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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 28
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Die gemeine Holzwespe und ihre nächste Verwandte, die Riesen-Holzwespe.

( Sirex juvencus)
siehe Bildunterschrift

Männchen. Weibchen. Larve. (Alle in natürlicher Größe).

Am dritten Oktober (1857) bemerkte ich an einem Kiefernstamme etwa in Meterhöhe über der Erde eine große, stahlblau erglänzende Wespe, welche ihren schnurgeraden, von der Mitte des Hinterleibes ausgehenden, schwarzen Bohrer unter einem Winkel von beinahe 90 Grad in das von Rinde entblößte Holz eingesetzt hatte. Da in den betreffenden Büchern Ende Juli und besonders der August als Schwärm- und mithin auch Legezeit des mir wohlbekannten Wesens angegeben wird, so überraschte mich die Erscheinung. Ich nahete mich behutsam, merkte aber bald, daß ich unnöthige Vorsicht gebrauche; denn ich hatte einen – Leichnam vor mir, vollständig und bis in die feinsten Theile unversehrt erhalten. Hatte das Weib seine Mutterpflichten erfüllt und nicht mehr die Kraft gehabt, die Spitze des Bohrers herauszuziehen, den ich mit einiger Vorsicht ohne Verletzung löste? Ich wage dies nicht mit Bestimmtheit zu behaupten, weil mir jegliche Werkzeuge fehlten, um die betreffende feste Stelle des Stammes näher zu untersuchen, würde es aber sicher glauben, wenn nicht von andern Seiten dieselbe Erfahrung gemacht worden wäre und keine Spur von gelegten Eiern gefunden werden konnte. Wahrscheinlich fühlte sich das Thier, welches bereits anderswo Eier gelegt hatte, noch kräftig genug, sein Geschäft weiter fortzusetzen, hatte aber seine Thatkraft überschätzt, wie sich bei Beginnen der Arbeit zeigte. Jetzt würde mich jene Thatsache nicht mehr in Staunen setzen, denn später (1859) fand ich am 7. November ein lebendes, allerdings sehr kleines Weibchen, welches frei und wohlgemuth an einem gefällten Stamme umherspazierte, im Jahre darauf, wo die Thiere bei uns ungewöhnlich häufig zu sein schienen, half ich Mitte September einem stattlichen Männchen aus seinem Bohrloche, fing noch mehrere Wespen beiderlei Geschlechts an diesem Tage und traf am 20. des genannten Monats am Stamme einer etwa 25jährigen Kiefer nicht weniger als sechs Weibchen an, von denen vier ihren Bohrer zur Hälfte der Länge in das Holz versenkt hatten, um Eier zu legen; sie unbeschädigt herauszubekommen war nur durch Anfassen des letzteren selbst und mit Anwendung ziemlicher Kraft möglich; wollte man die Wespe selbst ergreifen und an ihr ziehen, so reißt man sie mitten entzwei, und der Hintertheil des Leibes bleibt mit dem Bohrer am Stamme sitzen, wie ich mich mehrfach überzeugen konnte. Möglich, daß keinem meiner Leser das kleine Wesen, von welchem eben die Rede, je im Freien begegnet ist und im Fluge durch sein hornissenartiges Summen die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hat, denn sie finden sich meist nur vereinzelt und wollen gesucht sein. In manchen Gegenden kommen sie zeitweise aber auch in sehr großen Mengen vor. Bechstein bezeichnet die Jahre 1778,1787,1797,1804 als solche, Ratzeburg fügt ihnen noch folgende zu: 1835, 1836, 1838, 1843. Eher dürfte man in seiner Behausung, wohin mit Bauholz die Eier oder Larven eingeschleppt worden waren, ihre Bekanntschaft gemacht haben. So erzählt Bechstein, daß im Juli des Jahres 1798 in der Buchdruckerei zu Schnepfenthal zehn Tage hinter einander jeden Morgen eine große Menge der Riesen-Holzwespe aus dem neugelegten Fußboden ausgebrochen sei und an den Fenstern geschwärmt habe. Die durchlöcherten Dielen mußten in Folge dessen natürlich erneuert werden. Im Hause eines Kaufmanns zu Schleußingen erschienen in demselben Monate (1843) dieselben Wespen massenhaft, aber aus den das Jahr vorher eingebrachten Unterlagen der Dielen, so daß sie sich durch diese hatten durchbohren müssen. In Bauzen endlich, um noch einen solchen Fall anzuführen, welcher zugleich Aufschluß über die Entwickelungs zeit der Holzwespen giebt, kamen im August (1855) aus derselben Stelle wie in Schleußingen 60 bis 80 Stück der gemeinen Holzwespe zum Vorscheine; das Haus war seit 2½ Jahren fertig, und die Balken hatten vorher eine Zeit lang freigelegen. Während dem mögen die Eier abgesetzt worden und von da an etwa 3 Jahre vergangen sein, bis die Wespen die Dielen durchbohrten. Auch in Bergwerke sind die Larven schon verschleppt worden, und haben dann die vollkommenen Insekten als Berggeister die Grubenlichter ausgelöscht. Die angeführten Beispiele beweisen zur Genüge, daß die Holzwespen unter Umständen sehr unangenehm sein können und den von ihnen betroffenen Hausbesitzern theuer zu stehen kommen. Daß selbst Metall ihren scharfen Zähnen nicht zu hart sei, hat die Erfahrung bei mehreren Gelegenheiten gelehrt. Herr Kollar berichtet nämlich Sitzungsbericht des zoologisch-botanischen Vereins zu Wien VII. p. 155., daß zu Wien im neuen Münzgebäude ein Insekt nicht nur sehr dicke hölzerne Pfosten, sondern sogar 1? Linien dicke Bleiplatten eines zur Aufbewahrung von Metalllösungen bestimmten Kastens durchbohrt hätte. Männchen und Weibchen desselben, welche man ihm vorgelegt, hätten sich als die Riesen-Holzwespe ( Sirex gigas) ergeben; ähnliche Durchbohrungen seien früher schon in den Bleikammern der Schwefelsäurefabrik zu Nußdorf zu wiederholten Malen beobachtet worden. Meine Sammlung beherbergt eine gemeine Holzwespe, welche in der Bleikammer einer Schwefelsäurefabrik zu Freiberg das Licht der Welt erblickt hat.

