielt solche Cocons wie die erste. Zwei davon umschlossen gelbliche, äußerst welke Bienenlarven, die andern vollkommen entwickelte Bienen. Da einige beim Herausholen zerrissen, so fiel ihr Inhalt heraus; die stark behaarten Thiere waren beinahe ganz trocken und gaben durch Bewegung mit den Beinen Lebenszeichen von sich. Sie waren zweierlei Art, größere durchaus schwarze, selbst die Flügel blauschwarz, nur am Ende des Bauches ein Fleck fuchsroth, die andern, etwas kleineren rothbraun behaart. Letztere die Männer, erstere die Weiber, wie sich meine Vermuthung bald bestätigte. Alles ward eingepackt, mit nach Hause genommen und in die geheizte Stube gebracht. Die Maden vertrockneten allmählich, die in den unverletzten Gehäusen befindlichen Bienen ließ ich liegen bis sie sich nach etwa vierzehn Tagen selbst befreiten, die schon enthülsten, welche bald ziemlich beweglich wurden, betrachtete ich mir etwas genauer.

Zu der oben gegebenen Abbildung eines Weibchens in natürlicher Größe sei erläuternd noch hinzugefügt, daß der breite, platte, mit seiner Spitze mehr nach oben gerichtete Hinterleib und die dunkeln Flügel das hummelähnliche Thier schon so ziemlich charakterisiren. Die Zunge ist lang und schmal, die Lippentaster sind zweigestaltig, d. h. ihre beiden dünnhäutigen, breiten, die Zungen unten umschließenden Grundglieder tragen vor der Spitze des zweiten noch zwei merklich kürzere und seitwärts gerichtete, fadenförmige Glieder. Kinnladentaster zweigliedrig. Oberkiefer (Freßzangen) am Ende sehr breit, vierzähnig, Fühler geknickt, ihre Geißel walzenförmig, nach vorn unmerklich verdickt und an der Spitze abgerundet. Auf dem Scheitel drei glänzende Nebenaugen im Dreieck. Schienen und erstes Fußglied breitgedrückt, besonders an den Hinterbeinen, letzteres länger als die vier folgenden Glieder zusammen, inwendig fuchsroth behaart. Der etwas gewölbtere Hinterleib und ein kleiner Fortsatz an der Spitze der Randzelle, Anhang genannt, unterscheidet diese von der ziemlich artenreichen Gattung Megachile. Das Männchen kennzeichnen folgende Merkmale: Körper bis auf die letzten schwarzen und schwarzhaarigen Hinterleibsglieder rothbraun und gleichfarbig dicht behaart, nur das Gesicht bleichhaarig. Letzte Fühlerglieder etwas von der Seite zusammengedrückt; Freßzangen weniger kräftig, auf der Oberfläche uneben. Flügel schwach getrübt, Hinterleib gewölbt, hinten gerundet und nach unten gerichtet, das letzte Glied in acht schmale, stumpfe, unregelmäßige Zähnchen auslaufend. Schienen und erstes Fußglied nicht zusammengedrückt.

