Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ernst Ludwig Taschenberg >

Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 29
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
Schließen

Navigation:

Die Rosen-Gallwespe.

Man hat in neuester Zeit den Gallen ganz besondere Aufmerksamkeit geschenkt und sie nach ihrer Beschaffenheit in verschiedene Gruppen eingetheilt. Indeß darf man nicht meinen, daß sie alle von Gall wespen herrühren, viele, beispielsweise an den Weiden, die zwiebelförmigen an den Buchenblättern, verdanken Gall mücken ihren Ursprung, andere rühren von Blattläusen her, wie die etwas gedrehten Knoten an den Stielen der Pappelblätter, die mächtigen Blasen an den Rüstern. Reich an Wespengallen sind unsere Eichen. Wer kennt nicht die kugelförmigen, häufig schön rothbäckigen Galläpfel an der Unterseite der Eichenblätter, die Wohnungen der stark behaarten Eichen-Gallwespe ( Cynips scutellaris)? Im Jahre 1857 fanden sie sich in der Elberfelder Gegend so häufig, daß junge kräftige Eichenbüsche in einiger Entfernung den Eindruck eines in Ueppigkeit prangenden Weinstocks machten; an fünf Blättern zählte man 30 Stück, ja an einem besonders großen Blatte sogar 20 Stück ansehnlich entwickelter Gallen. An den Aesten sitzen gleichfalls solche, aber holzige und fast noch größere Kugeln, welche von einer unserer größten heimischen Gallwespe der Cynips Kollari herrühren, die sich von denen, welche in der Levante die zur Färberei und Tintenfabrikation verwendbaren, allgemein bekannten »Galläpfel« bewohnen, nur sehr schwer unterscheiden läßt. Am Ende junger Eichentriebe fallen bisweilen wie Hopfenzapfen gebildete grüne Auswüchse auf, in deren Mitte sich ein eiförmiger Holzkern mit der Made ( Cynips fecundatrix) befindet. Noch eine andere, erst schwammige, oft schön rosenroth gefärbte, später holzige Galle an demselben Baume rührt wieder von einer andern Wespe ( Teras terminalis) her, die hier, wie die Rosen-Gallwespe, in ganzen Gesellschaften beisammen wohnt. Noch viele andere, kleinere, besonders den Knospen entspringende Gallen übergehe ich hier, weil sie weniger in die Augen fallen und, um gefunden zu werden, einen Kennerblick voraussetzen. Auch die knotigen Auftreibungen an den Stengeln verschiedener Kräuter rühren mehrfach von Gallwespen her. Weiteren sorgfältigen Beobachtungen ist für diese Gebilde und die Lebensweise der Thiere noch ein großes Feld offen gelassen, besonders weil eine Menge von Schlupfwespen, welche den Gallwespen-Larven nachgehen, leicht Unsicherheit und Verwirrung in die Beobachtungen bringen können. Die mitteleuropäischen Eichengallen in Wort und Bild von Dr. Gustav L. Mayr in Wien, ist der Titel eines Werkchens, welches durch gute Abbildungen und Beschreibung der Gallen diesem Studium gut zu statt kommt. Auch die »Einmiethler« dieser Gallen und die Torymiden, eine Zehrwespenfamilie, deren Glieder häufig als Schmarotzer in jenen leben, sind gleichfalls von demselben fleißigen Verfasser bearbeitet worden. (Bezüglich 1872 und 1874 in den Verhandl. der zoolog., botan. Gesellschaft in Wien).]

( Rhodites Rosae)
siehe Bildunterschrift

a. Galle und Wespe in natürlicher Größe. b. Geöffnete Larvenkammern mit den Larven. c. Weibliche Wespe (b und c vergrößert).

Die wie mit Moos überzogenen Knoten an den wilden Rosenstengeln, wie sie Fig. a darstellt, sind unter verschiedenen Namen bekannt und in jenen Zeiten sogar officiell gewesen, wo man noch Pflanzen wegen ihrer sonderbaren Formen für wirksam gegen allerlei Krankheiten hielt. Als »Schlafäpfel« wurden sie den Kindern unter den Kopf gelegt, wenn sie unruhig schliefen.; als » Bedeguar« (vom Arabischen » bedeguach«, was so viel heißt wie: in der Menge des Hervorbrechens) wendete man sie in Pulverform gegen Würmer, Ruhr, Skorbut und wer weiß gegen welche noch andere Beschwerden an. Ich kenne sie aus meinen Kinderjahren nur unter dem Namen Rosenkönig und erinnere mich bei ihrem Anblicke stets einer wieder ganz andern, sehr eigenthümlichen Verwerthung. In Schul-Pforta nämlich herrschte die Sitte, – wahrscheinlich noch bis heute, – daß beim Einzuge der Schüler in die Klostermauern zurück, als Schlußfeierlichkeit des alljährlich im Herbste Statt habenden, zweiten »Bergtages« die Abiturienten ihre Mützen mit je einem Rosenkönige schmückten, welchen der betreffende »Untergeselle« für seinen Obern in dem neben dem Tummelplatze anmuthig gelegenen Gehölze aufgesucht hatte. Kein anderer hätte gewagt, jenen Pflanzenauswuchs an seiner Kopfbedeckung zu befestigen, welcher nach alt herkömmlichem Brauche nun einmal zum Abzeichen einer Würde erhoben war, auf die ein Jeder sich etwas einbildete. Weder damals als ich das Abzeichen einem jener Glücklichen darbrachte, noch später wie ich es als solcher selbst tragen durfte, dachte ich daran, wem wir eigentlich die zierliche Kokarde zu verdanken hätten; jetzt weiß ich es und will es verrathen.

