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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 30
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Die Kaprifikation der Feigen.

In der etwa achtzehnhundert Jahre alten Naturgeschichte des Plinius lesen wir u. a. folgende Stelle: »Es ist zu bewundern, wie schnell die Feige reift, und wie künstlich die Natur bei ihr vor allen übrigen Früchten in Absicht ihrer Zeitigung zu Werke geht. Ein gewisser Feigenbaum, der bei uns Caprificus (zu deutsch »Geisfeige«) heißt, bringt seine Früchte selbst nie zur Reife, giebt aber andern Bäumen, was er selbst nicht hat. Denn die Natur lenkt die Kräfte, wohin sie will, und sogar in der Fäulniß findet sie Stoff zur Zeugung. Dieser Baum bringe Mücken hervor, welche, weil sie ihre Nahrung in der schon verfaulten Feige, worin sie geboren werden, nicht finden, zu deren Verwandten, nämlich den zahmen Feigen überfliegen, diese emsig benagen, oben begierig ein Loch einfressen, hineinkriechen, die Sonnenwärme gleichsam mit hineinnehmen, und der Luft, welche die Reife bewirkt, dadurch einen offenen Eingang verschaffen. Darauf verzehren sie den Milchsaft, der die Reife verhindert und die Feige gleichsam in der Kindheit erhält. Er verliert sich zwar auch von selbst, aber man setzt doch vor jeder Feigenpflanzung einen wilden Feigenbaum und richtet sich rücksichtlich der Stelle, wo er stehen soll, nach dem Windstriche, damit der Zug der Luft diese Insekten, sobald sie ausfliegen, auf die Feigen hintreibe. Ja man ist auf die Erfindung gekommen, daß man sie von anderen Orten herholen läßt und haufenweise auf die Feigenbäume hinschüttet. Bei einem magern und den Nordwinden ausgesetzten Boden hat man diese Umstände nicht nöthig; denn hier trocknen die Feigen infolge der Lage von selbst und bekommen eben solche Oeffnungen, wie die Mücken machen, und dieses geschieht auch in solchen Gegenden, wo viel Staub ist, besonders an Heerstraßen, wo ein starker Verkehr ist; denn der Staub trocknet und verzehrt eben den Milchsaft. Bringt man die Feigen durch den Staub oder durch die Kaprifikation zur Reife, so hat man den Vortheil, daß sie nicht abfallen; denn der Saft, welcher sie schwer macht und leicht abbricht, wird weggeschafft.«

Abgesehen von der jener Zeit eigentümlichen Anschauungsweise, die uns vom heutigen Standpunkte der Wissenschaft aus mehr als naiv erscheint, erfahren wir hier – noch ältere Schriftsteller gedenken desselben Gegenstandes – daß die alten Griechen sich ein Insekt, wie wir jetzt wissen, eine Gallwespe zu Nutze machten, um wohlschmeckendere und reichlichere Feigen zu ernten. Bis heutigen Tags nimmt man die Lebensweise dieses Thierchens in Anspruch zu demselben Zwecke wie vor Tausenden von Jahren. Da es uns hier zu Lande nicht begegnet, so genüge nur zu wissen, daß es sehr klein und buckelig ist, dicke, kurze, etwas verzweigte Fühlhörner hat und Feigengallwespe ( Cynips Psenes L., Blastophaga grossorum Grav.) heißt. Eine andere Art ( Cynips Sycomori L., Sycophaga Sycomori) lebt an der Sycomore und bewirkt an ihr dasselbe, was jene an der Feige.

Wie nun, fragt es sich, fängt es der Landmann in Griechenland an, mittels dieses Insektes seine veredelten Feigen zur Reife zu bringen, und wodurch mag es diesem gelingen, den Frauen und Mädchen ihre Arbeit zu lohnen? Es ist mancherlei und zum Theil Unklares über diesen Gegenstand geschrieben worden; wir folgen im Wesentlichen den Mittheilungen eines ebenso bewährten Beobachters wie anerkannt tüchtigen Entomologen, welcher auf der Insel Leros sich selbst unter die, das Geschäft der Kaprifikation einleitenden Mädchen und Frauen mischte und beobachtete, so gut er konnte, da die Antworten auf die an jene gerichteten Fragen nur sehr ungenügend ausfielen. Da die Vorräthe von wilden Feigen, erzählt Prof. Löw (Stett. Entom. Zeitung 1843 S. 66 u. f.), mit deren Hilfe die künstliche Kaprifikation bewirkt wird, erschöpft waren, ging es zuerst nach dem gegenüberliegenden Bergabhange zu einigen wilden Feigensträuchern, um neue Vorräthe zu sammeln. Schon nach flüchtiger Ansicht einiger oder schon einer einzigen Frucht war immer entschieden, ob man von diesem Strauche pflücken wolle, oder nicht. War einer gewählt, so wurde er ohne weitere Untersuchung aller seiner Früchte beraubt, so weit sie mit Leichtigkeit zu erlangen waren. Der Augenschein belehrte mich von der Sicherheit dieses Verfahrens. Die jetzt, nach Mitte Juni, kaum mehr als halbreifen Früchte des wilden Feigenbaumes lassen gar leicht schon äußerlich das Stattfinden der Kaprifikation wahrnehmen. Die oben in der Feige befindliche, fast sternförmige Oeffnung schließt sich nämlich, wenigstens bis zu diesem Grade der Reife, bei den von der Gallwespe besetzten nie so vollkommen als bei den unbewohnten. Wenn aber einige Früchte eines Feigenbaumes kaprificirt sind, kann man nach dem, was ich auf Leros sah, mit großer Bestimmtheit darauf rechnen, alle oder doch fast alle Früchte so zu finden, während sie auf oft nicht entfernt stehenden Sträuchern ebenso ausnahmslos unberührt sind. Ich habe mich davon durch das Oeffnen vieler Feigen überzeugt, ich fand in allen das kleine Insekt vollkommen ausgebildet vor.