Betrachten wir diese Eisenfresser – im Krimkriege will man sie in Kartätschen gefunden haben – vor allen Dingen etwas genauer, damit sie jeder sogleich erkenne, den eine ansummt oder sonstwie in die Quere kommt. Die hier abgebildete gemeine Art, welche die Kiefer bewohnt und recht gut auch den Namen: Kiefern-Holzwespe führen könnte, ist tief stahlblau gefärbt, nur die Beine und bisweilen auch die Fühler haben eine schmutzig gelbe Farbe. So das Weibchen. Das Männchen ersetzt die Grundfarbe vom dritten bis siebenten Hinterleibsgliede durch ein gelbliches, mit der Zeit ausbleichendes Roth, behält sie dagegen bei an der schwach geschwollenen Schiene und den Fußgliedern der Hinterbeine. Die Flügel sind gelblich, namentlich die Vorderflügel am Vorderrande und alle vier am Saume schwach getrübt. Im Körperbaue kommen gewisse Eigenthümlichkeiten vor, auf welche jetzt noch kurz hingewiesen sein mag, zumal eine Abbildung dieselben nicht alle zur Anschauung bringt. Der halbkugelige, sich eng an den schwach ausgehöhlten Vorderrand des Brustkastens anschließende Kopf mit seinen fadenförmigen langen Fühlern fällt leicht in die Augen, dagegen ist einer Abbildung nicht anzusehen, daß der wesentlich an Ausdehnung überwiegende Vorderbrustring gegen den Mittelbrustring verschiebbar ist und auf diese Weise der Vorderkörper eine größere Beweglichkeit besitzt als bei allen andern Hautflüglern. Die Spitze des walzigen Hinterleibes läuft bei beiden Geschlechtern in einen Stachel aus, der beim Weibchen länger ist als beim Männchen, weil er sich dort von der letzten Rückenschuppe, hier von der letzten Bauchschuppe fortsetzt. Der ihn noch überragende, darunter liegende Schwanz beim Weibchen stellt die Scheide, das Futteral für den Legbohrer dar. Dieser, am besten mit einer Raspel vergleichbar, ist mitten am Bauche eingelenkt, anfangs in diesem versteckt, bis ihn in seiner Spitzenhülfe die Scheide aufnimmt; beim Gebrauche tritt er aus dieser und durch eine Längsspalte aus jenem heraus und nimmt eine mehr weniger rechtwinklige Lage gegen die Körperaxe ein. Je nach der besseren oder schlechteren Ernährung der Larve ändert die Größe der Wespe außerordentlich ab, die Weibchen sind in dieser den Männchen meist voraus, doch bleiben einzelne bedeutend hinter der Durchschnittsgröße des Männchens (22 mm.) zurück; ich besitze Weibchen, die ohne Berücksichtigung der Bohrerscheide zwischen 12 und 34 Millimeter schwanken.

Die andere Art, die Riesen-Holzwespe, gelbe Holzwespe ( Sirex gigas) ist durchschnittlich größer als die gemeine, vorherrschend gelb gefärbt, nur der stark behaarte Mittelleib ist schwarz, außerdem beim Männchen die Spitze des Hinterleibs, beim Weibchen dagegen ein Sattel vor dessen Mitte, weiter ist die Bohrerscheide bei ihm länger als bei der vorigen Art. Die Riesen-Holzwespe kommt nur da vor, wo Fichten ( Pinus Abies) wachsen, oder wo sie als Bauholz verwendet worden sind; denn die Larve lebt von dieser Holzart.

