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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 21
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Die Käfer in Wassersnoth.

Wie großes Elend und welchen Jammer den Menschen das ihnen unentbehrliche Wasser dann verursacht, wenn es als entfesseltes Element seine natürliche Straße verläßt und die Ebenen wildbrausend überfluthet, erzählen uns die Jahrbücher, berichteten uns dann und wann die Zeitungen oder die Augenzeugen der Schreckensauftritte, wie z. B. im Jahre 1857 vom schwer heimgesuchten Sachsenlande. Daß aber auch die Insekten, und vornämlich die Käfer beinahe alljährlich in ihrer Art ebenso beeinträchtigt werden, hat vielleicht noch niemand bedacht, noch weniger jemand es unternommen, ihre Noth zu schildern. Nun ja, es sind Thiere und mißachtete Thiere, uns öfter lästig, sogar schädlich. Sie sind aber aus der Hand desselben Schöpfers hervorgegangen, wie wir; sie sind nicht weniger berechtigt zu leben, als wir, sich ihres Daseins in ihrer Weise zu erfreuen, wie wir in der unsrigen. Wenn wir ihnen jenes Recht aber einräumen, und als vernünftige »Herren der Schöpfung« sind wir genöthigt, warum sollten wir ihnen nicht auch einmal unsere Aufmerksamkeit in ihrer Bedrängniß schenken, zumal dabei kein herzzerschneidender Hilferuf unser Ohr berührt, keine Anforderungen an unsere Wohlthätigkeit gestellt werden?

In welchem Jahre es war, ist mir wieder entfallen, thut auch nichts zur Sache; denn es kann jedes gewesen sein, in welchem unsere Flüsse aus ihren Ufern treten, auch wenn sie keine Häuser einreißen und keine Menschenleben kosten; also in einem solchen Jahre war es und zwar zur Sommerzeit, als ich an der Saale spazieren ging, eben weil man ihr Austreten erwarten durfte. Das Wasser kam wirklich, es kam mit Macht, aber ziemlich geräuschlos an der Stelle, wo ich mich befand. Das sonst mehr denn drei Fuß über seinem Spiegel grünende, von ihm gastlich getränkte Weidengebüsch fing an zu erzittern. Die Schilfstengel wurden unruhig, aber nicht wie beim Flüstern und Kosen der Blätter mit den Strahlen des Vollmondes, sondern jeder einzelne Halm erbebte leise in seinem tiefsten Grunde, als werde er bearbeitet vom scharf nagenden Zahne der Wasserratte. Die Wiesenblumen und Gräser verneigten sich, die bescheidensten unter ihnen so tief, daß sie nicht wieder sichtbar wurden. Weiter und immer weiter fraß das lehmgetränkte Naß in den grünen Grassaum des Ufers und schnitt ihn schmäler und schmäler. Ich faßte jetzt diesen Rand, diese ganz allmählich vorschreitende Grenze zwischen Wasser und Land in meiner Nähe schärfer in das Auge, Gefahr war für mich nicht vorhanden, ich konnte mich, wenn es Noth that, zurückziehen. Welch Schauspiel bot sich hier meinem Blicke dar! Ich gewahrte Leben, sehr bedrängtes, darum ungemein reges, aber doch lautloses Leben. An einem Grasstengel eilt ein Laufkäfer empor, ihm folgt ein Sonnenkälbchen und ein mehr schwerfälliger Blattkäfer ( Chrysomela) bildet die Nachhut auf der Flucht; gleich daneben klimmt ein schwarzer Läufer in die Höhe, aber ach! das schwache Blatt biegt sich unter seiner Last, und das Wasser bespült ihn. Er verliert die Besinnung nicht, hält fest noch den Halm, der ihn retten soll, und kehrt um nach oben. Vergeblich, er ist zu schwer, er zieht sein Blatt mit sich hinunter und versinkt. Nun läßt er los; ängstlich zappelnd rudert er im ungewohnten Elemente, aber er hält sich oben und rückt auch vorwärts. Der starke Stengel eines Doldengewächses ist glücklich erreicht, er hat noch Kraft genug, ein Stück in die Höhe zu kommen; da trifft er einen Blattkäfer, in Hast über ihn fort, der versieht es, läßt los, fällt hinab und befindet sich in gleicher Lage wie er eben, der sich endlich ermattet hinsetzt, die Fühler durch die Freßzangen zieht, mit den Vorderbeinen sich putzt und – – vielleicht gerettet ist. Da kommt ein anderer angeschwommen, hier wieder einer, jeder in seiner Weise, die ihm die Noth eben lehrt.

