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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 27
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Von den Blattwespen im allgemeinen und noch einigen häufigen Arten derselben.

Die Insekten, ohne Zweifel reicher an verschiedenen Formen als an deutschen Namen und besonders so recht bezeichnenden Namen, weisen Blattwanzen, Blattläuse, Blattkäfer, Blattwespen auf, lauter Thiere, welche nicht nur auf Blättern anzutreffen sind, sondern sich auf einer oder der andern Lebensstufe auch von ihnen ernähren. Am vollständigsten paßt die Bezeichnung auf Zwei und Drei in der genannten Reihe als Wesen, die meist auf Blättern geboren, sie nicht eher wieder verlassen als bis sie das Geschick alles Sterblichen erreicht.

Warum man die in Rede Stehenden gerade Blatt wespen genannt hat, davon läßt sich wohl kein anderer Grund anführen, als der, daß wegen Armuth der Sprache in solchen Dingen eine ganze Menge von vierflügeligen Insekten, enger begrenzt, von Aderflüglern, deren Weibchen verwunden können, sei es auch nur einen Pflanzentheil, Wespen heißen und als Mordwespen, (Weg-, Sand-,) Grab-, Schlupf-, Gall-, Goldwespen etc. näher unterschieden werden. Unsere Blattwespen sind nur auf Pflanzen anzutreffen und ernähren sich zwar nie von deren Blättern, wohl aber vom Honigsafte, ganz besonders der an solchem reichen Doldengewächse; die größeren Arten verschmähen aber auch kräftige Fleischspeise keineswegs und verzehren andere Insekten, was ich mehr als einmal zu beobachten Gelegenheit hatte und von anderen Seiten bestätigt finde.

Ihre Larven, die sogenannten Afterraupen, welche dem noch unerfahrenen Schmetterlingssammler und Züchter vielfach eine Falle stellen und ihn irre führen, nähren sich ausschließlich von Blättern und einigen anderen zarten Theilen lebender Pflanzen. Sie sind es auch, welche dem Laien viel häufiger in die Augen fallen und oberflächlich bekannter sind als die vollkommenen Insekten. Wohl auf allen Pflanzen, auf denen man Schmetterlingsraupen antrifft, kommen auch sie vor, und auf Binsen, Schachtelhalmen und andern an feuchten Stellen wachsenden Kräutern herrschen sie entschieden vor. Ein nur flüchtiger Blick reicht aus, sie von jenen zu unterscheiden, vor allem durch ihre größere Fußzahl, die sich in der Regel auf 18-22 beläuft, in selteneren Fällen nur 8 beträgt, und durch ihren äußern Anstrich, der sich freilich nicht gut so im allgemeinen und mit wenigen Worten wiedergeben läßt. Ihr Kopf ist groß, hornig und scharf vom Rumpfe abgesetzt, dieser häufig vorn etwas verdickt und nach hinten verjüngt, kahl oder mit wenigen Borstenhärchen besetzt, selten aber bedornt und dann nur eine Zeit lang; manche haben einen schleimigen, andere einen reifartigen, leicht abwischbaren Ueberzug. Die meisten sind grün gefärbt in den verschiedensten Tönen, doch kommen auch andere Farben und mannigfach bunte Zeichnungen vor, doch bei weitem nicht der Wechsel in Färbung und Gestalt wie bei den Schmetterlingsraupen. Eigenthümlich ist die unter ihnen sehr verbreitete, schon früher erwähnte Stellung in der Ruhe, das schneckenartige Zusammenrollen und die bei der breitfüßigen Birken-Blattwespe bereits bildlich dargestellte und beschriebene, bei der Kiefern-Blattwespe ebenfalls erörterte Art sich zu vertheidigen. Sehr viele von ihnen haben zu letzterem Zwecke noch das Vermögen, einen unangenehmen Saft aus den Körperseiten vorquellen zu lassen. Die einen leben einzeln, andere in Gesellschaften, und können dann etwas leisten, wie die entblätterten Stachelbeer-, Weiden- und andere Büsche zur Genüge darthun. Daß einige in Gespinsten leben, wurde in einer Anmerkung gesagt, es sei hier noch hinzugefügt, daß wenige Gallen oder Blattröhren anfertigen, im Blattfleische miniren, auch in krautigen Stengeln oder in Früchten bohren. In letzter Hinsicht macht eine Art ( Monophadnus bipunctatus) die jungen Triebspitzen unserer Gartenrosen dann und wann abwelken, eine andere, die Pflaumen-Sägewespe ( Selandria fulvicornis) bewohnt als Larve die kaum halbwüchsigen Zwetschen und bringt sie zu frühzeitigem Abfalle.