In der zweiten Hälfte des Juni traf ich an derselben Stelle einige schwarze Weiber eifrig beschäftigt mit dem Baue ihrer Nester – Männer kamen mir im Freien nie zu Gesicht. – Unter andern wurde das früher von mir zerstörte als Grundlage eines neuen verwendet. Summend flogen die Bienen auf dem angrenzenden sandigen Fahrwege umher, kneteten mit ihrem Speichel ein Klümpchen Staub zusammen und brachten es von Größe eines Schrotkornes herbeigetragen in ihren Oberkiefern, deren Transportfähigkeit durch Haarwimpern am Außenrande und schwache Aushöhlung an der Innenseite neben ihrer breiten Fläche noch erhöht wird. Der Weg war hier nicht lang, unter Umständen sollen sie aber den Baustoff viel weiter herbeiholen und damit über die höchsten Bäume hinwegfliegen. Wie die Schwalbe klebt nun das Weib von unten nach oben die Mörtelschichten an einander und giebt ihnen mit den Kiefern und Vorderfüßen die gehörige Form. Fängt die Zelle erst an sich zu wölben und Fingerhutgestalt anzunehmen, so steckt es dann und wann den Kopf hinein, als wollte es nachsehen, ob auch inwendig Alles in Ordnung sei. Ohne Unterbrechung geht der Bau vor sich, bis er etwa auf ¾ seiner Höhe herangewachsen ist. Jetzt tritt eine Unterbrechung ein, nicht in der Thätigkeit der sorgsamen Mutter, sondern in der Art derselben. Den Blumen wird nämlich nun der Honigsaft ausgesogen, mit den Haaren, besonders des Bauches der Blüthenstaub gesammelt und herbeigeschafft. Jenen giebt sie wieder von sich, diesen streift sie sorgfältig ab, mischt beide mit einander und füllt mit dem Honigbreie die Zelle bis an den Rand. Sollte sich eine schadhafte Stelle daran zeigen, welche den schweren Inhalt durchsickern läßt, was manchmal vorkommt, so wird sie natürlich gleich ausgebessert. So weit fertig, legt sie ein Ei dazu und beeilt sich nun, den gewölbten Deckel aufzusetzen in derselben Weise wie vorher. Eile thut Noth; denn umherlungernde Schlupfwespen kleinerer Arten benutzen gern die Abwesenheit der Erbauerin, um eine ganze Menge Eier hinzu zu legen, die, wie schon vorher erwähnt wurde und wie man das von der Sorte nicht besser kennt, alle mütterliche Fürsorge so schändlich vereiteln; auch soll der rothe, auf den Flügeldecken stahlblau bandirte Immenkäfer ( Trichodes apiarius), ein Bienenschmarotzer, seine Brut einschmuggeln, was ich zwar nicht selbst beobachtet habe, aber Andern sehr gern glaube. Die fertige, tonnenförmige Zelle hält etwa einen Zoll Länge und einen halben Breite in ihrer Mitte und ist das Werk eines einzigen Tages. Wie weit möchte wohl die Reise gehen, welche das Thierchen unternommen hätte, wenn man alle diese Hin- und Rückwege in eine gerade Linie an einander legen könnte? Bei günstiger Witterung wiederholt sich dieselbe Beschäftigung mehrere Tage hinter einander, nur Regen und Rauhheit der Luft würde Unterbrechungen veranlassen.

In der Regel findet man sechs bis acht Zellen beisammen, ohne bestimmte Ordnung, senkrecht oder schief, je nachdem die Brutstelle diese oder jene Lage gerade erheischte, da die Baumeisterin, welche die Zwischenräume ausfüllt, größere möglichst zu vermeiden scheint. Um das Ganze klebt sie dann noch eine Decke von gröberem Sande, oder vielleicht besser ausgedrückt, sie ebnet die Oberfläche möglichst, so daß man auf ihr eine Vereinigung mehrerer Zellen nicht bemerken kann. Anfangs Juli findet man die Baue beendigt und sieht keine Biene mehr. Wenn ich vorher erwähnte, daß ich mehrere Bienen beim Zurichten ihrer Nester angetroffen hätte, so muß ich hier noch hinzufügen, um jedem Mißverständnisse vorzubeugen, daß ich bisher nur von ein und derselben erzählte, an andern Stellen der Mauer trieben wieder andere gleiche Beschäftigungen; an einem Neste arbeitet aber nur eine. Die Bienen sind nicht gesellig, im Gegentheile, sie feinden sich an, wenn etwa eine der andern in das Gehege kommen sollte. Reaumur giebt darüber höchst interessante Nachrichten. »Während eine arbeitet, erzählt er, kommt manchmal eine andere, welche die Zelle als ihr Eigenthum anspricht und sich nicht selten eine halbe Stunde lang gegen die zurückkehrende Eigenthümerin wehrt. Sie fliegen mit den Köpfen gegen einander und werfen sich zu Boden, wo sie sich wie Fechter mit einander herumtummeln. Manchmal fliegt eine senkrecht in die Höhe und läßt sich plötzlich auf die andere herunterfallen, welche sodann auszuweichen sucht und rückwärts zu fliegen scheint. Endlich ermüdet eine und fliegt davon; ist es die Eigenthümerin, so kommt sie bald wieder zurück, und der Kampf fängt von neuem an. Ob sie sich dabei zu stechen suchen wie die Honigbienen, ist noch nicht beobachtet worden. Geht bisweilen eine Biene während der Arbeit zu Grunde, so ergreift eine andere Besitz. Auch geschieht dieses, wenn ein altes Nest leer geworden ist, weil sich die Eigenthümerin darum nicht mehr bekümmert. Es kommt sodann eine andere, schafft das Gespinst und den Unrath heraus, trägt Futter hinein und schließt die Zelle. Dabei giebt es gewöhnlich Kämpfe.«