In welcher Stellung das Weibchen beim Eierlegen zu treffen, wurde oben angegeben. Das Geschäft geht schnell von Statten, obgleich es den Bohrer auf halbe Länge und weiter in das Holz zu schieben versteht und in jede Wunde immer nur ein Ei gleiten läßt, deren es hundert und mehr nach und nach absetzt. Da nicht etwa von Rinde entblößte Stellen vorzugsweise aufgesucht werden, so gelangt das Ei höchstens einige Linien in den Holzkörper. Die junge Larve scheint sich zunächst aus den tiefern Schichten bis unmittelbar nach dem Baste zu begeben; denn von da an kann man den Larvengang beobachten. Vom Stiche an zieht er sich etwa bis 39 mm. in gerader Richtung in demselben Jahresringe hin, wendet sich dann, sehr allmählich weiter werdend, in einem Bogen nach innen und mißt auf eine Länge von 78 bis 91 mm deren 0,75 bis 1,69 im Querschnitte. Etwas nach oben gerichtet zieht er nach dem Mittelpunkte des Stammes, trifft aber die Markröhre nicht, sondern wendet sich in unregelmäßiger Schneckenlinie um diese herum nach oben. In einer Länge von 26 bis 36,7 cm. erreicht er seine größte Weite von 4,6 bis 6,6 mm. In dieser Ausdehnung kann er wieder ebenso lang bis zum Lager der Puppe fortlaufen. Von Anfang bis Ende ist er gänzlich mit dem Kothe der Larve ausgefüllt, der sich durch nichts von der Holzfaser unterscheidet, als daß ihm der Harz- und geringe Stärkemehlgehalt abgeht. Daß die Larve mindestens ein Jahr zu ihrer Entwickelung gebraucht, steht fest, daß aber auch drei Jahre darüber vergehen können, ging aus einer der schon oben erwähnten Beobachtungen hervor. Der Umstand, daß man in der Regel Larven sehr verschiedener Größe in benachbarten Gängen antrifft, spricht für eine ungleichmäßige Entwickelung, d. h. manche Larven wachsen langsamer als andere und verpuppen sich also auch später, manche wieder werden überhaupt viel größer als andere; daher die oben angeführten Größenunterschiede der Wespen.

Die Larve könnte mit der eines Holzkäfers verwechselt werden, wenn sie nicht ein kugeliger Kopf und eine hornige Spitze auszeichnete, in welche das hinterste Glied ausläuft. Jener entbehrt der Augen, trägt aber kleine Fühlerspitzchen und kräftige, zum Nagen des Holzes eingerichtete Freßwerkzeuge. Von den zwölf walzigen Gliedern tragen nur die drei ersten kurze, unscheinbare Brustfüße, die übrigen fußlosen sind gleich gebildet bis auf das durch eine wagerechte Spalte in eine obere und untere Hälfte getheilte letzte mit seiner schon erwähnten Spitze, welche beim Fortkriechen die besten Dienste leistet. Die Luftlöcher kommen in der seltenen Zahl 20 vor, indem sich am Ende des dritten Gliedes etwas tiefer als die übrigen jederseits eins einschiebt. Die Farbe ist, wie bei fast allen Holzlarven, gelblich weiß, nur die Mundtheile und die Afterspitze sind dunkelbraun.

Wenn ihre Zeit gekommen, erweitert sie das Ende ihres Ganges kaum, umspinnt sich in dem engen Lager mit zarter, glasiger Haut und streift ihr Kleid in der gewohnten Weise ab – nachträglich sei noch erwähnt, daß sie dasselbe während ihres Lebens mehrere Male wechselt. – Die Puppe gleicht bis auf ihre bleiche Farbe und die stummelhaften Flügel der Wespe, die nach ihrer Entwickelung bisweilen genöthigt ist, wie obige Beispiele beweisen, sich erst mehrere Zoll weit durch das feste Holz einen Weg in das Freie zu bahnen. Fürwahr, keine leichte Arbeit und eine Geduldsprobe für die lange genug im Dunkeln verweilte, nun zur Freiheit geborenen Wespe, die verhältnißmäßig nur langsam vordringen kann. Endlich fühlt sie den ersten Hauch der erquickenden Luft eines schönen Juliabends; noch ein paar kräftige Bisse und die letzte Schranke ist gefallen, sie sitzt am Stamme neben dem kreisrunden Ausgange ihrer schauerlichen Klause. Wie ein aus dem Wasser kommender Hund dieses von sich abschüttelt, so schüttelt und putzt sie mit den Beinen die Bohrspänchen und den Holzstaub von sich ab und summt mit derselben Schwerfälligkeit jetzt im ungewohnten, wie später im gewohnten Fluge dem Abendhimmel zu. Bei Tage pflegt sie ruhig und möglichst verborgen zu sitzen. Ihre Nahrung besteht aus dem Harze der Nadelbäume, dem Safte der Waldbeeren und nicht unwahrscheinlich zur Abwechselung auch einmal aus einem andern Insekt. Warum sollte sie nicht, wie ihre Verwandten, die größern Blattwespen, welche ich oft genug wie Raubfliegen über ihrer Beute sitzend betrachtete, auch dieses Handwerk probiren? Gefangen sucht sich das Weibchen mit dem Bohrer zu wehren, gelingt es ihm wirklich, in die Haut zu stechen, so kann von einer nachherigen Geschwulst oder Entzündung keine Rede sein.

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