Sieh da! ein langer, schmaler, schön kupferglänzender, es ist ein viel am Wasser verkehrender, doch nicht hinein gehörender Schilfkäfer ( Donacia); wie erstarrt streckt er seine sechs Beine von sich und läßt sich vom Wasser forttreiben, anscheinend vollkommen in sein Schicksal ergeben. Die fest an einander gedrückten, gerade vorgestreckten Fühler stoßen an etwas. Mechanisch gehen sie aus einander und gleiten mit ihren Innenrändern an jenem Widerstand leistenden Etwas hin; der günstige Umstand wird benutzt, die Beine zeigen Leben, und gemächlich sehen wir unsern Schwimmer an einem Grashälmchen hinaufkriechen als wäre ihm nichts widerfahren.

Hier am Rande sitzen gedrängt an einander auf einem Blatte rothe und schwarze, grüne und blaue Kerfe und scheinen zu berathen, was zu thun sei, um der Gefahr zu entrinnen. Ein Paar grüngläserner Augen stierten von der Seite her längst schon nach ihnen. Schwapp! und sie befinden sich schon auf dem Wege in einen Froschmagen; was nicht erschnappt ward, zappelt rathlos in allerlei Stellung im Wasser. Ein Weidenbüschchen mit wenigen Ruthen ragt weit über die benachbarten Gräser und Kräuter hervor, eine mächtige Schutzwehr für seine ursprünglichen Bewohner, ein sicherer Ankerplatz für manchen Schiffbrüchigen. Darum ist es aber auch belebt von jeglichem Volke. Ruhig kneift der schlanke Springkäfer ( Elater) in die jungen Johannistriebe oder neben ihm der untersetzte, breitschultrige Weber ( Lamia textor); ein grüner Rüßler mit schwefelgelbem Saume der Flügeldecken, sein Männchen auf dem Rücken, marschirt eben etwas höher hinauf weil es da unten zu feucht wird.

Sie alle saßen und fraßen und kosten hier, ehe die Fluth kam, und werden das Geschäft fortsetzen, wenn jene sich verlaufen hat; sie wohnen hier; ziehen höchstens ein Stockwerk höher, wenn es noth thut, und halten gute Nachbarschaft mit noch manchem andern grünen oder blauen, hüpfenden oder nicht springenden Blattkäferlein. Eben kriecht ein schlanker Kurzflügler ( Paederus) beutegierig nach unten, aber der Weg ist zu Ende, tastend mit den Fühlern stößt er auf Wasser, schleunigst kehrt er um und hält den Hinterleib dabei hoch in die Luft, um jenem ja nicht zu nahe zu kommen. Wie viel dieses Gelichters, Bienen und Fliegen und wie alle die leicht beschwingten heißen mögen, die eben darum nicht in Gefahr kommen, gar nicht eingerechnet, mag da noch umhergekrabbelt sein, die einen Beute machend und andern die Noth verdoppelnd, die andern ängstlich besorgt, dem feindlichen Elemente zu entfliehen; ich will sie nicht weiter nennen und kann es zum Theil nicht, weil sie meinen Blicken entgingen.

Verwundert über die ungeahnten Mengen von Thieren schritt ich vorwärts, um das ängstliche Gewühl und die Noth an einer andern, ihrer Natur nach verschiedenen Stelle zu beobachten. Eine freie Wasserfläche bespülte hier die kahlen, noch hervorragenden Ränder einer kleinen Bucht. An diesem Orte war die Hilflosigkeit entschieden noch größer, und an ein Flüchten auf das Trockene, wäre es auch nur kurze Zeit gewesen, nicht zu denken. Das Wasser trieb Blätter, Schilf, Holz, Baumrinde ec. in größern oder kleinern Bruchstücken in Menge an, und auch diese waren reich belebt. Wie man im Frühjahre beim Eisgange auf dessen Schollen bisweilen einen Hasen oder Mäuse ängstlich hin- und herrennen sieht: so, aber an Zahl und Arten unendlich mannigfacher das Gewirr bedrängter Käfer hier. Da kommt auf einem Schilfstückchen ein kleiner Mistbewohner ( Aphodius) angesegelt, der gewiß schon eine tüchtige Wasserreise auf diesem gebrechlichen Fahrzeuge zurückgelegt hat, dort läßt sich eine Assel, ein Tausendfuß und mancher andere von den das Licht scheuenden und nicht zu den Kerfen gehörigen Gesellen vorbeiflößen oder in den ruhigeren Hafen treiben. Ruhe herrschte in demselben, aber die Ruhe der Verzweiflung. Die angetriebenen Schilf- und Holzstückchen schwankten auf und nieder, stießen und drängten einander, das eine sank, um einem benachbarten, eben auftauchenden Platz zu machen, alles kochte und wallte durcheinander, ohne Feuer, ohne Geräusch. Zwischen dem Allen nun lebende Landbewohner, denen es nicht möglich, an dem Ufer emporzukommen oder auch nur über der Oberfläche des Wassers sich auf Augenblicke zu erhalten; man denke sich an die Stelle dieser Bedrängten und man wird die Traurigkeit ihrer Lage in voller Größe begreifen.