Am 1. Februar (1859) öffnete ich abermals ein Nest, in welchem sich acht vollständig entwickelte Bienen fanden, darunter nur ein Weib. In der warmen Stube gaben sie durch schwache Regung der Beine Lebenszeichen von sich, brachten es aber nach acht Tagen noch nicht zum Stehen auf denselben. Fünf Wochen später lieferte ein anderes Nest außer vielen Schlupfwespenlarven zwei Bienenmaden und ein vertrocknetes Weib, wahrscheinlich vom vorigen Jahre und damals unvermögend, sich durchzuarbeiten. Da ich noch keine Puppe gesehen hatte, so untersuchte ich am 15. August einige Nester und muß berichten, welch wunderbare Dinge ich darin fand.

Die meisten Zellen enthielten Schmarotzer und zwar dreierlei Art. In einigen barg das gelbe Seidengespinst, welches die erwachsene Bienenlarve spinnt, eine große Menge kleiner Schlupfwespenmaden. Sie hatten also die schon ausgebildete, zur Verpuppung reife und dazu eingesponnene Bienenlarve aufgefressen. Wie sind sie aber in die Larve gekommen? Diese Frage vermag ich nicht zu beantworten, denn die aus ihnen schon früher einmal von mir erzogenen Schlupfwespen (16 Weibchen und 2 Männchen aus einem Bienencocon), der Familie der Pteromalinen angehörig, ( Monodontomerus Chalicodomae) haben einen so kurzen Legbohrer, daß sie nicht bis zur Larve gelangen könnten, selbst wenn deren steinerne Schutzmauer weich und für sie zu durchstechen wäre. Es bliebe also nur die einzige Annahme übrig: die Schlupfwespe legt ihre Eier neben das Bienenei, jene kriechen erst dann aus, wenn die Bienenlarve ziemlich erwachsen ist, fressen sich in dieselbe hinein, leben in ihr ohne edlere Theile zu verletzen, wie so viele Schlupfwespen in den Raupen, die dabei zur Puppe werden, und zehren sie dann erst vollständig auf, wenn sie bereits ihr Gehäuse fertig gesponnen hat. Welche Berechnung! Nicht von Seiten des unvernünftigen Thieres, sondern des Schöpfers, welcher alles so eingerichtet hat, auf die verschiedenste Weise einem Jeden seine Speise zu bereiten weiß. In andern Zellen lagen in der Regel je sechs, sie ganz erfüllende bräunliche Gehäuse einer etwas größeren Schlupfwespenart, deren Eier ebenfalls mit dem Eie des rechtmäßigen Bewohners in die noch offene Behausung gelegt worden sein mußten. Die daraus entstandenen Larven hatten diesen aufgezehrt, ehe er sich vollkommen entwickelt hatte; denn von seinem Gespinst zeigte sich keine Spur. In einer Zelle lag ganz frei, ohne jegliche Umhüllung, ein Thier, welches ich nicht anders zu deuten vermag, als für eine Pseudochrysalide des Oelkäfers. Es ist aus 12 weißen, stark abgesetzten Ringen gebildet, hat ein horniges, vorstehendes Köpfchen, horniges Hinterleibsende, beide von wachsgelber Farbe, und keine Beine. Einige Zellen enthielten die schon früher gefundenen Bienenlarven, eingesponnen in ihr Gehäuse, eine eine männliche Puppe, welche in der Grundfarbe dem vollkommenen Männchen gleichkommt. In vier Zellen endlich fand ich zu meiner nicht geringen Verwunderung zwar noch etwas feuchte, aber lebendige männliche Bienen. Dem noch bis zur ersten Hälfte des August so heißen und überaus trockenen Sommer (1859), welcher bis zum 24. August schon Maikäfer gezeitigt hatte, gebe ich Schuld, daß diese Bienen ebenfalls schon fix und fertig und dazu verurtheilt waren, lebendig bis in den April des kommenden Jahres hinein in ihren steinernen Gefängnissen eingemauert zu bleiben; denn ich kann mir nicht denken, daß sie nach der regelrechten Entwickelung 8 volle Monate im Besitze aller Werkzeuge sein sollten, welche sie zu ihrer vollen Freiheit gebrauchen, deren sie sich schließlich kaum während zweier erfreuen.

Seit jener Zeit ist die Mauerbiene an der bezeichneten Stelle vollständig verschwunden, woran die häufige Zerstörung ihrer Nester die Hauptschuld tragen dürfte.

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