Vom April an bis in den Sommer hinein stellen sich an den wilden Rosensträuchern, besonders den kleineren, etwas dicht stehenden, unscheinbare Thierchen ein, die einen gewandt und lebhaft – es sind die Männchen –, die andern etwas größeren, stets mit vorgestreckten Fühlern vorantastend, kriechen träge an den Zweigen umher, scheinen, aus dem häufigen Herabfallen zu schließen, auch ziemlich ungeschickt zu sein, doch sind sie es keineswegs, wie wir uns sogleich überzeugen werden. Eins – ein solches Weib nämlich – sucht offenbar etwas, sein Hinterleib erzittert, hebt sich ein wenig und klafft auf einmal hinten weit aus einander in eine schmälere untere und breitere obere Hälfte, so daß die Spalte zwischen beiden beinahe einen rechten Winkel bildet. Die scharfe Spitze jener sticht in das Aestchen und ein feiner Bohrer, der aus der Spalte hervorragt, sucht dieselbe Stelle. Die Sache ist noch nicht in Ordnung; denn das Thier geht weiter und wiederholt diese sonderbare Geberde an andern Stellen. Du wirst meinen, es lege seine Eier, das sei klar. Kann sein, vielleicht setzte es aber nur an und führte das Vorhaben nicht aus. Hören wir, wie sorgfältige Beobachter darüber berichten. In der eben angegebenen Stellung des Hinterleibes, dessen beide Hälften überaus weit von einander klaffen, den vordern Körpertheil etwas in die Höhe gebogen, die Vorderfüße fest aufgestemmt, sitzt ein Weib bewegungslos, einige Unruhe der Fühler und Füße abgerechnet, den Abend und die Nacht bis zum andern Morgen und verläßt erst nach Verlauf von vierzehn bis fünfzehn Stunden den Ort, an welchem man nun eine kleine Wunde, mit etwas zäher Feuchtigkeit benetzt, gewahr wird.

Klappt man nach etlichen Tagen ihre Ränder zurück, so sieht man die weißen Eierchen offen da liegen, jedes in seiner besondern Zelle. Jedem hat der Stachel sein besonderes Lager ausgehöhlt, es von dem benachbarten durch eine Scheidewand getrennt. Gedenken wir der aufgewandten Zeit, betrachten den Bau des Bohrers, welcher mit seiner Wurzel an der Rückenseite der Hinterleibsspitze befestigt ist, sich der Innenwand der Leibeshöhle federnd anschmiegt und so fast einen Kreis beschreibt, der mit dem andern Ende an der Bauchseite aus jener jähnenden Spalte heraustritt, so ist's gar nicht unwahrscheinlich, daß die Wespe, gestemmt auf die Hinterleibspitze und die Vorderbeine, mit diesem Stachel unter der Pflanzenhaut umhertaste und wirtschafte, bis sie so und so viele Eier untergebracht hat. Mit diesen hat es noch eine ganz besondere Bewandtniß. Jedes besteht aus zwei, durch einen dünnen Faden verbundenen Schläuchen. Da der Faden länger als die Legröhre ist, so befindet sich das mit Eisubstanz angefüllte Ende noch im Leibe des Weibes, während das andere leere Ende schon gelegt ist. Ihm fließt nun durch Vermittlung des Fadens die Eisubstanz zu, und so nur wird es möglich, daß die Eier durch die viermal dünnere Legröhre hindurchkönnen.

Als Zauberin traf die Wespenmutter mit ihrem Stabe das Gewächs, der Rosenkönig mit seinem holzigen, unregelmäßig geformten, innen zellig zerklüfteten Kerne und dem grünen purpurroten oder gelblichen Weichselzopfe als Ueberzug ist der magische Erfolg der wunderbaren That, zugleich auch die Wiege von so und so viel eng eingeschlossenen Lärvchen, ein jedes für sich allein gebettet. Mit der Zeit hört er auf eine Krone zu tragen dieser König, die zarten Theile vertrocknen und brechen ab, der knotige, knorrige Holzkörper erscheint in seiner Nacktheit so häßlich, wie in jugendlichem Zustande zierlich.