Nachdem ein genügender Vorrath wilder Feigen gesammelt worden war, ging es mit lautem Jubel zu den riesigen Feigenbäumen des Gartens zurück. Binsenhalme lagen noch in Menge bereit. Mit ihnen wurden die wilden Feigen durchbohrt, an ihren Enden je eine festgebunden und in möglichst gleichen Entfernungen die untersten Aeste mit solchen Feigenpärchen behangen. Dann belud man die höheren und zuletzt höchsten Zweige unter fortwährenden Scherzen durch geschickte Würfe fast ebenso gleichmäßig. Laut war allemal der Jubel, wenn ein ungeschickter Wurf den vorher bezeichneten Zweig nicht erreichte und das Pärchen der wilden Feigen wieder herabfiel, oder weit von der beabsichtigten Stelle hängen blieb. Weil die Feigen einen Theil des Reichthums von Griechenland ausmachen, so verwenden die Einwohner große Sorgfalt auf deren Pflege und wissen genau die Zeit, zu welcher sie die eben beschriebene Arbeit vorzunehmen haben, ohne etwas Näheres über die Natur des Gallinsektes angeben zu können, als daß es dann, wie einmal die Erfahrung gelehrt, an die Früchte des veredelten Baumes geht. Aus freiem Antriebe geschieht dies nur einzeln und sehr unvollkommen, warum? mag aus Folgendem entnommen werden. Das Schwärmen der Wespen fällt jedenfalls zu einer Zeit, wo die Früchte der wilden Feige, welche sich beiläufig sehr ungleichmäßig ausbilden, ihrer Mehrzahl nach in dem Zustande der Entwickelung begriffen sind, wie ihn jene zum Ablegen ihrer Eier gebrauchen. Er ist aber ein entschieden andrer, als der durch die Kultur und die beständig angewandte künstliche Kaprifikation veränderte der veredelten Bäume. Damit diese nun aber einen Vortheil durch das Insekt ziehen, wird es in der angegebenen Weise auf sie verpflanzt. Was ist nun die Folge davon? Die aufgehängten wilden Feigen, welche, wie oben erwähnt, das vollkommene Insekt in größerer oder geringerer Anzahl enthalten, fangen in der heißen Jahreszeit bald an zu trocknen und einzuschrumpfen und hören dadurch auf, ihren Einwohnern ferner ein gemüthlicher Aufenthaltsort zu sein, was sie noch länger geblieben sein würden, wenn man die Feigen auf ihren Sträuchern hätte fortwachsen lassen. Sie brechen also hervor, paaren sich und legen ihre Eier an die Früchte der veredelten Bäume, die jetzt in dem Zustande der Entwickelung sein mögen, wie die der wilden erst in einigen Monaten. Ehe sich aus dieser zweiten Brut die vollkommenen Insekten entwickeln können, sind die Feigen reif, und somit gehen diese zu Grunde bis auf wenige einzelne in den gegen die andern zurückgebliebenen Früchten.

Man hat sich abgemühet, den Einfluß, welchen die Wespenlarven auf die Feigen eigentlich ausüben, um ihre Größe und den Wohlgeschmack zu erhöhen, in das rechte Licht zu stellen, und ist nach dem Vorgange des Plinius auf allerlei sonderbare Gedanken verfallen. Die Sache scheint mir sehr einfach, wenn man die Natur der sogenannten Frucht gehörig würdigt und die von andern Wespen verursachten Gallenauswüchse damit vergleicht. Die Feige hat in ihrem Baue viel Aehnliches mit unsern sogenannten Erdbeeren. Beide sind im Sinne des Botanikers keine Früchte, sondern fleischige Fruchtboden, d. h. Unterlagen derselben. Die kleinen Körner, welche im Fleische der Erdbeeren stecken und vielfach auf dem Grunde der Gefäße liegen, in denen man sie einzuckerte oder zu den beliebten und erquickenden »Kalteschaalen« verarbeitete, sind der Pflanze Früchte. Wie sie hier die Außenfläche spicken, so bei den Feigen die innere Höhlung. Wenn man nun erwägt, daß der Stich einer Eichengallwespe ein Ei und eine Larve, als Folge davon nach und nach einen kugeligen Gallapfel, gefüllt mit saftiger Zellenmasse von der Größe einer sehr großen Weinbeere erzeugt, warum sollte nicht die Verwundung eines Pflanzentheils, der an sich schon den Trieb einer üppigeren Vegetation in sich trägt, wie die Feige, und die größere Anzahl der darin lebenden Larven einen gleichen Einfluß üben und den Zudrang des Saftes und bedeutendere Fleischablagerung ganz besonders begünstigen? So kommt die Feige zur Reife, wird groß und wohlschmeckend und das Alles unter Mithilfe eines kleinen, unscheinbaren Insekts, von welchem das Wohl und Wehe der Ernte ebenso, aber im umgekehrten Sinne abhängt, wie bei uns von der Spanne, dem Pfeifer, der »neuen Kornmade« und anderem Gelichter!

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