Ich langte eine Hand voll Röhricht heraus, nicht um ein willkommener Retter zu sein den Bedürftigen – ich gestehe es offen –, sondern um Auslese zu halten, ob ich vielleicht etwas Brauchbares für meine Sammlung finden möchte. Des Krabbelns und Zappelns, des Streckens und Reckens und schließlich des Davoneilens war kein Ende, als ich am kahlen, von der Sonne beschienenen Ufer den triefenden Ballen etwas zertheilt und ausgebreitet hatte. Es würde zwecklos sein, weitere Namen zu nennen von all den Käfern, welche das Unglück ereilt und hier von nah und fern versammelt hatte. Nur mußte ich mich wundern, eine große Menge solcher anzutreffen, welche unter Mittag im Sonnenscheine, oder des Abends vom Geruche ihrer Nahrung angelockt, oder sonst zum Vergnügen lustig umherfliegen. Hatte sie die Fluth überrascht? Mochten sie keinen Gebrauch von ihrer Flugfertigkeit machen weil es eine ungewöhnliche Zeit, eine außergewöhnliche Veranlassung war?

Zwei Tage später hatten sich die Wasser schon wieder bedeutend verlaufen, graue Streifen auf dem grünen Grunde, Ablagerungen von Röhricht an den sandigen, unbewachsenen Uferstellen zeigten nur noch an, wo sie gestanden hatten. Orte letzterer Art sind den Sammlern längst bekannt als außerordentlich ergiebige Fundgruben, ganz besonders nach den Frühjahrsüberschwemmungen. Zu dieser Zeit wird eine große Anzahl von Käfern und anderen Insekten aus ihrem Winterlager gespült. Die an sich noch halb erstarrten Thiere verfallen durch das Eisbad zurück in ihre volle Schlafsucht und versuchen also gar nicht einmal, den Fluthen zu entrinnen. Mit den pflanzlichen Trümmern werden sie an geeigneten Plätzen angeschwemmt und bleiben unter denselben liegen, bis durch die Sonnenwärme wieder erweckt wird, was noch Leben hat. Kommt man zur geeigneten Zeit hin an so einen günstig gelegenen Ort und wendet die kleinen Höhenzüge um, welche das Angeschwemmte bildet, so hat man das Aussuchen. Käfer aller Gattungen beinahe, besonders Läufer, Kurzflügler, Schnellkäfer, Chrysomelen, Erdflöhe und alle möglichen Blattkäfer, Mistkäfer und Rüßler, außer andern, deren Namen weniger bekannt sind, findet, man in fröhlichem Durcheinander, einen und den andern auch noch schlafend, viele nur in Trümmern.

Solch eine Oertlichkeit suchte ich jetzt aus und fand meine Rechnung. Die Geretteten schienen nichts mehr zu wissen von der Gefahr, der sie eben erst entronnen waren; die Sonne hatte sie längst wieder getrocknet, und die Räuber unter ihnen (Laufkäfer und Staphylinen) fanden zwischen den Leichen ihrer weniger glücklichen Genossen reichen Ersatz für ihre Drangsale und hinreichenden Stoff, die aufgewandten Kräfte wieder zu stärken. Die meisten von ihnen mögen sich hier angesiedelt und die Plätze nicht wieder verlassen haben; andre, denen es nicht behagt, besonders alle Blattbewohner, wandern weiter, hüpfend, kriechend oder fliegend, wie es ihnen gerade paßt, bis sie das Kraut oder den Strauch gefunden haben, der ihrer früheren Heimath entspricht. So die Geretteten. Wie viele zu Grunde gingen, wissen wir nicht, ihre Menge ist gewiß beträchtlich; denn immer nur einer geringen Anzahl ist das Glück günstig und schwemmt sie an, die im Wasser bleibenden sind natürlich verloren, im günstigsten Falle eine Beute für dessen Bewohner. Wir bekommen sie so wenig zu sehen, wie die Nachwelt. Solche, die vor den Zeiten des Menschengeschlechts durch ganz andere Fluthen zu Grunde gegangen sind, wie die heutigen, kommen uns dann und wann zu Gesicht und sind zum Theil wunderbar erhalten, weniger Käfer, als Mücken, Fliegen, Ameisen, kleine Schlupfwespen u. s. w. – – als Einschlüsse in dem Bernsteine.

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