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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 37
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Die gemeine Goldwespe.

( Chrysis ignita)
siehe Bildunterschrift

Alte, von der Sonne beschienene, besonders gegen Morgen gelegene Lehmwände, mögen sie in ihrem Aussehen den Schönheitssinn auch etwas verletzen, bieten ein außerordentlich reges Insektenleben und Gelegenheit zu interessanten Beobachtungen; sind sie nun gar noch von morschem Balkenwerke durchzogen und mit einer Art von Dach aus gleichmäßig am Rande abgehackten Strohlagen versehen, wie man sie bei uns zu Lande öfter antrifft, so kann sich der Sammler von Aderflüglern gar keinen geeigneteren und fruchtbareren Fangplatz wünschen. Von den kleinen, kaum eine Linie an Länge übertreffenden Grabwespen ( Lindenius, Crossocerus etc.) an bis zu den Mauerwespen und hummelähnlichen Bienen sind die verschiedensten Größen und Formen sichtbar, und Vertreter aus beinahe allen Familien der Immen zu haben, Fliegen, Käfer und andere Insekten gar nicht eingerechnet. Große und kleine Löcher, frei oder mit angesetzten Röhrchen aus durchbrochener Arbeit, dienen geschäftigen Thierchen als Ein- und Ausgänge, selbst die Strohhalme des Wetterdaches bieten den schmächtigsten unter ihnen willkommene Brutplätze. Ein äußerst zierliches, schwarzes, den Zehrwespen verwandtes Insekt wird mir unvergeßlich bleiben. Es zeichnet sich durch keulenförmigen, seitlich stark zusammengedrückten Hinterleib, durch breite, ebenso gestaltete Hinterschienen und kurze, dicke Fühler aus und führt den Namen Gichtwespe, ( Foenus assectator). In großen Mengen schwebte diese außerordentlich elastisch dicht an einer Mauer hin, und da ich mit einem weithalsigen Gläschen (Schröpfkopfe) versehen war, faßte ich eine und die andere von ihnen ab, weil mir ihr Flug so viel Vergnügen verursachte. Sie schwebte nämlich in dem kleinen Glasgefäße genau so, wie in freier Luft, umher. Nie sah ich sie an die Wände desselben anstoßen, so oft ich auch Gelegenheit dazu gab. Doch dies nur beiläufig. Vielmehr wollte ich die Aufmerksamkeit des geneigten Lesers abermals auf eine Wespe, und zwar einmal auf eine nicht stechende hinlenken, die sich ebenso durch ihre prächtigen Farben, wie durch ihre Schlauheit vor den andern Bewohnern der Mauer oder des alten Holzwerkes hervorthut. Durch jene fällt sie sogleich in die Augen und dürfte kaum jemandem ein Fremdling sein, von dieser, der Schlauheit nämlich, kann sich jeder leicht überzeugen, der ihr nur kurze Zeit zu opfern bereit ist.

Die Goldwespe wird von vielen Leuten für eine Fliege gehalten, da sie in Gestalt und Größe unserer Stubenfliege nicht ganz unähnlich und in alten Gebäuden, besonders auf dem Lande, auch ziemlich häufig sich an den Fenstern umhertreibt wie diese, sie hat aber vier Flügel und gehört ihrem Baue und der Lebensweise nach zu den Immen. Umstehende Figur vergegenwärtigt uns, stark vergrößert, im allgemeinen ihre Gestalt, die wirkliche Größe schwankt zwischen 5,16 bis 11 mm. In allen ihren Theilen ist sie gleich breit und grob punktirt. Der ziemlich viereckige Brustrücken ist mäßig gewölbt, hinten mit ausspringenden Ecken versehen und nebst dem Kopfe blau, blaugrün oder in Mischung blau und grün gefärbt, zwei Farben, welche bei manchen Insekten in einander übergehen oder sich gegenseitig vertreten. Der gleichbreite Hinterleib besteht aus nur drei Gliedern, von denen das letzte am abgerundeten Hinterrande vierzähnige vor diesem durch eine Querreihe grober Punkteindrücke in zwei Abschnitte getheilt erscheint. Sein von einem schwachen Längskiele durchzogener Rücken ist roth gefärbt mit Feuer-oder Goldglanze, der hohle Bauch auf blauem oder grünem Untergrunde schwarzfleckig. Beim Weibe ragt nach hinten noch ein kleines Spitzchen hervor, die wie ein Fernrohr ein- und ausschiebbare Legröhre. Die Beine haben die Farbe des Bruststückes, die Flügel wenig dicke, braune Adern und bräunliche Trübung. Sie liegen stets platt und geschlossen dem Rücken auf, während die stark geknickten, tief angehefteten und gekräuselten Fühler sich in fortwährend zitternder Bewegung befinden. Nehmen wir dies goldig gepanzerte Thierchen zwischen die Finger, so scheint eine plötzliche Verwandlung mit ihm vorgegangen zu sein: Fühler und Beine sind verschwunden, eingeschlossen von dem hohlen Bauche, der sich vorlegt, so daß das Leibesende noch den halben Kopf bedeckt, und wir haben eine Kugel in der Hand. Wie der Igel und eine Art von Asseln, so sucht auch die Goldwespe durch Zusammenrollen sich zu schützen und ihren wirklichen oder vermeintlichen Feind irre zu leiten; denn sowie sie sich frei von Druck fühlt, ist sie die vorige wieder und fliegt davon.