Wie die eigentlichen Raupen häuten sich auch die Afterraupen mehrmals und bekommen bisweilen ein anderes Ansehen im neuen Gewande. Daher rührt mancher Widerspruch in den gegebenen Beschreibungen derselben. Hätten sich die Blattwespen so viele Freunde erworben wie die bunten Schmetterlinge, so würde man ihre Raupen besser und vollständiger kennen als es der Fall ist. So aber sind von den etwa 500 in Deutschland lebenden und beschriebenen Arten der Blattwespen die Larven und Puppen von verhältnißmäßig nur wenigen bekannt und zwar hauptsächlich derer, die sich von den Blättern holziger Gewächse ernähren; die auf Kräutern lebenden hat man noch wenig erzogen, und sie bieten dem Strebsamen Stoff genug, durch sorgfältige und genaue Beobachtungen die Wissenschaft zu bereichern; denn nur mit solchen kann ihr gedient sein. Außer den bereits beschriebenen Arten möchte ich hier noch einiger gedenken, welche auf Obstbäumen, Rosen, Stachelbeerbüschen und sonstigem Gesträuch unserer nächsten Umgebung leben, nicht des bisweilen erheblichen Schadens wegen, welchen sie anrichten, sondern um ihrer Häufigkeit willen und der leichtern Möglichkeit, sie aufzufinden und auf das zu prüfen, was in gedrängten Umrissen von ihnen hier mitgetheilt werden soll.

Wer hätte nicht schon in der zweiten Hälfte des Mai an den Stachelbeerbüschen, auch wohl an den Johannisbeersträuchern eine graugrüne, vorn und hinten gelb schimmernde, über den Rücken mit gedrängten Querreihen schwarzer Warzen gezierte Raupe, nicht einzeln, sondern in Schaaren sitzen sehen? Sollte man sie ihrer Farbe wegen nicht sogleich bemerken, so wird man durch die kahlen Stellen an den genannten Sträuchern auf sie hingewiesen und – will man sich noch Früchte sichern, so wird es die höchste Zeit, sie abzulesen oder herunterzuschütteln. Am 25. Mai spannen sich die meisten von denen ein, die ich am 22. eingetragen hatte, und am 3. Juni erschienen die ersten Wespen ( Nematus ventricosus) mit schmutziggelbem Hinterleibe und einigen schwarzen Zeichnungen am Bruststück. Im August wird die Larve abermals durch ihren Fraß bemerklich und liefert die ersten Wespen für das nächste Frühjahr.

Eine ganz ähnliche Raupe, nur kleiner und ohne Gelb, beehrt zu denselben Zeiten, ein klein wenig später, dieselben Gewächse mit ihrem Besuche, wird ihnen jedoch nicht so lästig und ist der Vorläufer einer kleinen, beinahe ganz schwarzen Wespe, indem auch die Flügel starke Trübung annehmen; nur die Beinchen zeichnen sich durch blaß röthlichgelbe Färbung aus; sie führt den Namen: kleine Stachelbeer-Blattwespe ( Selandria morio). Eine dritte Art, graugrün von Farbe, an den drei ersten und drei letzten Ringeln pomeranzengelb und mit sechs Reihen behaarter, schwarzer Warzen bekleidet, wohnt im Juli und Oktober auf den Stachelbeeren und verdankt ihr Dasein einer ebenfalls schwarzen Blattwespe mit gelblich weißen Beinen, braunem Male der glashellen Flügel und weißem Schüppchen, d. h. ihre äußerste Wurzel bedeckendem Hornplättchen ( Emphytus grossulariae), schwarze Stachelbeer-Blattwespe. Außer den genannten werden noch einige andere Arten von verschiedenen Schriftstellern aufgeführt, welche ebenfalls den Stachelbeersträuchern zusprechen.