Wer das kleine Wesen erziehen will, trage sich nur einen solchen Auswuchs in der Winterzeit ein, welcher noch nicht durchlöchert ist, und lege ihn ruhig in eine Schachtel oder besser noch, um beobachten zu können, in ein mit Gaze zugebundenes Glas. Der Sicherheit wegen wurde ein Weib in obiger Abbildung beigegeben und sei hier noch Folgendes als Erläuterung hinzugefügt. Der große, fein behaarte Kopf ist mit Ausschluß der bräunlichen Freßwerkzeuge schwarz und trägt die schlanken, fadenförmigen, vierzehngliederigen Fühler, deren drittes Glied am längsten; beim Manne ist dasselbe an der Außenseite ausgeschweift. Mit Ausschluß der schwarzen Wurzel und Spitze sind sie hellbraun gefärbt. Die schwarzen, stark vortretenden Augen stehen völlig zur Seite des Kopfes, drei Nebenaugen auf dem Scheitel. Das schwarze Bruststück wölbt sich stark. Der Hinterleib, von den Seiten bedeutend zusammengedrückt, und daher einer auf die Kante gestellten Linse vergleichbar, glänzt glasartig röthlich gelb, nur an der Spitze schwarz. Beim bedeutend seltneren Männchen ist der ganze Hinterleib schwarz. Den Verlauf der wenigen Adern in den etwas getrübten Flügeln ergiebt die Abbildung. Die röthlich gelben Beine sind nur an ihren äußersten Enden dunkelbraun.

Die Sicherheit habe die eben befolgte Vorsichtsmaßregel erheischt, wurde vorher gesagt, denn mit ziemlicher Bestimmtheit läßt sich behaupten, daß beim Zuchtversuche nicht die Rosengallwespe allein zum Vorschein kommen werde, vielleicht auch nur Weiber und kein einziger Mann, sondern noch verschiedene andere Arten ebenso winziger Kerfe. Vieleicht noch eine zweite Gallwespe ( Aulax Brandtii), deren Weibchen nur zwölfgliederige Fühler und ganz schwarzen Hinterleib haben, die Männchen aber sich von den vorigen nicht unterscheiden lassen. Ferner eine kleine Schlupfwespe ( Mesoleptus) mit entschieden kürzeren und dickeren, geknickten Fühlhörnern außer noch vielen andern Unterscheidungsmerkmalen. Sie entsteht aus gelblichen, schlanken und beweglicheren Larven, die nicht von denen der Gallwespen leben, sondern an andern Stellen des Rosenkönigs, eben so wie diese, einzeln ihre besonderen Zellen haben. Man hat beobachtet, daß ihre Mütter in gleicher Weise, wie die Gallwespen, ihren wieder anders gebildeten Bohrer vielleicht in die schon beginnende krankhafte Entwickelung des Rosenstockes einbohrten, um ihre Eier ihm anzuvertrauen. Sodann noch verschiedene andere, verwandte Sorten ( Pteromalus und Diplolepis), zum Theil goldig grün, welche entschieden in den Nestern der Gallwespe schmarotzen; denn sie finden sich als Larven in den Zellen derselben neben den zerstörten Larven oder Puppen. Also ein merkwürdiges Gemisch in den unscheinbaren Behausungen der Rosenkönige, welches die Beobachtung und richtige Würdigung dieser kleinen Geschöpfe ungemein erschwert.

Wir kehren nach diesem, durch die Umstände gebotenen Abschweife zu unserer Rosen-Gallwespe zurück. Ihre milchweißen, fußlosen Würmer liegen, wie Figur b vergrößert zeigt, halbkreisförmig gebogen in je einer Zelle, sind dick und träge und verwandeln sich hier, nachdem sie sich an den Wänden ihrer Behausung aufgefüttert haben, zu einer dem vollkommenen Insekte bis auf die unentwickelten Flügel und die bleiche Farbe gleichen Puppe. Hat diese, wahrscheinlich nur kurze Zeit, geruht, so streift sie ein außerordentlich feines, kaum bemerkbares Häutchen ab und wird zur Wespe, welche sich in demselben Falle befindet wie die Sägewespen; sie muß sich durch die harten Wände der Galle durcharbeiten und entschlüpft ihr endlich aus einem kreisrunden Loche. Sich säubern und mit den Vorder- und Hinterbeinen abputzen ist auch hier das erste Geschäft, mit welchem der Vollgenuß der Freiheit eingeleitet wird. Oefter stecken diese Thierchen längere Zeit in ihrer Wiege, ohne Anstalt zum Herausgehen zu treffen; denn wenn man jene öffnet, so findet man keine Vorkehrung dazu, aber der Insasse, erstaunt über seine veränderte Lage, fliegt hurtig davon.

 << Kapitel 28  Kapitel 30 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.