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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 25
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Die schwarze Obst-Blattwespe.

( Eriocampa adumbrata)
siehe Bildunterschrift

Larven. Vergrößerte Wespe.

Vom Juli an bis in den September sitzt oben auf den Blättern einiger Sträucher und Obstbäume, bisweilen recht häufig, ein ganz absonderliches Thierchen, welches weniger seiner Gestalt, als des schleimigen, glänzend grünlichbraunen bis schwarzen Ueberzugs wegen unwillkürlich an eine nackte Schnecke erinnert, sich überdies durch Geruch nach Tinte auszeichnet. Ich fand es zuerst im Walde massenhaft auf den Blättern des Schlehdorns, nachher auf Sauerkirschen, und 1860 saß es stellenweise Anfang Juli so massenhaft auf Birnenbäumen, daß diese aus weiterer Ferne in ungewohnt braunem Farbentone erschienen und in der Nähe siebartig durchscheinende Blätter in großer Ausdehnung erkennen ließen. Vor einigen Jahren nahm ich, um Klarheit über diese Wesen zu erhalten, im Herbste eine Partie mit nach Hause. Ohne Bewegung saß jedes mit dem angeschwollenen Vordertheile seines nach hinten schmal zulaufenden Leibes, über und über spiegelblank, auf einem und demselben Platze und gab auch kein Lebenszeichen von sich, wenn ich die einzelnen Blätter oder kleinen Reiser, die damit besetzt waren, in eine Schachtel warf. Dabei bemerkte ich denn doch, daß es mit der Schneckenverwandtschaft so weit nicht her sei; denn der oben etwas gewölbte, unten aber platte Körper ruht nicht auf dieser Fläche, sondern auf zwanzig sehr niedrigen, gelbgrünen Beinchen, welche der hintersten Spitze nur fehlen, sonst bis auf eine kleine Lücke zwischen dem dritten und vierten Paare gleichmäßig vertheilt sind. Als ich am andern Tage die Schachtel öffnete, traute ich anfangs meinen Augen kaum; denn statt der gestern hineingethanen schwarzen Thiere fand ich heut grüne vor, ohne merkliche Anschwellung des Vorderleibes; ein kleiner schwarzer Strich hinter jedem überzeugte mich bald, daß sie ihr Kleid mit einem andern vertauscht hatten. Nun wurde mir auch die Trägheit vom vorigen Tage klar; denn allen Larven – dafür aber und im besondern für Afterraupen mußte ich unbedingt meine Gefangenen halten – ist sie vor einer jedesmaligen Häutung eigen. Nach einigen Tagen hatte sich auch der dunkle Schleimüberzug wieder eingestellt. Fressen sah ich die Thiere nie, sie hatten es aber wahrscheinlich in der Nacht gethan, wie die nicht durchlöcherten, sondern nur bis auf die Haut der untern Blattfläche abgeschabten Stellen bewiesen. Weil sie später im Futter vernachlässigt worden waren, gingen sie zu Grunde, bevor ich meinen Zweck erreicht hatte. Seitdem schienen sich diese kleinen »nackten Schnecken« in unserer Gegend weiter verbreitet zu haben und fielen namentlich an verschiedenen Stellen mehrerer Landstraßen auf, welche mit immer reichbeblätterten, aber selten Früchte tragenden Sauerkirschbäumen bepflanzt sind. Bestimmte Bäume einer von mir häufiger begangenen Straße waren immer mit den Larven besetzt, so daß ihre Kronen im Spätsommer wie mit einem braunen Schleier überzogen zu sein schienen, so war das Blattgrün ihnen abhanden gekommen. Schaarenweise sah ich eines Tages (es mochte anfangs September sein) die grünen, nicht mehr mit schwarzem Schleime überzogenen Larven am Stamme abwärts wandeln, um sich unter dem Schirme des Baumes in den Sandboden einzugraben. Die Stelle war nicht schwer zu merken. Sie suchte ich im April des nächsten Jahres (1868) auf und sammelte eine Anzahl von Gespinsten ein, welche in kleinen Partien an einander hingen, so dicht lagen sie hier begraben. Am sechsten Juni kroch die erste Wespe aus, zwischen dem 3. und 5. Juli folgte der Hauptschwarm nach und zwar mit Ausschluß eines einzigen Stückes lauter Weibchen (40). Schon am 25. Juni hatte ich einige Wespen und einzelne Larven von etwa ein Drittel ihrer vollen Größe im Freien angetroffen. Diese und weitere Beobachtungen lassen mich auf eine sehr ungleiche Entwicklung unserer Wespe schließen und hierin, nicht in zwei Bruten, den Grund ihrer monatelangen Gegenwart vermuthen. Wichtiger war die Untersuchung der erhaltenen Wespe selbst, denn dieselbe ergab, daß ihre Merkmale nicht auf den Namen Tenthredo cerasi L., Selandria aethiops F., wie ich aus Hartig's Beobachtung der »Aderflügler Deutschlands« erwarten mußte, sondern auf die Eriocampa adumbrata Kl. paßten.

Sie gehört zu den kleinen, schwarzen Arten, deren es eine große Menge außerordentlich ähnlicher giebt, die daher sehr genau untersucht werden müssen, um sie richtig zu deuten. Das 5,5 mm. messende, 11 mm. in seiner Flügelweite spannende Wespchen ist in beiden Geschlechtern glänzend schwarz, auf dem Schildchen wie polirt, nur die vordern Schienen sind mindestens an der Vorderseite blaßbraun gefärbt. Die durch die Mitte etwas getrübten Vorderflügel haben zwei Rand- und vier Unterrandzellen, in deren zweite und dritte die beiden rücklaufenden Adern münden, eine schräge Querader in der sogenannten » lanzettförmigen Zelle«, d. h. derjenigen, welche am Innenrande des Flügels entlang läuft, ferner schwarzbraunes Geäder und Mal. Die Hinterflügel sind mit zwei Mittelzellen ausgerüstet, d. h. zwei Zellen sind in ihr vorhanden, welche ohne Zuthat des Flügelsaumes ringsum geschlossen erscheinen. Die neungliedrigen Fühler erreichen die Länge von Kopf und Mittelleib zusammengenommen, sind hinter der Mitte schwach verdickt und in ihrem dritten Gliede am längsten.

Die Ergebnisse meiner Zuchtversuche gaben zu weiterem Nachsuchen in der vorhandenen Literatur Veranlassung. Aus dieser ersah ich, daß schon französische und englische Forscher, wie Delacour und Westwood denselben Irrthum bereits aufgefunden hatten. Letzterer meint, derselbe sei entschieden daher gekommen, daß Linné fälschlicherweise zu seinem Tenthredo cerasi die Abbildungen Réaumurs (V. 12, 1-6) angezogen habe, daß sich aber die Linné'sche Art gar nicht in der Erde, sondern zwischen den Blättern der Futterpflanze einspinne und bei uns wahrscheinlich gar nicht vorkomme, sondern aus dem sogenannten » slug worm« der Nordamerikaner entstehe, welcher seit einer Reihe von Jahren in den Vereinigten Staaten bedeutenden Schaden, namentlich an den Kirsch- und Quittenbäumen, anrichte. Dort bestreut man die Blätter der stark befallenen Bäume mit ungelöschtem Kalk; das Bestreuen mit Schwefelblume, welches im Tiroler Obstbaue eine große Rolle spielt, dürfte auch gegen diesen Feind von gutem Erfolge sein!

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