Was treiben sie doch an jener Mauer? Lustwandeln sie im wonnigen Sonnenscheine, oder gehen sie auf Beute aus? Das erstere mag sein, bleibt für die Weibchen wenigstens aber nur Nebensache. Diese haben, wie alle mütterlich gesinnten Weiber, mehr zu thun als spazieren zu gehen und an sich zu denken. Obgleich sie ganz sorglos scheinen, sind sie doch einzig auf das Wohl ihrer Nachkommen bedacht. Die Schlupfwespe bohrt eine Raupe an und legt ihr Ei in oder an dieselbe, die Sandwespe baut eine Höhle, schleppt mit ungeheuren Kraftanstrengungen Spinnen, Fliegen u. a. herbei und vergräbt sie mit ihrem Eie im Neste, die Biene trägt Honig und Blütenstaub in die Zelle, die Wiege ihrer Brut. Nichts von alledem die Goldwespe. Neugierig steckt sie höchstens den Kopf einmal in ein kleines Loch, mit welchen die Mauer gespickt ist, und zieht ihn so schnell wieder hervor wie sie ihn hineingebracht hatte. Ein paar Zoll entfernt davon setzt sie sich hin wie auf die Lauer. Sieh da! Eine Mauerwespe kommt herbeigeflogen auf eben jenes Loch zu, kriecht hinein, verweilt etwas länger, schiebt sich rückwärts wieder heraus und – geht ab. Kaum ist sie weg, so erscheint unsere Goldwespe von neuem, steckt den Kopf hinein und nimmt ihren vorigen Platz wieder ein. Von der andern Seite kommt eine Schwester heranspaziert. Sofort ist sie wieder da, jagt diese davon und nimmt ihren alten Posten wieder ein. Die Mauerwespe läßt sich abermals sehen, besucht ihre Wohnung und arbeitet, wie sich deutlich zeigt, an deren Verschlusse. Ihr Ei hat sie also gelegt und Nahrung für die künftige Larve daneben. Der Baustoff ist zu Ende und sie muß neuen Vorrath herbeischaffen. Alles sieht die Goldwespe mit an, erscheint wieder am Loche, steckt den Kopf hinein, dreht sich aber schleunigst um, kriecht rücklings hinein und so weit zurück, daß ihr Kopf kaum noch an der Mündung sichtbar. Das war der Augenblick, den sie abgewartet hatte, um der betrogenen Mauerwespe ihr Kukuksei in das Nest zu legen. Ihre Arbeit ist beendet, und sie hatte ruhig ihren vorigen Platz wieder eingenommen, auch schon die Schwester zum zweiten Male fortgejagt, ehe die rechtmäßige Eigenthümerin mit neuem Mörtel zurückgekehrt war. In der Weise treibt sie es noch eine Weile fort, bis sie in dem beinahe fertigen Verschlusse die Bürgschaft für die Sicherung ihres Eies erkennt, und fliegt dann weiter, um an einer andern Stelle ihre Schlauheit in gleicher Weise auf Kosten einer andern Mauerbewohnerin an den Tag zu legen. Die nesterbauenden Wespen kennen ihre Feindin recht wohl und wissen sich fürchterlich an ihr zu rächen, wenn es eine einmal versieht. Einst hat man beobachtet, daß eine Mauerbiene, welche eine Goldwespe in ihrem Baue überraschte, ihr die Flügel abbiß und sie dann zum Flugloche hinauswarf. –

So also treibt's diese gleißnerische Sekte, die unter den Immen dasselbe sind was der Kukuk unter den Vögeln. Wie dieser sich nicht an ein und dieselbe Art hält, so auch die Goldwespe; vor allem sucht sie die Nester der verschiedenen Mauerwespen ( Oedynerus) auf. Sie steht auf der Lauer, unterrichtet sich von der Beschaffenheit eines jeden und findet sie einen fertigen Bau, so legt sie ihr Ei hinein. Lebendig geworden, zehrt die Larve von alle dem, was sie vorfindet, und geberdet sich vollständig wie die rechtmäßige Eigenthümerin des Nestes, verpuppt sich endlich, und im nächsten Jahre erscheint keine Mauer-, sondern eine Goldwespe aus der mühsam von jener hergerichteten Behausung. Mögen die verschiedenen Goldwespen die verschiedensten andern Insekten um ihre Brut betrügen, immer werden mit Stachel bewaffnete Immen von ihnen hintergangen, darin liegt für sie das Gefährliche ihres Handwerkes, darum ihre Schlauheit, darum ihr harter Panzer und das Vermögen sich zu kugeln, darum vielleicht die glänzenden, blendenden Farben; denn alles, selbst das Kleinste in der Natur ist vom allweisen Schöpfer nicht umsonst gerade so angeordnet, alles hat seinen Zweck, wenn wir auch oft weit davon entfernt sind, die Einrichtung richtig zu deuten, den wahren Zweck zu erkennen!

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