In Färbung, Gestalt und Größe der vorher beschriebenen Rüben-Blattwespe ungemein ähnlich, jedoch mit ganz schwarzem Mittelleibe und durch dreigliedrige Fühler, auch andere Bildung der Randzelle wesentlich verschieden ist die Rosen-Bürsthornwespe ( Hylotoma rosarum), wenn anders man der Gattung wegen der an ihrer Unterseite mit zahlreichen steifen Härchen bürstenartig besetzten männlichen Fühler diesen Namen beilegen will. Sie schwärmt im Mai und nochmals im Juli, und das Weibchen legt seine Eier in die jungen Aestchen, welche es zweizeilig anschneidet. Früh und am Abend geht es diesem Geschäfte bei warmem Wetter nach und widmet die Mittagszeit der Erholung und Ernährung. Ein Weibchen legt bis fünfzig Eier ab, 8 bis 15 an ein Aestchen. Dieses krümmt sich infolge der Verwundung und wird schwarz. Acht bis zehn Tage später schlüpfen die Larven aus und suchen die Blätter auf, die sie vom Rande her bis auf die stärkeren Rippen aufzehren. Die Larve ist dunkelgelb, seitlich und am Bauche hellgrün, weißlich oder gelblich, über und über mit schwarzen Wärzchen besetzt. Zur Verwandlung geht sie in die Erde und webt sich hier, ohne dieselbe zu verwenden, ein doppeltes Seidengespinst, äußerlich hellbraun mit graulichen, weiten Maschen, inwendig eine weiße, nirgends mit ersterer zusammenhängende Hülse. Diese Wespe ist gleichfalls nicht die einzige Bewohnerin der Rose in unsern Gärten, wohl aber die häufigste. Auch die Weidenblätter zeigen sich nicht selten eingefaßt von grünen Blattwespenlarven und stehen in einzelnen Theilen wie Besenreis abgeweidet da.

