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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 31
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Der gelbbeinige Mikrogaster, ein Schmarotzer der Kohlweißlingsraupe.

( Microgaster glomeratus)
siehe Bildunterschrift

a. Larve, b. Kohlenweißlingsraupe mit Puppengehäusen der vorigen, c. Wespe (vergrößert, außer b).

Je gemeiner in einem Jahre die allbekannte Raupe des Kohlweißlings ist, desto häufiger treffen wir sie wie brütend (Fig. b) auf einem Haufen gelber – Eier, so meint wenigstens der Theil der Landleute, welcher die Sache nicht besser versteht. Wer es aber weiß, daß die Raupen niemals Eier legen, muß schon jene gelben Körperchen für etwas Anderes halten. Bei näherer Betrachtung erinnern sie uns sofort an winzig kleine Gehäuse, und so ist es in der That. Tage lang kann die Raupe darüber sitzen, ohne zu sterben. Warum sollte sie auch, könnte man fragen, sie hat ja nichts mit ihnen gemein, sie sitzt ganz unabhängig von ihnen darauf! Mag sein, aber sie hat dieselben – geboren. In ihr lebten kleine weiße, fußlose, zwölfgliedrige Maden, nährten sich auf ihre Kosten, jedoch mit Vorsicht; denn sie schnitten ihr den Lebensfaden nicht ab, sie hielten sich an solche Theile, ohne welche sie bestehen, ja anscheinend im besten Wohlsein bestehen konnte. Sie hatte dabei guten Appetit, wuchs und zeigte in jeder Hinsicht keine Spur von Mißbehagen. Jetzt kommt die Zeit, wo man meinen sollte, sie würde sich verpuppen; sie sitzt ruhig da, hat aber keine Lust, die üblichen Vorkehrungen zu treffen. Da nagt und zwickt es von innen nach außen an ihrer Hülle. Siehe da, eine Made bohrt sich mit dem Kopfe hervor, reckt und streckt sich, zieht sich wieder zusammen, dreht und wendet den Kopf, und kaum hat sie sich zur Hälfte hervorgearbeitet, so fängt sie an zu spinnen die gelbseidenen Fäden, in denen sie auch schon so ziemlich verborgen ist, ehe das Ende ihres Leibes seine Geburtsstätte verlassen hat. Sie ist nicht die einzige, drüber und drunter, daneben rechts und links sind ihre Brüder mit gleichem Vorhaben beschäftigt. Das muß die arme Raupe ruhig ertragen, sie muß sich ihre Haut von fünfzehn und mehr dieser kleinen Barbaren durchbohren lassen und kann doch noch nicht sterben. Wie schützend sitzt sie Tage lang auf der sorgsam gepflegten, feindlichen Brut, bis die Lebenskraft allmählich abnimmt und zuletzt ihre vertrocknete Haut allein noch übrig ist. Grausames Spiel der Natur, und nirgends grausamer als in der Insektenwelt, wo das Morden in den qualvollsten Formen, die ausgesuchtesten Todesarten ganz in der Ordnung sind! Es währt nicht lange, so verwandeln sich die angesponnenen Larven in Püppchen, bis auf die gewöhnlichen Unterschiede, d. h. die hellere Farbe und unentwickelten Flügel, der vollkommenen Zehrwespe ähnlich, die erst dann das Licht der Welt erblickt, wenn neue Raupen vorhanden sind, in denen sie sich fortpflanzen kann.

Die Raupe des Kohlweißlings ist nicht die einzige, welche auf diese Weise heimgesucht wird, andere ernähren wieder andere Schmarotzer, entweder genau in derselben oder auch in veränderter Weise. So finden wir die Schwamm- und Kiefernraupe, Ungeziefer, welches wir später noch näher kennen lernen werden, beinahe ganz bedeckt mit mehr denn hundert gelben oder weißen Gespinsten, manche Eulchenraupen geradezu verwandelt in ein lockeres Knäulchen weißer Wolle, dessen Kern so und so viele, dicht zusammengedrängte, ihrer Verwandlung unter dem Wollschutze entgegen harrende Maden bildet. Es würde zu weit führen, eine ausführliche Beschreibung der Larven zu geben; nach den Beobachtungen Ratzeburg's scheint es fest zu stehen, daß sie auf den verschiedenen Altersstufen verschiedene Formen haben und sich allmählich erst vervollkommnen. Fig. a stellt eine ausgewachsene dar, welche sich zum Einspinnen bereits herausgefressen hat.

Das Wespchen selbst hat von den Kundigen den Namen Microgaster glomeratus erhalten, der sich etwa mit »geselliger Kleinbauch« verdeutschen ließe. Da es jedoch sein Bedenken hat mit derartigen Uebertragungen, und der von Latreille aufgestellte Gattungsname füglich beizubehalten ist, wurde die Art als » gelbbeiniger Mikrogaster« vorgeführt, eine Bezeichnung allerdings, die wenig besagt, da gelbe Beine bei den ungemein zahlreichen Arten dieser Gattung öfter vorkommen. Der Körper ist glänzend schwarz, die Taster, die Beine, mit Ausschluß ihrer schwärzlichen Hüften und der schwarzen Hinterkniee, und der Bauch sind rothgelb. Das große Flügelmal ist hellbraun gefärbt und von Unterrandzellen nur die erste vollkommen geschlossen. Die noch weiter anzuführenden Merkmale erstrecken sich auf die ganze Gattung Microgaster und bestehen in vollkommen geschlossenem Munde, einem anhangenden, d. h. vorn nicht stielartig verlängerten Hinterleibe, der kürzer als der Mittelleib ist und den Legbohrer beim Weibchen nur als sehr kurzes Spitzchen heraustreten läßt, im Mangel zweier scharfer Seitenfurchen auf dem Mittelrücken und in verhältnißmäßig kräftigen, nicht gebrochenen Fühlern, welche aus achtzehn, allerdings schwer zu zählenden Gliedern zusammengesetzt sind. Zu alle dem kommt noch der eigenartige Aderverlauf auf den Vorderflügeln: eine geschlossene Randzelle fehlt gänzlich, indem die sie bildende Ader gänzlich fehlgeschlagen ist oder nur als kurzes Aestchen auftritt, von Unterrandzellen ist die erste immer vorhanden, die zweite fehlt oder erscheint in Form eines kleinen, gestielten Dreieckchens, ist, wie man sich auszudrücken pflegt, steigbügelförmig, und die dritte infolge der sehr verwischten Unterrandader kaum bis zum Flügelsaume fortgesetzt. Eine zweite rücklaufende Ader fehlt in den Vorderflügeln aller Familiengenossen der Braconiden, welchen unser Mikrogaster angehört. Er hat, wie bereits erwähnt wurde, einen geschlossenen Mund, es kommen aber auch solche Verwandte vor, bei denen sich zwischen Kopfschild und Kinnbacken ein kreisrundes Loch zeigt, und noch andere, bei denen sich die Kinnbacken nach außen biegen und sich überhaupt nie mit ihren Spitzen berühren können.

Hat unser Wespchen die eben beschriebene Form in seinem Puppengespinste angenommen, so nagt es das Tönnchen in der Weise ringsum entzwei, daß es durch ein Deckelchen herausschlüpft, wenn es in dieser als Puppe wirklich vorhanden war. Das ist aber noch die Frage; denn in diesem kleinen Wesen haust mitunter noch ein kleinerer Schmarotzer-Schmarotzer, ein Aftermiether, der seine Eier, je eins, in die Gehäuse legte und seine Entwicklungsstufen in ziemlich kurzer Zeit vollendete. Er kommt dann durch ein winziges Flugloch aus jenem, und man findet darin in der Regel noch Reste der Larve oder Puppe des Mikrogaster und seine eigene Puppenhaut. Die Natur scheint sich hiermit noch nicht begnügen zu wollen, man hat sogar beobachtet, daß Schmarotzer des dritten Grades vorkommen. Da nimmt nun freilich die Beobachtung mehr als um das Dreifache an Schwierigkeiten zu, darum zunächst genug hiervon.

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