In den so beliebten Weißdornhecken und auf Birnbäumen, gleichviel ob hoch oder als Spalierobst gezogen, zeigen sich von Schweden bis zum südlichen Oesterreich nicht selten im Juni und Juli Gespinste, in denen Raupen wohnen, aber keine, aus denen Motten werden, wie am Spindelbaume ( Evonymus europaeus) u. a., sondern Blattwespen. Sie unterscheiden sich von den gewöhnlichen Larven dieser Thiere wesentlich dadurch, daß sie sich auf bedeutend wenig, nämlich nur acht Beinen bewegen Es giebt noch eine lange Reihe solcher spinnenden Afterraupen mit nur acht Beinen, welche theils gesellig, theils einzeln, vielfach auf Nadelhölzern leben. Auf jungen, etwas kränkelnden Kiefern macht sich eine Art besonders dadurch bemerklich, daß sie eine Röhre baut, in der ihre Kothklümpchen hängen bleiben, und die sie in dem Maße nach unten hin verlängert, als ihr Fraß fortschreitet. Sie gehört der Lyda pratensis an, welche dann und wann schon ganz erheblichen Schaden in Kiefernwäldern angerichtet hat, so besonders in den zwanziger Jahren, sechs bis sieben Mal hinter einander in der Herrschaft Muskau., oder auch nicht bewegen, wie man will; denn genau genommen können sie mit ihren Beinen nicht gehen. Nimmt man sie aus dem Gespinste, wo sie sich hin und her ziehen und wie in einer Matte bogenförmig ruhen, so können sie sich nur mittels ihres Spinnvermögens, nicht durch die Beine, fortbewegen. Sie fertigen sich nämlich durch kurze Querfäden eine Strickleiter, auf der sie emporklimmen. Hartig sah auf diese Weise eine (von einer andern Art) in zwei Stunden einen 219 Cm. hohen Stamm hinaufsteigen. Von Farbe sind sie schmutzig gelb mit schwarzem Kopfe, an welchem ein Paar Fädchen, die achtgliedrigen Fühlhörner, stehen, entsprechend zwei ähnlichen dreigliedrigen am Leibesende, den Nachschiebern. Merken sie Gefahr, so lassen sie sich an einem Faden hinunter, wie die andern ohne solche Vorsichtsmaßregel herabzufallen pflegen. Nachdem sie vier bis fünf Wochen hindurch gefressen und ein Blatt nach dem andern in das Bereich ihres Fadenwerkes gezogen haben, graben sie sich ziemlich tief in die Erde ein. Im Mai, wahrscheinlich erst des übernächsten Jahres, nachdem die Umwandlung der Larven in ihrem Erdgewölbe kurz vorher erfolgt ist, kommt die gesellige Birnblattwespe ( Lyda clypeata) zum Vorscheine, welche aber, so wie ihre Larve, von den übrigen Blattwespen abweicht und sich äußerlich durch die Flachleibigkeit und die breiten Flügel und vielgliedrigen Fühler, im Wesen durch größere Beweglichkeit und Wildheit auszeichnet. Die sämmtlichen Arten der breitleibigen, oder Gespinst-Blattwespen ( Lyda) haben die angegebenen Merkmale mit ihr gemein und Larven von gleichem Baue und ziemlich gleicher Lebensweise. Unsere ist im allgemeinen schwarz gefärbt mit gelben in beiden Geschlechtern verschiedenen Zeichnungen versehen und findet sich nur sehr einzeln im Vergleich zur geselligen Raupe.

Die bisher erwähnten Blattwespen stellen die Hauptform der ganzen Familie dar, welche in der Fühlergliederzahl und dem Aderverlaufe der Flügel, besonders der vordern, gute Gattungsmerkmale darbietet; die größern Arten, durchschnittlich schwarz von Farbe mit gelben, auch weißen oder rothen Zeichnungen – andre Farben kommen hier seltner vor –, zeichnen sich im allgemeinen durch Schlankheit, borstige Fühler und merkliche Gefräßigkeit aus. Sie alle sind nur bei Tage, besonders im Sonnenscheine, lebhaft und verkriechen sich bei unfreundlichem Wetter und über Nacht.

Bei den meisten Eiern der Blattwespen, so weit sie bisher beobachtet worden sind, hat sich die mit denen der Gallwespen gemeinschaftliche Eigenthümlichkeit eines Fortwachsens gezeigt. Ihre Schale ist elastisch und dehnt sich in dem Maße aus, als sich das darin befindliche Lärvchen weiter entwickelt; dadurch erweitert sich zugleich die Ritze in der Blattmasse, so daß letzteres nicht erst nöthig hat, nachdem es die Schale durchbrochen, sich aus seiner Geburtsstätte herauszubeißen. Wenn diese interessanten Thierchen noch weitere Verehrer und Beobachter werden gefunden haben, werden gewiß auch noch manche Eigenthümlichkeiten in ihrer Lebensweise bekannt werden. So weiß man von einer neuholländischen Art ( Perga Lewisii), daß sie aus dem Eukalyptusblatte, dem sie ihre Eier anvertraut, gleichsam brütend bis zum Ausschlüpfen derselben sitzen bleibt, die Larven dann begleitet, mit ausgebreiteten Beinen sich über dieselben setzt und sie gegen Angriffe feindlicher Kerfe hartnäckig vertheidigt. Dergleichen Merkwürdigkeiten dürfte freilich nur jenes Wunderland allein aufzuweisen haben!

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